Toni Morrison

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Toni Morrison, 2008

Toni Morrison (eigentlich Chloe Anthony Wofford; * 18. Februar 1931 in Lorain, Ohio) ist eine amerikanische Schriftstellerin. Sie zählt zu den bedeutendsten Vertretern der afroamerikanischen Literatur und erhielt 1993 den Literaturnobelpreis.

Leben[Bearbeiten]

Toni Morrison auf dem Miami Book Fair (1986)

Toni Morrison war das zweite von vier Kindern einer afroamerikanischen Arbeiterfamilie. Als Kind las sie sehr viel; ihre Lieblingsautoren waren Jane Austen und Leo Tolstoi. Die afroamerikanische Oralliteratur wurde ihr von ihrem Vater nahegebracht. 1949 begann sie an der Howard University in Washington, D.C., einer „schwarzen Universität“, Anglistik zu studieren. In dieser Zeit änderte sie ihren Rufnamen von Chloe zu Toni (nach ihrem zweiten Vornamen Anthony). 1953 erwarb sie den Bachelor of Arts in Englisch und 1955 an der Cornell University den Master of Arts. Von 1955 bis 1957 unterrichtete sie Englische Literatur an der Texas Southern University in Houston. 1957 kehrte sie als Dozentin an die Howard University zurück. 1958 heiratete sie den jamaikanischen Architekten Howard Morrison, mit dem sie zwei Söhne bekam. Nach der Scheidung 1964 begann sie als Verlagslektorin zu arbeiten. Während ihrer sechzehnjährigen Tätigkeit für Random House (1967 bis 1983) spielte sie eine wichtige Rolle bei der Etablierung der afroamerikanischen Literatur und brachte unter anderem Bücher von Toni Cade Bambara und Gayl Jones heraus. 1970 erschien ihr einige Jahre zuvor entstandener erster Roman The Bluest Eye (Sehr blaue Augen). Sowohl dieses Werk als auch Sula, 1974 wurden von der Kritik gut aufgenommen, den Erfolg beim Publikum brachte aber erst Song of Solomon (Solomons Lied), 1977. Neben dem Nobelpreis für Literatur wurde sie unter anderen auch mit dem Pulitzer-Preis (1988) und dem Premio Grinzane Cavour-Sonderpreis (2001) ausgezeichnet. 2010 wurde Morrisson als Ritterin in die französische Ehrenlegion aufgenommen.[1] 2012 erhielt sie die Presidential Medal of Freedom.[2]

Ihre Lehrtätigkeit hatte sie schon während ihrer Arbeit bei Random House wieder aufgenommen. 1989 wurde sie zur Professorin für Geisteswissenschaften ernannt und hält seitdem einen Lehrstuhl an der Princeton University inne.

Romane[Bearbeiten]

  • The Bluest Eye, 1970 (dt. Sehr blaue Augen, 1979, übersetzt von Uda Strätling) beschreibt den Niedergang der Familie Breedlove aus verschiedenen Perspektiven. Die Ich-Erzählerin, eine unter mehreren Stimmen, ist ein etwa zehnjähriges Mädchen, das von der etwas älteren Pecola Breedlove fasziniert ist, ohne ihr Schicksal wirklich zu verstehen. Der Titel bezieht sich auf Pecolas Vorstellung, alles würde gut werden, wenn sie nur blaue Augen hätte.
  • Sula, 1973 (dt. 1980, übersetzt von Karin Polz) ist wie 'The Bluest Eye' ein eher schmaler Roman. Er erzählt die Geschichte des Schwarzenviertels einer Kleinstadt im Mittleren Westen. Die titelgebende Sula dient nach mehrjähriger Abwesenheit in ihren letzten Lebensjahren seinen Bewohnern als eine Art moralische Negativfolie. Man erfährt eigentlich mehr über die Entwicklung ihrer gleichaltrigen Freundin Nel, die sie um mehrere Jahrzehnte überlebt, als über sie selbst. Am Ende durchbricht Nel den künstlichen Antagonismus (der sie stets auf der „guten“ Seite stehen ließ), als sie sich klarmacht, ein welch starkes Band die Mädchenfreundschaft zwischen Sula und ihr darstellte.
  • Song of Solomon, 1977 (dt. Solomons Lied, 1979, übersetzt von Angela Praesent) erzählt die Geschichte einer afroamerikanischen Familie über mehrere Generationen hinweg. Der Protagonist Macon Dead III, genannt Milkman, dringt auf der Suche nach einem Schatz immer tiefer in die Vergangenheit vor. Die lebenden Familienmitglieder sind ohne bewusstes Zutun mit einer Geheimorganisation verstrickt, die Selbstjustiz für von Weißen an Schwarzen begangene Morde übt.
  • Tar Baby, 1981, (dt. Teerbaby, 1983, übersetzt von Uli Aumüller und Uta Goridis): Der Titel spielt auf die Geschichte vom Teerbaby an, einer Puppe aus Teer, die, da unbeseelt, den Gruß eines Kaninchens nicht erwidert. Das erbost dieses so sehr, dass es Teerbaby tritt. Natürlich bleibt es hängen und verfängt sich umso mehr, je mehr es sich zu befreien sucht. Diese von Sklaven aus Westafrika in die USA gebrachte Geschichte erhält dort unversehens rassistische Untertöne. Toni Morrison sieht in dem Ausdruck „Teerbaby“ vor allem ein Sinnbild für die schwarze Frau, die Dinge zusammenhalten kann (Interview mit Karin L. Badt 1995). - Mehrmals fühlt Jadine, 25, frischgebackene Kunsthistorikerin und eins der ersten erfolgreichen schwarzen Models sich in tatsächlichen oder vorgestellten Begegnungen von solchen Frauen, die ihrem eigenen Frauenbild entgegenstehen, bedrängt oder bloßgestellt. Und in der Mitte des Romans fällt sie in einen Sumpf, der teerartige Substanzen zu enthalten scheint, kann sich aber befreien. Doch wird die dahinterstehende Symbolik nicht weiter ausgeführt. Stattdessen schildert der Roman mit Mitteln eines echten Schmökers (eine geheimnisvolle Flucht gleich zu Beginn, eine abgelegene Karibik-Insel als Haupt-Handlungsort, reiche unglückliche Menschen, die große Liebe) geradezu antagonistische Konflikte, denen Menschen aufgrund ihrer sozialen Bedingtheiten und Erwartungen in ihren engsten Beziehungen ausgesetzt sind. Es sind einige wenige Individuen, die handeln, und sie finden letztendlich individualistische Lösungen.
  • Beloved, 1987 (dt. Menschenkind, 1989, übersetzt von Helga Pfetsch) basiert lose auf der Geschichte Margaret Garners, die wie die Romanfigur Sethe eines ihrer Kinder tötete, um es vor einem Leben in Sklaverei zu bewahren. Der Roman beleuchtet in beeindruckender Weise die psychologischen Folgen der Sklaverei. In einem komplexen Geflecht aus (unterdrückten) Erinnerungen, realistischen und phantastischen Gegenwartshandlungen wird ein Teil Geschichte rekonstruiert, der vorher weder erzählenswert noch erzählbar schien – aufgrund der herrschenden Machtverhältnisse zum einen, aufgrund psychologischer Barrieren zum anderen. Morrison vermischt hier in für sie typischer Weise europäische und afrikanische/afro-amerikanische Erzähltraditionen. Für den Roman erhielt sie 1988 den Pulitzer-Preis und war unter den Finalisten für den National Book Award 1987. Später verfasste Morrison auch das Libretto zu der 2005 uraufgeführten Oper „Margaret Garner“.
  • Jazz, 1992, (dt. 1993, übersetzt von Helga Pfetsch; bei Rowohlt) spielt zur Blütezeit des Jazz in den 1920er Jahren in Harlem mit Rückblenden bis in die Zeit kurz nach der endgültigen Abschaffung der Sklaverei. Fast alle handelnden Personen leben in erster Generation in einer Stadt. Ihre Herkunft ist gezeichnet von Armut, Verlusten und Brüchen. Die Mehrdeutigkeit des Jazz mit seiner Mischung aus Zorn, Trauer und Verlockung wirkt wie ein Kommentar auf ihre Schicksale und was sie daraus machen.
  • Paradise, 1998 (dt. Paradies, 1999, übersetzt von Thomas Piltz) kontrastiert die gesamtgesellschaftliche Aufbruchstimmung Anfang der 1970er Jahre mit dem starren Festhalten an Traditionen in einem aus einer kleinen afroamerikanische Siedlungsgruppe hervorgegangenen Ort. Die strengen, an Gottesfurcht und dem Bemühen um „Blutreinheit“ orientierten Regeln dort erklären sich aus der Geschichte, sind aber längst nicht mehr unumstritten. Frauen aus verschiedenen Teilen der USA, die auf ihren individuellen Fluchten mehr oder weniger zufällig auf ein nahe gelegenes Kloster stoßen und sich dort niederlassen, müssen den patriarchalen Kräften als Bedrohung erscheinen und werden von ihnen vernichtet. Doch der Tod hat nicht das letzte Wort. Den Roman durchzieht eine starke, sowohl poetische wie reflektierte Spiritualität.
  • Love, 2003 (dt. Liebe, 2004, übersetzt von Thomas Piltz) handelt von patriarchaler Macht und Güte, Verrat, Verlangen, Verlust von Unschuld. Drehpunkt der erzählten Ereignisse, der Erinnerungen und Sehnsüchte der meisten Romanfiguren ist ein Hotel und sein Eigentümer, der es während der Depression der 1930er Jahre erworben und zu einem erfolgreichen, geradezu mythenumwobenen Ferienparadies für Afroamerikaner gemacht hatte.
  • A Mercy, 2008 (dt. Gnade, 2010, übersetzt von Thomas Piltz) zeigt die Vielschichtigkeit des Problems der Sklaverei Ende des 17. Jahrhunderts. Ein Gnadenakt, der als Ausweg aus der als unwürdig erachteten Position des Sklaven scheint, bringt nicht die erhoffte Erlösung. Obwohl das Nordamerika noch vor der Unabhängigkeit die Szenerie der Erzählung abgibt, werden allgemein menschliche Problemstellungen aufgezeigt, die dem Einzelnen die Grenzen der Einflussnahme auf die Lebensgeschichte Anderer vor Augen führen.[3]

Andere literarische Genres[Bearbeiten]

  • Kurzgeschichte: Recitatif, veröffentlicht in Confirmation: An Anthology of African American Women, 1983
  • Drama: Dreaming Emmet, 1986 aufgeführt, unveröffentlicht
  • Libretto: Margaret Garner, 2005 uraufgeführt
  • Kinderbücher (gemeinsam mit ihrem Sohn Slade):
    • The Big Box, 1999 (Die Kinderkiste, 2000, übersetzt von Thomas Piltz)
    • The Book of Mean People, 2002 (Das Buch der Bösen, 2005, übersetzt von Harry Rowohlt)
    • Who's Got Game?: The Lion or the Mouse?, 2003
    • Who's Got Game?: The Ant the Grasshopper?, 2003
    • Who's Got Game?: Poppy or the Snake?, 2004

andere Publikationen (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Playing in the Dark: Whiteness and the Literary Imagination, 1992 (Im Dunkeln spielen: weiße Kultur und literarische Imagination, 1994, übersetzt von Helga Pfetsch und Barbara von Bechtolsheim)
  • Mitherausgeberin von Birth of a Nationhood, Essays über Darstellung und Wahrnehmung des O. J. Simpson-Prozesses, 1996
  • Herausgeberin von Race-ing Justice, En-Gendering Power, 1992, über den Fall Anita Hill gegen Clarence Thomas, in dem es um sexuelle Belästigung ging und der wegen politischer Implikationen starke Beachtung in der Öffentlichkeit fand.

Verfilmungen[Bearbeiten]

Literatur über Toni Morrison[Bearbeiten]

  • Michael Basseler: Kulturelle Erinnerung und Trauma im zeitgenössischen afroamerikanischen Roman. Theoretische Grundlegung, Ausprägungsformen, Entwicklungstendenzen, Wissenschaftsverlag Trier 2008. ISBN 978-3-86821-013-2
  • Barbara von Bechtolsheim: Wer sich der Luft hingibt, vermag auf ihr zu reiten. In: Charlotte Kerner (Hrsg): Madame Curie und ihre Schwestern - Frauen, die den Nobelpreis bekamen. Beltz, Weinheim 1997, ISBN 3-407-80845-3
  • Barbara Hill Rigney: The Voices of Toni Morrison. Ohio State University Press, Columbus OH 1991. ISBN 0-8142-0554-2 (Digitalisat auf den Seiten des Verlags im Vollzugriff)
  • Julia Roth: »Stumm, bedeutungslos, gefrorenes Weiß«. Der Umgang mit Toni Morrisons Essays im weißen deutschen Kontext. In: Maureen Maisha Eggers, Grada Kilomba, Peggy Piesche & Susan Arndt Hgg.: Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland. Münster 2005, ISBN 3-89771-440-X
  • Heidi Thomann Tewarson: Toni Morrison. Rowohlt, Reinbek 2005, ISBN 3-499-50651-3

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Toni Morrison – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Der Standard: Toni Morrison ist Ritterin der französischen Ehrenlegion, 4. November 2010
  2. The White House: President Obama Names Presidential Medal of Freedom Recipients (englisch, 26. April 2012, abgerufen 30. Mai 2012)
  3. Rezension Auf Gnade & Ungnade....führt ins dumpfe 17. Jh. v. Layla Dawson, in Konkret (Zeitschrift) #1, 2011, S. 61