Sowjetische Marine

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Sowjetische Marine
Военно-Морской Флот СССР
20 let RKKA. Matros.jpg
Sondermarke - 20 Jahre Rote Armee (Marine)
Aktiv 1918 bis 21. Dezember 1991
Land SowjetunionSowjetunion Sowjetunion
Streitkräfte Streitkräfte der Sowjetunion
Typ Teilstreitkraft
Grobgliederung Nordflotte

Pazifische Flotte

Indisches Geschwader

Schwarzmeerflotte

Kaspische Flottille

Baltische Flotte
Mittelmeer Eskadra

Traditionsfolge Russische Marine
Insignien
Flagge der Sowjetischen Marine Naval Ensign of the Soviet Union.svg
Gösch der Sowjetischen Marine Naval Jack of the Soviet Union.svg

Die Sowjetische Marine (russisch Военно-Морской Флот СССР; Wojenno-Morskoij flot SSSR) war eine Teilstreitkraft der Streitkräfte der Sowjetunion. Weitere Bezeichnungen waren Rote Flotte, Rote Bauern- und Arbeiter-Flotte (KKRF) oder Seekriegsflotte der UdSSR.

Geschichte[Bearbeiten]

Hauptartikel: Kaiserlich Russische Marine

Das Russische Reich hatte keine starke maritime Tradition, zumindest nicht vergleichbar mit der britischen Royal Navy oder der französischen Marine. Besonders aufgrund seiner geographischen Lage hatte Russland wenig günstige Zugangsmöglichkeiten zur Hochsee, die zudem noch oft saisonbedingt von Eis blockiert sind. Dazu kam, dass bei Russlands Größe und zentraler Lage in Eurasien der Überseehandel gegenüber den Landverbindungen nur eine geringe Bedeutung hatte und somit eine große Marine zum Schutz des Überseehandels entbehrlich war.

Gründung[Bearbeiten]

Die Aurora war inoffiziell das erste sowjetische Kriegsschiff, nachdem die Besatzung 1917 gegen das Kaiserliche Russland meuterte.

Die sowjetische Marine wurde 1917 aus den Resten der Kaiserlich-Russischen Marine geschaffen. Viele Schiffe dienten auch nach der Oktoberrevolution weiter, wenn auch unter anderen Namen. Tatsächlich kann als das erste Schiff der sowjetischen Marine der rebellische kaiserlich-russische Panzerdeckkreuzer Aurora gesehen werden, dessen Mannschaft zu den Bolschewiken überlief. Ein früherer bolschewistischer Aufstand ereignete sich allerdings schon 1905 auf dem Linienschiff Knjas Potjomkin Tawritscheski (Потёмкин).

Die Sowjetische Marine, wenn als Rote Arbeiter-und-Bauern-Flotte (russisch: „Рабоче-Крестьянский Красный Флот“ (РККФ) oder Rabotschje-Krest'janskij Krasnij Flot, RKKF) bezeichnet, existierte in der Zwischenkriegszeit in einem Status des Verfalls. An schweren Einheiten besaß sie nur ein paar veraltete Schlachtschiffe der Gangut-Klasse. Da die Aufmerksamkeit des Staates größtenteils nach innen gerichtet war, sah die Marine keinen Sinn in Wartung oder Ausbildung. Ein sprechendes Zeichen für das wahrgenommene mangelhafte Drohpotential der Marine war, dass die Sowjetunion nicht eingeladen wurde, am Washingtoner Marineabkommen teilzunehmen, das Größe und Kapazitäten der mächtigsten Seestreitkräfte beschränken sollte. Im Zuge des 3. Fünfjahresplans (1938-1942) wurde ein umfangreiches Aufrüstungsprogramm aufgelegt und hierzu ein eigenes Volkskommissariat für Militär und Meeresangelegenheiten eingerichtet. Der Bau von 4 Schlachtschiffen der Sovetskij-Sojuz-Klasse wurde begonnen, deren Fertigstellung durch den Deutsch-Sowjetischen Krieg verhindert wurde.

Zweiter Weltkrieg[Bearbeiten]

Im Winterkrieg (der größtenteils ein Vorgeplänkel des Großen Vaterländischen Krieges war) kam es zu kleineren Aktionen in der Ostsee, hauptsächlich Artillerieduellen zwischen finnischen Forts und sowjetischen Kreuzern und Schlachtschiffen.

Als Hitler das Unternehmen Barbarossa 1941 startete, begann die sowjetische Führung zu erkennen, dass eine Marine doch wichtiger war. Große Teile der sowjetischen Marine im Zweiten Weltkrieg bestanden aus Ex-US-Navy-Leih-und-Pacht-Zerstörern. Sie waren den U-Booten der deutschen Kriegsmarine bei der Verteidigung von sowjetischen Konvois ein gefährlicher Gegner. Unglücklicherweise war ein Großteil der Roten Flotte in der Ostsee durch finnische und deutsche Minenfelder in Leningrad und Kronstadt 1941-1944 eingeschlossen und wurde von Minen und durch Luftangriffe stark behindert. Einige Einheiten überlebten im Schwarzen Meer, wo sie an der Verteidigung Sewastopols während der Belagerung teilnahmen.

Raketen-U-Boot der Yankee I-Klasse, etwa 1971
Flugdeckkreuzer der Moskwa-Klasse, 1985
Flugzeugträger der Kiew-Klasse, 1986
Nuklearkreuzer der Kirow-Klasse, 1992

Kalter Krieg[Bearbeiten]

Sowjetische Marinebasen und Ankerrechte 1984

Nach dem Krieg beschloss Stalin, dass die Sowjetunion unter allen Umständen fähig sein müsse, mit dem Westen zu konkurrieren. Es wurde ein Rüstungsprogramm aufgelegt, um wenigstens quantitativ mit dem Westen gleichzuziehen. Wichtiger Bestandteil der maritimen Aufrüstung der Sowjetunion war der Bau von U-Booten, die technisch auf deutschen Kriegsmarine-Modellen beruhten. In der Nachkriegszeit wurde jedes Jahr eine große Anzahl dieser Boote vom Stapel gelassen. Später verbesserte die Sowjetunion durch die Kombination neuester eigener Forschungsergebnisse und von NS-Deutschland und den westlichen Nationen im Zuge von Reparationen übernommener Technologie ihre U-Boote allmählich, blieb in Teilen eine Generation hinter den NATO-Ländern zurück, vor allem bei der Geräuschtarnung und in der Sonar-Technologie.

Eine grundlegende Neuorientierung des sowjetischen Marine trat unter Sergei G. Gorschkow ein, der 1956 Nikolai G. Kusnezow als Oberbefehlshaber ablöste. 1953 war Stalin gestorben; sein Nachfolger Chruschtschow änderte dessen Flottenpolitik massiv.[1] In Gorschkows Ära orientierte die sowjetische Flotte mit außerordentlichen Anstrengungen und einem enormen Aufrüstungsschub darauf, eine Ebenbürtigkeit mit der US Navy zu erreichen und weltweit auf den Ozeanen präsent zu sein.

Die sowjetische Marine beeilte sich, ihre Überwasserflotte mit Raketen verschiedener Arten auszustatten. Tatsächlich wurde es ein Markenzeichen sowjetischen Designs, auf relativ kleinen Schiffen - und schnellen Raketenbooten - gigantische Raketen zu stationieren, während im Westen ein solcher Zug taktisch nicht für durchführbar gehalten wurde. Daneben besaß die sowjetische Marine auch einige sehr große Lenkwaffenkreuzer mit gewaltiger Feuerkraft, wie die Atomkreuzer der Kirow-Klasse und die konventionell getriebenen Kreuzer der Slava-Klasse, die aus der Kirow-Klasse abgeleitet sind.

1968 und 1969 erschienen die sowjetischen Flugdeckkreuzer Moskwa und Leningrad der Moskwa-Klasse, gefolgt von dem ersten von vier Flugzeugträgern der Kiew-Klasse 1973. Die sowjetische Militärführung versuchte, mit den großen amerikanischen Superflugzeugträgern mitzuhalten, indem sie das Projekt Orel in Auftrag gab. Dieses wurde aufgrund veränderter Prioritäten noch am Zeichenbrett gestrichen. In den 1980er Jahren baute die sowjetische Marine ihren ersten echten Flugzeugträger, die Tbilisi (später in Admiral Kusnezow umbenannt). Im Unterschied zu Flugzeugträgern anderer Staaten besaßen die Kiew-Klasse und die Admiral Kusnezow ihre eigenen Offensivraketen. In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre versuchte die Sowjetunion wieder, einen Superflugzeugträger zu bauen, die Uljanowsk. Das Schiff war fast fertig, als das Ende des Kalten Krieges kam, und wurde daraufhin verschrottet.

Trotz dieser Erfolge besaß die sowjetische Marine nie wie die US-Navy eine große Flugzeugträgerflotte, wohingegen sie als einzige eine große Anzahl strategischer Bomber der Awiazija wojenno-morskogo flota (AW-MF) in einer maritimen Rolle einsetzte. Die Tupolew-Bomber wie die Tupolew Tu-16 und die Tupolew Tu-22M waren mit Hochgeschwindigkeits-Antischiffsraketen ausgerüstet. Die Hauptrolle dieser Flugzeuge war es, die NATO-Versorgungskonvois, die im Rahmen der Operation REFORGER von Nordamerika nach Europa fuhren, abzufangen.

Die große sowjetische Flotte an Angriffs-U-Booten hatte dieselbe Funktion, aber zielte auch gegen die amerikanischen Flugzeugträger-Kampfgruppen. Zusätzlich besaß die sowjetische Marine auch zahlreiche Lenkwaffen-U-Boote wie die Oscar-Klasse und eine Vielzahl von U-Booten mit ballistischen Raketen, darunter die größten U-Boote der Welt, die Typhoon-Klasse.

Die sowjetische Marine hatte beim Betrieb Sicherheitsprobleme, besonders bei nuklear betriebenen Schiffen, die mit dem ersten Atom-U-Boot, der K-3 Leninski Komsomol und der durch dieses Boot begründeten November-Klasse ihren Ausgang nahmen. Sie hatte während des Kalten Krieges mehrere Zwischenfälle bei ihren Atom-U-Booten. Darunter waren bekannte wie der der K-219 und der der K-278 Komsomolez, die durch Feuer verloren gingen; außerdem ein nukleares Leck bei K-19, woran mehrere Crew-Mitglieder starben (siehe auch Spielfilm: K-19 – Showdown in der Tiefe). Unzulängliche sowjetische Atom-Sicherheit und Schadenskontrolltechniken waren normalerweise daran schuld. Die sowjetische Seite gab dagegen häufig Kollisionen mit US-Unterseebooten die Schuld; Behauptungen, die möglicherweise einen wahren Kern enthalten. Dies wird wohl unklar bleiben, da die US-Navy über Unfälle nicht spricht, solange es keine Todesfälle oder nukleare Zwischenfälle gab. Trotzdem waren zu Ende des Kalten Krieges 1991 noch immer viele U-Boote der ersten Generation im Dienst der sowjetischen Marine. Ursache dafür war, dass die sowjetischen U-Boote eine geringere Zielpräzision ihrer Raketen hatten und zudem bemerkt worden war, dass viele von ihnen von leiseren westlichen Angriffs-U-Booten beschattet wurden, die sie zu einem frühen Zeitpunkt eines möglichen Konflikts ausgeschaltet hätten. Dies zwang die sowjetische Armeeführung, an der Philosophie „Sicherheit durch Anzahl“ festzuhalten.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion verschwand die sowjetische Marine wieder in der Bedeutungslosigkeit und wurde zwischen den maritimen Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetrepubliken aufgeteilt (Russland, Ukraine, Baltikum). Vor allem die Schwarzmeerflotte verbrachte mehrere Jahre in einem unklaren Zustand, bevor sich Russland und die Ukraine auf ein Abkommen einigten. Dieses wurde am 28. Mai 1997 unterzeichnet.[2]

Nachfolger[Bearbeiten]

Organisation[Bearbeiten]

Die sowjetische Marine war unterteilt in mehrere Hauptflotten: die Nordflotte, die Pazifische Flotte, die Schwarzmeerflotte und die Baltische Flotte und einen ständigen Flottenverband im Mittelmeer, genannt Eskadra. Die Kaspische Flottille war eine halbunabhängige Formation, die administrativ unter dem Kommando der Schwarzmeerflotte stand, während das Indische Geschwader unter dem der Pazifischen Flotte stand und von dort auch seine Einheiten bezog. Andere Teile schlossen die Seefliegerkräfte, Marineinfanterie und die Küstenartillerie ein. Nach dem Ende des Kalten Krieges wurde die sowjetische Marine als Russische Marine reformiert.

Oberbefehlshaber Sowjetischen Seekriegsflotte[Bearbeiten]

Seekriegsflotte der RSFSR[Bearbeiten]

Seekriegsflotte der UdSSR[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Ulrich Schulz-Torge: Die sowjetische Kriegsmarine (3 Bände), Bonn, 1977-1981.
  • Friedrich Ruge: The Soviets as Naval Opponents, 1941–1945. Naval Institute Press, Annapolis, Maryland 1979, ISBN 978-0-870216-76-3.
  • Sherry Sontag, Christopher Drew und Annette Lawrence Drew: Blind Man's Bluff: The Untold Story of American Submarine Espionage. Harper, 1998, ISBN 0-06-103004-X.
  • Dieter S. Lutz/Erwin Müller/Andreas Pott: Seemacht und Sicherheit. Beiträge zur Diskussion maritimer Rüstung und Rüstungskontrolle, Baden-Baden, 1986, ISBN 3-7890-0791-9.
  • Thomas Nilsen, Igor Kudrik, Aleksandr Nikitin: Report 2:1996: The Russian Northern Fleet. Bellona Foundation, Oslo/St. Petersburg 1996, ISBN 82-993138-5-6. Chapter 8, Nuclear submarine accidents.
  • James Oberg: Uncovering Soviet Disasters. Random House, New York 1988, ISBN 0-394-56095-7.
  • Horst Steigleder: Stalins Terror und die Rote Flotte. Schicksale sowjetischer Admirale 1936-1953. Ingo Koch Verlag, Rostock 2009, ISBN 978-3-938686-90-4.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Der Spiegel 26/1969 schrieb u.a.: Chruschtschow strich die Flugzeugträger ("schwimmende Friedhöfe"), stellte den Bau von Kreuzern ("wertlose Schrotthaufen") fast völlig ein und ließ statt dessen vor allem Schnell- und Minensuchboote sowie moderne U-Boote auf Kiel legen. "Die Hauptaufgabe der Marine", so [..] der Kreml 1957, "war bisher und wird auch künftig die Zusammenarbeit mit dem sowjetischen Heer sein."
  2. Winfried Schneider-Deters (2012): Die Ukraine: Machtvakuum zwischen Russland und der Europäischen Union, Seite 61 (ISBN 978-3830531166, Berliner Wissenschafts-Verlag)