Draht

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Edelstahldraht auf einer Spule

Draht ist in der Regel dünn, lang und biegsam geformtes Metall oder Kunststoff mit oft kreisförmigem Querschnitt. Weitere Querschnittsformen zeigen Flach-, Vierkant- oder Profildrähte. Aufgrund der Länge wird es auf Rollen (Spulen, Haspeln, Spindeln) gewickelt oder in Bunden gehalten.

Metalle, die zur Herstellung von Drähten häufig zum Einsatz kommen, sind Eisen, Kupfer, Messing, Aluminium, Silber, Gold und Edelstahl sowie unterschiedlichste Kupferlegierungen. In kleineren Mengen wird mittlerweile auch Magnesium zu Drähten für die Automobil- und Luftfahrtindustrie verarbeitet.

Fülldraht wird Metalldraht mit einer Seele aus Flussmittel genannt. Meist handelt es sich um Messingdraht zum Hartlöten, dessen C-Profil-Schenkel durch verpressendes Walzen das Flussmittelpulver relativ fest umschließt, seltener um Schweißdraht. Drahtförmiges Lötzinn, in dem ein, selten mehrere Kanäle mit Flussmittelfüllung verlaufen, wird nur sehr selten Fülldraht genannt.

Auch Polymer-Monofil mit einer gewissen Steife kann als Draht bezeichnet werden. Nylondraht wird in der Dekoration und zum Fädeln von Schmuckketten verwendet, PE-Draht als Keder, Schweißdraht aus PVC zum Verbinden von Bodenfliesen aus PVC.

Typologie bei Metalldrähten[Bearbeiten]

Nichteisen-Metalldrahtzug (NE-Metall):

  • Grobzug: d 15,0 mmm bis d 1,38 mm
  • Mittelzug: d 1,38 mm bis d 0,4 mm
  • Feinzug: unter d 0,4 mm

Stahldrahtzug:

  • Grobzug: d 20,0 mm bis d 4,0 mm
  • Mittelzug: d 2,0 mm bis d 1,6 mm
  • Feinzug: d 1,6 mm bis 0,7 mm
  • Kratzenzug: unter d 0,70 mm

Herstellung[Bearbeiten]

Rechnergesteuerte Zugfestigkeitsprüfung
Älteres, mechanisches Prüfgerät für Zug- und Stauchbelastungen von Drähten

Drahtziehen ist ein spanloses Zug-Druck-Umformen, das Wärme abgibt. Man unterscheidet in der Herstellung unter anderem das Kaltziehen, das Walzen und das elektrolytische Behandeln. Beim Drahtziehen wird ein früher durch Schmieden, heute durch Walzen entstandener grober Draht kalt durch die sich verjüngende Öffnung eines Zieheisens, Ziehsteins oder Walzgerüstes gezogen. Er wird länger und dünner, ohne dass es zu Materialverlusten kommt. Von Produktionsgang zu Produktionsgang zieht man ihn durch immer kleinere Öffnungen, bis der Draht schließlich die gewünschte Abmessung hat – meistens rund. Ursprünglich wurde Draht mit Muskelkraft gezogen, in einer körperlich anstrengenden Arbeit, zu der es bis ins späte Mittelalter keine Alternative gab.

In der industriellen Fertigung wird der Draht von einer sogenannten Ziehscheibe durch den Ziehstein gezogen. Moderne Drahtziehmaschinen (Mehrfachzüge) haben dabei bis zu 31 Stufen und sind regelungstechnisch sehr anspruchsvoll, da alle Ziehstufen in einem Verband gefahren werden.

Das Ziehen ist eine plastische Verformung und führt, wenn es kalt erfolgt, zur Kaltverfestigung. Oft muss daher zwischen den Ziehstufen eine Erwärmung (Spannungsfreiglühen) erfolgen. Eine wichtige Besonderheit haben hierbei Drähte aus Kupfer. Nach Erreichen der Endfestigkeit (ca. 450 N/mm²) kann man diesen Drahttyp fast beliebig ohne Zwischenglühen weiterziehen. Somit werden Kupferdrähte vom Gießdraht (z. B. 12 mm ø) bis zum fertigen Produkt ohne eine Wärmebehandlung gezogen. Ob der Draht hart oder weichgeglüht zur Auslieferung kommt, richtet sich nach der Anwendung.

Zum Ziehen von Metalldrähten werden häufig Ziehsteine eingesetzt. Diese sind meist rund und besitzen eine Öffnung in der Mitte. Der Draht läuft erst durch den Einlaufkegel, der den Versatz zum vorhergehenden Ziehstein oder zur Handzuführung ausgleicht. Anschließend wird der Draht im Reduzierkegel verjüngt und in der nachfolgenden Kalibrierzone kaltverfestigt. Zuletzt läuft der Draht aus dem Auslaufkegel, der den Versatz zur Aufspulhaspel oder zum nächsten Ziehstein ausgleicht. Das Ziehsteinherz, auch Ziehkern genannt, bestand früher aus gehärtetem Stahl oder HSS (Hochleistungsschnellarbeitsstahl), heute ist er aus Hartmetall, PKD (polykristalliner Diamant, Kunstdiamant) oder Narturdiamant gefertigt. Da diese Materialien spröde sind und da beim Drahtziehen eine Zugdruckbelastung auftritt, ist es notwendig, dass das Ziehherz in einer Fassung aus Stahl oder Edelstahl (VA) eingefasst wird.

Der Draht wird entweder im Nasszugverfahren oder im Trockenzugverfahren gezogen. Beim Nasszug wird der Draht mit Ziehmittel oder Öl benetzt. Dieses Verfahren verringert die Reibung im Ziehstein, hält den Draht kühl und reduziert somit die Kaltverfestigung. Dies führt zu besseren Drahtoberflächen und ermöglicht eine höhere Ziehgeschwindigkeit. Da die Maschine flüssigkeitsdicht hergestellt werden muss, ist sie häufig teurer. Der Draht muss häufig getrocknet werden, bevor er weiter bearbeitet oder verkauft wird. Es ist auch möglich, dass der Draht mit dem Ziehmittel oder Öl reagiert.

Ziehmittel ist eine Wasser-Öl-Emulsion mit in etwa zwei Prozent Ölanteil.

Vierkantdraht / Profildraht[Bearbeiten]

Galvanisch beschichteter Vierkantdraht auf einer Spule (Rolle)

Eine besondere Form des Drahtes ist der Vierkantdraht oder Profildraht. Dieser Draht hat einen quadratischen oder rechteckigen Querschnitt und wird in der Regel aus Runddraht hergestellt. Die Werkzeuge zur Herstellung von Vierkant-Profildrähten heißen Türkenköpfe und bestehen aus vier im rechten Winkel symmetrisch zueinander angeordneten Rollen (Walzen), die auf den Draht beim Durchlaufen von vier Seiten her einen gleichmäßigen Umformdruck ausüben.

Die Bezeichnung „Türkenkopf“ bezieht sich auf die Anordnung der Rollen (Schleppwalzen), die wie ein Türkenkopf-Knoten angeordnet, das heißt wie die Knoten der im türkischen Kulturkreis traditionell gebundenen Kopftücher (Turbane).

Abnehmer dieser Vierkantdrähte, die vorwiegend aus Kupferlegierungen hergestellt werden, sind unter anderem Hersteller von Steckverbindern der Einpresstechnik, die aus den quadratischen Drähten kurze Pins schneiden und in Stecker und Steckverbinder verbauen.
Oft ist dieser Vierkantdraht galvanisch mit Zinn oder Edelmetallen beschichtet.

Weitere Beispiele für Profildraht sind Oberleitungen (Rillenfahrdraht).

Geschichte[Bearbeiten]

Drahtzieherei. Rechts die Ziehscheibe, in der Mitte der Ziehstein, links ein Abhaspel

Schon um das 3. Jahrhundert v. Chr. fertigten die Ägypter durch verschiedene Techniken Golddrähte und verarbeiteten sie zu Schmuckstücken weiter. Seit dem 5. Jahrhundert n. Chr. bis zum 14. Jahrhundert war das aus Eisendraht hergestellte Kettenhemd die wichtigste Schutzausrüstung von Kriegern. Tausende von Drahtringen wurden miteinander zu Kettenpanzern verflochten.

Die Ursprünge der deutschen Drahtherstellung liegen im Bereich des Sauerlandes. Insbesondere um die Stadt Altena, in dem sich heute das Deutsche Drahtmuseum befindet, waren schon im Mittelalter viele Drahtzieher angesiedelt. Man nutzte dort die Wasserkraft der zahlreichen Bäche, um die Ziehmaschinen anzutreiben, was seit dem 14. Jahrhundert belegt ist.

Im 19. Jahrhundert wurden Windenscheiben-Grobzüge eingeführt, die das kontinuierliche Ziehen des Drahtes erlaubten. Die Qualität des Drahtes verbesserte sich entscheidend; die Produktionsmenge stieg enorm. Die Wasserkraft der zahlreichen Bachläufe im märkischen Sauerland war eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass es seit dem 16. Jahrhundert zum Zentrum der deutschen Drahtproduktion wurde und es auch noch blieb, als seine Erzvorkommen erschöpft waren.

Verwendung[Bearbeiten]

Architektur und Bauwesen[Bearbeiten]

Moderne Architektur sowie Bauleistungen sind ohne Draht nicht denkbar. So sind zum Beispiel die elastischen und zugfesten Moniereisen des allgegenwärtigen Stahlbetons gewalzter Draht, mittlerweile auch als rostfreier Betonrippenstahl; im Spannbeton befinden sich Drahtseile. Drahtseile revolutionierten auch den Brückenbau, ermöglichten Stand- und Hochseilbahnen sowie transparente Dachkonstruktionen, wie etwa das Dach des Olympiastadions in München. Drahtgewebe und Drahtgeflechte finden immer häufiger als Fassadenelemente, Verkleidungen oder Zäune Verwendung. Schweißelektroden bestehen ebenso aus Draht wie u. a. zur Rohrinstallation erforderliches Lötzinn bzw. Hartlot.

Elektrizität[Bearbeiten]

Kupferdrähte in einer Litzenleitung

Ohne Draht wären maßgebliche Erfindungen und Entdeckungen besonders des 19. und 20. Jahrhunderts nicht möglich gewesen. Genannt seien das Prinzip des Elektromagnets, das Messen von Temperaturen und auftretenden Kräften mit Draht.

Metalldrähte werden häufig zum Übertragen elektrischer Signale (zum Beispiel im Computer) und zum Übertragen von elektrischem Strom verwendet (siehe elektrischer Leiter). Solche Drähte bestehen meist aus Kupfer, jedoch auch aus Aluminium. Oberleitungen bestehen aus einer Kupferlegierung.

Metalldrähte mit einer isolierenden Ummantelung (meist Kunststoff) werden auch Kabel oder Leitung genannt. Zum Wickeln von Transformatoren, Spulen und Überträgern verwendet man oft lackierten Kupferdraht (Kupferlackdraht); dieser Draht ist durch eine Lackschicht elektrisch isoliert.

Kupfer-, Nickel- und Eisendrähte verschiedener Profile werden auch zu Anschlüssen von elektronischen Bauelementen und zu Kontaktstiften von Steckverbindern verarbeitet – das sind kurze Draht-Stifte, die millionenfach in jeglicher Art von Steckern verbaut werden. Dazu werden häufig Vierkantdrähte – also Drähte mit einem quadratischen Querschnitt – verwendet. Weitere verwandte Querschnitte sind Flach- und Runddrähte. Im Elektronikbereich sind Drähte oft galvanisch beschichtet, zum Beispiel mit Zinn, Silber oder Edelmetallen.

In der Elektrotechnik und in Elektronikbauteilen wird Draht aus verschiedenen Metallen verarbeitet, zum Beispiel:

In anglo-amerikanischen Ländern werden noch heute die Kupferdrahtdurchmesser nach dem System American Wire Gauge (AWG) angegeben, welches wenig endanwenderorientiert die Anzahl der Ziehschritte des Kupferdrahtes darstellt.

Weitere Verwendungen[Bearbeiten]

Kaltgestauchte Schrauben, typisches Stahldrahtprodukt, hier eine Ausschussproduktion aus minderwertigem Draht
Stahldraht-Coils im Außenlager eines Kaltwalzwerks
Stahldrahtcoils und Haspel im Außenlager einer Drahtfabrik

Stahlwolle, Drahtkorn für die Hochdruckreinigung, viele Werkzeuge und vor allem auch Befestigungselemente wie (Befestigungs-) Schrauben, Muttern, Niete und die auch Nägel genannten Drahtstifte sind Drahtprodukte.

Darüber hinaus kommt Draht zum Einsatz:

Draht und Sprache (Metaphern mit Draht)[Bearbeiten]

Als Drahtzieher wird eine Person bezeichnet, die unsichtbar im Hintergrund wie ein Marionettenspieler die Fäden bzw. Drähte zieht. Auf Draht sein, der heiße Draht, Nerven wie Drahtseile sind weitere Beispiele für doppeldeutige oder kreative Verwendungen des Wortes Draht. Allgegenwärtig sind diese Sprachbilder insbesondere auch in der Presse. Drahtig ist der Körper eines sehr schlanken doch kraftvollen Menschen. Mit drahtlos wird Steuerung und Übertragung per Funk bezeichnet. Mit Drahtesel ist gemeinhin ein Fahrrad gemeint. Als Heißer Draht (engl.: hotline) wurde während des Kalten Krieges eine ständige Fernschreiberverbindung zwischen der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten bezeichnet.

Kunst[Bearbeiten]

Drahtskulptur von Bettina Lüdicke

Berühmte Nagelbilder stammen von Günther Uecker, die im Wesentlichen aus Drahtstiften bestehen. Ein weiteres Werk ist der Nagelvogel Phönix von Hubert Berke. Darüber hinaus sind einige besonders originelle Drahtkunstwerke von Axel Fischer, Birgit Happ, Doro Jung, Rolf Nickel, Ren Rong und Udo Sander aus den 1980er- und 1990er-Jahren bekannt geworden. Es fällt auf, dass Draht auf verschiedene Art und Weise in der Kunst eingesetzt wird, etwa um Skulpturen fast schwerelos wirken zu lassen, als Mittel für dreidimensionale Zeichnungen oder als Werkstoff im Verbund mit anderen Materialien.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Martina Düttmann, Stephan Sensen (Hrsg.): Draht. Vom Kettenhemd zum Supraleiter. Mönnig, Iserlohn 2001, ISBN 3-933519-15-2.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Draht – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen