Erinnerungsort
Der Begriff Erinnerungsort (frz.: un/le lieu de mémoire) geht auf den französischen Historiker Pierre Nora zurück. Damit verbunden ist die Vorstellung, dass sich das kollektive Gedächtnis einer sozialen Gruppe (so für Nora die französische Nation) an bestimmten Orten kristallisiert. Der Begriff „Ort“ kann sich nach Pierre Nora unterschiedlich manifestieren. Zum Beispiel als geografischer Ort, ebenso als mythische Gestalt, als Ereignis, Institution oder Begriff, als Buch oder Kunstwerk usw. Diese „Orte“ besitzen eine besonders aufgeladene, symbolische Bedeutung, die für die jeweilige Gruppe identitätsstiftende Funktion hat.
Die von Nora in einem siebenbändigen Werk zusammengetragenen Erinnerungsorte Frankreichs haben in anderen europäischen Ländern zu ähnlichen Publikationen angeregt. So erschienen seit 2001 in einem dreibändigen Werk Deutsche Erinnerungsorte. Im Jahr 2012 erschien das ebenfalls dreibändige Werk Europäische Erinnerungsorte. Im Verlag C.H. Beck erschienen inzwischen außerdem Sammelbände zu antiken Erinnerungsorten, dem Mittelalter und Erinnerungsorte des Christentums.
Beispiele [Bearbeiten]
- geografischer Ort: Auschwitz sowohl für die Deutschen als auch für die jüdischen Überlebenden des Holocaust sowie in Konsequenz für die Nation Israel
- Ereignisse: die Schlacht auf dem Amselfeld (1389) für das serbische Nationalbewusstsein
- historische Gestalten, die jedoch teils mythisch verklärt wurden: Jeanne d’Arc für die französische Nation, Arminius für die deutsche
- Kunstwerke: die Marseillaise für die französische Nation, Faust für die deutsche
Literatur [Bearbeiten]
- Pim den Boer, Heinz Duchhardt, Georg Kreis, Wolfgang Schmale: Europäische Erinnerungsorte. 3 Bände. R. Oldenbourg-Verlag, München 2012, ISBN 978-3-486-70418-1, ISBN 978-3-486-70419-8, ISBN 978-3-486-70822-6.
- Étienne François, Hagen Schulze (Hrsg.): Deutsche Erinnerungsorte Gesamtausgabe. 3 Bände. C.H. Beck, München 2008, ISBN 978-3-406-56896-1.
- Johannes Fried, Olaf B. Rader (Hrsg.): Die Welt des Mittelalters. Erinnerungsorte eines Jahrtausends. C.H. Beck, München 2011.
- Claus Leggewie mit Anne Lang: Der Kampf um die europäische Erinnerung. C. H. Beck Verlag, München 2011, ISBN 978-3-406-60584-0.
- Pierre Nora: Zwischen Geschichte und Gedächtnis. Fischer Taschenbuch, Frankfurt a. M. 1998, ISBN 978-3-596-12295-0.
- Pierre Nora, Étienne François: Erinnerungsorte Frankreichs. C. H. Beck, München 2005, ISBN 978-3-406-52207-9.
- Christoph Markschies, Hubert Wolf unter Mitarbeit von Barbara Schüler (Hrsg.): Erinnerungsorte des Christentums. C.H. Beck, München 2010, ISBN 978-3-406-60500-0.
- Burkhard Olschowsky, Ivan Petransky, Attila Po´k, Andrzej Przewoznik Matthias Weber (Hrsg.): Erinnerungsorte in Ostmitteleuropa : Erfahrungen der Vergangenheit und Perspektiven, (Reihe Schriften des Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, Band 42). R. Oldenbourg-Verlag, München 2011, ISBN 978-3-486-70244-6
- Patrick Ostermann, Claudia Müller, Karl-Siegbert Rehberg (Hrsg.): Der Grenzraum als Erinnerungsort. Über den Wandel zu einer postnationalen Erinnerungskultur in Europa. transcript Verlag, Bielefeld 2012, ISBN 978-3-8376-2066-5.
- Martin Sabrow (Hrsg.): Erinnerungsorte der DDR. C.H. Beck, München 2009, ISBN 978-3-406-59045-0.
- Elke Stein-Hölkeskamp, Karl-Joachim Hölkeskamp (Hrsg.): Erinnerungsorte der Antike. Die römische Welt. C.H. Beck, München 2006, ISBN 978-3-406-60496-6.
- Elke Stein-Hölkeskamp, Karl-Joachim Hölkeskamp (Hrsg.): Erinnerungsorte der Antike. Die griechische Welt. C. H. Beck, München 2010, ISBN 978-3-406-60496-6.
- Georg Kreis: Schweizer Erinnerungsorte. Aus dem Speicher der Swissness. Verlag der Neuen Zürcher Zeitung, Zürich 2010, ISBN 978-3-03-823591-0.
Weblink [Bearbeiten]
- Webportal für Geschichtskultur mit Texten über die Erinnerungsorte, Cultura Histórica (englisch/spanisch)