Die Abendröte im Westen

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Die Abendröte im Westen ist ein 1996 erstmals auf Deutsch erschienener Roman von Cormac McCarthy, der in der Endphase der Indianerkriege spielt. Die englischsprachige Erst- und Originalausgabe erschien 1985 unter dem Titel Blood Meridian Or The Evening Redness in the West bei Random House NY.

Das Werk gilt als eines der bedeutsamsten Romanwerke des 20. Jahrhunderts und verhalf McCarthy zu dem Ruhm einer der größten englischsprachigen Autoren seiner Zeit zu sein.[1] Harold Bloom nannte Die Abendröte im Westen ferner die beste einzelne Buchveröffentlichung seit Faulkners Als ich im Sterben lag.[2]

Inhalt[Bearbeiten]

Der Roman beginnt im Jahr 1849 und erzählt die Geschichte eines namenlosen Jungen von anfangs vierzehn Jahren, dessen Mutter gestorben ist und der aus seinem verwahrlosten Elternhaus in Tennessee flieht, als Landstreicher Richtung Westen zieht und sich unterwegs einer Gruppe von ehemaligen Soldaten und Desperados anschließt. Diese ziehen plan- und ziellos durchs Land von Texas Richtung Mexiko, teils verfolgt und bedroht von Hunger, Durst und Indianern, teils selbst eine Bedrohung für Menschen, die ihnen begegnen, da sie beispielsweise von wehrlosen Indianern, die sie töten, die Skalpe erobern, für die sie von verschiedenen Gouvernements eine Prämie erhalten.

Handlung[Bearbeiten]

Eine eigentliche Handlung besitzt der Roman nicht, vielmehr schildert er in dreiundzwanzig Kapiteln und unterschiedlichen Episoden, teilweise auch im Rückblick, die Begebenheiten, die der in ihrer Besetzung wechselnden Gruppe zustoßen. Dabei spielen emotionale Kälte und sinnlose Gewalt eine beherrschende Rolle.

Innerhalb der Gruppe treten neben dem Jungen eine Reihe von Figuren hervor: Toadvine, ein heruntergekommener, verstümmelter Landstreicher, mit dem er sich nach einer Schlägerei anfreundet; Tobin, ein ehemaliger Priester; Glanton, der Anführer der Truppe und außerdem ein sogenannter Richter namens Holden, der genialische Züge aufweist und über Bildung verfügt. Alle Figuren sind teils durch Pragmatismus, emotionale Gleichgültigkeit, Grausamkeit oder Zynismus charakterisiert, wobei der Erzähler eine Wertung des jeweiligen Verhaltens vermeidet, sodass der Leser sich selbst ein Urteil bilden muss, wenn nicht sogar der Eindruck entsteht, das jeweilige Verhalten sei, egal wie schrecklich, situativ bedingt und nachvollziehbar.

Als der Junge sechzehn Jahre alt ist, wird die Gruppe bei einem Indianerangriff fast vollständig getötet, auch Glanton wird erschlagen. Sie hatten zuvor die Indianer heimtückisch getäuscht, als sie vorgaben gemeinsam eine Fährenstadion zu überfallen, dann jedoch beim Angriff die Indianer attackierten. Nur wenige können dem Racheakt der Indianer entkommen und sie ziehen alleine oder zu zweit umher. Misstrauisch gegeneinander bringen sie sich im Kampf ums Überleben allmählich gegenseitig um.

Nur der Junge und der Richter überleben. Sie begegnen sich zwölf Jahre später im Saloon einer Kleinstadt wieder. Der Richter prophezeit dem Jungen, jetzt „der Mann“ genannt, dass er noch diese Nacht sterben wird und hält ihm einen Vortrag über das Schicksal des Menschen, indem er den Saloon und das Tanzen dort als Metapher aufgreift. Er spricht von der Gleichgültigkeit der Götter und dass nur Schwache und Gescheiterte sich auf eine höhere Macht bezögen. Als der Mann kurz darauf eine Latrine aufsucht, stößt er dort auf den Richter, der ihn an seine Brust drückt und die Tür hinter dem Mann verriegelt. Dass der Richter ihn danach tötet, wird nur noch angedeutet, da andere Gäste in der Toilette etwas Schreckliches finden. Der Richter selbst dirigiert am Ende den Tanz im Saloon wie ein übermenschliches Wesen. Er sagt von sich selbst, dass er nie schläft und nie stirbt.

Rezeption[Bearbeiten]

Der Roman bricht mit den Vorstellungen vom abenteuerlichen „Wilden Westen“ und der kulturellen Leistung seiner Erschließung. Der ziellose Zug durch den Westen der USA und die pure Destruktivität der handelnden Personen kann als eine Metapher auf die Vergeblichkeit und die Fragwürdigkeit aller kulturellen Anstrengungen und Leistungen des Menschen angesehen werden.

Die Rezeption kurz nach Erscheinen des Romans war in den Staaten jedoch lediglich lauwarm. McCarthy war zu diesem Zeitpunkt nur wenigen bekannt. Die deutschsprachige Kritik kam mit Versetzung hinaus, als das Werk von Hans Wolf übersetzt im Rowohlt Verlag erschien.

„McCarthy beschreibt Geschichte und Fortschritt des Menschen als Ausgeburt niedrigster Triebe, die ihn zum unausweichlichen Untergang verdammen. Er tut das lakonisch und poetisch, ohne Mitleid, ohne falsche Hoffnung, aber mit den traumklaren Bildern eines großen Visionärs.“

„Der Roman ist großartig in seiner Sprachkraft und seinem Bilderreichtum, er ist grandios in seinen Landschaftsbeschreibungen, verstörend in seiner Darstellung nackter Gewalt.“

F.A.Z.[3]

Auch in der englischsprachigen Literaturwelt änderte sich das Echo auf McCarthys Arbeit, als er 1992 für All die schönen Pferde den National Book Award erhielt und nun nicht nur Literaturkennern, sondern auch der breiten Masse bekannt wurde. Der amerikanische Kulturkritiker Steven Shapiro schrieb, dass Die Abendröte im Westen in der amerikanischen Literatur nur mit Moby-Dick verglichen werden könnte[4].

Aleksandar Hemon nannte den Roman den besten amerikanischen Roman der letzten 30 Jahre. The New York Times brachte 2006 eine Liste der besten und bedeutsamsten Werke der englischsprachigen Literaturwelt der letzten 25 Jahre heraus. Die Abendröte im Westen belegte hinter Don DeLillos Unterwelt und Toni Morrisons Menschenkind den dritten Platz.[5] Auch das Magazin Time würdigte McCarthys Roman als einen der größten der englischen Sprache seiner Zeit und nahmen ihn in ihrer Liste der besten Fiktion-Bücher, die zwischen 1923 und 2005 erschienen auf.[6]

Sekundärliteratur[Bearbeiten]

  • J. Douglas Canfield: Mavericks on the Border: Early Southwest in Historical fiction and Film. University Press of Kentucky, 2001, ISBN 0-8131-2180-9.
  • Leo. Daugherty: Gravers False and True: Blood Meridian as Gnostic Tragedy. Southern Quarterly, 30, No. 4, 1992, S. 122–133.
  • James D. Lilley: History and the Ugly Facts of Blood Meridian. in: Cormac McCarthy: New Directions. University of New Mexico Press, Albuquerque.
  • Barcley Owens: Cormac McCarthy’s Western Novels. University of Arizona Press, 2000, ISBN 0-8165-1928-5.
  • Christoph Schneider: Pastorale Hoffnungslosigkeit. Cormac McCarthy und das Böse. in: Natalia Borissova, Susi K. Frank, Andreas Kraft (Hrsg.): Zwischen Apokalypse und Alltag. Kriegsnarrative des 20. und 21. Jahrhunderts, Bielefeld 2009: transcript, S. 171–200.
  • Steven Shaviro: A Reading of Blood Meridian. Southern Quarterly 30, No. 4, 1992.
  • Patrick W. Shaw: The Kid’s Fate, the Judge’s Guilt: Ramifications of Closure in Cormac McCarthy’s Blood Meridian. Southern Literary Journal, Fall 1997, S. 102–119.
  • Billy J. Stratton: „el brujo es un coyote“. Taxonomies of Trauma in Cormac McCarthy’s Blood Meridian. Arizona Quarterly: A Journal of American Literature, Culture, and Theory 67.3 (2011): 151–172.

Ausgaben[Bearbeiten]

  • Originalausgabe: Blood Meridian Or The Evening Redness in the West. Random House, 1985.
  • Deutsche Erstausgabe: Die Abendröte im Westen. (Übersetzung von Hans Wolf), Rowohlt Verlag, Hamburg 1996, ISBN 3-498-04374-9.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Harold Bloom: Dumbing down American readers. In: Boston Globe – Literary critic, 24. September 2003. Abgerufen am 4. Dezember 2009. 
  2. Harold Bloom: Harold Bloom on Blood Meridian. In: A.V. Club – Literary critic, 15. Juni 2009. Abgerufen am 3. März 2010. 
  3. Aus dem Klappentext zur Taschenbuchausgabe, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg 1998, S. 2, ISBN 978-3-499-22287-0.
  4. Shaviro, S. 111–112.
  5. New York Times, Sunday Magazine, May 21, 2006, S. 16.
  6. All Time 100 Novels. In: Time. Abgerufen am 26. April 2010.