Explosion des Oppauer Stickstoffwerkes

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Bild nach der Explosion mit dem Trichter im Vordergrund[1]

Die Explosion des Oppauer Stickstoffwerkes der BASF ereignete sich am 21. September 1921 in der damals noch selbstständigen vorderpfälzischen Gemeinde Oppau, die 1938 in die Stadt Ludwigshafen am Rhein (heute Bundesland Rheinland-Pfalz) eingemeindet wurde. Mit 561 Toten ist sie noch vor der Kesselwagenexplosion von 1948 (207 Tote) die größte Chemiekatastrophe, die Ludwigshafen und die BASF betraf.

Vorgeschichte[Bearbeiten]

Die BASF, die zu dieser Zeit Badische Anilin- und Sodafabrik hieß und volkstümlich „die Anilin“ genannt wurde, betrieb im 1911 eröffneten Zweigwerk Oppau eine Anlage zur Ammoniaksynthese nach dem Haber-Bosch-Verfahren. Das gewonnene Ammoniak konnte vielseitig eingesetzt werden. Im Ersten Weltkrieg hatte die BASF damit hauptsächlich Ammonsalpeter für militärische Zwecke produziert, es fand u. a. Verwendung als Hauptbestandteil sogenannter ANC-Sprengstoffe. Nach dem Krieg war man bestrebt, die Produktion des Ammonsalpeters weiterlaufen zu lassen, aber daraus ein ziviles Produkt zu erzeugen. Eine Versuchsreihe der BASF führte zu der Erkenntnis, dass die Mischung von Ammonsalpeter mit mindestens 45 Prozent Ammonsulfat nicht mehr explosiv sei und sich als Düngemittel eigne. Die Mischung wurde in den Silos jedoch steinhart und musste vor dem Versand portioniert werden, was mithilfe kleiner Sprengladungen gemacht wurde. Dies war seit dem Ende des Krieges etwa 20.000 Mal ohne Probleme durchgeführt worden.

Ablauf und Folgen[Bearbeiten]

Im Gebäude Op 110 des Zweigwerks Oppau waren 4500 Tonnen Ammonsalpeter gelagert. Dort kam es am 21. September 1921 um 7:30 Uhr zu einer schweren Explosion. Sie kostete 561 Menschen das Leben, mehr als 2000 wurden verletzt. In Oppau wurden fast alle Gebäude zerstört oder beschädigt. Auch in der näheren Umgebung Ludwigshafens, der Vorderpfalz, sowie in Mannheim, auf der anderen Rheinseite, wurden große Schäden angerichtet. Noch im 25 km entfernten Heidelberg wurden Dächer abgedeckt, eine Straßenbahn sprang aus den Schienen. Im 80-km-Umkreis ließ der Explosionsknall Fensterscheiben erzittern. Selbst im Nordosten Frankreichs und sogar im mehr als 300 km entfernten München wurden zwei dumpfe Schläge gehört.[2]

Der Schriftsteller Armin Otto Huber (1914–1977), bekannt unter seinen Pseudonymen Armin Frank und Fred Larsen, beschrieb seine Beobachtungen der Katastrophe so:[3]

„Am 21. September fliegt das Werk Oppau der Badischen Anilin- und Sodafabrik mit einem gewaltigen Knall in die Luft. Auch bei Brechtels, deren Werk mehrere Kilometer von der durch das Unglück zerstörten Fabrik entfernt liegt, kommen sämtliche Glasdächer in tausend kleinen Scherben herunter. Es gibt einige Verwundete, doch mir passiert nichts. Im Pfarrhaus sind einige Fenster samt den Fensterrahmen zerstört und durch die Prinzregentenstraße fluten endlose Züge von leichter verwundeten Arbeitern, die zu Fuß aus der Anilinfabrik kommen. In entgegengesetzter Richtung hat sich ein Strom von Neugierigen nach Oppau in Bewegung gesetzt, dem auch ich mich anschließe, um das Unheil aus nächster Nähe zu besichtigen. Um Oppau herum liegen die Leichen in langen Reihen auf Stroh oder auf die nackte Erde gebettet.“

Von 1000 Wohnungen in Oppau waren 900 unbewohnbar, wodurch 7500 Menschen obdachlos wurden. An der Stelle des Lagergebäudes entstand ein Krater von 125 m Länge, 90 m Breite und 19 m Tiefe.[2]

Beim Wiederaufbau von Oppau in den 1920er Jahren machte sich der hauptsächlich als Kirchenbaumeister bekannte Architekt Albert Boßlet in seiner Zeit als Landesbaurat im bayerischen Innenministerium (die Pfalz gehörte damals zum Freistaat Bayern) einen Namen.

Ursachenforschung[Bearbeiten]

Die Ursache der Explosion konnte trotz umfangreicher Ermittlungen nicht aufgeklärt werden, da wegen des Ausmaßes der Zerstörungen und wegen des Todes aller im Explosionsbereich beschäftigten Personen nur wenige Anhaltspunkte für die Aufklärung blieben. Sowohl die BASF selbst als auch die Bayerische Regierung und die Reichsregierung bildeten Untersuchungskommissionen. Die Chemisch-Technische Reichsanstalt veröffentlichte am 30. November 1921 ein Gutachten; erst von 1925 datieren Gutachten von der Untersuchung des Reichstags (Hilfswerk Oppau).

Die Untersuchungskommission der BASF kam zu dem Schluss, dass vor dem Unglück das angestrebte Mischungsverhältnis vermutlich nicht erreicht wurde, weil die damaligen Qualitätskontrollen nicht mit der notwendigen Genauigkeit durchgeführt werden konnten. So kam es zur Explosion, die in eine verheerende Kettenreaktion mündete. Die 4500 Tonnen des explodierten Düngemittelgemisches entsprachen der Explosivkraft von ungefähr ein bis zwei Kilotonnen TNT.

Zwar kamen auch die Geheimdienste der Alliierten zu dem Ergebnis, dass es keine heimliche Sprengstoffherstellung bei der BASF gegeben habe, doch immer wieder kursierten gegenteilige Gerüchte. So berichtete noch 1961 eine australische Zeitung, die Stadt Oppau sei damals durch die Explosion eines geheimen deutschen Waffenlagers völlig zerstört und an neuer Stelle wieder aufgebaut worden.[4]

Die Produktion von Ammonsalpeter in der BASF wurde nach dem Unglück für lange Zeit eingestellt. Erst etwa 20 Jahre später wurde sie wieder aufgenommen, jedoch unter deutlich verbesserten Sicherheitsvorkehrungen.

Gedenken[Bearbeiten]

Gedenkstein auf dem Oppauer Friedhof

Auf dem Friedhof von Oppau wurde ein Gedenkstein errichtet. Zur Erinnerung an die Katastrophe trägt eine Straße innerhalb des BASF-Werksgeländes den Namen „Trichterstraße“; an ihr liegen noch heute viele Fertigungsstätten, in denen Düngemittel produziert werden.

Auf dem Hauptfriedhof von Frankenthal existiert ein eigenes Sammelgrab mit Gedenkstein, in dem 42 Opfer des Unglücks, die aus dieser Nachbarstadt stammten, gemeinsam beigesetzt wurden.[5]

Ausstellungen zum Thema finden sich im Karl-Otto-Braun-Museum in Ludwigshafen-Oppau sowie im Stadtarchiv von Ludwigshafen.

Unter dem Titel Oppauammoniak verfasste der expressionistische Dichter Franz Richard Behrens ein Gedicht über das Unglück.[6]

Literatur[Bearbeiten]

  •  Jeffrey Allan Johnson: Die Macht der Synthese (1900–1925). In: Werner Abelshauser (Hrsg.): Die BASF – Eine Unternehmensgeschichte. C. H. Beck Verlag, München 2002, ISBN 3-406-49526-5.
  •  Otto Köhler: ...und heute die ganze Welt. Die Geschichte der IG Farben und ihrer Väter. Rasch und Röhring, Hamburg und Zürich 1986, ISBN 3-89136-081-9.
  • Christian Haller: Das Explosionsunglück in der BASF vom 21. September 1921. Katastrophenwahrnehmung und -verarbeitung in Presse, Politik und Fachwelt In: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 161, 2013, ISSN 00044-2607, S. 325–375.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Die Abbildung stammt aus einer zeitgenössischen Fachzeitschrift von 1921 und zeigt (von Südwest nach Nordost) hinter dem Explosionstrichter und dem BASF-Werk Oppau den Rhein, die Mündung des Neckars und den Mannheimer Stadtteil Neckarstadt-West.
  2. a b Deutsche Welle, KalenderBlatt 21. September: 21.9.1921: Katastrophe bei BASF. 21. September 2005, abgerufen am 6. Oktober 2013.
  3.  Marianne Ertel (Hrsg.): Ludwigshafen am Rhein – Eine literarische Spurensuche. Stadtbibliothek Ludwigshafen am Rhein, Ludwigshafen 2003, ISBN 3-924667-36-5.
  4.  Explosion at Oppau: Day the Rhine was filled with Thunder. In: The News. 23. Mai 1961 (sinngemäß wiedergegeben aus:  Die BASF – Eine Unternehmensgeschichte. S. 212, Anmerkung 269.).
  5. Gedenkfeld der Opfer der Explosion 1921 in Frankenthal. panoramio.com, abgerufen am 6. Oktober 2013 (Gedenkstein mit Zitierung der Inschrift durch Michael Ohmsen).
  6.  Carsten Heinisch: 101 Rück-Blicke: Erinnerungen an Tage. Oppauammoniak. BoD – Books on Demand, 2010, ISBN 3-8391-2895-1, S. 149 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).

49.5177777777788.4183333333333Koordinaten: 49° 31′ 4″ N, 8° 25′ 6″ O