Wertewandel

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Der Begriff Wertewandel kennzeichnet einen Wandel gesellschaftlicher und individueller Normen und Wertvorstellungen.

Bleibende und sich wandelnde Werte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Wertvorstellungen der Menschheit haben sich im Laufe der historischen Entwicklung zu allen Zeiten verändert. Ein Beispiel ist das Vergeltungsprinzip bei Körperverletzungen, wie es im Alten Testament aufgestellt wird („Auge um Auge, Zahn um Zahn“): Während heute mit einer Körperverletzung rechtlich und auch was die moralische Einschätzung betrifft ganz anders umgegangen wird, stellte der Grundsatz „Auge für Auge“ seinerseits bereits einen Wendepunkt dar. Er wirkte strafmildernd und sollte ausufernde Blutrache vermeiden.

Wertvorstellungen sind dann relativ dauerhaft, wenn sie sich zwingend aus Gründen der Selbst- und Existenzerhaltung zu ergeben scheinen.

Mit sich ändernden Denkstilen werden alte Begründungen als unlogisch, als „nur“ religiös begründet oder als nutzlos empfunden, und entsprechende Wertvorstellungen (zum Beispiel Schamhaftigkeit, Feiertags­heiligung, Nahrungstabus) entfallen im Laufe der Zeit bzw. werden neben abweichenden neuen allenfalls toleriert.

Die essentiellen Inhalte zu den Begriffen „Wert“ und auch „Norm“ werden in den Disziplinen der Humanwissenschaften wegen ihrer jeweiligen Methode und Terminologie unterschiedlich definiert. Variierende Interpretamente treten auch innerdisziplinär auf. Das Denkmodell „Wertewandel“ ist davon folgerichtig betroffen: Bei seinen philosophischen Arbeiten zur Theorie der Sittlichkeit negierte Heistermann, Rektor der Pädagogischen Hochschule Berlin, die bereits 1966 benannte Krise der sittlichen Werte. Mit dieser Ablehnung zog er auch einen Wandel dieser Werte nicht in Betracht. Sie „sind krisenfrei und eindeutig wie der Sinn von ja und nein.“ Das auch später weiterhin untersuchte Problem einer diesbezüglichen Krise sah er dagegen in den „Haltungen, die von einer bestimmten Produktionsweise und einem bestimmten sozialen Gefüge der Gesellschaft abhängig sind.“[1] 2006 konstatiert Lay, dass „Werte verloren gegangen“ seien. Er belegt die Entstehung dieses Zustandes durch Ereignisse einer langfristigen „Verschiebung der Werteordnung“ bis zu einem „Verfall der Werte“. Mit seinem wirtschaftsethischen Plädoyer fordert er in praktischen Empfehlungen zu einer „neuen Redlichkeit“ mit wertorientierter Wirkung auf. [2]

Eine Theorie über die Änderung der Werte in einer Gesellschaft kann nicht ohne die Betrachtung der psychologischen Verhaltensmuster der handelnden Personen und ihrer Auswirkungen auf die Kultur aufgestellt werden. Auf der Grundlage stammesgeschichtlicher Daten und mit psychiatrischer Analyse beschrieb Haseloff 1959 die der Orientierung nützende Ordnungsfunktion von Kultur und die Kulturdynamik als verändernde „lebensdienliche Gestaltung objektiver Sachverhalte“.[3] In diesem Prozess stehen die für die Existenz notwendige und unterschiedliche Integriertheit des Menschen in kulturelle Normsysteme („Gefüge moralischer Elemente“) und seine Kultur schaffenden Gestaltungsmöglichkeiten in Relation zu den Parametern individuelles Lebensalter, Größe der zugehörigen Gruppen und Struktur der Wohngegend als Bedingungen für die Bedürfnisregulation. A. und M. Mitscherlich untersuchten mittels eines Rückgriffs auf den von Freud verwendeten Begriff der Kultureignung - neu definiert z. B. als Fähigkeit der Einfühlung in andere - die Wechselwirkungen und Bedingungen, von denen in der individuellen Persönlichkeitsentwicklung die kindliche Weiterentwicklung der von den Eltern vermittelten Wertdeutung, ihre Ablehnung oder eine – wenn auch korrigierende - Akzeptanz der elterlichen Wertvorstellungen abhängt. Nach einer 20 Jahre dauernden Analyse veröffentlichten sie 1967 die Beschreibung eines dynamischen Ursache-Wirkung-Komplexes, der beispielsweise für die Kindergeneration der Nachkriegszeit Deutschlands trotz der Erschütterung der Wertgefühle in weiten Kreisen der Gesellschaft zu der Voraussetzung wurde auf die diffus empfundenen Werte der Elterngeneration labil fixiert zu sein.[4]

Auf sozialpsychologischer Grundlage erklärte Fromm 1976 mit seinem Ansatz einer philosophischen Anthropologie Haben oder Sein die Entwicklung einer neuen Gesellschaft, in der Menschen den „Antagonimus durch Solidarität ersetzen“. Werthafte Ziele formulierte er in der Bedeutung von „Idealen“ eines gesellschaftlichen Arrangements als „das menschliche Wohlergehen und die Verhinderung menschlichen Leids“. [5] Die wechselseitige Beeinflussung von Psychologie und Soziologie erbrachte bereits in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts Ergebnisse. Untersuchungen über die Mentalität des Menschen und zugleich über seine dynamischen gesellschaftlichen Verflechtungen wurden bereits in den 1930er Jahren von dem deutsch-britischen Soziologen Norbert Elias in seinem Hauptwerk Über den Prozeß der Zivilisation durchgeführt. Einen anderen Ansatz wählte in den 1950er Jahren der US-amerikanische Psychologe Clare W. Graves, der eine Theorie der zyklisch auftauchenden Ebenen der Existenztheorie veröffentlichte. In jüngster Zeit wurde diese Theorie im Konzept der Spiral Dynamics des amerikanischen Psychologen Don Beck weiter ausgebaut und kann als Beschreibungsmodell des Wertewandels heutiger Gesellschaften dienen.

Soziologische Modelle des Wertewandels[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei den soziologischen Untersuchungen des Wertewandels hinsichtlich der Richtung des Wertewandels in der „heutigen Zeit“ konstituiert sich eine Situation dergestalt, dass zwei Extrema und eine differenzierte Position vertreten werden: Einerseits findet nach Ronald Inglehart seit den 1970er Jahren eine Abwendung von materiellen Werten und eine Zuwendung zu postmateriellen Werten statt. Als zukünftiges Ergebnis bzw. „Richtung des Wertewandels“ wird ihm nach eine höhere Engagementbereitschaft und Freiheit angenommen. Andererseits gibt es nach Elisabeth Noelle-Neumann seit 1968 einen kontinuierlichen Werteverfall. Als Symptome werden Bedeutungsverluste von Kirche und Religion, Autoritätsverluste, sowie die Erosion zahlreicher vermeintlicher Tugenden (jetzt eher als „Sekundärtugenden“ gesehen), abnehmender Gemeinsinn und ein sinkendes politisches Engagement genannt. Die differenziertere Position bezieht Helmut Klages mit seinem „Konzept der Wertesynthese“. Eine postulierte Annahme geht dabei davon aus, dass Wertewandel ein Erfordernis moderner Gesellschaft ist und ein Zwang zur Individualisierung herrscht.

Ronald Inglehart: Die stille Revolution[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Grundlegende Hypothesen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Gründe für den durch empirische Studien (1970–1977) festgestellten Wertewandel benennt Inglehart zum einen die Mangelhypothese nach Abraham Maslow. Der Mensch versucht demnach, zuerst die Bedürfnisse der niedrigen Stufen (Nahrung, Kleidung, Unterkunft) zu befriedigen, bevor die nächsten Stufen Bedeutung erlangen. Wer in einem „niedrigen“ Bedürfnis frustriert wurde, das heißt, es nicht befriedigen konnte, für den wird dieses Bedürfnis übermäßig wichtig werden. Wer zum Beispiel in absoluter Armut lebt und hungrig ist, für den wird das Essen die allergrößte Priorität haben. Alle anderen Bedürfnisse werden in den Hintergrund treten und das ganze Streben wird darauf ausgerichtet sein, genug zu Essen zu haben. Für einen Menschen, der hungrig ist, wird das Paradies ein Ort sein, wo es immer genug zu essen gibt. Ein Mensch, der in großer Armut aufgewachsen ist, wird vielleicht für den Rest seines Lebens glücklich sein, solange er nur genug zu Essen hat. Für einen Menschen hingegen, der Hunger nie gekannt hat, wird Nahrung keinen Wert haben. Die Tatsache, dass er genug zu Essen hat, wird ihn nicht glücklich machen. Stattdessen wird er schmerzlich bemerken, dass andere Bedürfnisse, wie etwa das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung nicht erfüllt sind.

„Den größten subjektiven Wert misst man Dingen zu, die relativ knapp sind.“

Ronald Inglehart

Zum anderen vertritt Inglehart die Sozialisationshypothese, welche besagt, dass die grundlegenden Wertvorstellungen eines Menschen weithin jene Bedingungen widerspiegeln, die während der formativen Phase (Jugendzeit) vorherrschend waren. Wer also in einer Situation existenziellen Mangels aufgewachsen ist (z. B.: im Krieg), wird tendenziell eher materialistische Wertvorstellungen vertreten als jemand, der einen solchen Mangel nicht erfahren hat. Diese Hypothesen legt Inglehart zu Grunde und erklärt so den Wandel der Wertvorstellungen (in westlichen Ländern) vom Materialismus zum Postmaterialismus.

Zu den materiellen Bedürfnissen zählen außer der Deckung physiologischer Bedürfnisse aller Art auch wirtschaftliche Stabilität, Wirtschaftswachstum, Preisstabilität, ferner Ruhe und Ordnung in Staat und Gesellschaft und darüber hinaus leistungsstarke Streitkräfte, also das Bedürfnis nach (physischer) Sicherheit.

Zu den postmateriellen Bedürfnissen zählen vor allem die Bereiche des Sozialen und der Selbstverwirklichung, zumal auch geistige, schöpferische, ästhetische und kontemplative Bedürfnisse, aber auch Zugehörigkeitsgefühl, Bedürfnisse nach Mitsprache in Staat und Gesellschaft, Meinungsfreiheit sowie Naturschutz.

Materialisten sind in der Regel religiöser und auch patriotischer als Postmaterialisten. Sie haben konservative Werte und lehnen zum Beispiel Abtreibung, Scheidung oder auch Homosexualität ab. Inglehart führt das darauf zurück, dass „absolute Werte“ wie Religion und Patriotismus Halt und Sicherheit bieten. Dies ist in Armutssituationen besonders wichtig. Postmaterialisten jedoch, die Armut selten selbst erfahren haben, haben kein Bedürfnis nach diesem Halt. Materialisten haben ein traditionelles Familienbild. Das Geburtendefizit in den Industrieländern wird von Inglehart darauf zurückgeführt, dass die Menschen dort hohe formative Sicherheit erfahren haben, Postmaterialisten geworden sind und die im traditionellen Wertesystem verwurzelte Gründung großer Familien ablehnen.

Weitere Ursachen des Wertewandels[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In seinem 1989 erschienenen Buch Kultureller Umbruch führt Inglehart weitere, auf weiterführenden Forschungen basierende Ursachen für einen immer globaler werdenden Wertewandel an. Dazu gehören aus seiner Sicht neben der Prosperität die technologische Entwicklung, die immer größeren Teilen der Bevölkerung die Sicherung existenzieller Bedürfnisse garantiert, die Erfahrung von außenpolitischem Frieden für eine ganze Generation der westlichen Welt, das steigende Bildungsniveau, die Ausbreitung der Massenkommunikation und die wachsende geographische Mobilität.

Elisabeth Noelle-Neumann: Die Gefahr des Werteverfalls[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während Inglehart die beobachteten Wertveränderungen in der Bundesrepublik als Fortschritt zu einem qualitativ höherwertigen, gesellschaftlichen und politischen Entwicklungsniveau interpretiert, warnen andere vor den Gefahren des Wertewandels. Elisabeth Noelle-Neumann sagt voraus, dass das Vordringen von Selbstentfaltungswerten auf Kosten traditioneller bürgerlicher Pflichten (Preußische Tugenden) gesellschaftliche Auflösungserscheinungen zur Folge haben werde. Der Werteverfall moderner Jugendlicher habe einen 1968 deutlich gewordenen und in seiner Intensität bis dato unbekannten Generationenkonflikt zur Folge gehabt.

Beispielhaft nennt Noelle-Neumann, die Abnahme der Bindung der Menschen an Religion und Kirche, die schwindende Akzeptanz der Beschränkung individueller Freiheiten durch Normen, Hierarchien oder Autoritäten, den Bedeutungsverlust tradierter Tugenden wie Höflichkeit, gutes Benehmen, Pünktlichkeit, Ordentlichkeit, Sauberkeit, Sparsamkeit, die Ablösung der bürgerlichen Leistungsethik durch zunehmende Freizeitorientierung und die Abnahme von Gemeinschaftssinn und Bindungsfähigkeit der Menschen, sich in erprobten Formen in politischen Gemeinwesen zu engagieren.

In dieser Entwicklung sieht sie eine Gefahr für die pluralistische Gesellschaft. Einwirkungsmöglichkeiten sieht sie ansatzweise in einer stärker werteorientierten Erziehung und einer Änderung der öffentlichen Meinung.

Helmut Klages: Wertesynthese statt Werteverfall[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Typologie des Wertewandels[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Helmut Klages beabsichtigt eine ordnende Beschreibung der Realität bzw. des gedanklichen Gebildes „Wertewandel“ mithilfe eines Typisierungsansatzes zu bewerkstelligen. Dabei bezieht er sich zum einen auf die „Dimension Selbstentfaltungswerte“, die weitgehend mit dem Inglehart’schen Postmaterialismus korrespondiert, zum anderen auf die Dimension Pflicht- und Akzeptanzwerte. Die Selbstentfaltungswerte setzen "sich [dabei] aus zwei eher heterogenen Wertkomplexen zusammen: Zum einen aus den Werten eines gesellschaftsbezogenen […] , zum anderen aus individualistischen bzw. hedonistischen Werten […]" Klages, 1984.

Durch die Kreuzklassifikation der beiden Dimensionen, bzw. Variablen, spannt Klages eine Vierfelder-Matrix auf, anhand derer er vier „Wertetypen“ erhält. Neben den „reinen“ Wertetypen, die entweder zu einer nahezu geschlossen Antwort hin nach „Pflicht- und Akzeptanzwerten“ neigen (Konventionalisten), oder aber hin zu Selbstentfaltungswerten (Idealisten), erhält er auch zwei Mischtypen. Diese Mischtypen zerfallen einerseits in den Typ, der geringe Ausprägungen bei den beiden Dimensionen aufweist (Resignierte), sowie andererseits und demgegenüber hohe Ausprägungen zeigt (Realisten). Unter dem Typus der „Realisten“ versteht Klages weiterhin die sogenannte Wertsynthese.

Bei Klages ist „Wertesynthese“ der zentrale Begriff. Danach müssen alte und neue Werte nicht in Opposition zueinander stehen, sondern können bei vielen Menschen (vor allem bei aktiven Realisten) sogar eine produktive Wechselwirkung entfalten. Thomas Gensicke zeigte im Anschluss an Klages, dass die heutige Jugend sogar eine generelle Neigung zur Wertesynthese hat. Beide zeigen wie das Konzept der Wertesynthese entwickelt wurde und wie die Wertesynthese funktioniert.

Diskussion der Hypothesen Ingleharts[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Helmut Klages stimmt mit Inglehart darin überein, dass in den Industriegesellschaften ein Wertewandel stattgefunden hat, und kommt durch empirische Studien zu dem Rückschluss, dass Werte wie Gehorsam und Unterordnung deutlich zurückgehen, hingegen Selbstständigkeit und freier Wille normativ ansteigen. In der Tatsache, dass das Wertepaar „Ordnungsliebe“ und „Fleiß“ dauerhaft auf relativ konstantem Niveau bleibt, sieht Klages einen Fehler in der Inglehartschen These, dass der Wertewandel komplett in eine Richtung verlaufe.

Ein Kritikpunkt Klages’ richtet sich an die These, dass die Korrelation zwischen Höhe des Bruttosozialproduktes und der Ausprägung eines individualistischen Wertekomplexes weniger mit der Zunahme postmaterieller Werte zusammenhängt, als vielmehr eine Entwicklung darstellt, deren Ursachen in unserem Bildungs- und Beschäftigungswesen liegen. Weiterhin stimmt Klages mit Ingleharts These darin überein, dass es einen offensichtlichen Zusammenhang zwischen individualistischen Werten und der Höhe des Bildungsniveaus gibt.

Zusammenhang von Bildungsniveau und individualistischen Werten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das vermittelte Wissen gibt den Jugendlichen eine Möglichkeit der Relativierung von Wertvorstellungen ihres sozioökonomischen Umfeldes. Dazu kommt, dass sich die Sozialisation Jugendlicher heutzutage meist in peer groups vollzieht, was zu einer Wertevorstellung in Richtung Selbstständigkeit und Selbstentfaltung führt. Zumeist Kinder aus den unteren Sozialschichten grenzen sich bei zunehmendem Bildungsniveau bewusst extrem von den Wertvorstellungen ihrer Eltern ab. Das moderne Schulsystem stellt die Anforderung der Selbstständigkeit an jeden Schüler. Daran gebunden ist die Forderung zur Fähigkeit der Reflexion, welche eine Notwendigkeit für das Bestehen im Bildungsalltag darstellt. Dieser Zwang zur Selbstentfaltung stellt einen bedeutenden Faktor in der Werteorientierung dar. Das moderne Bildungssystem offeriert den Schülern die Möglichkeit der Selbstdarstellung, die es in dieser Form noch nicht gegeben hat.

Folgen des Wertewandels[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Selbstentfaltung entspricht den Erfordernissen moderner Gesellschaften.

Der Wegfall der großen wertegebenden Institutionen wird durch Bildung kleinerer autonomer Subsysteme aufgewogen oder ganz kompensiert. Von Seiten der Subsysteme sind vor allem Kreativität, Beweglichkeit und Neugier gefragt, was analog zu individualistischen Selbstentfaltung liege. Selbstentfaltung ist keine affektiv betonte und lustvoll erlebte Triebbefriedigung, sondern der Zwang des Individuums, seine Qualitäten zu fördern und ins gesellschaftliche Leben einzubringen.

Von einem Verlust von Werten wie Ordnungsliebe, Fleiß und Pflichterfüllung könne von empirischer Seite keine Rede sein. Vielmehr werden diese situationsangemessen gehandhabt und dadurch weniger offensichtlich. Aus der steigenden Toleranz gegenüber diversen Minderheiten folgt, dass Selbstentfaltung keinesfalls Egoismus und Verantwortungslosigkeit bedeuten muss. Selbstentfaltung muss keine Anonymisierung zur Folge haben, da durch sie ganz neue soziale Netzwerke entstehen können. Der Wegfall „universaler“ Wertevorstellungen wird durch neue, alle Subsysteme verbindende Werte ersetzt, wie instrumentelle Intelligenz, Flexibilität, Anpassungs- und Umstellungsgeschick oder hochentwickelte Fähigkeit, Misserfolge oder Versagen zu ertragen und produktiv zu verarbeiten.

Die 1990er und 2000er Jahre zeigen unter den jungen Menschen einen Wiederanstieg des für Deutschland klassischen Werte-Inventars (sog. Sekundärtugenden). Die Shell Jugendstudien belegen das anhand der Werte "Gesetz und Ordnung respektieren", "nach Sicherheit streben" und vor allem "fleißig und ehrgeizig sein". Da jungen Menschen Selbstentfaltung weiterhin sehr wichtig ist, insbesondere in seiner hedonistischen Form, muss man von einer grundsätzlichen Disposition zur Wertesynthese ausgehen. Die Shell Jugendstudien sprechen auch von einem neuen Bedürfnis nach Ordnung und Berechenbarkeit in einer unübersichtlich gewordenen globalisierten Welt.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Tobias Sander: Der Wertewandel der 1960er und 1970er Jahre und soziale Ungleichheit. Neue Quellen zu widersprüchlichen Interpretamenten, in: Comparativ 17 (2007), S. 101–118, ISBN 3-86583-197-4
  • Herbert Bruch, Richard Wanka: Wertewandel in Schule und Arbeitswelt, Logophon-Verlag, Mainz 2006, ISBN 3-936172-04-8
  • Duncker, Christian (1998): Dimensionen des Wertewandels in Deutschland. Eine Analyse anhand ausgewählter Zeitreihen; Frankfurt am Main: Lang 1998, ISBN 3-631-32561-4
  • Duncker, Christian (2000): Verlust der Werte? Wertewandel zwischen Meinungen und Tatsachen; Wiesbaden, Deutscher Universitäts Verlag, ISBN 3-8244-4427-5
  • Erich Fromm: : Haben oder Sein – Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1976, ISBN 3-421-01734-4
  • Gensicke, Thomas (2010): "Wertorientierungen, Befinden und Problembewältigung", in Deutsche Shell (Hg.), "Jugend 2010. Eine pragmatische Generation behauptet sich", Fischer: Frankfurt am Main, S. 187-242.
  • Gensicke, Thomas (2006): Zeitgeist und Wertorientierungen, in: Deutsche Shell (Hg.), Jugend 2006. Die pragmatische Generation unter Druck, Fischer Taschenbuchverlag: Frankfurt am Main, S. 169-202.
  • Gensicke, Thomas (2002): Individualität und Sicherheit in neuer Synthese? Wertorientierungen und gesellschaftliche Aktivität, in: Deutsche Shell (Hg.), Jugend 2002. Zwischen pragmatischem Idealismus und robustem Materialismus, Fischer: Frankfurt am Main, S. 139–211.
  • Haseloff, Otto Walter (Hrsg. mit Herbert Stachowiak): Stammesgeschichte, Umwelt und Menschenbild, Band V der Schriften zur wissenschaftlichen Weltorientierung, Dr. Georg Lüttke Verlag, Berlin 1959
  • Walter Heistermann : Das Problem der Norm, in: Zeitschrift für philosophische Forschung, Heft 20, Westkultur Vlg. Meinsenheim, Hain, 1966
  • Inglehart, R. (1998): Modernisierung und Postmodernisierung. Frankfurt am Main; Campus. Kapitel 1, 2, 3, 11 und Anhang.
  • Inglehart, R. & Baker, W. E. (2000): Modernization, cultural change, and the persistence of traditional values, in: American Sociological Review, 65: 19–51.
  • Inglehart, Ronald/Welzel, Christian (2005): Modernization, Cultural Change and Democracy, Cambridge University Press: New York
  • Hans Joas: Die Entstehung der Werte. Suhrkamp, Frankfurt/Main 1997, ISBN 3-518-29016-9
  • Hans Joas (Hrsg.): Braucht Werterziehung Religion?. Wallstein, Göttingen 2007, ISBN 978-3-8353-0190-0
  • Kadishi-Fässler, B. (1993): Gesellschaftlicher Wertwandel. Die Theorien von Inglehart und Klages im Vergleich, in: Schweizerische Zeitschrift für Soziologie, 19 (1993), S. 339–363.
  • Klages, Helmut (2001): Werte und Wertewandel, in: Schäfers, Bernhard/Zapf, Wolfgang (Hgg.): Handwörterbuch zur Gesellschaft Deutschlands, 2. Auflage, Opladen, S. 726–738.
  • Klages, Helmut/Gensicke, Thomas (2004): Wertewandel und Big-Five-Dimensionen, in: Siegfried Schumann (Hg.): Persönlichkeit. Eine vergessene Größe der empirischen Sozialforschung, Wiesbaden VS, S. 279–200
  • Klages, Helmut/Gensicke, Thomas (2006): Wertesynthese – funktional oder dysfunktional, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 58. JG (2), S. 332–351.
  • Mitscherlich, Alexander und Margarete: Die Unfähigkeit zu trauern – Grundlagen kollektiven Verhaltens, R. Piper und Co. Verlag, München 1967 (2007 ISBN 3492201687)
  • Noelle-Neumann, Elisabeth / Petersen, Thomas (2001): Zeitenwende - Der Wertewandel 30 Jahre später, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 29/2001. Online: [1]
  • Oesterdiekhoff, G. (2001): Soziale Strukturen, sozialer Wandel und Wertewandel. Das Theoriemodell von Ronald Inglehart in der Diskussion seiner Grundlagen, in: Oesterdickhoff, G./Jegelka, N. (Hgg.): Werte und Wertewandel in westlichen Gesellschaften. Opladen, Leske + Budrich: S. 41–54.
  • Rödder, Andreas: Vom Materialismus zum Postmaterialismus? Ronald Ingleharts Diagnosen des Wertewandels, ihre Grenzen und ihre Perspektiven, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 3 (2006), S. 480-485.
  • Rössel, J. (2006): Daten auf der Suche nach einer Theorie. Ronald Ingleharts Analysen des weltweiten Wertewandels. In: Möbius, S./Quadflieg, D. (Hgg.): Kultur. Theorien der Gegenwart. Wiesbaden: VS.
  • Themenheft Wertewandel (u.a. mit Noelle-Neumann, Klages, van Deth), „Aus Politik und Zeitgeschichte“, Beilage zur Wochenzeitschrift „Das Parlament“, B29, 2001, im Internet: [2]
  • Thurner, Elmar (2007): Warum halten unsere Ehen nicht mehr? Bludenz: Rhätikonverlag 2007, ISBN 978-3-901607-29-5

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Heistermann, W.: Das Problem der Norm, in : Zeitschrift für philosophische Forschung, 1966, S. 200f
  2. Rupert Lay: Die neue Redlichkeit. Werte für unsere Zukunft, Posé, Ulf [Co-Autor], Frankfurt am Main 2006, (Campus-Verl.) ISBN 3-593-37924-4, S. 7 und 49ff
  3. Haseloff, 1959, 171ff
  4. Mitscherlich, 1967, S. 87ff, 100ff und 262-265
  5. Fromm, 1976, S. 111-115, 197, 156