Der verlorene Horizont

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Deutsche Erstausgabe, Herbert Reichner, Wien 1937

Der verlorene Horizont (engl. Titel Lost Horizon, deutsch auch unter dem Titel Irgendwo in Tibet) ist ein Roman des britischen Schriftstellers James Hilton. Das 1933 erschienene Werk war der größte Erfolg des Autors, ein Weltbestseller, der mehrere Millionen mal verkauft wurde und so erfolgreich war, dass viele Menschen an die Existenz des mystischen Ortes „Shangri-La“ der Handlung glaubten und noch heute glauben.[1] 1939 war Lost Horizon das erste Buch, das als Taschenbuch (Softcover) herausgegeben wurde. 1937 wurde der Roman von Frank Capra verfilmt (Lost Horizon, deutscher Titel In den Fesseln von Shangri-La), und 1972 erschien das Filmmusical Lost Horizon.[2] Außerdem erschien 2010 ein Computerspiel namens Lost Horizon, dessen Hintergrundgeschichte teilweise dem Roman ähnelt.

Inhalt[Bearbeiten]

Ganz in der Tradition der europäischen utopischen Literatur beginnt und endet der Roman mit einer Rahmenerzählung, in die der eigentliche „Reisebericht“ (in diesem Fall ein Entführungsbericht) eingelagert ist. Der Protagonist des Romans ist Conway, der sowohl in den Unterhaltungen der Rahmenerzählung als auch im „Reisebericht“ im Mittelpunkt steht.

Nach Ausbruch eines Aufstandes im – fiktiven – indischen Baskul muss eine Gruppe von vier Personen aus dem Westen (drei Männer und eine Frau, unter anderem der britische Konsul Conway) aus Britisch-Indien fliehen. Sie schaffen es, an Bord eines Flugzeuges zu gelangen, das sie ausfliegen soll.

Wie zufällig handelt es sich bei dieser Maschine um das einzige Flugzeug, das eine Steiggipfelhöhe erreichen kann, die zur Überquerung des Himalaya bzw. des Karakorum ausreichend ist. In der Luft bemerken sie jedoch, dass der Pilot absichtlich in die falsche Richtung steuert.

Nach einem Zwischenstopp, während welchem der Pilot die Spritvorräte auffüllen lässt, wird den vier Passagieren klar, dass es sich um eine gut geplante Flugzeugentführung handelt. Der junge Mallison drängt darauf, die Kontrolle des Flugzeuges zu übernehmen, anstatt tatenlos abzuwarten. Als Conway dies allerdings versucht, wird er vom Piloten unvermittelt mit einer Schusswaffe bedroht.

Über dem Himalaya gerät die Maschine schließlich in Turbulenzen und muss in einem nahezu unerforschten Gebirgstal notlanden. Der junge chinesische Pilot kommt dabei ums Leben, kann Conway vorher aber noch auf Chinesisch sagen, dass sie nicht weit von Shangri-La entfernt sind, einem Lama-Kloster. Alleine im Schnee begegnen sie einem Chinesen namens Tschang, der ihnen anbietet, sie zu dieser Siedlung zu führen. Diese offenbart sich als ein scheinbar paradiesisches Bergkloster, das von einem extrem langlebigen luxemburgischen Mönch geleitet wird. Die vier finden sich dort in einer Position zwischen Gast und Gefangener. Erst allmählich stellt sich heraus, dass sie als Novizen eingeflogen wurden. Die Reaktionen der vier sind unterschiedlich. Conway fühlt sich dort zu jeder Zeit am richtigen Ort, wohingegen insbesondere der junge Mallison um jeden Preis zurück in seine Heimat möchte.

Die Geschichte kultiviert die Vorstellung von einer „hinter den sieben Bergen“ gelegenen „Lamaserei“, die irgendwo in Tibet zu liegen scheint, der jedoch kaum etwas Tibetisches zu eigen ist, da deren Architektur, die Lebensweise der Bevölkerung und deren tradierte Weisheitslehren wie auch die Bewohner selbst westlichen Ursprungs sind. Durch seine meisterliche Erzählung von der Entführung von vier westlichen Menschen durch einen tollkühnen Flug über die höchsten Gipfel der Welt an das „am Ende der Welt“ gelegene mystische Shangri-La lebt die Handlung von ihren unerwarteten Schilderungen und schwer vorherzusehenen Wendungen, handelt aber eher von dem Zentrum einer westlichen esoterischen Gemeinschaft und weist keine Parallelen zu einem tibetischen Kloster auf. Bei den Lamas handelt es sich um Weiße, nicht um Tibeter.[3]

Literarische Wertung[Bearbeiten]

Hiltons Werk verknüpft auf verschiedenen Ebenen westliche und fernöstliche Traditionen und Konzepte und hat sicherlich vor allem dadurch fasziniert. Einer der wichtigsten Bezugspunkte Hiltons ist die europäische utopische Literatur, insbesondere Thomas MorusUtopia. Andererseits ist Der verlorene Horizont auch ein Roman der Lost Generation: Der Protagonist ist wesentlich durch seine Erlebnisse im Ersten Weltkrieg geprägt. Daraus resultiert die eigentliche Spannung des Romans: Das Konzept der Mäßigung, das die Bewohner von Shangri-La leben, ist für Conway so anziehend, weil es seiner durch das Kriegserlebnis bedingten Leidenschaftslosigkeit entgegenkommt. Mehrfach erinnert sich Conway angesichts der Ruhe in Shangri-La an seine Empfindungen während des Krieges, die mit einer Abtötung aller Leidenschaften, aller Initiative verbunden waren. Vor dem unmittelbaren Anspruch der authentischen Leidenschaft, verkörpert in dem jungen Mallison und der (nur scheinbar jungen) Chinesin Lo-tsen, kann diese Leidenschaftslosigkeit nicht bestehen. Shangri-La wird in der Darstellung Hiltons zu einem ambivalenten Ort – zu einer Utopie, von der man nicht sagen könnte, ob sie mehr ist als ein hinausgezögerter Tod, dessen Prinzip das „Hinausschieben“ sinnvollen Handelns ist.

Wirkungen[Bearbeiten]

Das tibetische Utopia Hiltons war so erfolgreich, dass viele Menschen an die Existenz von Shangri-La glaubten. Ein Glaube der bis in die Gegenwart anhält.

Heute hat Shangri-La Eingang in das internationale Vokabular gefunden:

  • Läden, Restaurants und eine große Hotelkette heißen Shangri-La.
  • Der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt nannte 1942 sein abgelegenes ländliches Feriendomizil in Maryland Shangri-La. Präsident Dwight D. Eisenhower benannte diesen Feriensitz 1953 in Camp David um.
  • Shangri-La heißt auch ein architektonisch bedeutsames Anwesen auf Hawai'i, welches eine Sammlung islamischer Kunst beherbergt und der amerikanischen Milliardärin Doris Duke gehörte.
  • Die US Navy taufte einen ihrer Flugzeugträger auf den Namen Shangri-La.
  • Auch eine nepalesische Zigarettenmarke bedient sich des von Hilton erfundenen Begriffs und nennt sich Shangrila.[4]

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. Martin Brauen: Traumwelt Tibet. Westliche Trugbilder. Haupt, Bern 2000, S. 99.
  2. Musik: Burt Bacharach Text: Hal David Produzent: Ross Hunter – Columbia Pictures Darsteller: Peter Finch – Liv Ullmann – Sally Kellerman – Michael York – Bobby Van – Charles Boyer – John Gielgud – Soundtrack 1973 bell-records New York # bell 1300.
  3. Martin Brauen: Traumwelt Tibet. Westliche Trugbilder. Haupt, Bern 2000, S. 96-100
  4. Martin Brauen: Traumwelt Tibet. Westliche Trugbilder. Haupt, Bern 2000, S. 99.