Mitteldeutschland

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Mitteldeutschland wurde als linguistischer und geographischer Begriff für verschiedene Regionen Deutschlands gebraucht. Seit der Bildung des Mitteldeutschen- und Ostdeutschen Rundfunks 1991 verwendet man diese Bezeichnung zunehmend für die Bundesländer Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.

Geographische Lage[Bearbeiten]

Mịtteldeutschland ist geographisch der mittlere Abschnitt der deutschen Mittelgebirgsschwelle; besonders in Abgrenzung gegenüber Norddeutschland und Süddeutschland. Dies entspricht etwa dem Gebiet, welches durch den Harz (im Nordwesten), den Thüringer Wald und den Frankenwald (im Südwesten), das Erzgebirge und das Lausitzer Gebirge, die Sächsische Schweiz und das Lausitzer Bergland (im Südosten) sowie den Fläming (im Norden) umgrenzt wird. Im Inneren Mitteldeutschlands liegen das Thüringer Becken, die Leipziger Tieflandsbucht und das Mittelsächsische Hügelland. Zur Elbe fließen in Mitteldeutschland Saale, Mulde und Schwarze Elster.

Je nach Standpunkt reicht der Raum bis Berlin (von Wittenberg aus) oder Bayern (von Weimar aus).[1]

Außerdem können historisch auch das südliche Niedersachsen und Teile Hessens und Frankens zu dieser Region gezählt werden.[2]

Vorgeschichtliche Besiedlung[Bearbeiten]

Chlodwigs Eroberungen.png

Schon von der nördlichen Stichbandkeramik vor 7000 Jahren über die Schönfelder Kultur bis zur nördlichen Aunjetitzer Kultur vor 4000 Jahren waren Gemeinsamkeiten in diesem Raum zu erkennen. Auch das Siedlungsgebiet der frühen Thüringer umfasste vor allem Teile des heutigen Mitteldeutschlands.[3]

Begriffsverwendung[Bearbeiten]

Verwendung in der Sprachforschung[Bearbeiten]

Verbreitung der mitteldeutschen Dialekte

Sprachwissenschaftlich beschreibt Mitteldeutschland das Gebiet, in dem mitteldeutsche Mundarten verbreitet sind, im Norden von der Benrather Linie und im Süden von der Mainlinie begrenzt.

Die Bezeichnung „mitteldeutsch“ entstand im 19. Jahrhundert, als man die Dialekte im deutschsprachigen Raum untersuchte. Vorher unterschied man nur zwischen oberländischer bzw. oberdeutscher und niederländischer bzw. niederdeutscher Sprache. Bei den Dialektuntersuchungen stellte man allerdings fest, dass die Hochdeutsche Lautverschiebung, die den historisch auffälligsten Unterschied zwischen der oberländischen und der niederländischen Sprache ausmacht, in einem sehr breiten Streifen nur teilweise durchgeführt ist. Aufgrund dieser und einiger anderer Merkmale begann man daher, den „Streifen“, der am Rhein sehr viel breiter ist als im Osten, als Übergangsgebiet zwischen dem Oberdeutschen und dem Niederdeutschen zu begreifen. Das mitteldeutsche Sprachgebiet stellt somit das Gebiet der rheinfränkisch-hessischen sowie der ostmitteldeutschen Dialekte dar und reicht im Süden vom Elsass entlang der Mainlinie bis ins Erzgebirge und im Norden von Aachen über Nordhessen bis ins südliche Brandenburg. Dies steht in weitgehender Übereinstimmung mit der Besiedelung und Urbanisierung des mitteldeutschen Raums während des Mittelalters, die vor allem aus den mittelrheinischen und niedersächsischen Gebieten erfolgte.

Die ostmitteldeutschen Dialekte (nördlich des Thüringer Waldes, östlich der Werra und südlich der Benrather Linie, also in großen Teilen des heute als „Mitteldeutschland“ bezeichneten Gebietes) sind dem Neuhochdeutschen und dem Standarddeutschen von allen deutschen Dialekten am nächsten, wie der Sprachforscher Theodor Frings bewiesen hat. Die Sprache im Gebiet zwischen Erfurt, Hof, Dessau und Dresden stimmt in vielen Merkmalen mit dem Neuhochdeutschen überein, z. B. im Wortschatz, da die neuhochdeutsche Schriftsprache sehr stark auf Martin Luthers Bibelübersetzung zurückgeht, der die Sprache der Staatsbeamten des Kurfürstentums Sachsen als Vorbild für die hochdeutsche Schreibung und Aussprache ansah und nutzte („Ich rede nach der sächsischen Kanzlei“, siehe Sächsische Kanzleisprache). Diese war allerdings eine überregionale Ausgleichssprache und nicht identisch mit den gesprochenen Dialekten dieser Region.

Historisch bis 1945[Bearbeiten]

Die Mitteldeutschen Staaten wurden im 19. Jahrhundert von Preußen im Norden, sowie Bayern und der Habsburgermonarchie im Süden unterschieden; politisch umgesetzt z.B. im Mitteldeutschen Handelsverein.[4]

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde der Begriff speziell für das Gebiet um Halle (Saale)-Leipzig gebraucht, wo man vom „Mitteldeutschen Industrierevier“, dem heutigen Mitteldeutschen Chemiedreieck, sprach.

Siehe auch: Mitteldeutscher Aufstand (1921)

Verwendung in Westdeutschland nach 1945[Bearbeiten]

Aufteilung des Deutschen Reiches nach 1945

Die Deutsche Demokratische Republik wurde auch als Mitteldeutschland bezeichnet (vgl. auch Ostdeutschland), da die Regierung der Bundesrepublik Deutschland, Teile der westdeutschen Bevölkerung und insbesondere die dortigen Vertriebenenverbände die auf den Konferenzen von Jalta und Potsdam vorgenommene Grenzverschiebung zunächst nicht als endgültig anerkannten. Tatsächlich wurde auf der Potsdamer Konferenz im Sommer 1945 ausdrücklich festgelegt, dass die neue deutsch-polnische Grenze erst im Zuge einer künftigen Friedensregelung (peace settlement) festgelegt werden solle. Folgerichtig wurde in der Nachkriegszeit in Westdeutschland teilweise die Bezeichnung Ostdeutschland für die Gebiete östlich der Oder-Neiße-Linie und Mitteldeutschland für die DDR benutzt.

Überwiegend wurde aber von der Ost-Zone gesprochen, wobei dieser Begriff aus der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) abgeleitet war. Offiziell wurde nur der Begriff „deutsche Ostgebiete“ in Anlehnung an die Ostgebiete des Deutschen Reiches verwendet, was auch staats- und völkerrechtliche Gründe hatte.[5] Durch die Vermeidung des Begriffs DDR sollte von westdeutscher Seite aus zunächst die Nichtanerkennung dieses Staates unterstrichen werden.

Ab Mitte der sechziger Jahre waren auch die Begriffe und Schreibweisen „sogenannte DDR“, später auch nur noch „DDR“ (in Anführungszeichen) üblich.

Seit der Wiedervereinigung 1990 wird das ehemalige Staatsgebiet der DDR meist als Neue Länder bezeichnet (siehe nebenstehende Karte).

Hessen[Bearbeiten]

Metropolregionen in Deutschland

Das Bundesland Hessen liegt der geografischen Mitte Deutschlands näher als beispielsweise viele Regionen Sachsen-Anhalts oder Sachsens. Es gehörte jedoch in der jüngeren Geschichte zur früheren „Bonner Republik“, während die Gebiete Sachsen-Anhalts, Sachsens und Thüringens von der früheren Zugehörigkeit zur DDR geprägt sind. Mit dem Hessischen Rundfunk besitzt Hessen eine eigene Rundfunkanstalt und mit dem Rhein-Main-Gebiet um Frankfurt am Main eine Schwerpunktregion im Südwesten. Auch die Landeshauptstadt Wiesbaden liegt am Rhein und damit im Westen Deutschlands.

Aus diesen Gründen wird Hessen meistens gesondert von den oft als Mitteldeutschland zusammengefassten Ländern Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen betrachtet.

Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen[Bearbeiten]

Die drei Länder Sachsen (Südosten), Sachsen-Anhalt (Norden) und Thüringen (Südwesten)

Seit dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland (Wiedervereinigung) wird als Mitteldeutschland wieder die Region bezeichnet, die sich um das Länderdreieck der Bundesländer Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen erstreckt. Zunehmend verwendet man den Begriff für das gesamte Gebiet dieser drei Länder; spätestens seit der Neugründung des Mitteldeutschen Rundfunks (Vorläufer war die 1924 gegründete Mitteldeutsche Rundfunk AG) als gemeinsame Rundfunkanstalt. Diese Entwicklung wird durch Initiativen aus den genannten Ländern aktiv gefördert.

Die drei Länder sind unter anderem durch folgende Aspekte miteinander verbunden:

Seit 2002 wollten die Landesregierungen von Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen verstärkt miteinander in der Initiative Mitteldeutschland kooperieren. Dazu wurden verschiedene Clusterinitiativen eingerichtet. Zu den wichtigen Sektoren zählen hierbei die Automobil- und Zulieferindustrie, die schon zu ihrer Entstehungszeit eine wichtige Rolle in Sachsen und Thüringen spielte (Auto Union) sowie der Hochtechnologiebereich mit Zentren in Jena (bspw. Jenoptik), Dresden (Silicon Saxony) und Leipzig (Biotechnologie). Die europäische Metropolregion Mitteldeutschland liegt ebenfalls im sog. Wirtschaftsraum Mitteldeutschland. Heute bildet das Ballungsgebiet Leipzig-Halle den Mittelpunkt dieses Wirtschaftsraumes: hier befinden sich der Flughafen Leipzig/Halle, der wichtige Leipziger Hauptbahnhof und die Mitteldeutsche Autobahnschleife.

Die Metropolregion Mitteldeutschland Management GmbH und die Wirtschaftsinitiative für Mitteldeutschland GmbH fusionierten am 21. März 2014 zur Europäischen Metropolregion Mitteldeutschland mit Sitz in Leipzig.[6]

Durch die Wirtschaftsinitiative Mitteldeutschland fand eine Neuorientierung des Begriffes nicht statt, bei der Teile Hessens, Bayerns oder Niedersachsens als Teil „Mitteldeutschlands“ empfunden worden wären. Brandenburg an der Grenze zu Polen ist demnach in Ostdeutschland, Sachsen aber nicht. Durch die Gleichsetzung mit Bundesländern wird dabei bewusst übergangen, dass Görlitz, die östlichste Stadt Deutschlands, geographisch in Ostdeutschland liegen müsste, da die natürliche Grenze spätestens der Oberlauf der Elbe wäre.

Zuletzt sprach sich Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung und die damalige Oberbürgermeisterin der Stadt Halle Dagmar Szabados im Jahr 2005 für eine Fusion der drei Länder zu einem Bundesland „Mitteldeutschland“ im Jahr 2018 aus.[7] Jedoch wird das Thema politisch kontrovers diskutiert und hat von den betreffenden Ministerpräsidenten im Mai 2011 eine Ablehnung erfahren.

Die erforderliche Stimmenanzahl für ein Volksbegehren wurde Ende 2014 erreicht.[8]

als Namensteil von Unternehmen, Vereinen und anderen Organisationen[Bearbeiten]

Beispiele:

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Bernhard Sommerlad: Mitteldeutschland in der deutschen Geschichte. In: Mitteldeutscher Kulturrat (Hrsg.): Aus Deutschlands Mitte. Teil 3: Mitteldeutschland – Versuche begrifflicher Definition unter fachwissenschaftlichen Aspekten. Bonn 1978, S. 25–58.
  • Michael Richter (Historiker), Thomas Schaarschmidt, Mike Schmeitzner (Hrsg.): Länder, Gaue und Bezirke. Mitteldeutschland im 20. Jahrhundert. Halle 2008, ISBN 978-3-89812-530-7
  • Antje Schlottmann: Was ist und wo liegt Mitteldeutschland? Eine etwas andere Länderkunde. In: Geographische Rundschau. 6/59, 2007, S. 4–9.
  • Tilo Felgenhauer: Geographie als Argument. Eine Untersuchung regionalisierender Begründungspraxis am Beispiel „Mitteldeutschland“. Stuttgart, Franz Steiner Verlag 2007
  • Monika Gibas: Auf der Suche nach dem „deutschen Kernland“. „Mitte“-Mythen im Deutschland der Zwischenkriegszeit (1919 bis 1939) und nach 1990. In: Rainer Gries, Wolfgang Schmale (Hrsg.): Kultur der Propaganda (= Herausforderungen, Band 16). Bochum 2005, S. 195–210.
  • Tilo Felgenhauer, M. Mihm, A. Schlottmann: The Making of Mitteldeutschland. On the Function of Implicit and Explicit Symbolic Features for Implementing Regions and Regional Identity. In: Geografiska Annaler. 1/87, 2005, S. 45–60.
  • A. Schlottmann, M. Mihm, T. Felgenhauer, S. Lenk, M. Schmidt: „Wir sind Mitteldeutschland!“ – Konstitution und Verwendung territorialer Bezugseinheiten unter raum-zeitlich entankerten Bedingungen. In: Benno Werlen (Hrsg.): Sozialgeographie alltäglicher Regionalisierungen. Band 3: Empirische Befunde. Stuttgart 2007, S. 297–334.
  • Jürgen John: „Deutschlands Mitte“. Konturen eines Forschungsprojektes. Mitten und Grenzen, 2003, S. 108–144.
  • Jürgen John (Hrsg.): „Mitteldeutschland“. Begriff – Geschichte – Konstrukt. Rudolstadt u. a. 2001, ISBN 3-89807-023-9 (Rezension von Peter Hübner in H-Soz-u-Kult, 18. Januar 2002).
  • Jürgen John: „Mitteldeutschland“-Bilder. In: Geschichte Mitteldeutschlands. Das Begleitbuch zur Fernsehserie. Stekovics, Halle (Saale) 2000, ISBN 3-932863-90-9.
  • Klaus Rother (Hrsg.): Mitteldeutschland gestern und heute. Passau 1995, ISBN 3-86036-024-8.
  • Werner Hülle: Westausbreitung und Wehranlagen der Slawen in Mitteldeutschland. Mit einem Beitrag von Werner Radig. Leipzig 1940 (Habilitationsschrift von 1936)
  • Claudia Schreiner, Katja Wildermuth (Hrsg.): Geschichte Mitteldeutschlands. Von Herrschern, Hexen und Spionen. Sandstein, Dresden 2013, ISBN 978-3-95498-042-0.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. siehe z.B. Regionalpark Mitteldeutschland, abgerufen 16. November 2014; Bernd Kulla: Die Anfänge der empirischen Konjunkturforschung in Deutschland 1925-1933. Verlag Duncker & Humblot, Berlin 1996, S. 79
  2. Werner König: dtv-Atlas Deutsche Sprache, S. 120, Abb. Mitteldeutschland als geografischer Begriff
  3. Helmut Castritius, Dieter Geuenich, Matthias Werner, Thorsten Fischer: Die Frühzeit der Thüringer: Archäologie, Sprache, Geschichte. Band 63 von Reallexikon der Germanischen Altertumskunde - Ergänzungsbände, Verlag Walter de Gruyter, 2009, S. 345
  4. z.B. Hugo Franz Brachelli: Die Staaten Europa's in kurzer statistischer Darstellung. 1867, S .11
  5. Richtlinien des Bundesministers für gesamtdeutsche Fragen, 1961
  6. http://www.mitteldeutschland.com/leistungen/news/singleansicht/datum/2014/03/21/wirtschaftsinitiative-und-metropolregion-fusionieren.html (abgerufen 3. April 2014)
  7. Neues Bundesland Mitteldeutschland (LVZ)
  8. Auf der (ersten) Zielgeraden: Volksbegehren Mitteldeutschland hat genug Stimmen für die erste Hürde gesammelt Leipziger Internetzeitung 17. Dezember 2014; siehe auch Volksbegehren Mitteldeutschland initiiert von Bernward Rothe