Waisenbrücke

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Koordinaten: 52° 30′ 53,1″ N, 13° 24′ 55,1″ O

Waisenbrücke
Waisenbrücke
Waisenbrücke 1904
Nutzung Straßenverkehr
Überführt

Straßenzug Am Köllnischen Park–Neue Friedrichstraße (seit 1951 Littenstraße)

Unterführt

Spree

Ort Berlin-Mitte
Konstruktion dreifeldrige Steinbogenbrücke
Gesamtlänge 77, 0 m
Breite 20,4 m
Längste Stützweite circa 25 m
Lichte Höhe 4,5
Baubeginn 1892
Fertigstellung 1894
Schließung 25. Januar 1960[1]
Lage
Waisenbrücke (Berlin)
Waisenbrücke

1960/61 abgebrochen

Die Waisenbrücke war eine mit rotem Sandstein verkleidete Steinbrücke im Bezirk Mitte von Berlin. Sie verband die nördlich der Spree gelegene Littenstraße, bis 1951 Neue Friedrichstraße mit dem südlich der Spree gelegenen Märkischen Platz, von dem Wallstraße und Am Köllnischen Park abführten.[2] Nach der Sprengung 1945 vor dem Einmarsch der Roten Armee wurde die Brücke behelfsmäßig repariert. Das Bauwerk wurde 1960 abgebaut, als es weitere wieder funktionsfähige Spreequerungen in der Nähe gab.[3] An den Bau erinnern noch beidseitig sichtbare steinerne Widerlager. Die Brücke lag östlich der Mühlendammschleuse.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Waisenbrücke im Jahr 1888

Erste hölzerne Spreequerung an dieser Stelle[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ursprünglich befand sich am Ort der Waisenbrücke eine hölzerne Jochbrücke mit fünf Klappenpaaren für die Schiffspassage. Diese hatte im 18. Jahrhundert sehr große Bedeutung für die Stadt, was nicht zuletzt an den großzügigen Maßen von 83 Metern in der Länge und 6,90 Metern in der Breite lag. Die Brücke erhielt ihren Namen nach dem Ende des 17. Jahrhunderts in der Nähe erbauten „Großen Friedrich-Hospital“, das auch als Pflegeheim für Waisen diente und 1908 abgerissen wurde. Vergleiche dazu auch Waisenstraße, die parallel zur Littenstraße liegt.

Ende des 19. Jahrhunderts entsteht eine steinerne Schmuckbrücke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach fast 200 Jahren Nutzungsdauer und dem inzwischen erfolgten Ausbau Berlins als königliche Residenzstadt ließ der Berliner Magistrat 1892–1894 eine Steinbrücke zum Ersatz an derselben Stelle errichten.[4][5][6] Steinbrücken galten generell als stabiler und weniger reparaturanfällig, sie konnten auch ohne Klappen und mit größeren Spannweiten gebaut werden. Die neue Waisenbrücke wurde mit roten Sandsteinplatten aus dem Maingebiet verkleidet. Über den säulenähnlich verzierten beiden mittleren Pfeilerköpfen erhielt das Bauwerk Balkons. Die Sichtflächen wurden mit Reliefs und Wappendarstellungen geschmückt und das Geländer als Baluster gestaltet. Acht schmiedeeiserne mehrarmige Gaskandelaber spendeten den Brückenbenutzern nachts Licht. Die Brücke besaß eine Breite von 21,5 m mit einer Länge von 91 Metern.

Nach Zerstörung im Krieg entsteht eine Notbrücke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Waisenbrücke im Februar 1956: gut zu erkennen ist die über dem südlichen (linken) Brückenbogen errichtete Notkonstruktion. Im Hintergrund das Märkische Museum

Im Jahr 1945 wurde das südliche Gewölbe der Brücke gegen Ende des Zweiten Weltkrieges von deutschen Wehrmachtstruppen gesprengt. Eine bald darauf errichtete Notbrücke, eine provisorische Holzkonstruktion von nur 5,5 m Breite führte den Verkehr über die Spree, weil ein Wiederaufbau der benachbarten Jannowitzbrücke und der Mühlendammbrücke nicht so schnell erfolgen konnte. Die für die Enttrümmerung des zerstörten Stadtzentrums eingesetzte Trümmerbahn wurde von 1949 bis 1954 über die Behelfsbrücke geführt.[7]

Abriss[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit der Fertigstellung der neuen Jannowitzbrücke, der Beendigung des Trümmertransports und in Übereinstimmung mit Forderungen der Schifffahrt ließ die Stadtverwaltung die Waisenbrücke 1960 abbrechen.[8]

Erhaltener Brückenbeginn am Nordufer, im Hintergrund die Jannowitzbrücke

Die beiden landseitigen ehemaligen Anschlüsse für die Brücke sind erhalten geblieben, auf der Südseite dient der Rest als Schiffsanlegestelle, auf der Nordseite sind am Rolandufer in Fortsetzung einer kleinen Grünanlage Bänke für Spaziergänger aufgestellt.

Möglicher Wiederaufbau[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der „Zwölften Verordnung über die förmliche Festlegung von Sanierungsgebieten“ vom 15. März 2011 wurde die „fehlende Waisenbrücke“ als Schwäche für die nördliche Luisenstadt beschrieben und deren Wiederaufbau als Schlüsselprojekte mit nachrangiger Priorität festgelegt. Der langfristige Wiederaufbau als Fuß- und Radwegverbindung sollte rund 3 Mio. Euro kosten.[9] Auch das Märkische Museum setzte sich für den Wiederaufbau der benachbarten Waisenbrücke ein und widmete 2016 mehrere Veranstaltungen diesem Thema.[10] Für den Berliner Senat hat ein Wiederaufbau nach Aussage im April 2017 „keinerlei Priorität und ist deshalb ohne benennbare Realisierungsperspektive.“[11]

Benachbarte Objekte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im 19. Jahrhundert befanden sich an den Spreeufern neben der Waisenbrücke:

  • die Zuckermanufaktur Splittgerber,
  • das Waisenhaus mit der Waisenkirche,
  • große Speicherhäuser,
  • ein Schlachthof,[12]
  • eine Flussbadeanstalt (ab 1894).[13]

Für die 2010er Jahre sind folgende Gebäude und Plätze erwähnenswert[14]

auf der Nordseite
auf der Südseite

Waisenbrücke in der Kunst und in den Medien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die 26jochige Waisenbrücke um 1780 auf einem Kupferstich

Der Künstler Johann Georg Rosenberg fertigte 1780 einen kolorierten Kupferstich der hölzernen Klappenbrücke an. Die Deutsche Bundespost Berlin benutzte diesen alten Stich als Vorlage für eine 10-Pfennig-Marke im Rahmen einer Serie Stadtansichten von Berlin um 1780. Die neue steinerne Bogenbrücke war Gegenstand einer Kaltnadel-Radierung von Ulrich Hübner (1872–1932), die in einem privaten Auktionshaus um 2006 verkauft worden war.[15]

Die Novelle von Ulrich Becher Hochmusikalische alte Dame, im Oktober 1958 veröffentlicht in „Die Zeit“, benutzt ein Mietswohnhaus an der Waisenbrücke um 1907 als Hauptschauplatz.[16]

In einem aufwändig gestalteten Album von Berlin, seinen westlichen Vororten und Potsdam. Drei große Panoramen und 129 Ansichten nach Momentaufnahmen in Photographiedruck gibt es laut Inhaltsverzeichnis auch Fotos der Waisenbrücke.[17]

Ein im Berliner Volksmund kursierendes Gedicht nimmt die Verbrechen, die sich in der schlecht beleuchteten Stadt ereigneten, als Motiv für einen holprigen Reim im Zusammenhang mit dieser Brücke:

Einst gingen Herr Mücke und Frau Mücke über die Waisenbrücke.
Da stach eine Mücke Frau Mücke im Genicke.
Da nahm Herr Mücke seine Krücke und schlug der Mücke ins Genicke.
Das war der Mord auf der Waisenbrücke.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Waisenbrücke (Berlin) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Der Morgen vom 26. Januar 1960
  2. (amtlicher) Stadtplan von Berlin, Blatt 4231 aus dem Jahr 1940, X=27530, Y=20870
  3. (amtlicher) Stadtplan von Berlin, Blatt 4231 aus dem Jahr 1961, X=27530, Y=20870
  4. Bild von 1894:Landesarchiv Berlin, Hermann Rückwardt: Waisenbrücke im Zuge der Neuen Friedrichstraße über die Spree, von „An der Stralauer Brücke“ bis Brandenburger Ufer.
  5. Bild von 1901: Landesarchiv Berlin: Waldemar Titzenthaler: Waisenbrücke von der Straße „An der Stralauer Brücke“ zur Straße „Neukölln am Wasser“.
  6. Bild 1907: Landesarchiv Berlin, Waldemar Titzenthaler: Waisenbrücke. Links: Märkisches Museum im Bau. Im Vordergrund: Flussbadeanstalt.
  7. Angela M. Arnold, Gabriele von Griesheim: Trümmer, Bahnen und Bezirke, Berlin 1945 bis 1955. Eigenverlag 1999, S.143 ff
  8. vergl. zwischen Stadtplan Berlin 1955 und Stadtplan Berlin 1961
  9. Zwölfte Verordnung über die förmliche Festlegung von Sanierungsgebieten vom 15. März 2011.
  10. Märkisches Museum: Sommerakademie: Die neue Waisenbrücke. 14. Juli 2016
  11. Abgeordnetenhaus Berlin, Schriftliche Anfrage und Antwort „Wiederaufbau der Waisenbrücke“ vom 27. März bzw. 6. April 2017.
  12. Kiezinfo Brunnenstraße
  13. Frühere Flussbadeanstalt „Hinter den Werderschen Mühlen an der Stadtschleuse“, zuerst an der Schlossfreiheit, dann an die Waisenbrücke verlegt
  14. Waisenbrücke FIS-Broker (Karte von Berlin 1:5000 (K5-Farbausgabe)) der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt Berlin
  15. Auktionshaus Satow, abgerufen am 13. April 2009
  16. Hochmusikalische alte Dame. In: Die Zeit, Nr. 40/1958
  17. Album von Berlin, seinen westlichen Vororten und Potsdam. 3 große Panoramen und 129 Ansichten nach Momentaufnahmen in Photographiedruck, 1903, Berlin, Globus Verlag Berlin.