Gerhard Besier

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Gerhard Besier, 3. Juni 2009

Gerhard Besier (* 30. November 1947 in Wiesbaden) ist ein deutscher evangelischer Theologe und Historiker mit Schwerpunkten in Kirchengeschichte und europäische Zeitgeschichte. Vor allem seine drei Bände zu Der SED-Staat und die Kirche (1993–1995) sind Standardwerke zur Aufarbeitung der Geschichte der DDR. Sein derzeitiger Forschungsschwerpunkt ist die Geschichte der Kirchen im 20. Jahrhundert.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Leben

Besier begann 1968 ein Studium der evangelischen Theologie und bestand 1973 das Erste theologische Examen. Er wurde Assistent des Tübinger Kirchenhistorikers Klaus Scholder, promovierte 1976 bei ihm zum Dr. theol., empfing 1977 die Ordination und legte 1978 das Zweite theologische Examen ab. Ein parallel absolviertes Zweitstudium der Psychologie schloss er 1980 mit der Diplomprüfung ab.

Nach der Habilitation im Fach Kirchengeschichte (1982) und einer weiteren Promotion (1986 in Geschichtswissenschaften am Friedrich-Meinecke-Institut der FU Berlin) sowie Tätigkeiten als Lehrbeauftragter an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg und als Rektor des Religionspädagogischen Instituts Loccum folgte er 1987 einem Ruf der Humboldt-Universität Berlin auf den Lehrstuhl für Neuere und Neueste Kirchengeschichte.

1992 wurde Besier auf den Lehrstuhl für Historische Theologie an der Universität Heidelberg berufen. 2003 wechselte er zur Technischen Universität Dresden, wo er als Professor für Totalitarismusforschung und Direktor des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung (HAIT) tätig war. Da sein Vertrag vom Kuratorium des HAIT im Jahre 2008 nicht verlängert wurde, lehrt Besier seither als Professor für Europastudien an der TU Dresden.[1]

1997/98 erhielt Besier für seine Arbeit „Gespaltene Kirchen im totalen Staat, 1934-1939“ das Forschungsstipendium des Historischen Kollegs. Im Mai 2009 verlieh ihm die Universität Lund (Schweden) für seine außerordentlichen Leistungen auf den Gebieten der Geschichte und Kirchengeschichte sowie aufgrund seines Engagements für Religionsfreiheit in Europa die Ehrendoktorwürde. Besier ist Gastprofessor in den USA, in Polen und in Schweden sowie Herausgeber der Zeitschrift Kirchliche Zeitgeschichte.

[Bearbeiten] Kontroversen

Schon mit der Veröffentlichung seines Buchs Der SED-Staat und die Kirche - Der Weg in die Anpassung wurde Besier von anderen Kirchenhistorikern kritisiert. Das Buch, das auf Forschungen aus den Unterlagen der Stasi basierte, beschuldigte Karl Barth und andere Vertreter des Bruderrats aus der Bekennenden Kirche, sowie deren Anhänger in der folgenden Generation, dass sie aus einer linkspolitischen Motivation heraus zur Zusammenarbeit mit einem totalitären Staat bereit waren.[2] Anlass für Kritik war seine Methodik, da die Unterlagen der SED ihrer Natur nach nur Zusammenarbeit dokumentieren können, nicht aber Motivationen oder weitere Tätigkeiten.

Besier blieb auch später wegen seines Engagements für Religionsfreiheit weiterhin umstritten. Er setzt sich auch für Gruppen ein, denen die deutsche Rechtsordnung den Status einer Religionsgemeinschaft nicht zuerkennt. So hat er sich unter anderem für die Church of Scientology eingesetzt, indem er im September 2003 bei der Eröffnung eines Büros dieser Organisation in Brüssel eine Rede hielt, in der er die Ansicht vertrat, diese Kirche stünde „in der ersten Reihe derjenigen, die für die Akzeptanz von religiösem Pluralismus kämpfen“.[3] Einige Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, darunter Freimut Duve, Daniel Cohn-Bendit und Antonia Grunenberg, forderten daraufhin vom Hannah-Arendt-Institut, dass es sich von seinem Direktor distanzieren solle.[4]

Einige Kollegen Besiers kritisierten dessen Amtsenthebung nach einem Misstrauensvotum der Mitarbeiter sowie öffentlicher Kritik. Der Historiker Jürgen Kocka sieht den wahren Grund dafür darin, dass Besier, einst Wunschkandidat der CDU, sich konsequent einer „politischen Indienstnahme verweigert“ habe. Der Theologe Klaus Berger vertritt die Auffassung, dass die Scientology-Affäre nur als Vorwand diene: „Kollege Besier [hat] sich durch drei Dinge Feinde gemacht: Er hat es gewagt, das Verhalten der deutschen Christentümer unter den beiden Diktaturen des 20. Jahrhunderts zu erforschen, und er hat Fragen zum Thema Religionsfreiheit in Deutschland aufgeworfen.“[5] Besiers Vertrag mit dem Hannah-Arendt-Institut lief 2008 aus und wurde, wegen seiner speziellen Sicht der Religionsfreiheit in Deutschland, nicht verlängert.[6] Sowohl Besiers Mitarbeiter am Hannah-Arendt-Institut als auch die Professoren am Historischen Institut der TU Dresden haben sich inzwischen von ihm distanziert.[7] Als Besiers Nachfolger wurde Günther Heydemann berufen.

Besier gehört seit April 2009 der Partei Die Linke an und wurde im Juni desselben Jahres als Mitglied von deren Kompetenzteam in Sachsen für die Bereiche Wissenschaft und Religion vorgestellt. Gleichzeitig erklärte er sich bereit, seine Erfahrung auch durch eine Kandidatur für den Sächsischen Landtag einzubringen.[8] Inzwischen hat ihn die Partei DIE LINKE auf einen aussichtsreichen Listenplatz für die Landtagswahl nominiert.[9]

[Bearbeiten] Schriften

  • Seelsorge und Klinische Psychologie. Defizite in Theorie und Praxis der Pastoralpsychologie. Göttingen 1980, ISBN 3-525-62182-5
  • Preußische Kirchenpolitik in der Bismarckära. 1980.
  • Protestantische Kirchen Europas im Ersten Weltkrieg. 1984.
  • Der SED-Staat und die Kirche. Der Weg in die Anpassung. München 1993, ISBN 3-570-02080-0
  • Der SED-Staat und die Kirche 1969–1990. Die Vision vom „dritten Weg“. Berlin und Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-549-05454-8
  • Der SED-Staat und die Kirche 1983–1991. Höhenflug und Absturz. Berlin und Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-549-05455-6
  • Christliche Hoffnung, Weltoffenheit, Gemeinsames Leben. Gelbe Mammuts auf dem Berg. Brunnen, 1998 (zusammen mit Christl Ruth Vonholdt und Hermann Klenk)
  • Die neuen Inquisitoren. Religionsfreiheit und Glaubensneid. Zürich 1999, Teil 1: ISBN 3-720-15277-4, Teil 2: ISBN 3-720-15278-2
  • Die Rufmordkampagne. Kirchen & Co vor Gericht. Bergisch Gladbach 2002, ISBN 3-929-35119-6
  • Konzern Kirche. Das Evangelium und die Macht des Geldes. Hänssler Verlag, 2002, ISBN 3-775-12858-1
  • Der Heilige Stuhl und Hitler-Deutschland: Die Faszination des Totalitären. München 2004, ISBN 3-421-05814-8
  • Religionsfreiheit und Konformismus. Über Minderheiten und die Macht der Mehrheit. Lit. Verlag, Münster 2004, ISBN 3-825-87654-3
  • Das Europa der Diktaturen. Eine neue Geschichte des 20. Jahrhunderts. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2006, ISBN 3-421-05877-6
  • Im Namen der Freiheit. Die amerikanische Mission. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2006, ISBN 978-3-525-36734-6
  • Totalitarianism and Liberty. Hannah Arendt in the 21st Century. Ksiegarnia Akademicka, Krakau 2008, ISBN 978-83-7188-057-5 (zuasammen mit Katarzyna Stoklosa und Andrew Wisley)

[Bearbeiten] Weblinks

[Bearbeiten] Fußnoten

  1. Europastudien
  2. http://www.humanist.de/kultur/literatur/religion/besier2.html
  3. Richard Herzinger: Farcen gibt es immer wieder. In: Die Zeit, 24. Juni 2004.
  4. Presseerklärung des Hannah Arendt Zentrums Oldenburg.
  5. Kocka und Berger in Leserbriefen in der Süddeutschen Zeitung vom 19. April 2007
  6. Franziska Augstein: Die neueste Entlassung. Das Hannah-Arendt-Institut trennt sich von seinem Direktor. In: Süddeutsche Zeitung. 7. April 2007, S. 13.
    Nachwirkungen des Scientology-Eklats?, Der Tagesspiegel, 5. April 2007
  7. lt. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 21. April; Spiegel vom 7. Mai 2007
  8. Pressekonferenz der Partei Die Linke am 3. Juni 2009
  9. Liste der Partei DIE LINKE für die Landtagswahl 2009
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