Derbent

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Derbent (Begriffsklärung) aufgeführt.
Stadt
Derbent
Дербент
Wappen
Wappen
Föderationskreis Nordkaukasus
Republik Dagestan
Stadtkreis Derbent
Bürgermeister Imam Jaralijew (kommissarisch)
Stadt seit 1840
Fläche 70 km²
Bevölkerung 119.200 Einwohner
(Stand: 14. Okt. 2010)[1]
Bevölkerungsdichte 1703 Einwohner/km²
Höhe des Zentrums m
Zeitzone UTC+3
Telefonvorwahl (+7)87271
Postleitzahl 36860x
Kfz-Kennzeichen 05
OKATO 82 410
Website www.derbent.ru
Geographische Lage
Koordinaten 42° 4′ N, 48° 17′ O42.06666666666748.2833333333330Koordinaten: 42° 4′ 0″ N, 48° 17′ 0″ O
Derbent (Europäisches Russland)
Red pog.svg
Lage im Westteil Russlands
Derbent (Republik Dagestan)
Red pog.svg
Lage in Dagestan
Liste der Städte in Russland

Derbent (russisch Дербе́нт; aserbaidschanisch Dərbənd; lesgisch Кьвевар; persisch ‏دربند‎, Darband; darginisch Tschulli; auch auf arabisch ‏باب الأبوابBāb al-ʾAbwāb, „Tor der Tore“ und auf aserbaidschanisch Dəmirqapı, „Eiserne Pforte“) ist die südlichste und zugleich älteste Großstadt Russlands. Sie liegt am südlichen Rand der russischen Teilrepublik Dagestan und hat 119.200 Einwohner (Stand 14. Oktober 2010)[1]. Der Name Derbent kommt aus dem Persischen und bedeutet „Verschlossenes Tor“.[2]

Geografie[Bearbeiten]

Der Ort liegt am Kaspischen Meer nahe der Grenze zu Aserbaidschan. Er besitzt einen Seehafen und liegt entlang der Verkehrsverbindung von Russland nach Aserbaidschan und weiter in den Iran.

Als das „Tor von Derbent“ (oft auch als „Flaschenhals“ bezeichnet) ist seit der Antike der Küstenstreifen zwischen Kaukasus und Kaspischem Meer bekannt. Dieser ist seit jeher eine bequeme Handelsroute vom Nordkaukasus nach Vorderasien. Mehrmals war er auch das Einfallstor für russische Armeen nach Persien. An der mit drei Kilometern schmalsten Stelle liegt Derbent.

Das natürliche Bodenrelief bot der Siedlung sicheren Schutz. Der Hügel, auf dem Derbent errichtet wurde, wird im Osten vom Meer und im Südwesten von einer tiefen Schlucht und dem Steilhang des Hügels begrenzt.

Geschichte[Bearbeiten]

In der Gegend um Derbent ließen sich bronzezeitliche Siedlungen nachweisen (Kajakent und Dschemikent), in der Stadt selbst gehen die Spuren nur bis ins 1. Jahrtausend v. Chr. zurück. Die erste befestigte Siedlung entstand Ende des 8. und Anfang des 7. Jahrhunderts v. Chr. auf der Kuppe des Hügels. Sie war bereits mehr als vier Hektar groß und kontrollierte den Durchgang zwischen Gebirge und Meer. Die Entstehung von Befestigungen hängt vermutlich mit den zunehmenden Raubzügen der Skythen über den Kaukasus nach Vorderasien zusammen.

Reste der Derbenter Festung im Winter

Obwohl die Stadt häufig überfallen wurde, wie archäologische Funde nahelegen, konnte Derbent gedeihen und sich ausdehnen. In der zweiten Hälfte des 1. Jahrtausends v. Chr. hatte die Stadt eine Fläche von immerhin 15 ha. Damals gehörte sie zum Kaukasischen Albanien, einem Staat, der im 8. Jahrhundert v. Chr. im Ostkaukasus entstanden war. Mit den Kriegszügen des Pompeius in Kleinasien gegen den pontischen König Mithridates VI. wuchs bei den Römern die Kenntnis von und auch das Interesse an Derbent. Kaiser Nero plante im 1. Jahrhundert n. Chr. einen Feldzug nach Derbent, der dann aber wegen innenpolitischer Ereignisse abgesagt werden musste.

In den ersten Jahrhunderten des 1. Jahrtausends n. Chr. stieg Derbent zum wichtigsten Handelszentrum des Kaukasischen Albaniens auf. Strabon berichtet von Kamel-Karawanen, die mit indischen und babylonischen Waren über Derbent nach Sarmatien zogen. Mit der beginnenden Völkerwanderung ließen sich Sarmaten und Alanen in der Region von Derbent nieder. Gegen Ende des 4. Jahrhunderts wurden nördlich von Derbent auch die Hunnen sesshaft.

Währenddessen war im 3. Jahrhundert n. Chr. in Vorderasien ein neuer mächtiger Staat, das Sassanidenreich, entstanden. Dieser dehnte nach Siegen über Römer und Armenier seine Macht auf Transkaukasus aus. Erste Versuche, die Region von Derbent zu unterwerfen (insbesondere unter Schapur I., 240 bis 272) schlugen jedoch fehl. In der Mitte des 4. Jahrhunderts konnten die Sassaniden ihren Einfluss auf den Kaukasus jedoch verstärken, so dass sie Ende des Jahrhunderts auch Derbent kontrollierten.

Mitte des 5. Jahrhunderts bauten die Sassaniden die Befestigungen Derbents aus, die zum einzigen passierbaren Durchgang eines langen Mauersystems gegen die nördlichen Steppennomaden wurde[3] und erhielt in sassanidischer Zeit seinen persischen Namen. Die teilweise 4 m dicken und 18 m hohen Steinmauern sind bis heute erhalten geblieben. Insgesamt betrug die ummauerte Fläche 150 ha, und obwohl in sassanidischer Zeit nicht das gesamte Areal besiedelt war, war Derbent eine für das Frühmittelalter ungewöhnlich große Stadt. Zudem war sie nach Plan ausgebaut und verfügte über eine Wasserleitung. Handel und Handwerk florierten in der Stadt.

Im Jahr 642 eroberten die Araber Derbent erstmals, 654 erneut, wurden jedoch von den Chasaren wieder verdrängt. Der Krieg zwischen den Chasaren und Arabern zog sich lange hin, doch im Jahr 728 konnten die Araber Derbent einnehmen und halten. Unter dem arabischen Feldherrn Maslama wurde eine Freitagsmoschee errichtet. Die Einheimischen nahmen den Islam an, und Derbent entwickelte sich zu einem bedeutenden Zentrum des Islam im Kaukasus.

Blick auf Derbent

Eine der wichtigsten Quellen für die Geschichte Derbents im Mittelalter ist das anonyme arabische Geschichtswerk Taʾrīch Bāb al-Abwāb ("Geschichte von Derbent"). Es ist nicht selbständig erhalten, sondern nur in Zitaten bei dem osmanischen Geschichtsschreiber Müneccimbaşı (17. Jahrhundert), die Wladimir Minorski 1958 ediert und übersetzt hat. Aus diesem Werk geht hervor, das im Jahre 869 Hāschim ibn Surāqa, ein Araber aus dem Stamm der Banū Sulaim, Herrscher von Derbent wurde und sich von den Abbasiden unabhängig machte. Seine Nachkommen, die sogenannten Hāschimiden, herrschten bis 1077 über die Stadt und ihr Umland.[4] Die Hāschimiden bauten Derbent weiter aus, erneuerten beschädigte Gebäude und schufen neue, u. a. Gebetshäuser. Im 10. Jahrhundert übertraf die Stadt bereits Tiflis und Ardabil an Größe.

Die Freitagsmoschee in Derbent
Kaspische Tore

Anfang des 13. Jahrhunderts fielten die Mongolen im Kaukasus ein. 1222 eroberten sie Derbent, hielten es jedoch erst ab 1239 besetzt. Viele Denkmäler der Stadt wurden zerstört. 1395 ließ Timur Lenk Derbent verwüsten und niederbrennen. Auch in den folgenden Jahrhunderten hatte Derbent unter ständiger Eroberung und Zerstörung zu leiden. Die mongolischen Nachfolgereiche wurden von den Persern abgelöst, deren Herrschaft aber wiederum 1578–1606 durch die Osmanen und 1723–35 durch die Russen unterbrochen.

1735 wurde es Hauptstadt des Khanats Derbent, eines Khanats unter persischer Oberhoheit, 1796 wurde es im Russisch-Persischen Krieg von den Russen besetzt und im Vertrag von Gulistan 1813 endgültig dem Russischen Reich zugesprochen.

Derbent galt als Zentrum der jüdischen Bevölkerung Dagestans - die Tat sprechenden Bergjuden stellten hier nach den Aserbaidschanern die größte Bevölkerungsgruppe. Nach dem Zerfall der Sowjetunion emigrierten die meisten Bergjuden nach Israel.

Bevölkerungsentwicklung[Bearbeiten]

Jahr Einwohner
1897 14.649
1939 34.052
1959 47.318
1970 57.192
1979 69.575
1989 78.371
2002 101.031
2010 119.200

Anmerkung: Volkszählungsdaten

Wirtschaft[Bearbeiten]

Die wichtigsten Wirtschaftszweige sind heute der Maschinenbau und die Textilindustrie, eine wichtige Rolle spielt der Fischfang.

Derbent war im 19. Jahrhundert ein bedeutendes Zentrum des Färberkrapp-Anbaus. Als nach der erstmaligen Laborsynthese von Alizarin im Jahre 1869 bald auch künstlicher Krappfarbstoff nach Russland eingeführt wurde, kam der Krappanbau um Derbent völlig zum Erliegen, wonach es hier zu großen wirtschaftlichen Verlusten kam.

Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten]

Derbent steht seit 2003 auf der Liste des UNESCO-Weltkulturerbes, sehenswert sind seine Festung sowie die von Stadtmauern umgebene Altstadt mit der Zitadelle, Bädern, Zisternen und Moscheen.

Bildung[Bearbeiten]

In der Stadt vorhandene weiterführende Bildungseinrichtungen sind:

  • Derbenter Geisteswissenschaftliches Institut
  • Derbenter Institut für Kunst und Kultur
  • Filiale der Dagestanischen Staatlichen Universität
  • Filiale der Moskauer Staatlichen Universität für Ökonomie, Statistik und Informatik Derbent
  • Filiale der Staatlichen Pädagogischen Universität Dagestan
  • Filiale des Moskauer Instituts für Unternehmertum und Recht

Transport[Bearbeiten]

Derbent befindet sich an der Bahnlinie nach Baku. Es gibt direkte Züge unter anderem nach Moskau, Astrachan, Baku, Grosny, Rostow am Don und nach Brest in Weißrussland.

Zur Zeit der Sowjetunion existierte ferner eine direkte Bahnverbindung nach Tiflis. Mit der dagestanischen Hauptstadt Machatschkala ist Derbent durch Vorortszüge verbunden, die zwei- bis dreimal täglich fahren. Der übrige öffentliche Verkehr wird vor allem durch Sammeltaxis (Marschrutkas) abgedeckt.

Der nächstgelegene Flughafen befindet sich in Machatschkala.

Söhne und Töchter der Stadt[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Vladimir Minorsky: A History of Sharvan and Darband in the 10th-11th Centuries. Cambridge 1958.
  • Wladimir I. Markowin und Rauf M. Muntschajew: Kunst und Kultur im Nordkaukasus, Leipzig 1988, ISBN 3-363-00361-7

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Derbent – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Itogi Vserossijskoj perepisi naselenija 2010 goda. Tom 1. Čislennostʹ i razmeščenie naselenija (Ergebnisse der allrussischen Volkszählung 2010. Band 1. Anzahl und Verteilung der Bevölkerung). Tabellen 5, S. 12–209; 11, S. 312–979 (Download von der Website des Föderalen Dienstes für staatliche Statistik der Russischen Föderation)
  2. Artikel in der EIr
  3. Artikel in der EIr viertletzter Absatz
  4. Vgl. Minorsky 20, 41.