Banlieue

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Banlieue in Behren-lès-Forbach

Banlieue [bɑ̃ˈljø] (weiblich, französisch, von lateinisch bannum leucae, wörtlich: „Bannmeile“, siehe auch Leuge) ist der französische Ausdruck für eine Vorstadt im Sinne der Gesamtheit der Vororte einer Großstadt. Es ist nicht ein einzelner Vorort gemeint. Historisch entstand die Bezeichnung für den Bereich von einer Meile um die Stadt, der noch der städtischen Gerichtsbarkeit unterstand. Seit den 1970er-Jahren jedoch kennzeichnet er vor allem die Randbereiche der großen französischen Städte, in denen oft sowohl der Anteil der Sozialwohnungen in Plattenbauweise als auch der Anteil der Immigranten vergleichsweise hoch sind. Diese Gebiete sind mitunter auch soziale Brennpunkte mit Problemen wie Arbeitslosigkeit, Kriminalität und Drogenkonsum. Sie dienen als Symbol für politische Fehlplanungen und Versäumnisse und sind Inspirationsquelle einer reichen multikulturellen Subkultur (siehe unten).

Doch ist der Begriff auf diese Brennpunkte nicht beschränkt. Auch klein- und großbürgerliche Vororte, oft mit älterer Bausubstanz (darunter vor allem kleinen Einfamilienhäusern mit Garten) prägen die Banlieue. Diese Bereiche wirken ausgesprochen kleinstädtisch und verfügen über eigene, teils historische Ortszentren mit Einkaufsstraßen, einem Marktplatz und zahlreichen kommunalen Einrichtungen. Die Banlieue der meisten französischen Großstädte setzt sich aus einzelnen Kommunen mit unterschiedlichem sozialem Gepräge zusammen. Die Übergänge von einer Kommune zur nächsten sind für den Besucher schwer erkennbar; die Bebauung geht fließend ineinander über.

Entwicklung seit den 1960er- und 1970er-Jahren[Bearbeiten]

Die Hochhaussiedlungen („cités“) entstanden in den 1960er- und 1970er-Jahren, noch während der Wirtschaftsboom-Phase der sogenannten Trente Glorieuses. So sollten preiswerte oder günstige Wohnmöglichkeiten (sogenannte Schlafstädte) für Arbeiter – zum großen Teil Einwanderer – in der Nähe der Industriezentren um Paris und andere Großstädte geschaffen werden. Sie waren funktional und schmucklos, boten aber modernen Komfort, zumal im Vergleich mit den elenden Wohnbedingungen, mit denen bis dahin vor allem viele Zuwanderer aus dem früheren Französisch-Nordafrika vorlieb nehmen mussten, die in Kellerwohnungen, abbruchreifen Häusern oder in Baracken zwischen Schrotthalden etwa am Rand von Paris gehaust hatten.

Als im Zuge des wirtschaftlichen Strukturwandels in den 1970er Jahren zahlreiche Arbeitsplätze in der Industrie wegfielen, „kippten“ viele dieser anfangs recht attraktiven Neubauviertel. Wohlhabendere Familien zogen in bessere Gegenden um, während diejenigen Bevölkerungsschichten, die überdurchschnittlich von jenem Strukturwandel betroffen waren und keine Handlungsspielräume hatten, in diesen Vierteln zurückblieben. Dazu zählen vor allem Arbeitslose und Immigranten sowie deren Nachkommen. Daher konzentrieren sich in jenen Siedlungen bis heute die Probleme der Einwanderungsgesellschaft und der wirtschaftlichen Umwälzungen.

Typische Gestaltung in einer französischen cité: Dominanz von Parkplätzen auf den Freiflächen, geringer Abstand zwischen Verkehrsflächen und Wohngebäuden

Gleichzeitig traten immer mehr Mängel dieser Hochhaussiedlungen offen zutage. Da seinerzeit recht einseitig auf die schnelle Schaffung von billigem Wohnraum gesetzt wurde, fehlen in den meisten dieser Gebiete Freizeit- und Versorgungseinrichtungen. Die Anbindung an Öffentliche Verkehrsmittel ist häufig mangelhaft. Die Gebäude weisen trotz mancher architektonischer Akzente oftmals bauliche Mängel auf und wurden über Jahre hinweg nicht instand gesetzt. Ebenso fallen diese Siedlungen in der Regel durch fehlende städtebauliche Integration und äußerst lieblose Gestaltung ihrer Freiflächen auf.

Die Kommunistische Partei Frankreichs (PCF) hatte einst Wählerhochburgen in den Banlieues; heute werden eher die Sozialisten gewählt, der Anteil der Nichtwähler war in den letzten Jahren ebenfalls sehr hoch.

Die Banlieues gelten in der öffentlichen Meinung sowohl als Zentren der Klein- und Jugendkriminalität als auch als Ursprungsstätte des französischen Hip-Hops.

Es existierten einige Maßnahmen der Regierung (Sozialarbeit) wie auch selbstorganisierte Initiativen wie die sogenannte großen Brüder oder Bärtigen (barbus), junge Muslime, um Jugendlichen in den Banlieues Sinn und Perspektiven vermitteln und sie so etwa von Kriminalität abzuhalten. So entstehen islamische Parallelgesellschaften, die eingehend und mit wissenschaftlichen Methoden im Obin-Bericht (siehe Weblinks) beschrieben werden. Die konservative Partei UMP hatte allerdings nach ihrem Wahlsieg erhebliche Gelder für soziale Maßnahmen gestrichen. Der damalige Innenminister Nicolas Sarkozy ersetzte bürgernahe Polizei (police de proximité) durch gepanzerte Eliteeinheiten (Law and Order). Die Bewohner klagten über ständige Kontrollen, alltäglichen Rassismus und mangelnde Perspektiven für die Jugend.

Die ohnehin angespannte Situation dort eskalierte bei den Unruhen in Frankreich 2005.

In den französischen Vorstädten, die als „zone urbaine sensible“ (sensible urbane Zone) gelten, leben (2012) ca. 4,5 Millionen Einwohner. Die Arbeitslosenquote liegt bei 21 Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit bei 42 Prozent.[1]

Sozialkritik in Literatur, Musik und Film[Bearbeiten]

  • Eine umfangreiche sozialkritische Studie wurde von einem Forscherteam um den Soziologen Pierre Bourdieu 1993 unter dem Titel La misère du monde (Das Elend der Welt) vorgelegt. Sie enthält unter anderem 40 Interviews mit Bewohnern der Banlieues und war die Vorlage für Theaterstücke.
  • Die französische Romanautorin Viviane Forrester beschrieb 1996 in ihrem preisgekrönten Buch Der Terror der Ökonomie die Situation der Jugendlichen in den verarmten Vorstädten:

„Von diesen Verstoßenen, Beiseitegeschobenen, die in das soziale Nichts gestoßen werden, wird das Verhalten pflichtbewusster Bürger erwartet, denen ein staatsbürgerliches Leben mit Pflichten und Rechten versprochen ist. In Wahrheit wurde ihnen doch jede Möglichkeit, irgendeine Pflicht zu erfüllen, genommen, und ihre bereits stark eingeschränkten Rechte werden mit Vergnügen verhöhnt. Welche Trauer, welche Enttäuschung bedeutet es, zu sehen, wie sie die Benimmregeln, den Anstandskodex derer verletzen, von denen sie abgeschoben, geduzt, beiseite gestoßen und, ohne lange zu fragen, verachtet werden! Wie betrüblich, dass sie die guten Manieren einer Gesellschaft, die auf so großzügige Weise ihren Abscheu gegen sie bekundet und ihnen dabei hilft, sich selbst als Außenseiter zu betrachten, nicht übernehmen! Wer nimmt hier wen nicht ernst?“

  • Der Film Hass (La Haine), ein französisches Filmdrama von Mathieu Kassovitz aus dem Jahre 1995, zeigt das trostlose Leben in den Banlieues Frankreichs. Er behandelt das Leben dreier jugendlicher Protagonisten, deren Welt von Hip-Hop, Gewalt, Drogen und Auseinandersetzungen mit der Polizei beherrscht wird. Gleichfalls kritisch, in der Grundtendenz aber optimistischer ist der preisgekrönte französische Film Tee im Harem des Archimedes von Regisseur Mehdi Charef aus dem Jahr 1984.
  • Das 2008 erschienene Musikvideo zu dem Song "Stress" der Band Justice zeigt fünf junge Männer in Kapuzenshirts, die schweigend und ohne die leiseste menschliche Regung Menschen angreifen, auf sie einprügeln oder treten. Sie zerstören Dinge und stehlen zu guter Letzt ein Auto und zünden es an.
  • Der französische Schriftsteller Azouz Begag wirft in seinen Büchern wie Azouz, der Junge vom Stadtrand oder Fast überall einen schonungslosen Blick auf die Alltagswelt im Banlieue.

Sonstiges[Bearbeiten]

Die Soziologin Catherine Wihtol de Wenden gilt als führende Immigrationsforscherin Frankreichs. Sie ist Professorin an der Elitehochschule Science Po, Forschungsdirektorin am Centre national de la recherche scientifique und Beraterin bei der Europäischen Kommission und den Vereinten Nationen.[2]

Literatur[Bearbeiten]

  • Bronner, Luc (2010): La loi du ghetto : Enquête sur les banlieues françaises, Calmann-Lévy, Paris, ISBN 978-2702140833
  • Germes, Mélina und Georg Glasze (2010): Die banlieues als Gegenorte der République. Eine Diskursanalyse neuer Sicherheitspolitiken in den Vorstädten Frankreichs. In: Geographica Helvetica (65 : 217-228) (PDF; 799 kB)
  • Glasze, Georg und Florian Weber (2010): Drei Jahrzehnte area-basierte Stadtpolitik in Frankreich: politique de la ville. Bearbeitung gesellschaftlicher Probleme mittels raumorientierter Ansätze? In: Raumforschung und Raumordnung, 6/2010: 459-470
  • Glasze, Georg; Robert Pütz, Mélina Germes et al. (2012): The Same but not the Same: the Discursive Constitution of Large Housing Estates in Germany, France and Poland. (33) 8: 1192-1211 doi:10.2747/0272-3638.33.8.1192
  • Heenen-Wolff, Susann (1992): Steinhagel gegen die Tristesse. Über den sozialen Protest in französischen Vorstädten. Radio-Feature. Erstausstrahlung: hr2, 24. November 1992.
  • Kollektiv Rage (Hrsg. 2009): Banlieues. Die Zeit der Forderungen ist vorbei. Assoziation A. September 2009 .
  • Lamine, Mahmoud (2009): Explosion der Gewalt. Ein Bericht über die Ghetto-Rebellen in den Vorstädten von Paris. Radio-Feature. Erstausstrahlung: Ö1, 25. April 1992.[3]
  • Weber, Florian, Georg Glasze und Hervé Vieillard-Baron (2012): Krise der Banlieues und die politique de la ville in Frankreich. In: Geographische Rundschau 64 (6): 50-56.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Banlieue – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Stefan Ulrich: Simme der Banlieues – Die Vorstädte, eine Parallelgesellschaft ?; in Süddeutsche Zeitung vom 8. Juni 2012
  2. sueddeutsche.de: 28. November 2007 (Archiv) Siehe auch französische Wikipedia.
  3. Explosion der Gewalt. No Future für Immigrantenkinder, Ö1-Online, abgerufen am 11. Oktober 2009.