Oleh Senzow

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Senzow in Haft, 2015

Oleh Henadijowytsch Senzow (ukrainisch Олег Генадійович Сенцов; * 13. Juli 1976 in Simferopol) ist ein ukrainischer Filmregisseur.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Senzow wurde in Simferopol auf der Halbinsel Krim geboren. Nach einem Studium der Ökonomie studierte er Filmregie und Drehbuch in Moskau.

2012 debütierte er auf dem Internationalen Filmfestival in Rotterdam (IFFR) mit dem Spielfilm Gamer.[1]

Die Arbeit an der darauf folgenden Filmproduktion Rhino unterbrach er im November 2013 für sein Engagement in der Euromaidan-Protestbewegung. Senzow war ein Aktivist der sogenannten AutoMaidan-Bewegung und lieferte während der Krimkrise Lebensmittel und Vorräte an Soldaten der von russischen Einheiten blockierten ukrainischen Krim-Basen. Er erklärte nach der Annexion der Krim durch Russland, die Krim nicht als Teil der Russischen Föderation anzuerkennen.

Am 11. Mai 2014 wurde Senzow wegen des Verdachts der Planung terroristischer Handlungen verhaftet und nach Moskau überstellt. Vorgeworfen wurde Senzow, Terroranschläge auf Brücken, Stromleitungen und öffentliche Denkmäler vorbereitet zu haben. Zum anderen wurde ihm unterstellt, Mitglied einer ukrainischen nationalistischen paramilitärischen Gruppe des Rechten Sektors zu sein. Dies bestritten Senzow und seine Anwälte stets. Senzow saß bis zum Gerichtsurteil (siehe unten) im Lefortowo-Gefängnis in Moskau in Untersuchungshaft.

Proteste gegen die Inhaftierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Europäische Filmakademie (EFA) forderte in einer Erklärung vom 19. Mai 2014 die Freilassung Senzows,[2] ebenso die Geschäftsführerin des Medienboards Berlin-Brandenburg, Kirsten Niehuus. Senzows in Berlin lebender Kollege Sergei Loznitsa äußerte sich laut Tagesspiegel zu den Gründen der Verhaftung: „Oleg Sentsov hat aktiv an den Protesten teilgenommen, nur deshalb wird er jetzt verfolgt.“[3]

In einem Aufruf vom 30. Mai 2014 machte Amnesty International auf den Fall aufmerksam. In einem Schreiben europäischer Regisseure vom 10. Juni 2014 an den russischen Präsidenten Wladimir Putin setzten sich u. a. Agnieszka Holland, Ken Loach, Mike Leigh und Pedro Almodóvar für Senzows Freilassung ein.

Am 26. Juni 2014 appellierte der russische Präsidialrat für Menschenrechte an den stellvertretenden Generalstaatsanwalt Viktor Grin, die Umstände der Verhaftung Senzows und seines Mitstreiters, des ukrainischen Ökologen Oleksandr Koltschenko, zu untersuchen und neu zu bewerten. Ungeachtet der Proteste erklärte der zuständige Richter am 7. Juli 2014, die Untersuchungshaft Senzows bis zum 11. Oktober 2014 zu verlängern. Ukrainischen Behörden wurde der Kontakt zu Senzow nicht gestattet, weil Senzow mit der Eingliederung der Krim in die Russische Föderation die Staatsbürgerschaft der Ukraine verloren habe.

Auf Beschluss der Mitgliederversammlung der Sächsischen Akademie der Künste vom 28. Juni 2014 forderten namhafte Mitglieder der Akademie die Freilassung ihres Kollegen.[4]

Sergei Loznitsa urteilte über die Verhaftung Senzows: „Das ist absurd ... Das ist wie eine öffentliche Exekution. Und die betrifft nicht nur ihn, sondern das ganze Kino, jeden Bürger, der frei sprechen will, die ganze Welt.“[5]

Die russische politische Aktivistin und Performancekünstlerin Marija Aljochina erinnerte bei der Verleihung des Europäischen Filmpreises 2016 an Senzow und verlas eine Nachricht von ihm.

Verurteilung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im August 2015 wurde Senzow zu 20 Jahren Haft wegen Terrorismus verurteilt, der mitangeklagte Alexander Koltschenko zu zehn Jahren Haft.[6][7] Am 6. Februar 2016 wurde bekannt, dass Senzow nach Irkutsk verlegt wird, um seine Strafe anzutreten. Koltschenko wird nach Tscheljabinsk überstellt.

Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2016 wurde Oleh Senzow der Taras-Schewtschenko-Preis verliehen.[8]

Filme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 2008 A Perfect Day for Bananafish (Kurzfilm)
  • 2009 Das Horn von einem Stier (Kurzfilm)
  • 2012 Gamer (Spielfilm)

Veröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Russland schikaniert Krim-Protestler Ukrainischer Filmemacher Oleg Sentsov verhaftet. Der Tagesspiegel 19. Mai 2014.
  • Oleg Sentsov wurde verhaftet. Meldung der Deutschen Filmakademie vom 21. Mai 2014.
  • Friedrich Schmidt: Terrorvorwurf Festnahmen auf der Krim. Frankfurter Allgemeine Zeitung 30. Mai 2014.
  • Urgent Action. Ukrainer rechtswidrig in Haft. Aufruf von Amnesty International vom 30. Mai 2014.
  • Journalisten auf der Krim. Putin’sche Terrorbekämpfung - Kommentar Barbara Oertel in der Tageszeitung 6. Juni 2014.
  • Die russische Regierung propagiert verstärkt konservative Werte. Was diese zur wirtschaftlichen Entwicklung beitragen sollen, bleibt unklar, doch die Propaganda findet großen Anklang. Jungle World 24, 12. Juni 2014.
  • Krim-Krise. Die Terrorgruppe, die der Geheimdienst erfand. Die Welt 17. Juni 2014.
  • In Moskau inhaftierter Ukrainer: Europäische Filmakademie sammelt für Regisseur Sentsov. Spiegel Online 11. Juli 2014.
  • Ukrainischer Filmemacher weiter in Haft. Wurde Oleg Sentsov in Moskau gefoltert?. Der Tagesspiegel 12. Juli 2014.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. www.iffr.com
  2. Oleg Senzow wurde verhaftet (Memento vom 8. August 2014 im Internet Archive). Presse-Erklärung der Deutschen Filmakademie vom 21. Mai 2014
  3. Der Tagesspiegel 19. Mai 2014
  4. Petition der Sächsischen Akademie der Künste. Freiheit für Oleg Senzow
  5. http://www.nachrichten.at/nachrichten/kultur/Das-ist-wie-eine-oeffentliche-Exekution;art16,1766094
  6. Russisches Gericht verurteilt ukrainischen Regisseur zu 20 Jahren Haft. In: Sueddeutsche.de. 25. August 2015, abgerufen am 25. August 2015.
  7. Friedrich Schmidt: Mit sowjetischer Härte und Willkür. In: FAZ.net. 25. August 2015, abgerufen am 25. August 2015.
  8. Biografie Oleh Senzow auf der offiziellen Webseite des Preiskomitees des Taras-Schewtschenko-Preises; abgerufen am 9. September 2016 (ukrainisch)