Bulawa (Rakete)

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Bulawa (Rakete)

Bulawa-Varianten
Bulawa-Varianten

Allgemeine Angaben
Typ: Interkontinentalrakete (SLBM)
Heimische Bezeichnung: RSM-56 Bulawa
NATO-Bezeichnung: SS-N-32
Herkunftsland: RusslandRussland Russland
Hersteller: Moskauer Institut für Wärmetechnik und Nadiradse
Entwicklung: 1992
Indienststellung: 2013 (geplant)
Einsatzzeit: 20-25 Jahre
Technische Daten
Länge: 11,50 m (ohne Sprengkopfsektion)
Durchmesser: 2.000 mm
Gefechtsgewicht: 36.800 kg
Antrieb:
Erste Stufe:
Zweite Stufe:
Dritte Stufe:

Feststoffraketentriebwerk
Feststoffraketentriebwerk
Flüssigtreibstoff
Reichweite: 6.500-10.000 km
Ausstattung
Lenkung: Trägheitsnavigationsplattform, Astronavigation
Gefechtskopf: 6-10 MIRV Nukleargefechtsköpfe mit je 150 kt
Waffenplattformen: U-Boot
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Bulawa (russisch Булава; russisch für Streitkolben, fälschlicherweise auch als Keule[1] übersetzt) (NATO-Code: SS-N-32; GRAU-Index: 3M30) ist eine U-Boot-gestützte ballistische Interkontinentalrakete (SLBM) aus russischer Produktion. Der Systemindex der Russischen Streitkräfte lautet RSM-56 Bulawa.

Entwicklung[Bearbeiten]

Die Systementwicklung begann kurz nach dem Zerfall der Sowjetunion im Jahr 1992. Für die Entwicklung der Bulawa wurden viele Komponenten der Interkontinentalrakete Topol-M (RS-12PM) übernommen. Das Entwicklungsprogramm des Moskauer Institut für Wärmetechnik (MITT) verzögerte sich gegenüber den ursprünglichen Planungen allerdings um bis zu fünf Jahre. Der Beschluss über die Entwicklung der Bulawa wurde 1998 von Wladimir Kurojedow, Oberbefehlshaber der russischen Seestreitkräfte, nach drei fehlgeschlagenen Tests der interkontinentalen ballistischen Testfeststoffrakete „Bark“ gefasst. Am 27. Dezember 2011 erklärte der russische Präsident Dmitri Medwedjew die Bulawa-Tests für abgeschlossen und informierte über die Einführung der Rakete in die seegestützten strategischen Kernwaffenkräfte Russlands.[2]

Technik[Bearbeiten]

Die SS-N-30 ist eine dreistufige SLBM (Submarine Launched Ballistic Missile - Ballistische U-Boot-Rakete), deren erste und zweite Stufe mit einem Feststoffraketentriebwerk und die dritte Stufe mit Flüssigkeitsraketentriebwerk ausgestattet ist. Die dritte Stufe soll dabei die nötige Geschwindigkeit beim Abtrennen der Sprengköpfe und eine bessere Manövrierfähigkeit bieten. Die Steuerung der SS-N-30 erfolgt mittels einer Trägheitsnavigationsplattform sowie mit einem elektrooptischen System zur Astronavigation. Es wird eine Präzision (CEP) von unter 350 m erreicht. Die Lenkwaffen können aus dem aufgetauchten oder aus dem getauchten U-Boot verschossen werden.

Mit der Bulawa lassen sich sämtliche strategische Ziele, wie gehärtete Raketensilos und unterirdische Kommandobunker bekämpfen. US- und NATO Experten sehen die Bulawa als Erstschlagswaffe, mit der aber auch ein erfolgreicher Zweitschlag geführt werden kann.

Testreihen[Bearbeiten]

Die Serie fehlgeschlagener Tests rief besonders 2009 in Russland unter Fachleuten eine Diskussion über die Ausrichtung des strategischen Rüstungsprogramms hervor.[3] Diese verschärfte sich, nachdem der abgebrochene Oktobertest am 9. Dezember 2009 nachgeholt wurde und durch eine Fehlfunktion der dritten Raketenstufe erneut scheiterte.[4]

Bulawa-M-Raketen sollten ursprünglich bereits 2009 bei der russischen Marine eingeführt werden.[5] Auch eine mobile, fahrzeuggebundene Ausführung ist geplant. Die Bulawa soll die Hauptbewaffnung der neuen U-Boote der Borei-Klasse (Projekt 955) werden. Jedes dieser U-Boote kann mit 16 R-30 Lenkwaffen bestückt werden. Sämtliche Tests auf der neuen U-Boot-Klasse von Juni bis Dezember 2011 mit dem Boot K-535 Juri Dolgoruki verliefen erfolgreich. Ende Dezember 2011 erklärte Russlands Präsident Dmitri Medwedew, dass die Testphase abgeschlossen sei und die neuen Raketen in der nächsten Zeit in Betrieb genommen werden sollen.[1]

Zeittafel der Testreihen[Bearbeiten]

Datum Ergebnis Position U-Boot Anmerkungen
24. Juni 2004 Gescheitert Start am Boden Das Feststoffraketentriebwerk explodierte kurz nach dem Test am Boden.
01 23. September 2004 Erfolgreich Aufgetaucht TK-208 Dmitri Donskoi
der Typhoon-Klasse (Projekt 941)
Die Rakete wurde vom Atom-U-Boot abgefeuert und erreichte eine Höhe von 40 Metern
02 27. September 2005 Erfolgreich Aufgetaucht TK-208 Dmitri Donskoi Erster Flugtest, bei dem in 14 Minuten mehr als 5.500 km zurückgelegt wurden. Die Test-Gefechtsköpfe gingen dabei zielgenau nieder.
03 21. Dezember 2005 Erfolgreich Getaucht TK-208 Dmitri Donskoi Erster Start aus einem getauchten U-Boot. Die Rakete erreichte zielgenau das Testgelände Kura auf der Halbinsel Kamtschatka.
04 7. September 2006 Gescheitert Getaucht TK-208 Dmitri Donskoi Die Rakete wich nach dem Start aufgrund eines Programmierfehlers von ihrer vorgegebenen Flugbahn ab und stürzte ins Weiße Meer.
05 25. Oktober 2006 Gescheitert Getaucht TK-208 Dmitri Donskoi Die Rakete wich erneut nach dem Start im Weißen Meer von ihrer vorgegebenen Flugbahn ab und löste den Selbstzerstörungsmechanismus aus.
06 24. Dezember 2006 Gescheitert Aufgetaucht TK-208 Dmitri Donskoi Rund drei Minuten nach dem Start startet die dritte Stufe mit dem Flüssigtreibstoff nicht und die Rakete leitete ihre Selbstzerstörung ein.
07 29. Juni 2007 Erfolgreich Getaucht TK-208 Dmitri Donskoi Zweiter erfolgreicher Start aus einem getauchten U-Boot. Die Rakete erreichte zielgenau das Testgelände Kura auf der Halbinsel Kamtschatka.
08 18. September 2008 Erfolgreich Getaucht TK-208 Dmitri Donskoi Start um 18:45 Uhr Ortszeit und erfolgreicher Einschlag auf dem Testgelände Kura auf der Halbinsel Kamtschatka um 19:05 Uhr.
09 28. November 2008 Erfolgreich Getaucht TK-208 Dmitri Donskoi Erneut erfolgreicher Start aus einem getauchten U-Boot. Die Rakete erreichte zielgenau wieder das Testgelände Kura auf der Halbinsel Kamtschatka.
10 23. Dezember 2008 Gescheitert Getaucht TK-208 Dmitri Donskoi Erneut startete die dritte Stufe nicht und die Rakete leitete ihre Selbstzerstörung ein.
11 15. Juli 2009 Gescheitert Getaucht TK-208 Dmitri Donskoi Kurz nach dem Start im Weißen Meer versagte das Steuerungssystem der ersten Stufe und die Rakete leitete die Selbstzerstörung ein. Ein weiterer geplanter Test im Oktober 2009 wurde kurzfristig abgesagt.
12 9. Dezember 2009 Gescheitert Getaucht TK-208 Dmitri Donskoi Erneut instabile Arbeit der dritte Stufe und die Rakete leitete ihre Selbstzerstörung ein.
13 7. Oktober 2010 Erfolgreich Getaucht TK-208 Dmitri Donskoi Erneut erfolgreicher Start aus einem getauchten U-Boot. Die Rakete erreichte zielgenau wieder das Testgelände Kura auf der Halbinsel Kamtschatka.
14 29. Oktober 2010 Erfolgreich Getaucht TK-208 Dmitri Donskoi Erneut erfolgreicher Start aus dem Weißen Meer. Die Rakete erreichte zielgenau das Testgelände Kura auf der Halbinsel Kamtschatka.
15 28. Juni 2011 Erfolgreich Getaucht K-535 Juri Dolgoruki Erfolgreicher Start aus dem Weißen Meer. Die Rakete erreichte zielgenau das Testgelände Kura auf der Halbinsel Kamtschatka.
16 27. August 2011 Erfolgreich Getaucht K-535 Juri Dolgoruki Erfolgreicher Start aus dem Weißen Meer. Die zwei MIRV-Gefechtsköpfe erreichten das Zielgebiet im Pazifik nach einem Flug von rund 9.000 km.
17 28. Oktober 2011 Erfolgreich Getaucht K-535 Juri Dolgoruki Erfolgreicher Start aus dem Weißen Meer. Die Gefechtsköpfe erreichten das Zielgebiet im Pazifik nach einem Flug von rund 9.000 km.[6]
18 23. Dezember 2011 Erfolgreich Getaucht K-535 Juri Dolgoruki Erfolgreicher Salvenstart zweier Raketen aus dem Weißen Meer. Die Gefechtsköpfe erreichten das Zielgebiet auf dem Testgelände Kura auf der Halbinsel Kamtschatka.[7]
19 6. September 2013 Gescheitert Getaucht K-550 Alexander Newski Zwei Minuten nach dem Start im Weißen Meer kam es zu Problemen in den Bordsystemen und die Rakete leitete ihre Selbstzerstörung ein. Weitere geplante Tests wurden daraufhin von Verteidigungsminister Sergei Kuschugetowitsch Schoigu vorerst untersagt.[8]
20 10. September 2014 Erfolgreich Getaucht K-551 Wladimir Monomach Erfolgreicher Start aus dem Weißen Meer. Die Gefechtsköpfe erreichten zielgenau das Testgelände Kura auf der Halbinsel Kamtschatka.[9]
21 29. Oktober 2014 Erfolgreich Getaucht K-535 Juri Dolgoruki Erfolgreicher Start aus der Barentssee. Die Gefechtsköpfe erreichten zielgenau das Testgelände Kura auf der Halbinsel Kamtschatka.[10]
22 28. November 2014 Erfolgreich Getaucht K-550 "Aleksander Newski" Erfolgreicher Start aus der Barentssee. Die Gefechtsköpfe erreichten zielgenau das Testgelände Kura auf der Halbinsel Kamtschatka.[11]

Sonstiges[Bearbeiten]

Eine Fehlzündung der dritten Stufe einer Bulawarakete soll am 9. Dezember 2009 für ein spektakuläres, spiralförmiges Lichtphänomen über Norwegen verantwortlich gewesen sein.[12][13]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Jane’s strategic weapon systems. Jane’s Edition. Jane’s Information Group, Coulsdon 2006, ISSN 0958-6032
  • SS-NX-30 (Bulawa). Defense Threat Informations Group, 2006.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Erfolgreicher Test: Russland will Atom-Keule 2012 in Betrieb nehmen. Spiegel Online, 27. Dezember 2011
  2. Medwedew: Bulawa-Tests abgeschlossen – Rakete wird in Bewaffnung aufgenommen. RIA Novosti, 27. Dezember 2011; abgerufen am 27. Dezember 2011.
  3. Michael Schwirtz: Russian Weapon Is in Need of Rescue . In: New York Times, 16. Juli 2009.
  4. Explodierte Rakete blamiert Russlands Militär. Spiegel Online, 10. Dezember 2009
  5. Russia will adopt new Bulava-M submarine-based ballistic missiles for service with the Navy. (englisch)
  6. russianforces.org
  7. Залповый пуск баллистической ракеты морского базирования “Булава” произведен успешно. FLOT.ru, 26. Dezember 2011; abgerufen am 26. Dezember 2011. (russisch, „Salvenstart der seegestützten ballistischen Rakete ‚Bulawa‘ erfolgreich durchgeführt“)
  8. de.rian.ru
  9. russianforces.org
  10. russianforces.org, Zugriff: 3. November 2014
  11. [1]
  12. Strange ‘Norway spiral’ likely an out-of-control missile. In: New Scientist, 10. Dezember 2009. Archiviert vom Original am 13. Dezember 2009. Abgerufen am 3. Februar 2014. 
  13. Norwegian spiral anomaly of 2009 in der englischsprachigen Wikipedia