TARGET2

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TARGET2 (Trans-European Automated Real-time Gross Settlement Express Transfer System) ist die zweite Generation des Zahlungsverkehrssystems TARGET. Es ist seit dem 19. November 2007 das gemeinsame Echtzeit-Brutto-Clearingsystem (RTGS) [1] des Eurosystems. Die technische Infrastruktur der Individualzahlungsverkehrssysteme der Notenbanken der Eurozone (die Zentralbanken der Mitgliedsstaaten, die den Euro eingeführt haben) und der Europäischen Zentralbank (EZB) sind damit am 19. Mai 2008 zusammengeführt worden. Brutto-Clearingsysteme dienen dem täglichen Transfer von Zentralbankgeld zwischen den angeschlossenen Banken. „Brutto“ bedeutet in diesem Zusammenhang, dass jede einzelne Zahlung aus dem Zentralbankguthaben der auftraggebenden Bank ausgeführt wird. Zentralbankoperationen, Überweisungen aus Großbetragszahlungssystemen im Interbankenverkehr sowie andere Euro-Transfers werden über TARGET2 verrechnet.

Veränderung TARGET2-Salden bei einer Überweisung zwischen Euro-Ländern

Wenn Zentralbankgeld von einer nationalen Notenbank des Eurosystems an eine andere überwiesen wird, entstehen Verbindlichkeiten und Forderungen gegenüber der Europäischen Zentralbank, die als Clearingstelle (täglich 24:00 Uhr) fungiert. Bei der belasteten Notenbank entsteht ein negativer TARGET2-Saldo (Verbindlichkeit gegenüber der EZB) und bei der empfangenden Notenbank entsteht ein positiver TARGET2-Saldo (Forderung gegenüber der EZB). Die Salden werden Jahr um Jahr, verzinst mit dem Hauptrefinanzierungssatz des EZB-Systems, akkumuliert und fortgeschrieben. Im Sommer 2012 waren die so entstandenen Forderungen und Verbindlichkeiten die größten Posten in den Bilanzen der meisten Zentralbanken des Eurosystems.

Target-Verbindlichkeiten dürfen nur von Zentralbanken des Eurosystems aufgebaut werden. Alle anderen Zentralbanken, die, ohne dem Eurosystem anzugehören, am TARGET2-System teilnehmen, sowie sämtliche Geschäftsbanken müssen am Tagesende ausgeglichene oder positive TARGET2-Salden vorweisen (von der EZB gewährte Innertageskredite sind auf den betreffenden Tag beschränkt und können nicht in Übernachtkredite umgewandelt werden).

TARGET2-Salden ausgewählter Länder im Eurosystem 2007–2014

Vorgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nachdem in den ersten Jahren seit der Euroeinführung die Zentralbanken der teilnehmenden Länder ihre lokalen Clearingsysteme miteinander vernetzt hatten, wurde am 16. November 1998 (EZB/1998/NP13) das alte TARGET-Netz geschaffen. Dabei wurden die internationalen Überweisungen in größeren Summen zumeist zwischen den lokalen Clearingsystemen durchgeführt. Im Herbst 2002 wurde durch einen EZB-Ratsbeschluss die Schaffung einer zweiten Generation der gemeinsamen Plattform für Zahlungen in Euro beschlossen (TARGET2), bei der auch kleinere Beträge direkt ohne die vorherige Saldierung in nationalen Clearingsystemen überwiesen werden konnten. Auf die Höhe der sich im internationalen Zahlungsverkehr netto ergebenden Target-Salden hatte dies keinen Einfluss.

Im Sommer 2003 erklärten die drei Zentralbanken Frankreichs (Banque de France), Deutschlands (Bundesbank) und Italiens (Banca d’Italia) ihre Bereitschaft, eine solche Einheitsplattform zu installieren und zu betreiben.

Als Starttermin für die neue Plattform wurde am 26. April 2007 (EZB/2007/2) der 19. November 2007 festgelegt. Ursprünglich sollte TARGET2 schon Anfang 2007 in Betrieb genommen werden.

TARGET2-Teilnehmer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Europäische Zentralbank hat den Wechsel der nationalen Zahlungssysteme auf TARGET2 in vier Etappen durchgeführt.[2]

TARGET2-Salden in Mrd. Euro[3]
Staat August 2012 September 2015
Deutschland 751 561
Luxemburg 117 117
Finnland 62 39
Niederlande 125 54
Slowenien -6 0.2
Malta -1 -1
Lettland - -3
Zypern -10 2
Belgien -41 -12
Griechenland -105 -102
Irland -98 -9
Österreich -41 -36
Frankreich -3 -66
Portugal -73 -60
Italien -280 -215
Spanien -423 -230
Summe Forderungen 1055 771
Summe Verbindlichkeiten 1081 734

Gruppe 1 (19. November 2007)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gruppe 2 (18. Februar 2008)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gruppe 3 (19. Mai 2008)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gruppe 4 (15. September 2008)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Gruppe 4 war für Unvorgesehenes bestimmt, wurde aber nicht benötigt, da die Migration am 19. Mai 2008 erfolgreich abgeschlossen werden konnte.

Seit dem 1. Januar 2009 ist auch die Slowakei, seit dem 1. Februar 2010 Bulgarien[1] und seit dem 4. Juli 2011 Rumänien[4] angeschlossen.

Transaktionspreise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Den Teilnehmern werden seit dem 19. Mai 2008 einheitlich zwei Modelle angeboten:[5]

  1. Option A: 0150 Euro Fixgebühr pro Monat plus 0,80 Euro pro Transaktion
  2. Option B: 1875 Euro Fixgebühr pro Monat plus 0,125 bis 0,60 Euro pro Transaktion (Staffel, je nach Menge der Transaktionen)

Rolle in der europäischen Schulden- und Zahlungsbilanzkrise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Grundlegendes[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Target-Salden messen Nettoüberweisungen von Eurogeld zwischen den Ländern. Diese können dafür benutzt werden, im Ausland Waren und Vermögensgegenstände zu kaufen oder Schulden zu begleichen. Ein Target-Defizit einer nationalen Notenbank entsteht dabei durch eine Nettoüberweisung von Eurogeld in ein anderes Land; im empfangenden Land ergibt sich entsprechend ein Target-Überschuss.

Beispiel einer Zahlung und Buchung im Target-System

Interbankkredit & Saldenausgleich

Wenn in Spanien eine deutsche Ware gekauft und per Überweisung bezahlt wird, so erwirbt die Bundesbank eine Target-Forderung gegenüber der spanischen Notenbank. Konkret räumt die Bundesbank der Geschäftsbank des Lieferanten ein Guthaben ein. Dies geschieht im Auftrag der spanischen Notenbank, die wiederum im Auftrag der Geschäftsbank des Käufers agiert. Somit wird ein spanisches Konto belastet und ein Guthaben einem Konto bei einer deutschen Geschäftsbank gutgeschrieben, ohne dass Vermögenstitel transferiert werden. Während die Bundesbank eine Target-Forderung erhält, entsteht bei der spanischen Notenbank eine Target-Verbindlichkeit. Die Bundesbank räumt also der spanischen Notenbank einen Kredit ein. Da diese Kreditbeziehungen immer über die EZB laufen, bestehen Forderung und Verbindlichkeit rechtlich gegenüber dem EZB-System.

Die Lieferung wird durch einen Kapitalexport finanziert. Während dieser in der Regel privater Natur ist (das liefernde Land erwirbt Vermögenstitel des importierenden Landes), stellen die Target-Salden einen öffentlichen Kapitalexport dar. Letztlich hat die Bundesbank die Lieferfirma bezahlt. Hierfür erhält sie eine Forderung gegenüber dem EZB-System, die jedoch rechtlich keine Fälligkeit besitzt.

Bezug zum Refinanzierungskredit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die im Target-System auflaufenden Nettoüberweisungen werden möglich, wenn eine nationale Notenbank mehr Geld schafft (durch Refinanzierungskredite und Käufe von Vermögensobjekten) als für Transaktionszwecke innerhalb der Volkswirtschaft benötigt wird. Da eine Notenbank, die eine Target-Verbindlichkeit aufbaut, die Auftrag gebende Geschäftsbank um diesen Betrag belastet, nimmt die Zentralbankgeldmenge im Inland ab. Folglich muss sich die Geschäftsbank Ersatzliquidität beschaffen. Dies war dank der generösen Refinanzierungspolitik (Absenkung der Sicherheitsstandards für die Pfänder, die Geschäftsbanken für Refinanzierungsgeschäfte bei der Notenbank hinterlegen müssen) möglich, indem die Geschäftsbanken zusätzliche Wertpapiere verpfänden konnten.

Hans-Werner Sinn berechnet für Griechenland, dass bei einer Finanzierung des bestehenden Leistungsbilanzdefizits durch bereits vorhandenes Geld, also ohne weitere Refinanzierungsgeschäfte, der Geldbestand nach zwei Jahren vollständig aufgebraucht worden wäre. Dann wäre selbst der innergriechische Zahlungsverkehr zum Erliegen gekommen.[6]

Im Ergebnis kam es zu einem Überhang der Kreditschöpfung in den Ländern mit Target-Verbindlichkeiten. Sinn zeigt, dass im August 2012 drei Viertel des Zentralbankgeldes durch Operationen der Notenbanken der GIPSIZ-Länder[7] entstanden, obwohl diese nur ein Drittel der Wirtschaftstätigkeit des Euroraumes ausmachen.[8] Vereinfacht gesagt, wurde in den GIPSIZ-Ländern über die Druckerpresse elektronisches Geld gedruckt, das dann in den Empfängerländern wieder vernichtet wurde. Da durch die Nettokapitalimporte beispielsweise in Deutschland Überschussliquidität entstand, wurden Refinanzierungskredite an die Bundesbank zurückgezahlt. Dies zeigt sich an der Abnahme des Nettorefinanzierungskredits, den Geschäftsbanken bei der Bundesbank in Anspruch nahmen. Dieser wurde im August 2011 erstmals negativ.

Bezug zur Zahlungsbilanz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ökonomisch können die Target-Salden als Zahlungsbilanzungleichgewichte interpretiert werden. Die Zahlungsbilanz erfasst alle grenzüberschreitenden Transaktionen wie Käufe und Verkäufe von Gütern und Dienstleistungen oder Käufe und Verkäufe von Vermögensobjekten wie Aktien und Immobilien. In einem Zahlungsbilanzgleichgewicht entsprechen sich Zu- und Abflüsse, so dass netto keine Geldströme entstehen. Ein Zahlungsbilanzungleichgewicht liegt hingegen vor, wenn mehr Geld in die eine als in die andere Richtung fließt. Es spiegelt einen Kredit zwischen Notenbanken wider. So wird ein Zahlungsbilanzdefizit dadurch finanziert, dass die Notenbank Währungsreserven verkauft. Im besonderen Fall der europäischen Währungsunion werden bei Zahlungsbilanzungleichgewichten nicht Währungsreserven oder Vermögenstitel von einer zur anderen nationalen Notenbank transferiert. Anstelle dieses Vermögenstransfers treten Target-Forderungen und -Verbindlichkeiten.

Interpretation der Target-Salden als Kredite[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zahlungsbilanzungleichgewichte implizieren eine Änderung des Nettoauslandsvermögens der beteiligten Staaten: Ein Defizit wird entweder durch den Verkauf von Währungsreserven finanziert - was letztlich der Rückzahlung eines Kredites entspricht, der beim Kauf der Reserven dem Reserveland eingeräumt wurde - oder durch einen Kredit des Überschusslandes an das Defizitland. Letzterem entsprechen die Target-Salden. Die Interpretation als Kredit wird auch dadurch klar, dass Target-Salden nicht entstehen, wenn ein Zahlungsbilanzungleichgewicht durch einen privaten Kapitalfluss finanziert würde. Erst wenn private Kredite nicht zur Verfügung stehen, erfolgt die Finanzierung über einen öffentlichen Kredit im Rahmen des Target-Systems.

Gemäß Hans-Werner Sinn handelt es sich bei den Target-Salden um öffentliche internationale Kredite an die GIPSIZ-Länder, die ökonomisch mit anderen öffentlichen Finanzhilfen wie den Rettungsschirmen vergleichbar sind.[9] Auf dem Höhepunkt der Krise im Sommer 2012 erreichten die Target-Kredite ein Volumen von 1000 Milliarden Euro und überstiegen damit die offiziellen Rettungskredite. In seinem im Jahr 2015 im Hanser Verlag erschienen Buch "Der Euro: Von der Friedensidee zum Zankapfel" schreibt Sinn: „Dies war eine stille Rettungsaktion des Eurosystems, die die offiziellen Rettungsprogramme weit in den Schatten stellte und von der die Öffentlichkeit wenig mitbekam.“[10]

Entwicklung der Target-Salden[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Relativ niedrige Target-Salden bis zum Sommer 2007 zeigen, dass bis zum Ausbruch der globalen Finanzkrise nahezu ein Zahlungsbilanzgleichgewicht im Euroraum vorlag (siehe obiges Schaubild). Mit den Problemen am Interbankenmarkt und der europäischen Finanz- und Schuldenkrise nahmen die Target-Salden zu. Ab 2008 versiegte der europäische Interbankenmarkt und die europäischen Kreditinstitute, insbesondere in der Peripherie, gingen dazu über, sich vermehrt bei der EZB zu refinanzieren.[11] Ein Saldenausgleich erfolgt grundsätzlich (so auch bis 2007) dann, wenn Geschäftsbanken (typischerweise) der Überschussländer Interbankenkredite an Banken der Defizitstaaten gewähren und deren Kunden bzw. Importeure diese Kredite zur Bezahlung der Importe nutzen.

Daraus lässt sich ein wesentlicher Grund für die unausgeglichenen TARGET2-Salden ab 2008 ableiten: Da die Refinanzierung der Peripheriebanken nicht weiter aus den Kreditgewährungen der Banken der Überschussländer erfolgte, ging der Geldfluss am Interbankenmarkt nur noch von Defizit- zu Überschussstaaten. Spiegelbildlich dazu bauten sich die Target-Salden durch den Mittelfluss von Überschuss- zu Defizit-Zentralbanken auf.[12]

In der Folge erreichten die Target-Forderungen des nordeuropäischen Euroblocks (Deutschland, die Niederlande, Finnland und Luxemburg) im August 2012 mit 1056 Milliarden Euro ihren Höhepunkt. Die darauf folgende Abnahme der Salden lässt sich anhand der europäischen Rettungspolitik erklären: Das Versprechen der EZB, den Euro zu retten („whatever it takes“-Aussage von Mario Draghi) und im Rahmen des Outright Monetary Transactions-Programms (OMT) unbegrenzt Staatsanleihen der Krisenländer aufzukaufen, führte dazu, dass private Investoren den Krisenländern wieder Kredite zur Verfügung stellten. Zudem trugen die Geldzuflüsse der öffentlichen Rettungsschirme zu fallenden Target-Salden bei.

Die Target-Positionen stellen einen erheblichen Anteil an der Nettoauslandsposition einzelner Länder dar. Beispielsweise bestand Ende 2012 knapp die Hälfte der griechischen Nettoauslandsschuld aus Target-Verbindlichkeiten. Umgekehrt entsprachen die Target-Forderungen Deutschlands ungefähr dem gesamten deutschen Nettoauslandsvermögen.

Daten
Eine umfassende Statistik zu den Target-Salden wird durch die EZB erst seit September 2015 bereitgestellt.[13] Bis dahin entstammten die Target-Daten, die u. a. vom ifo Institut und dem Institut für empirische Wirtschaftsforschung der Universität Osnabrück berichtet wurden, aus den Bilanzen der nationalen Notenbanken und den IWF-Statistiken.[14]

Öffentliche und wissenschaftliche Debatte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eingang in die öffentliche und wissenschaftliche Debatte fanden die Target-Salden erstmals im Februar 2011, als Hans-Werner Sinn, Präsident des ifo Instituts in München, in einem Artikel in der Wirtschaftswoche auf die Zunahme der Target-Salden und ihre Interpretation hinwies.[15] Die Target-Forderungen hatten von 5 Milliarden Euro Ende 2006 auf 326 Milliarden Euro Ende 2010 zugenommen. In einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung zeigte Hans-Werner Sinn Deutschlands Haftungsrisiko in Zusammenhang mit den Target-Salden auf: Ende Februar 2011 betrugen die Target-Verbindlichkeiten von Griechenland, Irland, Portugal und Spanien zusammen 340 Milliarden Euro. Im Falle eines Zahlungsausfalls dieser Länder würde Deutschland entsprechend seines Kapitalanteils an der EZB mit 33 % bzw 104 Milliarden Euro haften.[16]

Sinn war der erste, der den Zusammenhang zwischen Target-Salden einerseits und Zahlungsbilanzungleichgewichten, internationalen Kapitalströmen und der Verteilung des Zentralbankgeldes andererseits aufzeigte.[17] Er legte dar, wie das EZB-System dem versiegenden privaten Kapitalzufluss in die Krisenländer dadurch begegnete, dass Refinanzierungskredite in den Krisenländern aufgebaut und in den gebenden Ländern verringert wurden. Ihren wissenschaftlichen Niederschlag fanden diese Erkenntnisse u. a. in einem gemeinsamen Artikel mit Timo Wollmershäuser.[18][19][20]

Ein Kritikpunkt besteht darin, dass die Kreditvergabe im Rahmen des Target-Systems bei Zahlungsbilanzungleichgewichten automatisch erfolgt: Weder die kreditgebende Notenbank wird aktiv noch wirken parlamentarische Gremien mit. Von der Öffentlichkeit geschieht dies weitgehend unbemerkt. Sinn zeigte, dass aus ökonomischer Sicht Target-Kredite und öffentliche Rettungsfazilitäten dieselbe Funktion haben und ähnliche Haftungsrisiken bergen. Eine Sonderausgabe des CESifo Forums vereinigt eine Reihe von Stellungnahmen zur Target-Diskussion, die Sinns Interpretation weitgehend stützen.[21]

Die Bundesbank erklärte die steigenden Target-Salden mit der sich ändernden Verteilung des Zentralbankgeldes innerhalb des Eurosystems, was wiederum mit den Verwerfungen am Geldmarkt erklärt werden kann. Ein eigenständiges Risiko gehe von den Target-Salden nicht aus.[22][23] Im Februar 2012 warnte jedoch der Präsident der Deutschen Bundesbank Jens Weidmann in einem Brief den EZB-Präsidenten Mario Draghi vor den wachsenden Risiken innerhalb des Target-Systems. Weidmann schlug eine Besicherung der Forderungen vor, die zu dieser Zeit gegenüber den finanzschwachen Notenbanken des Euro-Systems über 800 Milliarden Euro betrugen (davon allein für die deutsche Bundesbank 547 Milliarden Euro).[24][25]

Paul De Grauwe und Yuemei Ji argumentieren, dass auch ein Ausfall der Target-Forderungen keinen finanziellen Verlust bedeute, da der Wert des Zentralbankgeldes unabhängig von den Forderungen der Notenbank sei.[26] In seiner Replik zeigt Sinn auf, dass ein Ausfall der Target-Forderungen auch einkommenstechnisch einen Effekt hat, da mit der Verschiebung des Refinanzierungskredits ein Anspruch auf Zinszahlungen verbunden ist. Deren Wegfall würde zu geringeren Transfers der Bundesbank an den Bundeshaushalt führen.

Bilanztechnisch entspricht ein Target-Defizit dem Teil des Leistungsbilanzdefizits, der nicht durch private oder fiskalische Nettokapitalimporte finanziert wurde. Bei ausgeglichener Leistungsbilanz entsteht ein Target-Defizit, wenn private Nettokapitalexporte vorliegen. Eine Reihe von Wissenschaftlern argumentiert, dass Kapitalflucht die Target-Positionen verursacht und nicht Defizite in den Leistungsbilanzen.[27][28] Diese Aussage steht dem von Sinn gefundenen definitorischen Zusammenhang aber nicht entgegen, denn ein Leistungsbilanzsdefizit muss nun einmal entweder durch private oder öffentliche Kapitalimporte finanziert werden, und unter den öffentlichen Kapitalimporten der Krisenländer waren die Target-Kredite die bei weitem wichtigsten.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatTARGET2. European Central Bank, Frankfurt am Main, Germany, abgerufen am 28. März 2011 (englisch).
  2. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatMigration to TARGET2. European Central Bank, Frankfurt am Main, Germany, abgerufen am 14. November 2008 (englisch).
  3. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatEuro Crisis Monitor Data. Institut für Empirische Wirtschaftsforschung der Universität Osnabrück, abgerufen am 8. November 2015 (MS Excel; 101 kB, englisch).
  4. punkto.ro vom 4. Juli 2011, abgerufen am 4. Juli 2011
  5. Deutsche Bundesbank Abgerufen am 27. Januar 2014
  6. Sinn, Hans-Werner, Der Euro: Von der Friedensidee zum Zankapfel, Hanser, München 2015, S. 258.
  7. Unter der Abkürzung GIPSIZ werden die Länder Griechenland, Irland, Portugal, Spanien, Italien und Zypern zusammengefasst.
  8. Sinn, Hans-Werner, Der Euro: Von der Friedensidee zum Zankapfel, Hanser, München 2015, S. 266.
  9. Sinn, Hans-Werner, Der Euro: Von der Friedensidee zum Zankapfel, Hanser, München 2015, S. 237.
  10. Sinn, Hans-Werner, Der Euro: Von der Friedensidee zum Zankapfel, Hanser, München 2015, S. 262.
  11. Achim Hauck, Ulrike Neyer: Der Interbankenmarkt und das Liquiditätsmanagement des Eurosystems in der aktuellen Finanzkrise. In: Die aktuelle Finanzkrise. Bestandsaufnahme und Lehren für die Zukunft. Stuttgart 2011, (online auf Google.Books) S. 78 f.
  12. Deutsche Bundesbank, 2014: Geld- und Geldpolitik, S. 193: „Vor Ausbruch der Vertrauenskrise war die überweisende Geschäftsbank aus dem obigen Beispiel typischerweise in der Lage, sich das abgeflossene Zentralbankgeld bei Bedarf über einen Interbankenkredit am Geldmarkt wieder zu beschaffen. Im Ergebnis führte dies dazu, dass sich TARGET2-Salden der nationalen Zentralbanken rasch wieder abbauten. Aufgrund der Vertrauenskrise gingen empfangende Geschäftsbanken aber zusehends dazu über, empfangene Beträge an Zentralbankgeld nicht wieder auszuleihen, sondern in der Einlagefazilität des Eurosystems anzulegen. Die überweisende Geschäftsbank musste sich das Geld daher über eine Ausweitung der Refinanzierungsgeschäfte mit ihrer nationalen Zentralbank besorgen. Dieses Verhalten der Geschäftsbanken hat dazu geführt, dass sich immer höhere TARGET2-Salden aufgebaut haben. Ende 2013 betrugen die Forderungen der Bundesbank an die EZB rund 510 Milliarden Euro.“
  13. ECB “Publication of TARGET balances”, ECB Economic Bulletin, Issue 6 / 2015 – Box 4.
  14. eurocrisismonitor, Institut für empirische Wirtschaftsforschung, Universität Osnabrück
  15. Sinn, Hans-Werner, Neue Abgründe, Wirtschaftswoche, No. 8, 21. Februar 2011, S. 35.
  16. Sinn, Hans-Werner, Tickende Zeitbombe, "Süddeutsche Zeitung", No. 77, 2 April 2011, p. 24.
  17. Sinn, Hans-Werner, Target-Salden, Außenhandel und Geldschöpfung, ifo Schnelldienst 64, No. 9, 2011.
  18. H. W. Sinn, T. Wollmershäuser: Target loans, current account balances and capital flows: The ECB's rescue facility. In: International Tax and Public Finance. 19, Nr. 4, 2012, S. 468–508. doi:10.1007/s10797-012-9236-x.
  19. Sinn, Hans-Werner und Timo Wollmershäuser Target Loans, Current Account Balances and Capital Flows: The ECB's Rescue Facility, NBER Working Paper 17626, November 2011
  20. Sinn, Hans-Werner und Timo Wollmershäuser Target Loans, Current Account Balances and Capital Flows: The ECB's Rescue Facility, CESifo Working Paper No. 3500, Juni 2011
  21. Sinn, Hans-Werner, Helmut Schlesinger, Wilhelm Kohler, Charles B. Blankart, Manfred J. M. Neumann, Peter Bernholz, Thomas Mayer, Jochen Moebert and Christian Weistroffer, Georg Milbradt, Stefan Homburg, Friedrich L. Sell and Beate Sauer, Ingo Sauer, Jens Ulbrich and Alexander Lipponer, Christian Fahrholz and Andreas Freytag, Ulrich Bindseil, Philippine Cour-Thimann und Philipp Koenig, Franz-Christoph Zeitler, Klaus Reeh, in: Sinn, Hans-Werner (ed.), The European Balance of Payments Crisis, CESifo Forum, Special Issue, Januar 2012.
  22. Deutsche Bundesbank, TARGET2-Salden der Bundesbank , Pressemitteilung, 22 Februar 2011.
  23. Deutsche Bundesbank, Entwicklung des TARGET2-Saldos der Bundesbank, Monatsbericht 63, März 2011, No. 3, S. 34–37.
  24. spiegel.de 1. März 2012: Weidmann warnt Draghi vor Bilanzrisiken
  25. spiegel.de: "Deutsches Sparkapital fließt in Mittelmeerländer" (Ein Debattenbeitrag von Hans-Werner Sinn)
  26. De Grauwe, Paul und Yuemei Ji, What Germany should fear most is its own fear, VOX, 18 September 2012.
  27. U. Bindseil, P.J. König: TARGET2 and the European sovereign debt crisis. In: Kredit und Kapital. 45, Nr. 2, 2012, S. 135-174. doi:10.3790/kuk.45.2.135.
  28. Buiter,Willem, Ebrahim Rahbari und Jürgen Michels “Making sense of Target imbalances”, VOX, 6.September 2011

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]