Später Ruhm

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Mit den Arbeitstiteln Später Ruhm und Geschichte vom greisen Dichter wird ein zu Lebzeiten nicht veröffentlichter Novellenstoff von Arthur Schnitzler bezeichnet, an dem er im Frühjahr 1894 und bis 1895 schrieb.

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Später Ruhm[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

(ediert 1977)

Ein Beamter wird für sein vor langer Zeit veröffentlichtes Buch Wanderungen von einer jungen Dichter-Generation entdeckt, hält eine Vorlesung für den Kaffeehaus-Verein Ideal, stellt letztlich aber fest, dass der Ruhm nicht Bestand hat und er nunmehr ein „greiser Dichter“ ist.

Geschichte vom greisen Dichter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

(ediert als Später Ruhm, 2014)

Der Schriftsteller Eduard Saxberger hat vor langer Zeit das Buch „Wanderungen“ veröffentlicht, das zur Zeit der Handlung von dem aufstrebenden Literatenverein „Begeisterung“ entdeckt wird. Der kurz vor seiner Pensionierung stehende Beamte fühlt sich geschmeichelt durch die enthusiastische Zuwendung des Zirkels. Von den Jungautoren zum „Meister“ erhoben, soll er zum Vortragsabend des Zirkels eine neue Dichtung beisteuern und begibt sich nach Jahrzehnten literarischer Abstinenz wieder auf die Suche nach dichterischer Inspiration. Dies bleibt aber vergeblich, denn das industrialisierte Wien ist nicht mehr das seiner Jugendjahre, in denen er seinen Gedichtband geschrieben hat. Er erkennt, dass er als gealterte Leitfigur des begeisterten jungen Wien zur Komödienfigur geworden ist.

Zum greisen Dichter als Drama[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

(unveröffentlicht)

[Der maschinengeschriebene Text enthält Überlegungen, wie der Stoff als Drama umzusetzen ist. Im 1. Akt die Entdeckung Saxbergers, im 2. Akt die Lesung, dann Pläne für die Zukunft Saxbergers.]

Überlieferung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Nachlass[1] sind drei Texte dazu überliefert:

  1. „Zum greisen Dichter als Drama“, Skizze, dat. 90er Jahre, pag.: 1-5, Maschinenschrift mit handschriftlichen Korrekturen Schnitzlers, Mappe 212, Blatt 6ff.
  2. Arbeitstitel: „Später Ruhm“, dat.: 31. März bis 31. Mai 1894, pag.: 1-4, Maschinenschrift und Handschrift Schnitzler, Mappe 164, Blatt 1ff.
  3. Abschrift „Geschichte vom greisen Dichter“, pag.: 1-208, Maschinenschrift, Mappe 164, Blatt 7ff.

Entstehung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Zur Physiologie des Schaffens nennt Arthur Schnitzler als Impuls für den Text eine Figur: „Ein alter Mann, der einmal Dichter gewesen ist, es selbst beinah vergaß und nun von der Jugend aufs Schild gehoben wird. (Der greise Dichter)“[2]. Sein Tagebuch[3] ermöglicht, die Entstehungsstationen nachzuvollziehen:

1894

  • 30/3 „,Später Ruhm‘ begonnen–“
  • 7/9 „Las den ,Späten Ruhm‘ durch; scheint nicht übel gelungen.“
  • 8/12 „Las Nachmittag für mich meine Novelle Geschichte von einem alten Dichter. Eindruck: Hübsch, einige sehr gute Stellen; im ganzen etwas langweilig.“
  • 26/12 „Nm. Loris, Schwarzkopf, Rich., Salten bei mir. Las ,Geschichte von einem alten Dichter‘ vor. Ueber 3 Stunden.– Gefiel sehr gut; einige Längen, einige stilist. Schlampereien, Ende zu wenig traurig.–“

1895

  • 22/5 „Meine Novelle ,Geschichte von einem alten Dichter‘ zu Ende corrigirt; stellenweise erschrecklich geschrieben, im ganzen ohne viel Wärme; einzelne hübsche Stellen.–“
  • In einem Brief an Beer-Hofmann vom 24. Juni 1895 vermerkt er das Ende der Arbeit, bevor er den Text an Hermann Bahr für den Abdruck in der Zeit (Wiener Wochenschrift) sandte: „Ja, den alten Dichter habe ich erheblich gestrichen; ich find ihn aber noch immer etwas langweilig. Die stilistischen Schlampereien (,ich bin erschrocken‘) sind wohl alle draußen. – […] In diesem Augenblick sitzt der Schreiber im Nebenzimmer und paginirt den alten Dichter.“[4]
  • 17/7 „Greisen Dichter an Bahr geschickt.“
  • 8/9 „Nachträglich: Bahr hat mir den greisen Dichter unter tadelnder Kritik zurückgeschickt.–“
  • 25/11 „Verstimmt über ,den greisen Dichter‘, den ich durchlas und der mir höchlichst mißfiel.–“

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hermann Bahr lehnte die aufgrund seines Umfangs für den Druck in der Zeit notwendige Zerstückelung in acht Teile ab und schlug die Kürzung um ein Drittel vor, da der Text Längen und eine „gewisse Schwere“ habe.[5]

Hinweise auf den Text gab das Arthur-Schnitzler-Archiv in Freiburg im Breisgau in seinem 1969 erschienenen Nachlassverzeichnis.[6] Bei der von Reinhard Urbach in Erweiterung der Gesamtausgabe Schnitzlers herausgegebenen Auswahl aus Unveröffentlichtem aus dem Nachlass wurde Später Ruhm – das kurze Typoskript – erstmals veröffentlicht und auf den längeren Text verwiesen, auf dessen Abdruck „bisher verzichtet wurde“[7] weil, wie der Herausgeber 2014 nachreichte, der längere Text die veröffentlichte kürzere Fassung nur verwässere, aber nichts hinzufüge[8].

Kontroverse um die Edition von 2014[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Mai 2014 kündigte der Zsolnay Verlag die erstmalige Buchausgabe der längeren Fassung an, wobei dafür Schnitzlers Titel verworfen wurde und jener der kürzeren Texte zur Verwendung kam. Die Werbeaussendung spricht von „literarische[r] Sensation [...] Meisterwerk“, das „Jahrelang unbeachtet im Archiv“ gelegen sei.[9] Bei dem Hinweis mehrerer Zeitungen[10] und Nachrichtenportale[11], der Text sei verschollen gewesen, dürfte es sich um eine Hinzufügung nachlässiger Redakteure handeln, eine sogenannte Zeitungsente. In Folge entstanden Debatten darüber, ob es sich um einen bedeutenden Fund und einen relevanten Text handelt, sowie über die Qualität der Edition und ob sie wissenschaftlichem Anspruch genügt.

Qualität des Textes[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 7. Mai erschien ein Teilabdruck im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die Bedeutung begründend: „Es ist schon sehr viel mehr vom großen Schnitzler in dieser Novelle, als ihr Verfasser selbst geahnt haben dürfte.“[12]

Zahlreiche spätere Rezensionen beurteilten die Qualität des Textes positiv, so Iris Radisch für Die Zeit[13], Simon Hadler für den ORF [14], Anton Thuswaldner in den Salzburger Nachrichten [15], Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau [16], Mathias Schnitzler in der Berliner Zeitung[17] und Hubert Spiegel in der FAZ [18]. Die durch eine Jury ermittelte SWR-Bestenliste reihte das Buch im Juni 2014 auf Platz 1.[19] Im Spiegel schrieb Hans-Jost Weyandt[20]: „ein Ereignis für jeden literarisch Interessierten, selbst wenn er den tollen Berichten vom Sensationsfund zu Recht misstraut.“ Volker Weidermann schrieb in der FAS vom 11. Mai 2014: „Was man aber aus seinem hundertzwanzig Jahre alten Text lernen kann – und was selbst Karl Kraus hätte aus ihm lernen können –, ist ein ironischer Blick auf sich und die Welt.“[21] Und am 15. Mai urteilte Andreas Breitenstein in der NZZ[22]: „Von hohem satirischem Unterhaltungswert ist das Bestiarium des ‚Jungen Wien‘, eine Typologie der Kaffeehausliteraten, mit denen Schnitzler selber seinerzeit freundschaftlich verkehrte. (...) Fand der Spott damals seine direkten Adressaten nicht, so kommt er heute durchaus noch an – auf dem Jahrmarkt der literarischen Eitelkeiten herrscht ein Gewimmel wie eh und je.“

Negativ äußerten sich Klaus Nüchtern im Falter[23], Werner Krause in der Kleinen Zeitung[24], Ronald Pohl im Standard[25], Wolfgang Huber-Lang in der Südostschweiz[26] und Reinhard Urbach in der Presse [8].

Kritik an der Edition[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Konstanze Fliedl, selbst Herausgeberin der Historisch-kritischen Ausgabe des Frühwerks Arthur Schnitzlers, lehnte im Deutschlandfunk den „Sensationsfund“ ab, es handle sich um einen längst bibliographierten Text, der keine hohe literarische Qualität besitze.[27] Zurückhaltender[28] positionierte sich in der Welt vom 17. Mai 2014 Daniela Strigl, die in Marie von Ebner-Eschenbachs Novelle Ein Spätgeborener einen ähnlichen Stoff besser behandelt sieht, Später Ruhm dennoch lesenswert findet. Sie kreidete den Herausgebern an, sie hätten sich „nicht nur für die neue Rechtschreibung entschieden, sondern ohne jede Begründung auch dafür, die handschriftlichen Korrekturen Heinrich Schnitzlers zu übernehmen“. Problematisiert wurden die Korrekturen von Volker Breidecker in der Süddeutschen Zeitung vom 16. Mai 2014; der von ihm befragte Schnitzler-Handschriften-Experte Peter Michael Braunwarth habe eine Stichprobe als von Arthur Schnitzler (und nicht von dessen Sohn Heinrich) stammend beurteilt. Zusammenfassend kritisierte Breidecker die Neuveröffentlichung sehr scharf als „editorischen Skandal“ und „Irreführung sowohl des Lesepublikums wie der wissenschaftlichen Öffentlichkeit“. Er verwarf die Angaben zur Entstehung der Typoskriptvorlage im Nachwort der Herausgeber als „abenteuerlich“ und bewertete die literarische Qualität der Novelle als nicht sonderlich hoch, wies aber immerhin auf „zwei starke, geradezu traumwandlerische Passagen“ hin.[29] Der Herausgeber der kurzen Skizze vom Späten Ruhm, Reinhard Urbach, beurteilt den längeren Text als 'Petitesse', der zwar veröffentlicht werden könne, der aber die Qualität der sonstigen Nachlasstexte verwässere. Das Nachwort schummle sich über Schnitzlers negative Einstellung dem Text gegenüber hinweg und missverstehe die Schilderung der Zeitgenossen wie Hugo von Hofmannsthal oder Adele Sandrock, da diese doch eigentlich ins Gegenteil ihrer realen Person verkehrt seien.[30] Renate Wagner warf beiden Seiten vor, Fehler gemacht zu haben, der akademischen Schnitzler-Welt für die fehlende Nachsicht gegenüber den „übereifrigen“ Findern, den Herausgebern für die „Sensation“, die „fehlendes Augenmaß“ verrate.[31] Die nicht nachgewiesene Karikatur auf dem Umschlag stammt von der österreichischen Malerin Bertha Czegka (1880–1954).[32]

Adaptationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Ö1-Sendung Hörbücher vom 29. Mai 2014 wurde angekündigt, dass der ORF eine Hörspieladaptation der Novelle plane.[33] Am 13. Januar 2018 wurde auf Ö1 die Hörspieladaption gesendet.

Ausgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Arthur Schnitzler: Später Ruhm. In: A. S.: Entworfenes und Verworfenes. Aus dem Nachlaß. Hrsg. v. Reinhard Urbach. S. Fischer, Frankfurt am Main 1977, S. 173–174.
  • Arthur Schnitzler: Später Ruhm. Herausgegeben von Wilhelm Hemecker und David Österle. Zsolnay, Wien 2014, ISBN 978-3-552-05693-0.
  • Arthur Schnitzler: Später Ruhm. Gelesen von Udo Samel, Hörbuch Hamburg 2014.[34]

Belege[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Vgl. den Katalog Kallias des Deutschen Literaturarchiv Marbach, das die Bestände des Schnitzler-Nachlasses in Cambridge verzeichnet und das Nachlassverzeichnis: Neumann, Gerhard/Müller, Jutta: Der Nachlaß Arthur Schnitzlers - Verzeichnis des im Schnitzler-Archiv der Universität Freiburg i. Br. befindlichen Materials. Mit einem Vorwort von Gerhart Neumann und einem Anhang von Heinrich Schnitzler: Verzeichnis des in Wien vorhandenen Nachlaßmaterials. München 1969, S. 105.
  2. [1]
  3. Arthur Schnitzler: Tagebuch 1893–1902. Hrsg. v. Kommission für literarische Gebrauchsformen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Obmann: Werner Welzig. Wien 1989.
  4. Arthur Schnitzler, Richard Beer-Hofmann: Briefwechsel 1891–1931. Hrsg.: Konstanze Fliedl. Europaverlag, Wien, Zürich 1993, S. 76–77.
  5. Hermann Bahr, Arthur Schnitzler: Briefwechsel, Aufzeichnungen, Dokumente 1891–1931. Hg. Kurt Ifkovits, Martin Anton Müller. Göttingen: Wallstein 2018, ISBN 978-3-8353-3228-7, S. 104. Vgl. die Erwähnung des Werkes in der Online-Präsentation.
  6. Neumann, Gerhard/Müller, Jutta: Der Nachlaß Arthur Schnitzlers, S. 105.
  7. Schnitzler, Arthur: Entworfenes und Verworfenes. Aus dem Nachlaß. Hrsg. v. Reinhard Urbach. Frankfurt am Main 1977, S. 513.
  8. a b Reinhard Urbach: Einen Jux wollt er sich machen?, Die Presse, 24. Mai 2014
  9. Frühe Schnitzler-Novelle in Cambridge entdeckt. In: derStandard.at. 5. Mai 2014, abgerufen am 5. Dezember 2017.
  10. Der Spiegel, Die Presse und Tiroler Tageszeitung
  11. ORF
  12. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7. Mai 2014, S. 9.
  13. Iris Radisch: Radischs Lesetipp, Die Zeit online, 16. Mai 2014
  14. Simon Hadler: Das „neue“ Buch von Arthur Schnitzler
  15. Anton Thuswaldner: Eine Attacke auf den Literaturbetrieb. Eine bisher unbekannte Novelle von Arthur Schnitzler wird zur Sensation, http://search.salzburg.com/display/sn1607_16.05.2014_41-52772646
  16. Judith von Sternburg: Der alte Mann und die Begeisterten, http://www.fr-online.de/literatur/arthur-schnitzler--spaeter-ruhm-der-alte-mann-und-die-begeisterten,1472266,27151886.html
  17. Mathias Schnitzler: Novelle von Schnitzler – ein Marketingerfolg, http://www.berliner-zeitung.de/literatur/-spaeter-ruhm--im-zsolnay-verlag-novelle-von-schnitzler---ein-marketingerfolg,10809200,27178652.html
  18. Hubert Spiegel: 'Die große Entdeckung, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 105, 7. Mai 2014, S. 9
  19. SWR Bestenliste, Juni 2014.
  20. Hans-Jost Weyandt: Porträt des Dichters als alter Narr
  21. Volker Weidermann: Wir Selbstbegeisterten, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 11. Mai 2014.
  22. Andreas Breitenstein: Literatur als Luftnummer, NZZ, 15. Mai 2014
  23. Klaus Nüchtern: Was soll man tun mit 'Später Ruhm'?, in: Der Falter, Wien, 21. Mai 2014, S. 33
  24. Werner Krause: Ein bisserl Verwesungsparfum halt in: Kleine Zeitung, 16. Mai 2014
  25. Ronald Pohl: Warum dichten in dürftiger Zeit, Der Standard, 17. Mai 2014
  26. Wolfgang Huber-Lang: Kein „später Ruhm“ für Arthur Schnitzler, in Südostschweiz, 16. Mai 2014
  27. "Kein Sensationsfund"., Konstanze Fliedl im Gespräch mit Burkhard Müller-Ullrich, Deutschlandfunk, 10. Mai 2014. Ähnlich in der Tiroler Tageszeitung vom 13. Mai 2014: Keinesfalls ein Sensationsfund
  28. Daniela Strigl: Talentlos nennen wir die am anderen Tisch, Die Welt, 17. Mai 2014
  29. Volker Breidecker: Zur Blauen Birne. Keine Entdeckung, keine Sensation, kein Meisterwerk – aber ein editorischer Skandal: Arthur Schnitzlers Novelle „Später Ruhm“, in: Süddeutsche Zeitung vom 16. Mai 2014, S. 14.
  30. Reinhard Urbach: Einen Jux wollt er sich machen?, Die Presse, 24. Mai 2014
  31. Renate Wagner: Arthur Schnitzler – Später Ruhm. In: Der Online Merker, 5. Juni 2014.
  32. Daniela Strigl, s. o.
  33. Ö1, Hörbücher, 29. Mai 2014
  34. http://www.hoerbuch-hamburg.de/katalog/hh/detail/schnitzler-spaeter-ruhm-2804/