Ronald Grossarth-Maticek

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Ronald Grossarth-Maticek, 2015

Ronald Grossarth-Maticek (* 1940 in Budapest) ist ein deutscher Medizinsoziologe und Buchautor.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ronald Grossarth-Maticek studierte Soziologie, Psychopathologie, Kriminologie und Medizin an der Universität Heidelberg und der Universität Belgrad. Er promovierte in den Fächern Soziologie und Medizin.

Er leitete von 1973 bis 1995 die sogenannte Heidelberger Prospektive Studie, eine Langzeituntersuchung, in der rund 30.000 Menschen aus 18.000 Heidelberger Haushalten über einen Zeitraum von mehr als 20 Jahren in regelmäßigen Abständen hinsichtlich einer Vielzahl von gesundheitsbeeinflussenden Variablen untersucht wurden.[1] Er erfasste hierbei auf umfangreichen Fragebögen Dutzende physischer Faktoren (etwa Rauchen, Bewegung, Organvorschädigungen, genetische Disposition und Ernährung) sowie psychische Faktoren (frühkindliche Mutterbindung, Stressoren, Distress, Eustress, Selbstregulation). Hierzu schuf er eine eigene Verhaltenstypologie, in die er die Befragten anhand des Grades ihrer Selbstregulation einordnete.

Er arbeitete eng mit Hans Jürgen Eysenck zusammen. Von 1990 bis 2006 war Grossarth-Maticek Direktor des Instituts für präventive Medizin, politische, Wirtschafts- und Gesundheitspsychologie in Heidelberg. Anschließend übernahm er die Leitung des Heidelberger Zentrums für Multidisziplinäre Forschung (ZMF).[2][3] Seit 2007 ist er außerdem Direktor des zwischenstaatlichen Programmes des Belgrader European Center for Peace and Development (ECPD) für multidisziplinäre Studien.

Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ronald Grossarth-Maticek ist bekannt durch seine Vortragstätigkeit, Bücher und zahlreiche Artikel in Fachzeitschriften.

Grossarth-Maticeks Forschungsergebnissen zufolge wird das Krankheitsrisiko durch eine schlechte Selbstregulation vervielfacht. Physische Risikofaktoren wirken vor allem in der Summe, besonders aber bei gleichzeitig vorhandenen psychischen Risikofaktoren. Grossarth konnte in der Heidelberger Prospektiven Studie eine überwiegend multikausale Krankheitsentstehung nachweisen. Bei Menschen mit ungünstiger Selbstregulation, die Verhaltensalternativen nicht erkennen, nicht in Betracht ziehen oder nicht umsetzen, spricht Grossarth-Maticek von einem „eigentümlichen Zwang, ohne Not genau so und nicht anders zu handeln“.[4] Ein solches Verhalten entstehe durch eine Verfestigung von Verhaltensmustern in den ersten Lebensjahren.[4] Wurde der „freie Fluss der Liebe“ durch frühkindliche Zurückweisungen, Traumata, Enttäuschungen oder andere Erlebnisse gestört, könne es im Erwachsenenalter zu Störungen der inneren und äußeren Kommunikation kommen [5], die sich in Kombination mit anderen Faktoren synergistisch auf das Gesundheitsgeschehen auswirken. Angeregt durch die Zusammenarbeit mit dem Psychologen Hans Jürgen Eysenck erarbeitete Grossarth eine neue Verhaltenstypologie:

Grossarthsche Verhaltenstypologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der von Grossarth entwickelten Verhaltenstypologie werden sechs Typen von Verhaltensmustern unterschieden:[6]

Typ I: Leid in der Isolation: Zentrale und ausdauernde Ausrichtung auf ein ersehntes, aber sich entziehendes Objekt; Hemmung bei der Verwirklichung der ersehnten Nähe, somit Hemmung der Befriedigung dieses emotional wichtigsten Bedürfnisses.

Typ II: Hilflose Aufregung: Zentrale und ausdauernde Ausrichtung auf ein störendes, hinderndes Objekt, ohne Erreichung der ersehnten Distanzierung, mit immer wieder aufkommender Übererregung und einem Gefühl hilflosen Ausgeliefertseins.

Typ III: Ambivalenz: Hohe Ambivalenz und starke Egozentrik. Emotional instabil mit zwischenzeitlichen Phasen autonomer Selbstregulation, jedoch auch Phasen hyperaktiver übermäßiger Distanzierung bei Verletzungen einerseits sowie intensiver Suche nach Nähe bei emotionalen Bedürfnissen andererseits.

Typ IV: Gute Selbstregulation: Ausrichtung auf gegenwärtige Objekte, die bei sich selbst Wohlbefinden, Lust und Sicherheit auslösen oder die einem selbst Sinnerfüllung gewähren. Situations- und bedürfnisangepasste flexible Selbstregulation.

Typ V: Betont rational: rationales und antiemotionales Verhalten. Bei Überwältigtsein durch Emotionen entstehen Krisen, etwa depressive Zustände.

Typ VI: Irrational-emotional: irrationales, durch Gefühle beherrschtes Verhalten, ohne rationale Überprüfung des eigenen Verhaltens.

Diese Typologie ist das Ergebnis der von Grossarth-Maticek durchgeführten Untersuchungen und Überlegungen zur Vorgeschichte und zur Häufigkeit von chronischen Erkrankungen und Gesundheit. Er hebt Ähnlichkeiten zwischen den Typen I und II hervor und sieht Typ III als eine Mischform von I und II. Selbstverständlich können bei einem Probanden Merkmale mehrerer Verhaltenstypen gleichzeitig vorhanden sein, dennoch ist meistens eines davon im Verhalten dominierend.

Autonomietraining[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Grossarth-Maticek und seine Mitarbeiter, darunter der Psychiater und Psychoanalytiker Helm Stierlin, entwickelten ein Autonomietraining, das darauf zielt, die Selbstregulation anzuregen. Bei diesem Autonomietraining wird im Gespräch die Fähigkeit gestärkt, durch eigenaktive Problemlösung Wohlbefinden, Lustgewinn, Sicherheit und Sinnerfüllung zu erreichen. Der Trainee wird dabei ermuntert, sich selbst wahrzunehmen und zu erkennen, welche Eigenaktivitäten sein Wohlbefinden steigern [7]. 2001 ließ er es unter dem Begriff Autonomietraining Gesundheit und Problemlösung durch Anregung der Selbstregulation markenrechtlich schützen.[8]

Die in der Heidelberger Prospektiven Studie nachgewiesene im statistischen Durchschnitt deutlich lebensverlängernde Wirkung des Autonomietrainings bei Krebspatienten kann nicht so interpretiert werden, dass das Autonomietraining eine Methode wäre, mit der in jedem Falle eine dauerhafte Heilung erzielt werden kann, sondern die Ergebnisse zeigen, dass die Verbesserung der Selbstregulation einer der Faktoren ist, die zu einer Verbesserung der Funktion des Immunsystems beitragen (Psychoneuroimmunologie)[9] etwa durch Verhaltensänderungen hinsichtlich gesundheitsschädlicher bzw. gesundheitsfördernder Gewohnheiten, Stressreduktion und Erhöhung des subjektiven Wohlbefindens. Nach den Erkenntnissen von Grossarth-Maticek ist ein hohes Maß an Selbstregulation auch ein signifikanter Faktor für die Prävention (Vorbeugung). Das zeigte sich sowohl an denjenigen in dieser Langzeituntersuchung untersuchten Menschen, die bereits eine gute Selbstregulation aufwiesen, als auch bei denen, die diese im Rahmen der Studie durch ein Autonomietraining erlernten [10][11].

Rezeption und Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Psychologe Reinhold Schwarz und andere Kritiker werfen Grossarth-Maticek vor, er verfechte die sogenannte Krebspersönlichkeit (Einführung Psychosoziale Onkologie, UTB, München 2008, S. 37). Grossarth-Maticek selbst spricht jedoch nicht von „Krebspersönlichkeit“, sondern er beschreibt spezifische Verhaltensmuster (z. B. Leid in der Isolation von ersehnten, als zentral wichtig empfundenen aber unerreichbaren Objekten), die bestimmte Risiken verstärkten, etwa das Lungenkrebsrisiko bei Rauchern. Hier spricht Grossarth-Maticek von Synergieeffekten. Grossarth-Maticek konnte psychophysische Wechselwirkungen nachweisen, die die Erkrankungswahrscheinlichkeit erhöhen (vgl. Synergetische Präventivmedizin, Springer, Heidelberg 2008, Seite 210). Die sogenannte Krebspersönlichkeit wird von Grossarth-Maticek als Vertreter einer multidisziplinären Präventivmedizin empirisch widerlegt, da bei fehlendem oder nur geringfügigem Einfluss physischer Krankheitsfaktoren (Zigarettenrauchen, Alkoholkonsum, ungesunde Ernährung usw.) das Verhaltensmuster als Einflussfaktor seine statistische Signifikanz verliert.

Helm Stierlin, der das Konzept der Krebspersönlichkeit ebenfalls kritisch betrachtet, erkennt die von Grossarth-Maticek gemachte Unterscheidung zwischen Typ I und Typ IV an und bezeichnet sie, um ihre Veränderbarkeit hervorzuheben, als Mentalitäten.[12]

Aufbauend auf Grossarth-Maticeks Autonomietraining und den Konzepten der Salutogenese entwickelte der Arzt und Lehrbeauftragte für Allgemeinmedizin an der Medizinischen Hochschule Hannover Theodor Dierk Petzold die Salutogene Kommunikation.

Vom Europäischen Zentrum für Frieden und Entwicklung (ECPD) [13] wurde Grossarth-Maticek der Titel eines Professors verliehen, den er in Deutschland mit dem Zusatz Postgraduate Studies, ECPD, bzw. Professor für postgraduierte Studien, ECPD, führen darf.

In Japan besteht großes Interesse an der Heidelberger Prospektiven Studie zur Krankheitsprävention. Im Rahmen einer Zusammenarbeit des Department of Psychosomatic Medicine[14] der Universität Kyūshū mit der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg [15] nahmen japanische Ärzte und Wissenschaftler unter der Leitung von Jun Nagano [16] an zwei Symposien im Zentrum für Multidisziplinäre Forschung (ZMF) teil [17][18] und gründeten die Japan Autonomie Training Association[19].

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Kompetent Gesund. Krankheitsentstehung und Gesundheitsentwicklung im psychophysischen System. Das Autonomietraining als Prävention. Tredition, Hamburg 2015.
  • Synergetische Präventivmedizin. Strategien für Gesundheit. Springer, Heidelberg 2008.
  • mit Volker Fintelmann, Fernando C. Dimeo, Michael Hamm, Bettina Hardewig-Budny: Ganz einfach gut leben. Krebsvorbeugung mit Leib und Seele. Erdl, Trostberg 2006.
  • Selbstregulation, Autonomie und Gesundheit. Krankheitsfaktoren und soziale Gesundheitsressourcen im sozio-psycho-biologischen System. Vorworte von Helm Stierlin und Peter Schmidt. De Gruyter, Berlin 2003.
  • Autonomietraining. Gesundheit und Problemlösung durch Anregung der Selbstregulation. De Gruyter, Berlin 2000.
  • Systemische Epidemiologie und präventive Verhaltensmedizin chronischer Erkrankungen Strategien zur Aufrechterhaltungen der Gesundheit. De Gruyter, Berlin 1999.
  • mit Helm Stierlin: Krebsrisiken – Überlebenschancen. Wie Körper, Seele und soziale Umwelt zusammenwirken. Carl-Auer-Systeme, Heidelberg 1998.
  • mit Hans Jürgen Eysenck: Prophylactic effects of psychoanalysis on cancer-prone and coronary heart disease-prone probands, as compared with control groups and behaviour therapy groups. In: Journal of Behaviour Therapy and Experimental Psychiatry. Band 21, 1990, S. 91–99
  • Revolution der Gestörten? Quelle + Meyer, November 1982.
  • Krankheit als Biographie. Ein medizinsoziologisches Modell der Krebsentstehung und -therapie. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1979.
  • Radikalismus. Untersuchungen zur Persönlichkeitsentwicklung westdeutscher Studenten (= Schriftenreihe des Instituts fur Konfliktforschung. H. 5). Karger, Basel 1979.
  • Anfänge anarchistischer Gewaltbereitschaft in der Bundesrepublik Deutschland. Hohwacht, Bonn-Bad Godesberg 1975.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Grossarth-Maticek, R. (1998), S. 110 f.
  2. Zentrum für multidisziplinäre Forschung und Entwicklung präventiver Verhaltensstrategien
  3. http://autonomy-training.jp/pdf/140620_01.pdf
  4. a b Wo das Dogma beginnt, ist das Leben am Ende. In: Interview mit Grossarth-Maticek. brand eins 04/2002, abgerufen am 8. Januar 2016.
  5. Grossarth-Maticek zitiert durch Theodor Dierk Petzold: Erfahrungen mit dem Autonomietraining. 9. April 2005, abgerufen am 12. März 2011 (PDF; 49 kB)., S. 1
  6. R. Grossarth-Maticek: Selbstregulation, Autonomie und Gesundheit. Krankheitsrisiken und soziale Gesundheitsressourcen im sozio-psycho-biologischen System, 2002, ISBN 978-3-11-017495-3 Kapitel 4. Grossarthsche Verhaltenstypologie, S. 118–120
  7. Theodor D. Petzold: Erfahrungen mit dem Autonomietraining nach Grossarth-Maticek – als Allgemeinarzt mit psychosomatischem Schwerpunkt und als Ausbilder im Autonomietraining. Abgerufen am 8. Januar 2016 (PDF).
  8. Der Titelschutz-Anzeiger, Nr. 516, Woche 18/2001. 2001, abgerufen am 14. Juli 2012 (PDF; 84 kB).
  9. R. Ader, N. Cohen: Behaviorally conditioned immunosuppression. In: Psychosomatic medicine. Band 37, Nummer 4, 1975, S. 333–340, ISSN 0033-3174. PMID 1162023.
  10. Systemische Epidemiologie und präventive Verhaltensmedizin chronischer Erkrankungen Strategien zur Aufrechterhaltungen der Gesundheit. De Gruyter, Berlin 1999
  11. Synergetische Präventivmedizin. Strategien für Gesundheit. Springer, Heidelberg 2008
  12. Helm Stierlin (Psychologie Heute, Mai 1998), zitiert nach: Psychologie heute: Kann man Krebs doch wirksam vorbeugen – und heilen? Abgerufen am 19. März 2011.
  13. [1]
  14. https://www.karger.com/Article/Pdf/12367
  15. http://www.dwi.uni-heidelberg.de/kooperationen/
  16. http://bpsmedicine.biomedcentral.com/ikemiaward
  17. http://autonomy-training.jp/pdf/140620_01.pdf
  18. http://www.krebs-chancen.de/index.php/referenzen
  19. http://autonomy-training.jp/information.html