Erektion

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Unerigierter Penis (links) und erigierter Penis (rechts) im Vergleich (beschnitten)

Unter Erektion (lat. erigo, "Aufrichtung, Erregung")[1] versteht man meist die Versteifung des männlichen Penis, die spontan oder infolge mechanischer oder psychischer Reize, insbesondere durch sexuelle Erregung stattfindet. Die Erektion wird hervorgerufen durch Steigerung des Blutzuflusses und Drosselung des Blutabflusses in den Schwellkörpern und stellt eine Voraussetzung für den Vollzug des normalen Geschlechtsverkehrs dar.

Physiologie

Die Erektion wird normalerweise bei sexueller Erregung durch das Erektionszentrum im unteren Rückenmark ausgelöst, kann aber auch direkt reflektorisch durch mechanische Reizung von Penis und Hoden herbeigeführt werden. Für die sexuelle Erregung sind vor allem psychische Reize wie erotische Wahrnehmungen oder Vorstellungen verantwortlich, bei anderen Tieren spielen auch Geruchsreize eine große Rolle.

Der Größenunterschied zwischen Ruhezustand und erigiertem Penis ist beim Menschen individuell stark unterschiedlich und liegt in der Regel zwischen der zwei- bis vierfachen Länge und dem anderthalb- bis dreifachen Durchmesser.

Sonographische Darstellung einer Erektion bei einem 36 Wochen alten Fetus

Die Erektion des Mannes ist eine der Voraussetzungen für das Eindringen beim Geschlechtsverkehr. Die Erektion ermöglicht also erst den fortpflanzungsrelevanten Vaginalverkehr, bei welchem das erigierte männliche Glied in die weibliche Scheide eingeführt wird. Eine Befruchtung ohne Erektion kann unter besonderen Umständen trotzdem stattfinden.

Oft wird die männliche Erektionsfähigkeit aus laienhafter Sichtweise der allgemeinen Manneskraft, Potenz oder Reproduktionsfähigkeit gleichgestellt und als Zeichen von Jugend und Vitalität betrachtet. Doch zu Erektionen kann es auch beim Fetus[2][3][4], bei Säuglingen[5][6] und Greisen kommen. Erektionen treten bei gesunden Menschen in nahezu jedem Lebensalter regelmäßig während des Schlafes innerhalb der so genannten REM-Phasen auf. Besteht eine solche beim Erwachen, wird sie morgendliche Erektion genannt. Auch Orgasmen mit Samenergüssen während des Schlafes, Pollutionen, sind sehr oft, aber nicht immer mit Erektionen verbunden.[7]

Selbst postmortale Erektionen können bei Toten auftreten, die jedoch auf einen passiven Blutstau, z. B. aufgrund einer hängenden Position des Leichnams, zurückzuführen sind.

Erektionsmechanismus

Entwicklung einer Erektion (Video)

Die Erektion des männlichen Gliedes erfolgt durch Blutfüllung der Schwellkörper, vor allem des Penisschwellkörpers (Corpus cavernosum penis). Im Penisschwellkörper öffnen sich unter dem Einfluss des Parasympathikus (Nervi pelvini, auch als Nervi erigentes bezeichnet) die Rankenarterien (Arteriae helicinae). Diese Zuflüsse zum Penisschwellkörper sind Sperrarterien. Außerdem erschlafft die glatte Muskulatur des Penisschwellkörpers. Der Musculus ischiocavernosus erzeugt durch rhythmische Kontraktionen auf die blutzuführende Arteria profunda penis und gleichzeitiges Abdrücken des venösen Abflusses über die Vena profunda penis im Schwellkörper einen Blutdruck von etwa 1200 Torr (~1.6 Bar), der etwa dem Zehnfachen des arteriellen Blutdrucks im Körper entspricht. Der Penisschaft verdickt und versteift sich. In der Phase der maximalen Erektion kommen sowohl Blutzu- als auch -abfluss des Penisschwellkörpers zum Erliegen, so dass der Penisschwellkörper ein geschlossenes System darstellt.

Der Harnröhren- (Corpus spongiosum penis) und Eichelschwellkörper (Corpus spongiosum glandis) werden – im Gegensatz zum Penisschwellkörper – auch im erschlafften Zustand von Blut durchströmt. Während der Erektion drückt der Musculus bulbospongiosus den Abfluss über die Vena bulbi penis ab, sodass es auch zu einer vermehrten Füllung dieser Schwellkörper kommt. Dies führt zu einer Vergrößerung der Eichel, die Steifigkeit des Gliedes wird allerdings kaum davon beeinflusst. Zudem wird der Blutabfluss hier nicht vollständig gedrosselt, da ein zweiter Abfluss über die Vena dorsalis penis bestehen bleibt, so dass beide Schwellkörper auch bei maximaler Erektion eindrückbar bleiben. Auch der Musculus bulbospongiosus führt kurz vor dem Samenerguss rhythmische Kontraktionen aus, die aufgrund des noch bestehenden zweiten Abflussweges pulsierende Erektionswellen erzeugen und damit den Samenausstoß unterstützen.[8]

Erektionsmechanismus bei anderen Säugetieren

Penisknochen eines Hundes, der Pfeil zeigt auf die an der Unterseite liegende Rinne für die Harnröhre

Dieser Erektionsmechanismus ist prinzipiell bei allen Säugetieren zu finden, variiert aber in Abhängigkeit vom Penistyp. Bei vielen Tieren ist der Penisschwellkörper teilweise zum Penisknochen verkalkt, so dass nur wenig Schwellgewebe vorhanden ist und der Penis eine Grundsteifigkeit besitzt. Bei Tieren mit „fibroelastischen Penistyp“ (z. B. Paarhufer) ist nur wenig Blut notwendig, um den Penisschwellkörper zu füllen. Hier führt die Blutfüllung – unterstützt durch das Erschlaffen des Musculus retractor penis und durch die Eigenelastizität des Bindegewebes – zu einem Verstreichen der s-förmigen Biegung des Penis und damit einer Verlängerung, aber kaum zu einer Verdickung des Penis. Bei Hunden zeigt die Füllung des Eichelschwellkörpers eine Besonderheit. Bei ihnen zieht die Vena dorsalis penis unter dem Musculus ischiourethralis hindurch, welcher nach dem Einführen des Penis den Blutabfluss aus dem Eichelschwellkörper vollständig unterbindet. Dadurch schwillt die Eichel bei Hunden beträchtlich an und die Rüden „hängen“ in der Hündin bis zu 30 Minuten nach der Ejakulation. Eine Trennung der Tiere zu diesem Zeitpunkt kann zu schweren Verletzungen der Genitalien führen und ist Tierquälerei. Eine Besamung der Hündin kann durch eine Trennung in der Regel nicht verhindert werden, da die Ejakulation sehr früh erfolgt.[8]

Abschwellen des Penis

Nach dem sexuellen Höhepunkt – normalerweise mit Orgasmus und Ejakulation – oder bei nachlassender sexueller Erregung geht die Erektion zurück und das Blut fließt aus den Schwellkörpern wieder ab. Das Abschwellen wird wissenschaftlich als Detumeszenz bezeichnet und ist nach einem Orgasmus wahrscheinlich durch die bei diesem erfolgte Ausschüttung der Hormone Oxytocin und Prolaktin bedingt. Die Abschwellung zusammen mit der anschließenden Zeitspanne bis zu einer nächstmöglichen Erektion wird als Refraktärphase bezeichnet.

Weibliche Erektion – Anschwellen der Labien und Klitoris im Verlauf der sexuellen Erregung

Erektion weiblicher Genitalien

Im weiteren Sinne wird auch das Anschwellen der Klitoris und Schamlippen als Erektion bezeichnet. Die durch die Schamlippenerektion hervorgerufene Schwellung kann zur teilweisen Öffnung der Vulva führen. Für das Feuchtwerden des weiblichen Genitals wird gewöhnlich der Begriff Lubrikation verwendet.

Erektionsprobleme

Erektile Dysfunktion

Erektionsstörungen beim Mann werden als erektile Dysfunktion bezeichnet und können vielfältige organische und seelische Ursachen haben. Sie betreffen Männer jeglichen Alters, werden aber mit zunehmendem Alter häufiger. Seit einigen Jahren stehen PDE-5-Hemmer als Medikamente zur Behandlung der erektilen Dysfunktion zur Verfügung (z. B. Sildenafil, Tadalafil oder Vardenafil). Diagnostisch wird unter anderem die Phallografie verwendet. Sie dient dazu, nächtliche Erektion nachzuweisen. Dabei wird ein Bändchen mit integrierten Dehnungsmessstreifen um den Penis gelegt und an ein Aufzeichnungsgerät angeschlossen. Füllen sich die Schwellkörper, so wird dies aufgezeichnet und kann vom Arzt später ausgewertet werden. Durch diese Methode können psychogene und physiologische Ursachen von Erektionsproblemen unterschieden werden.

Priapismus

Eine schmerzhafte Dauererektion des Penis, die länger als zwei Stunden andauert, wird Priapismus genannt und bedarf einer sofortigen Behandlung. Es handelt sich dabei um einen Notfall, der ohne sofortige urologische Behandlung den Penis und insbesondere die Schwellkörper dauerhaft schädigt. Wenn keine Behandlung erfolgt, kann die Erektionsfähigkeit des Penis dauerhaft verloren gehen.

Geschichte und Gesellschaft

Aus unterschiedlichen Kulturen und Epochen finden sich Positionen zur Erektion. So schrieb Leonardo da Vinci über „das eigene Empfinden und einen vom Menschen unabhängigen Verstand“ des Penis. Augustinus von Hippo führte gleichsam mit der sexuellen Lust auch explizit die Erektion auf den Sündenfall im Paradies zurück.

Bei einigen im Alltag nackt gehenden „Naturvölkern“ finden sich Zeugnisse über Vermeidungstechniken dieser oft mit Scham verbundenen Körperreaktion, so bei den Nambikwara und den Kwoma (Neuguinea), wo Knaben im frühen Alter die Kontrolle über die sichtbare Erektion durch Bestrafung und Beschämung beigebracht wird. Ebenso wenig toleriert die traditionelle Nudistenbewegung, zu deren Grundsätzen laut Richard Ungewitter die Abgrenzung von Nacktheit zur Erotik zählte, sichtbare Erektionen. Vielmehr sind diese meist mit Tabu und Ächtung belegt. In diesem Zusammenhang wird im vereinsgebundenen FKK oft auf die Scham der pubertierenden Knaben geachtet,[9] so bereits 1923 bei der „Orthopädischen Nacktgymnastik“ Adolf Kochs, wo die 10- bis 14-jährigen Mädchen nackt waren, die Knaben jedoch Badehosen trugen.

Siehe auch

Literatur

  • Klaus M. Beier, Hartmut A. G. Bosinski, Kurt Loewit; Klaus M. Beier (Hrsg): Sexualmedizin. 2. Ausgabe, Elsevier; Urban&Fischer, München; Jena 2005, ISBN 3-437-22850-1.
  • Ernest Bornemann: Das große Lexikon der Sexualität. Pawlak, Herrsching 1984, ISBN 3-88199-148-4.
  • Clellan S. Ford, Frak H. Beach: Das Sexualverhalten von Mensch und Tier (= Patterns of sexual behavior). Rowohlt, Reinbek 1971, ISBN 3-499-68006-8.
  • Martin Goldstein, Will McBride: Lexikon der Sexualität. 400 x Auskunft, Antwort und Beschreibung. 2. Auflage. Jugenddienst-Verlag, Wuppertal/ Barmen 1970, ISBN 3-7795-7001-7.
  • Erwin J. Haeberle: Die Sexualität des Menschen. Handbuch und Atlas. Nikol, Hamburg 2000, ISBN 3-933203-22-8.
  • Alfred Charles Kinsey u. a.: Das sexuelle Verhalten des Mannes (= Sexual behavior in the human male). Fischer, Frankfurt a.M. 1970.
  • William H. Masters, Virginia E. Johnson: Die sexuelle Reaktion (= Human sexual response). Rowohlt, Reinbek 1980, ISBN 3-499-17814-1.
  • Volkmar Sigusch, Gunter Schmidt: Jugendsexualität. Dokumentation und Untersuchung. Enke, Stuttgart 1973, ISBN 3-432-01835-5.
  • Hans Peter Duerr Der Mythos vom Zivilisationsprozess. Bd. 3: Obszönität und Gewalt. 1. Auflage, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1993, ISBN 3-518-40488-1.

Weblinks

 Commons: Erektion – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikiquote: Erektion – Zitate
 Wiktionary: Erektion – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

  1. Facultés universitaires Notre-Dame de la Paix: erect-us.
  2. D. M. Sherer, P. C. Eggers, J. R. Woods, Jr: In-utero fetal penile erection. In: Journal of Ultrasound in Medicine. (JUM), Juni 1990, Bd. 9, Nr. 6, S. 371, PMID 2192091.
  3. D. A. L. Pedreira, A. Yamasaki, C. E. Czeresnia: Fetal phallus ‘erection’ interfering with the sonographic determination of fetal gender in the first trimester. In: Ultrasound in Obstetrics & Gynecology. Okt. 2001, Bd. 18, Nr. 4, S. 402–404, doi:10.1046/j.0960-7692.2001.00532.x (Volltext).
  4. A. A. Jakobovits: Fetal penile erection. In: Ultrasound in Obstetrics & Gynecology. Okt. 2001, Bd. 18, Nr. 4, S. 405, doi:10.1046/j.0960-7692.2001.00477.x (Volltext).
  5. Erwin J. Haeberle: Die Sexualität des Menschen. Kapitel 1.3.1.: Frühes Kindesalter.
  6. Dissertation, 1.3. Sexuelle Entwicklung über die Lebensspanne, 1.3.1. Frühes Kindesalter(PDF-Datei)
  7. William E. Hartman, Marilyn A. Fithian: Human Sexuality: An Encyclopedia Ejaculation. In: Erwin J. Haeberle (Hrsg): Human Sexuality: An Encyclopedia.
  8. a b Uwe Gille: Männliche Geschlechtsorgane. In: F.-V. Salomon u. a. (Hrsg.): Anatomie für die Tiermedizin. Enke, Stuttgart 2004, ISBN 3-8304-1007-7, S. 389–403.
  9. Gemeinsam nackten: FKK-Bewegung Der ganze Stolz eines Nudisten ist es, sich alles zu verkneifen. Ein Gespräch mit dem Historiker Hans Bergemann über die Geschichte der FKK-Bewegung, Nacktheit und Sex. Auf: freitag.de vom 19. Juli 2002.
Gesundheitshinweis Bitte den Hinweis zu Gesundheitsthemen beachten!