Bergjuden

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Bergjüdin mit Kindern, ca. 1900 (Quelle: Jewish Encyclopedia von 1905–1906)

Als Bergjuden (russisch Горские евреи, Gorskije ewrei) bezeichnet man die einheimische jüdische Bevölkerung in Dagestan und Nord-Aserbaidschan, in geringerer Zahl auch in Kabardino-Balkarien, Tschetschenien, der Region Stawropol, sowie in Karatschai-Tscherkessien und der Region Krasnodar.

Die meisten Bergjuden (über 50.000) leben heute als Einwanderer in Israel. Die russische Volkszählung im Jahre 2002 ermittelte nur noch 3394 Bergjuden, die Bürger Russlands sind.

Die Bergjuden sprechen eine iranische Sprache (Juvuri oder Juhuri genannt), die der Sprache der Taten sehr nahesteht. Sie bezeichnen sich selbst als Juhuro (Juvuro im Kuba-Dialekt), was übersetzt „Juden“ bedeutet. Eine alternative Selbstbezeichnung ist Tat. Die jüdische Religion und die jüdischen Bräuche wurden über Jahrhunderte beibehalten und gepflegt.

Herkunft und Geschichte[Bearbeiten]

Die Vorfahren der Bergjuden stammten aus dem alten Persien, wahrscheinlich aus Atropatene, das in vorislamischer Zeit eine große jüdische Minderheit hatte, aus Fars und wohl zuvor aus dem Irak.[1] Erste Siedlungen und die ältesten Synagogen fand man in Derbent in Dagestan, weiter siedelten sie in der Region Quba, im Tabassaranen- Gebiet und am östlichen Ende des Kaukasus. Bis ins 20. Jahrhundert lebten sie auch in der Region Schirwan nördlich der Kura.

Bis heute ist nicht eindeutig geklärt, wann jüdische und nichtjüdische „Taten“ nach Albania bzw. Aran einwanderten. Vermutlich war es eine vorislamische Ansiedlung um 510. Al-Balādhurī berichtete,[2] Chosrau I., der die „Hunnenmauer“ rund um „das verschlossene Tor“ zu einer Befestigungsanlage von 400 km Länge gegen nördliche Steppenvölker ausbaute, hatte an den Befestigungen loyalere zoroastrische und jüdische Bevölkerung angesiedelt.[3] Die Derbenter Lokalgeschichte Darband-nama erklärt genauer, Chosrau habe in Derbent und Umgebung Menschen aus Atropatene und Fars angesiedelt, weiter südlich dagegen Menschen aus Fars und dem Irak.[4] Eine Minderheitsmeinung der historischen Forschung sieht die Zuschreibung der Ansiedlung auf Chosrau I. als Legende und stellte die Hypothese auf, die meisten Taten und Bergjuden seien erst in frühislamischer Zeit in die Region geflüchtet.[5] Diese Minderheitsmeinung wird von den meisten Forschern nicht anerkannt.

Bergjüdische Schulklasse in Quba Anfang 20. Jahrhundert.

Bergjuden wurden vom chasarischen Kagan, der zuvor zum Judentum übergetreten war, aufgenommen und unter Schutz gestellt. In den Bräuchen nichtjüdischer Taten gibt es zoroastrische Überbleibsel.

Muslimische und jüdische „Taten“ galten im zaristischen Russland als wehrhafte Bergvölker.

Holocaust[Bearbeiten]

Als im Zweiten Weltkrieg deutsche Truppen Ende 1942 den nördlichen Kaukasus besetzten und dort einige tausend Bergjuden vorfanden, gab es unter NS-Autoritäten (darunter Theodor Oberländer) Diskussionen über die Frage, ob diese ihnen bis dahin kaum bekannte Minderheit nach Bekenntnis oder auch nach Rassekriterien als jüdisch einzustufen war. Mehrere hundert Bergjuden wurden bis zum Rückzug der Deutschen 1943 ermordet. So wurden am 19. August und am 20. September 1942 850 Bergjuden in der Nähe von Mosdok (Kolchosen Bogdanovka und Menžinskoe) ermordet, weitere 1000 fielen den Deutschen im Oktober 1942 in Naltschik in die Hände, die zum Tragen des Judensterns und zur Zwangsarbeit gezwungen wurden.[6] Die Mehrzahl blieb jedoch von der planmäßigen Vernichtung verschont. Allerdings lebten die meisten Bergjuden in Süd-Dagestan und Nord-Aserbaidschan, Regionen, die die Wehrmacht nicht erreicht hatte.

Entwicklung nach 1990[Bearbeiten]

Anfang der 1990er Jahre wurden einige der in der Kleinstadt Qırmızı Qəsəbə (russisch: Krasnaja Sloboda, deutsch: Rote Siedlung) aufgewachsenen Bergjuden wie Telman Mardanowitsch Ismailow, Sarach Ilijew oder God Nisanow auf den neu entstandenen Moskauer Märkten, wie dem Tscherkisowoer Markt tätig und wurden im Laufe der Jahre durch ihre Geschäfte reich. Heute beherrschen sie einen Teil der Moskauer Einkaufszentren und besitzen in Moskau Immobilien, so zum Beispiel das im stalinistischen Zuckerbäckerstil errichtete Hotel Ukraina. Eine Verbundenheit zu ihrer Heimat besteht weiter, was sich in der Qualität der Straßen, der jüdischen Friedhöfe, der neuen Synagoge Bet Knesset und dem Äußeren der Häuser in Krasnaja Sloboda zeigt.[7]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Kiril Feferman: Nazi Germany and the Mountain Jews. Was There a Policy? In: Holocaust Genocide Studies, Bd. 21 (2007), S. 96–114, ISSN 8756-6583.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Bergjuden – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. Artikel „Tat“ in der Enzyklopädie des Islam erste Ausgabe, Leiden 1903– 36 von Wladimir Minorski- ihre alte Tradition, die Synagogen nach Westen, statt nach Jerusalem auszurichten, spricht für eine zuvor weit südlichere Herkunft, auch ihre Aussprache des Tatischen spricht für ein ehemaliges Siedlungsgebiet im arabischsprachigen Raum und ist nicht durch aramäische oder hebräische Spracheinflüsse erklärbar
  2. Baladhuri, S.194
  3. Emanuel Sarkisyanz: Geschichte der orientalischen Völker Russlands bis 1917. München 1961, s. 144
  4. Darband-nama. Druckausgabe v. Aleksandr K. Kazembek (französisch), St. Petersburg 1851, S. 461
  5. Diese These vertrat zuerst Heinrich Julius Klaproth der argumentierte, die von Chosrau I. angesiedelten seien vielmehr Tabassaranen und christliche Armenier und Udinen gewesen.
  6. Kiril Feferman: „Nazi Germany and the Mountain Jews: Was There a Policy?“, in: Richard D. Breitman (Hrsg.): Holocaust and Genocide Studies Volume 21 Spring 2007, Oxford University Press, Seiten 96-114.
  7. Marktwirtschaft am Anfang in: FAZ vom 11. April 2011, Seite 16