Reimar Gilsenbach

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Reimar Gilsenbach (* 16. September 1925 bei Voerde; † 22. November 2001 in Brodowin) war ein Schriftsteller, Umwelt- und Menschenrechtsaktivist in der DDR. Er prägte die unabhängige DDR-Umwelt- und Friedensbewegung maßgeblich mit.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Reimar Gilsenbach, 1995

Gilsenbach wuchs zunächst in Dinslaken am Niederrhein auf. Den in der Jugendzeit von Anarchisten, Freidenkern und Lebensreformern vorgelebten Idealen blieb er sein ganzes Leben lang treu. Seine Jugend verbrachte er in Fördergersdorf und Dresden. 1944 zur Wehrmacht eingezogen und an der Ostfront bei Narwa eingesetzt, desertierte er und lief zur Roten Armee über. Hier wurde er kurzzeitig in einer antifaschistischen Frontgruppe eingesetzt. Die Weigerung, sich den Kaderstrukturen des Nationalkomitees Freies Deutschland unterzuordnen, brachte ihm mehrere Jahre sowjetische Kriegsgefangenschaft ein.

Erst 1948 kam Gilsenbach nach Deutschland zurück und wurde Journalist der Sächsischen Zeitung in Dresden. Nach zwei Jahren wurde er wegen Diskrepanzen zum stalinschen Sozialismusmodell wieder entlassen. Daraufhin wandte er sich auch beruflich dem Naturschutz zu und wurde 1952 Redakteur der neuen Zeitschrift Natur und Heimat. Eine Monatsschrift mit Bildern des Deutschen Kulturbunds in Berlin, herausgegeben von seiner sog. „Zentralen Kommission Natur- und Heimatfreunde“ eines „Präsidialrates“ und verlegt beim bund-eigenen Urania-Verlag Leipzig und Jena.[1] Er war dort, zumindest seit 1959, Chefredakteur, zeitweise zusammen mit Günter Ebert[2] und schrieb auch für das Blatt. Die Zeitschrift wurde ab Oktober 1962 mit der Publikation „Wissen und Leben“ zusammengelegt.[3]

In den 1950er Jahren kämpfte er für die Einrichtung eines Nationalparks Sächsische Schweiz und übte offen Kritik an dem damals dafür zuständigen DDR-Landwirtschaftsministerium. Auch als Schriftsteller widmete er sich zunehmend der Umweltproblematik. Sein Buch Die Erde dürstet von 1961 handelt bereits von weltweiter Wasserknappheit und fordert den verantwortungsvollen Umgang mit der Ressource Wasser. Hinzu kamen Bücher für Kinder.

Gilsenbach wurde in den Zentralvorstand der Gesellschaft für Natur und Umwelt gewählt, der DDR-Antwort auf die in Westdeutschland wachsende Umweltbewegung. In dieser Funktion kritisierte er heftig die großen Missstände im Umweltbereich. Anfang der 1980er Jahre zog Gilsenbach in das Dorf Brodowin am Plagefenn in der Mark Brandenburg, einem der ältesten Naturschutzgebiete Deutschlands. Hier begründete er 1981 gemeinsam mit DDR-Künstlern und -Wissenschaftlern die Brodowiner Gespräche, in denen Umweltthemen offen und kritisch erörtert wurden.

1989 scheiterten die Versuche, die Gesellschaft für Natur und Umwelt zu reformieren. Aus Gilsenbachs Vorstellungen für notwendige Veränderungen entstand während der Wende die Idee für eine Grüne Liga als Umwelt-Dachverband in der DDR, zu deren Mitbegründern Gilsenbach 1990 zählte.

Gilsenbach trat auch für den Schutz und die Rechte bedrohter Völker ein. In der DDR kämpfte er für die Anerkennung der Sinti und Roma als Verfolgte des Naziregimes. Von einer Weltchronik der Zigeuner, für die er über Jahre recherchierte, erschienen zwei Bände. Im Bund für Naturvölker arbeitete er für die Verbesserung der Lebensbedingungen der letzten indigenen Völker im Amazonasgebiet.

1994 erhielt Gilsenbach den Erwin-Strittmatter-Preis für Umweltliteratur des Landes Brandenburg. Vor allem in den letzten Lebensjahren realisierte er die meisten Projekte mit Unterstützung seiner Ehefrau, der Sängerin und Publizistin Hannelore Kurth-Gilsenbach.

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die Erde dürstet. Urania, Leipzig 1961. Ill. Friedrich Pruss von Zglinicki & Willia Kaufmann
  • Sächsische Schweiz. Mit Fotos von Willy Pritsche. F. A. Brockhaus, Leipzig 1963
  • Der Schatz im Acker. Kinderbuchverlag, Berlin 1966. Ill. Hans Mau
  • Der Ewige Sindbad. Merkwürdige Historie phantastischer Reisen zu Lande, zur See und ins All. Kinderbuchverlag, Berlin, 5. Auflage 1988. Ill. Rainer Sacher
  • Peter entdeckt die Welt. 1967
  • Schönheit der Flüsse und Seen. Greifen, Rudolstadt 1976
  • Jakobsleiter oder: Mühsamer Aufstieg, Glanz und Entsagung des Zirkusdresseurs Hermann Ullmann. Henschel, Berlin 1986
  • mit Joachim S. Hohmann, als Hg. und Autor: Verfolgte ohne Heimat. Beiträge zur Geschichte der Sinti und Roma. Reihe: Texte zur politischen Bildung, 2. Rosa Luxemburg-Verein, Leipzig 1992 ISBN 3932725190 (von R. G.: Wer wußte was? Wer will nichts wissen? Wie die Deutschen ihre Verbrechen gegen Sinti und Roma, insbes. den Völkermord von Auschwitz-Birkenau, aus ihrem Erinnern verdrängt haben. & Meine Mühen zum Gedenken der Opfer des "Zigeunerlagers" in Berlin-Marzahn. Einige Daten aus 3 Jahrzehnten.)
  • Weltchronik der Zigeuner. 2500 Ereignisse aus der Geschichte der Roma und Sinti, der Luri, Zott und Boza, der Anthinganer, Tattern, Heiden und Sarazenen, der Bohémiens, Gypsies und Gitanos und anderer Minderheiten, die "Zigeuner" genannt werden. Lang, Frankfurt 1994 ff.
  1. Von den Anfängen bis 1599 (1994) ISBN 3-631-44529-6
  2. 1600 bis 1799 (unveröffentlicht)
  3. 1800 bis 1929 (unveröffentlicht)
  4. 1930 bis 1960 (1998) ISBN 3-631-31798-0
  • Wer wusste was? Wer will nichts wissen? In: Wacław Długoborski Hg.: Sinti und Roma im KL Auschwitz 1943-44 vor dem Hintergrund ihrer Verfolgung unter der Naziherrschaft. Verlag Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau, Oświęcim 1998, ISBN 83-85047-06-9
  • O Django, sing deinen Zorn. Sinti und Roma unter den Deutschen. Basis, Berlin 1997. ISBN 3-86163-054-0
  • Wer im Gleichschritt marschiert, geht in die falsche Richtung. Ein biografisches Selbstbildnis. Westkreuz, Berlin 2004, ISBN 3-929592-69-X
  • Hg. und Autor mit Wolfgang Ayaß, Ursula Körber, Klaus Scherer u. a.: Feinderklärung und Prävention. Kriminalbiologie, Zigeunerforschung und Asozialenpolitik. Reihe: Beiträge zur nationalsozialistischen Gesundheits- und Sozialpolitik, 6. Rotbuch, Berlin 1988 ISBN 3880229554
  • Was ist Was. Band 44: Die Bibel. Das Alte Testament, Tessloff, Nürnberg, akt. Auflage 2010, ISBN 3-788-60284-8

Film[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Michael Schehl & Guntram Fink: Widerstanden, überlebt. Deserteure während des 2. Weltkriegs. Dokumentarfilm 1994, 146 Min.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. 50er Jahre: Sachsenverlag, Dresden. Damals hieß die Organisation „Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands“.
  2. Im Jahrgang 1961 z. B. mit Texten von Bodo Uhse, Eva und Rosemarie Schuder, Annemarie Auer, Johannes R. Becher, Franz Fühmann, Erwin Strittmatter, Kurt Tucholsky, Arnold Zweig.
  3. Die neue Zeitschrift führte beide Titel gemeinsam. Belege bis 1981.