Erwin Strittmatter

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Erwin Strittmatter (1992)

Erwin Strittmatter (* 14. August 1912 in Spremberg; † 31. Januar 1994 in Schulzenhof) war ein sorbisch-deutscher Schriftsteller, der auf Deutsch schrieb. Er gehört zu den bekanntesten Schriftstellern der DDR.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wohnhaus in Senftenberg

Seine Kindheit verbrachte Strittmatter in Bohsdorf nahe Spremberg in der Niederlausitz, wo seine Eltern einen Kolonialwarenhandlung und eine Bäckerei betrieben. Von 1924 bis 1930 besuchte er das heute nach ihm benannte Reform-Realgymnasium in Spremberg. Im „Laden“ kann man sein Heimatdorf und Spremberg unter dessen sorbischen Namen Grodk als Orte der Handlung wiederfinden.

Nach seiner Bäckerlehre (1930–1932) war er als Bäckergeselle (1932), Kellner, Hilfsarbeiter und Tierpfleger tätig. Hierbei bekam er – vor allem auf dem Gebiet der Tierzucht – meist gute Zeugnisse.

Geprägt durch seine Familie und sein soziales Umfeld, schloss sich Strittmatter noch vor der Zeit des Nationalsozialismus der SPD an.

1937 heiratete Strittmatter, 1938 kommt sein erster Sohn zur Welt, Strittmatter fand Arbeit in der Thüringischen Zellwolle-AG in Rudolstadt-Schwarza. Im September 1939, kurz nach Kriegsbeginn, wurde Strittmatter aufgrund seines Jahrganges ausgehoben und von der Wehrmacht gemustert. Wie Annette Leo in der Strittmatter-Biografie 2012 berichtet, meldete er sich im Oktober 1939 als Alternative zum Kriegsdienst zur Schutzpolizei (Werbeaktion Herbst 1939 „Willst du zur Schutzpolizei“). Er wurde aber nicht wie erwartet im März 1940 in eine Polizeikaserne einberufen, sondern arbeitete weiter in der kriegswichtigen Zellwolle-AG. Für die Schutzpolizei-Anmeldungen war ab 1. Dezember 1939 das neu geschaffene zentrale Ergänzungsamt der Waffen-SS zuständig, das ihn im April 1940 einer „rassischen“ Prüfung unterzog - wie eine in Archiven entdeckte Karteikarte beweist. Im Februar 1941 wurde Strittmatter eingezogen, nach einer sechsmonatigen Ausbildung in Eilenburg diente er im Polizei-Bataillon 325 (Slowenien, Krakau, Slowenien). Diese Einheit wurde im Frühsommer 1942 gemeinsam mit zwei weiteren (Pol.Batl. 302 und 312) in ein Polizei-Gebirgsjäger-Regiment zusammengefasst und kam nach einem Kurzeinsatz in Slowenien zuerst nach Finnland (hinter der Kiestanki-Front) und dann nach Griechenland (griechische Inseln, Mittelgriechenland), die letzten zwei Stationen verarbeitete er im Roman „Der Wundertäter“. 1943 verlieh Himmler allen Polizeiregimentern „in Anerkennung ihres besonderes tapferen und erfolgreichen Einsatzes“ (Tessin/1957) den SS-Zusatz, sie blieben aber Einheiten der Ordnungspolizei. Im Sommer 1944 wurde Strittmatter, der seit 1942 auch als einer der Schreiber des Bataillons fungierte, zur Film- und Bildstelle des Hauptamtes der Ordnungspolizei nach Berlin versetzt. Kurz vor Kriegsende „absentierte“ er sich von seiner Dienststelle.

Der Literaturwissenschaftler Werner Liersch kritisierte Strittmatter, er habe die Nähe zur Waffen-SS zeit seines Lebens der Öffentlichkeit gegenüber verschwiegen.[1]

Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete er als Bäcker und später als Zeitungsredakteur in Senftenberg bei der Märkischen Volksstimme. Strittmatter arbeitete nach 1947 auch als Amtsvorsteher für sieben kleine Gemeinden in der Niederlausitz.

Seit 1954 lebte er in Schulzenhof im Ruppiner Land, wo er als Schriftsteller und Pferdezüchter bis zu seinem Tod arbeitete. Von 1959 bis 1961 war er 1. Sekretär des Deutschen Schriftstellerverbandes.

Grab in Schulzenhof

Das Verhältnis zwischen Erwin Strittmatter und dem Ministerium für Staatssicherheit ist umfänglich analysiert und dokumentiert.[2] Von 1958 bis 1964 arbeitete er als Geheimer Informator der Staatssicherheit.[3]

2011 wurde bekannt, dass er im August 1961 kurz nach dem Mauerbau verhinderte, dass Günter Grass bei einem kurzen Aufenthalt in der DDR von der Stasi festgenommen werden konnte.[4] Ob Strittmatters Verhalten ein Einschreiten der Behörde bewusst verschleppen sollte oder ob er Informationen nur versehentlich auf Umwegen weitergab, ist bislang ungeklärt.

Strittmatter befürwortete in den 1970er Jahren laut Stasi-Akte des Schriftstellers Reiner Kunze dessen Ausweisung aus der DDR.[5]

Gedenktafel

Erwin Strittmatter war seit 1956 in dritter Ehe mit der Dichterin Eva Strittmatter (1930–2011) verheiratet. Sie lebte mit ihm seit 1957 in Schulzenhof. Beide zogen vier Kinder auf, davon drei gemeinsame Söhne. Vier weitere Söhne aus seinen beiden ersten Ehen wuchsen nicht bei ihm auf. Der Autor und Schauspieler Erwin Berner (* 1953) ist sein erster Sohn aus der Ehe mit Eva Strittmatter. Die Journalistin Judka Strittmatter (* 3. Januar 1966) ist seine Enkelin, Tochter seines zweiten Sohnes aus erster Ehe.[6]

Zum Freundeskreis der Strittmatters gehörten unter anderem Halldór Laxness, Lew Kopelew, der Staudenzüchter Karl Foerster und der Maler Hubertus Giebe.

Strittmatter wurde im Ortsteil Dollgow der Gemeinde Stechlin beigesetzt. Eva Strittmatter wurde 2011 an seiner Seite bestattet. Ihre Grabstelle liegt gegenüber dem Grab des zuvor verstorbenen Sohnes Matti.

Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1950 erschien sein Erstlingswerk Ochsenkutscher. Bis 1953 arbeitete Strittmatter als Assistent bei Bertolt Brecht am Berliner Ensemble. 1963 erschien Ole Bienkopp; dieser Roman wurde zu einem der meistgelesenen Bücher der DDR. Er wurde von der offiziellen DDR-Literaturkritik zum Teil scharf angegriffen, 1964 trotzdem mit dem Nationalpreis ausgezeichnet.

Von 1963 beschäftigte sich Strittmatter neun Jahre lang mit Kurzprosa. Man bezeichnet diese Phase, die 1972 mit Wie ich meinen Großvater kennenlernte ihr Ende fand, bisweilen als sein novellistisches Jahrzehnt.

Strittmatter schrieb auch nach der Wende 1989/90 intensiv weiter. Es entstand neben anderen Arbeiten 1992 der letzte Teil der Romantrilogie Der Laden. Mit diesem autobiografischen Roman setzt er der kulturellen Symbiose von Deutschen und Sorben ein Denkmal. Dabei schildert er die Diskreditierung der Sorben durch die Deutschen sehr plastisch. Der Stadt Spremberg und dem Dorf Bohsdorf hinterließ er mit Der Laden ein zeithistorisches Bild von den 1920er Jahren bis in die Nachkriegszeit. Wie auch in seinen anderen Werken setzte er sich mit der Entwicklung des Lebens auf dem Lande im Osten Deutschlands sowie mit der sorbischen Problematik in der Niederlausitz auseinander. Die Trilogie wurde 1998 verfilmt. Strittmatter hatte noch selbst den Regisseur Jo Baier zum Verfilmen angeregt.

Strittmatters Werke wurden in rund 40 Sprachen übersetzt.

Preise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erwin Strittmatter auf der 1. Bitterfelder Konferenz, 24. April 1959

Ehrungen und Widerstände[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahre 1994 stiftete das Ministerium für Ländliche Entwicklung, Umwelt und Verbraucherschutz des Landes Brandenburg den „Erwin-Strittmatter-Preis“. Wegen der von Strittmatter zeit seines Lebens verschwiegenen Zugehörigkeit zur nationalsozialistischen Ordnungspolizei verzichtete die brandenburgische Regierung jedoch letztlich auf den Namen Strittmatters für den Preis und verleiht ihn seit 2008 als Brandenburgischen Literaturpreis Umwelt.[7]

Am 23. Januar 1996 wurde das Spremberger Gymnasium durch den Landrat des Spree-Neiße-Kreises Dieter Friese in Erwin-Strittmatter-Gymnasium[8] umbenannt. Die Namensverleihung war sehr umstritten, weil Strittmatter die Schule voller Hass auf diese verlassen hatte. Letztendlich entschied sich seine Witwe Eva Strittmatter für den Namen. Des Weiteren wurde am 30. Mai 2005 das Gymnasium Gransee nach ihm und seiner Frau in Strittmatter-Gymnasium umbenannt.

Am 23. Januar 2012 beschloss die Stadtverordnetenversammlung der Stadt Spremberg, deren Ehrenbürger Erwin Strittmatter seit 1988 ist, aus Anlass seines 100. Geburtstages im August 2012 keine offizielle Ehrung bzw. Würdigung vorzunehmen. Grund dafür ist wiederum seine Mitgliedschaft in der Ordnungspolizei, die später in die SS eingegliedert wurde. Als weiterer Grund wurden seine Dienste für das Ministerium für Staatssicherheit angeführt.[9]

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ochsenkutscher (1950)
  • Eine Mauer fällt (1953)
  • Katzgraben (1953), (Inszenierung durch Brecht von 1957 verfilmt)
  • Tinko (1954)
  • Paul und die Dame Daniel (1956)
  • Katzgraben – Szenen aus dem Bauernleben Mit einem Nachspiel (1958)
  • Der Wundertäter (1957, 1973, 1980)
  • Die Holländerbraut (1959)
  • Pony Pedro (1959)
  • Ole Bienkopp (1963)
  • Schulzenhofer Kramkalender (1966)
  • Die Holländerbraut – Schauspiel in fünf Akten (1967)
  • Ein Dienstag im Dezember (1969)
  • Ein Dienstag im September (16 Romane im Stenogramm, 1970)
  • 3/4hundert Kleingeschichten (1971)
  • Die blaue Nachtigall (oder Der Anfang von etwas) (1976)
  • Sulamith Mingedö, der Doktor und die Laus (1977)
  • Meine Freundin Tina Babe (1977)
  • Die Nachtigall-Geschichten (1972, 1977, 1985)
  • Die alte Hofpumpe (1979)
  • Selbstermunterungen (1981)
  • Wahre Geschichten aller Ard(t) (1982)
  • Der Laden (1983, 1987, 1992)
  • Ponyweihnacht (1984)
  • Grüner Juni (1985)
  • Lebenszeit (1987)
  • Die Lage in den Lüften (1990)
  • Der Weihnachtsmann in der Lumpenkiste (2003)
  • Flikka (1992)
  • Wie ich meinen Großvater kennenlernte
  • Vor der Verwandlung (Hrsg. von Eva Strittmatter, 1995)
  • Geschichten ohne Heimat (2002)
  • Wie der Regen mit dem See redet (2002)
  • Kalender ohne Anfang und Ende – Notizen aus Piestany (Hrsg. von Eva Strittmatter, 2003)
  • Lebenszeit – Ein Brevier (Ausgewählt von Helga Pankoke, mit 85 Privatfotos)
  • Todesangst – Eine Nacht (Ausgewählt von Helga Pankoke, 2005)
  • Nachrichten aus meinem Leben – Aus den Tagebüchern 1954–1973 (Hrsg. von Almut Giesecke, 2012)
  • Der Zustand meiner Welt – Aus den Tagebüchern 1974–1994 (Hrsg. von Almut Giesecke, 2014)

Tonträger (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Erwin Strittmatter liest Ausschnitte aus seinem Roman Ole Bienkopp, Bearbeitung: Rudi Böhm, Regie: Renate Thormelen, Langspielplatte, Litera/ VEB Deutsche Schallplatten Berlin DDR 1965, Nr. 8 60 069.
  • Erwin Strittmatter: Pony Pedro, Gelesen von Erwin Geschonneck, Langspielplatte, Litera/ VEB Deutsche Schallplatten Berlin DDR 1966, Nr. 8 60 061, Neuauflage 1977.
  • Erwin Strittmatter liest: Wie ich meinen Großvater kennenlernte, Langspielplatte, Litera/ VEB Deutsche Schallplatten Berlin DDR 1976, Nr.: 8 60 229.
  • Erwin Strittmatter liest aus: Der Laden, Langspielplatte, Litera/ VEB Deutsche Schallplatten Berlin DDR 1987, Nr.: 8 60 394.
  • Erwin Strittmatter: Vor der Verwandlung, Gelesen von Manfred Steffen, 3 CDs, MDR 2002/ Der Audio Verlag 2002, ISBN 3-89813-197-1.
  • Erwin Strittmatter liest aus: Der Laden, 6 CDs, Rundfunk der DDR 1979, 1983, 1984, 1988, 1989, 6 CD, Der Audio Verlag 2009, ISBN 978-3-89813-867-3.
  • Erwin Strittmatter: Pony Pedro, Gelesen von Erwin Geschonneck, CD, Neuauflage, Rundfunk der DDR 1966/ Der Audio Verlag 2009, ISBN 978-3-89813-867-3.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Erwin Strittmatter – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Werner Liersch: Erwin Strittmatters unbekannter Krieg; FAS, Ausgabe vom 8. Juni 2008
  2. Joachim Walther: Sicherungsbereich Literatur. Schriftsteller und Staatssicherheit in der Deutschen Demokratischen Republik. Chr. Links Verlag, Berlin 1996, ISBN 3-86153-121-6
  3. Joachim Walther: Petzen und Plaudern. Die Stasi-Kontakte des ostdeutschen Erfolgsautors Erwin Strittmatter. In: Der Spiegel. Nr. 39, 1996, S. 226–227 (online 23. September 1996).
  4. Markus Decker: Strittmatter „verhinderte“ 1961 die Festnahme von Grass. Mitteldeutsche Zeitung, 5. Oktober 2011
  5. Reiner Kunze: Deckname „Lyrik“; Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuchverlag, 1990; ISBN 978-3-596-10854-1; S. 72.
  6. Karim Saab: Karim Saab: Literarisierte Vorwürfe: Judka Strittmatters unschöne DDR-Kindheit. In: Märkische Allgemeine Zeitung. 10. März 2012. (Memento vom 7. Oktober 2012 im Internet Archive)
  7. Land lässt Name «Erwin Strittmatter» bei Preisverleihung außen vor, Ad Hoc News, 31. Januar 2009 (Memento vom 9. Januar 2011 im Webarchiv archive.is)
  8. Website des Erwin-Strittmatter-Gymnasiums Spremberg
  9. René Wappler: Neue Attacken im Strittmatter Streit. In: Lausitzer Rundschau, 25. Januar 2012.