Erwin Schulhoff

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Erwin Schulhoff zusammen mit der Choreografin Milča Mayerová, 1931

Erwin Schulhoff (* 8. Juni 1894 in Prag; † 18. August 1942 auf der Wülzburg / Weißenburg in Bayern) war ein deutschböhmischer Komponist und Pianist.

Leben[Bearbeiten]

Erwin Schulhoff gehört zu jenen Komponisten, die in Vergessenheit geraten sind, obwohl sie eine bedeutende Rolle in der Entwicklung der Musikgeschichte einnahmen. Er wurde 1894 als Sohn des jüdischen Wollwarenhändlers Gustav Schulhoff und der Tochter eines Konzertmeisters, Louise Wolff, sowie als Urgroßneffe des mit Chopin befreundeten Klavierkomponisten Julius Schulhoff in Prag geboren. Durch eine Empfehlung von Antonín Dvořák konnte er bereits siebenjährig den Klavierunterricht bei Jindrich Kaan aufnehmen und mit zehn Jahren ins Prager Konservatorium eintreten. Seine pianistische Ausbildung bei Willi Thern in Wien, Robert Teichmüller in Leipzig und Carl Friedberg und Lazzaro Uzielli in Köln verband der auch kompositorisch frühreife Knabe mit Studien bei Max Reger (1907–1910). Aufgrund seiner exzellenten Studienleistungen erhielt er den Wüllner-Preis und 1918 den Mendelssohn-Preis für seine Klaviersonate Opus 22.

Nach dem Ersten Weltkrieg, den Schulhoff als Angehöriger des österreichischen Heeres mit Handverletzungen und Erfrierungen in Ostgalizien und Norditalien überstand, wirkte er als Klavierlehrer in Saarbrücken und als freischaffender Musiker in Berlin. 1924 nach Prag zurückgekehrt, setzte er sich als Konzertveranstalter und Pianist rückhaltlos für die Wiener Schule ein und unternahm ausgedehnte Konzertreisen nach Salzburg, Venedig, Genf und Oxford mit Werken der damaligen Avantgarde. Schulhoff interessierte sich für alle radikalen Richtungen der Avantgarde, für Dadaismus und Jazz (er schrieb u.a. das Jazz-Oratorium HMS Royal Oaks und sein bekanntestes Werk, die Hot Sonate), fasziniert vom Jazz spielte er im Jazzorchester des Prager Theaters mit und komponierte für dieses unter dem Pseudonym Petr Hanus. Er setzte sich für die Vierteltonmusik Alois Hábas ein und ließ sich nacheinander oder parallel von Impressionismus, Expressionismus und Neoklassizismus beeinflussen.

Schulhoff vertonte 1932 als Opus 82 das Manifest der Kommunistischen Partei in Form einer Kantate. Nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten wandte er sich der kommunistischen Bewegung zu und konnte seine Karriere in Deutschland nicht fortsetzen. Seine Werke wurden als entartete Musik gelistet und die für Berlin geplante Erstaufführung seiner Oper «Flammen» wurde verhindert. Die Aufführung seiner Werke in Deutschland wurde gänzlich verboten und in Prag konnte er sich mit Bearbeitungen für den Rundfunk nur noch den allernötigsten Lebensunterhalt verdienen. Nach 1939 konnte er – mittlerweile im mährischen Ostrau ansässig – nur unter einem Pseudonym als Jazz-Pianist überleben.

Gedenkstein im Russischen Friedhof in Weißenburg

In den 1930er Jahren vollzog Schulhoff eine künstlerische Wende. Hatte er sich noch in den 1920er Jahren auf die Adaption von Jazz-Rhythmen und Modetänzen mit traditionellen Musikformen und einer atonalen Harmonik verstanden, wandte sich das spätere Schaffen der Ästhetik des „Sozialistischen Realismus“ zu. Er wollte für die kommunistische Weltrevolution kämpfen und mit seiner Familie in die Sowjetunion übersiedeln. Er schrieb Kampflieder und widmete Kompositionen spanischen Freiheitskämpfern. Nachdem er im Mai 1941 die sowjetische Staatsbürgerschaft erhalten und am 13. Juni die gültigen Einreisepapiere in Händen hatte, überfiel die deutsche Wehrmacht die UdSSR. Durch die deutsche Kriegserklärung an die Sowjetunion wurde Schulhoff plötzlich Bürger eines Feindstaates. Am 23. Juni wurde er in Prag interniert und in das Lager für Bürger anderer Staaten auf der Wülzburg bei Weißenburg/Bayern deportiert, wo er am 18. August 1942 an den Folgen von Unterernährung, Erschöpfung und Krankheit starb. Mit ihm verlor die Neue Musik eine ihrer experimentierfreudigsten und radikalsten Persönlichkeiten.

Werk[Bearbeiten]

Schulhoff gehörte zu den ersten europäischen Komponisten, die den Jazz in ihre Kompositionen integrierten. Er verstand sich vorzüglich auf die Adaption von harmonischen und rhythmischen Elementen des Jazz und von Modetänzen (Charleston, Shimmy und Foxtrott) in eine expressive, aber auch musikantische Tonsprache von außerordentlich leuchtender Farbigkeit.

Er setzte sich für Arnold Schönberg und Alban Berg ein und setzte sich mit der Bewegung des Dadaismus auseinander, die er durch die Verknüpfung mit Jazzelementen gewitzt umsetzte. Aus Hans Arps Gedichtband Die Wolkenpumpe vertonte er vier Gedichte für Bariton und Kammerensemble, den Vortragsstücken für Kontrafagott Bassnachtigall fügte er einen gesprochenen Epilog hinzu, der die „intellektuellen Hornbrillenträger“ im Publikum verhöhnte. Später war sein kompositorischer Stil weiterhin sehr spielerisch und dürfte durch seine traditionelle Verhaftung dem Neoklassizismus zugerechnet werden.

Das Streichquartett Nr. 1 (1924) beinhaltet extreme Gegensätze. Auf die wilde Motorik des angriffigen Presto-Kopfsatzes folgt ein klanglich fahles Allegretto. Das Allegro giocoso alla Slovaca ist vitaler Folklorismus in Reinkultur, im Finale überlagern sich konstruktive Elemente und heftige Gefühlsausbrüche über einem stellenweise polytonalen Grund. In der 3. Klaviersonate (1927) prallen erweiterter Sonatensatz und zyklische Elemente, Toccata, Perpetum mobile (Scherzo) und amorph wirkende Improvisationen (Andante) zusammen mit einem clustergewürzten Trauermarsch (4. Satz) den Rohstoff zur epilogartigen Destillation im weit über seine Entstehungszeit hinausweisenden «Finale retrospettivo» (5. Satz).

Werke[Bearbeiten]

Bühnenwerke[Bearbeiten]

  • Flammen. Musikalische Tragikomödie (Oper) in zwei Aufzügen (1928–32; WV 93). Libretto: Max Brod (nach Karel Josef Beneš)
  • Ogelala (Ballett)

Vokalkompositionen[Bearbeiten]

  • Orchesterlieder
    • "Landschaften". Fünf Gedichte von Johannes Theodor Kuhlemann. Sinfonie für Mezzosopran und Orchester, op. 26 (1912)
    • "Menschheit". Fünf Gedichte von Theodor Däubler. Eine Sinfonie für eine Altstimme und Orchester, op. 28 (1919)
  • Die Wolkenpumpe – Ernste Gesänge für eine Baritonstimme mit vier Blasinstrumenten und Schlagzeug nach Worten des Heiligen Geistes, Op. 40 (1922, Text von Hans Arp)
  • Das Kommunistische Manifest. Nach Marx-Engels, op. 82 (1932)

Orchesterwerke[Bearbeiten]

  • 6 Sinfonien und 2 Sinfonieskizzen
  • 2 Klavierkonzerte
  • Doppelkonzert für Flöte, Klavier und Orchester op. 63 (1927)
  • Suite für Kammerorchester

Kammermusik[Bearbeiten]

  • 5 Etudes de Jazz für Klavier
  • Hot-Sonate für Altsaxophon und Klavier (1930)
  • Divertissement für Oboe, Klarinette und Fagott
  • 5 Streichquartette (Divertimento, Streichquartett op. 25, Streichquartett Nr. 1, 5 Stücke für Streichquartett, Streichquartett Nr. 2)
  • Streichsextett
  • 3 Klaviersonaten
  • Bassnachtigall, Drei Vortragsstücke für Kontrafagott (1922)
  • Sonata Erotica für Solo-Muttertrompete (1919)
  • Sonate für Solo-Violine (1927)
  • Suite für Violine und Klavier
  • 2 Sonaten für Violine und Klavier
  • Sonate für Flöte und Klavier
  • Sonate für Violoncello und Klavier (1914)
  • Duo for violin and cello (1925)
  • Concertino für Querflöte (Piccolo), Viola und Kontrabass

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]