Flexion

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Dieser Artikel behandelt die Flexion von Wörtern. Zur Flexion von Gelenken siehe Flexion (Medizin).

In der Grammatik bezeichnet Flexion (lateinisch flexio „Biegung“)[1] die Änderung der Gestalt eines Wortes (eines Lexems) zum Ausdruck seiner grammatischen Merkmale bzw. der grammatischen Funktion im Satz. Synonym ist der Begriff Beugung (österreichisch auch Biegung).[2][3] Das zugehörige Verb lautet flektieren (lat. flectere „biegen“, „beugen“).[4] Sprachen, die systematisch bei Wörtern verschiedene Flexionsformen ausbilden, werden als flektierende Sprachen charakterisiert.

Grammatische Kategorien der Flexion sind im Deutschen: Person, Numerus, Tempus, Modus, Genus, Kasus, Komparationsstufe. Die Markierungen für Flexion (Flexive) bestehen oft in angehängten Endungen (Affixen), aber manchmal auch in anderen Prozessen, die tiefer in die Gestalt eines Wortes eingreifen, z. B. Ablaut. Flexionsformen sind normalerweise an bestimmte Wortarten gebunden und bringen grammatische Merkmale zum Ausdruck, die mit der jeweiligen Wortart verbunden sind, z. B. das Tempus beim Verb oder der Kasus beim Nomen.

Eine flektierte Form kann durchaus mehrere verschiedene Bedeutungen haben. Umgekehrt kann eine grammatische Funktion durch mehrere flektierte Formen ausgedrückt werden. Das Auftreten von Flexion wird durch grammatische Regeln gesteuert, zusätzlich können Flexionsmerkmale mehr oder weniger stark inhaltlich interpretierbar sein. Auch bei eher bedeutungshaltigen Kategorien wie etwa Numerus (Singular/Plural) wird die Interpretierbarkeit jedoch dadurch eingeschränkt, dass grammatische Regeln aus rein formalen Gründen ihr Auftreten erzwingen können.

Schulgrammatische Einteilung[Bearbeiten]

Bei der schulgrammatischen Definition werden die Arten der Flexion abhängig von der Wortart unterschieden.

Deklination bei Substantiven[Bearbeiten]

Substantive werden dekliniert nach Kasus und Numerus, nicht nach Genus. Genuswechsel wird im Deutschen durch Derivation (Ableitung) ausgedrückt.

Beispiel:

  • das Haus, des Hauses, der Häuser

(Deklination nach Kasus und Numerus; eine Genusänderung ist nicht möglich)

Deklination bei Adjektiven[Bearbeiten]

Adjektive werden dekliniert nach Genus, Kasus, Numerus.

Deklination Beispiel
nach Genus ein schneller, eine schnelle, ein schnelles
nach Kasus ein schneller, eines schnellen
nach Numerus ein schneller, zwei schnelle

Dabei lassen sich zwei Arten der Flexion unterscheiden:

  • schwache, äußere Flexion bei vorangestelltem Artikelwort mit Flexionsendung, Beispiel: in der großen Runde
  • starke, innere Flexion bei fehlendem oder flexionsendungslosem Artikelwort, Beispiel: in großer Runde

Konjugation bei Verben[Bearbeiten]

Verben werden konjugiert nach Person, Numerus, Aspekt, Aktionsart, Tempus, Modus.

Man unterscheidet bei Verben parallel dazu drei Arten der Flexion:

beispielsweise Präfixe, Suffixe, Infixe, Zirkumfixe wie bei (ich) spiele – spielte (Tempusflexion durch Anhängen von -{t}- an den Wortstamm)
beispielsweise durch Ablaut wie bei (ich) singe – sang (Tempusflexion) und Umlaut wie bei (ich) fechte – (du) fichtst (Flexion nach der Person) und (ich) sang – sänge (Flexion des Modus).
  • unregelmäßige Flexion mit weitergehender Veränderung des Wortstammes (Ablaut und Konsonantenwechsel) wie bei (ich) ziehe – zog und manchmal zusätzlich mit dem Tempusaffix wie bei (ich) bringe – brachte (Vokalwechsel, Konsonantenwechsel und Präteritumsuffix -{t}-) oder mit Suppletivformen wie bei (ich) bin – (du) bist – (er) ist, (ihr) seid, (wir, sie) sind, wo verschiedene Stämme ein Flexionsparadigma bilden (Suppletion).

Kongruenz und Gruppenflexion[Bearbeiten]

Die Zusammengehörigkeit von Wörtern oder Wortgruppen im Satz kommt durch Kongruenz zum Ausdruck. Dabei handelt es sich vor allem um Kasus-, Numerus- und Genuskongruenz innerhalb eines Satzgliedes, die Numeruskongruenz zwischen Subjekt und Prädikat sowie die Numerus- und Genuskongruenz zwischen Bezugsnomen und Relativpronomen.

Beispiel: Wir sehen den kleinen Jungen. Der Satz weist eine Numeruskongruenz zwischen Subjekt und Prädikat auf, ferner eine Kasus-, Numerus- und Genuskongruenz im Objekt.

Agglutinierende Sprachen wie die Turksprachen drücken die Zusammengehörigkeit, etwa von (Adjektiv-)Attribut (auch Zahlwort und Demonstrativpronomen), nicht durch Kongruenz aus, sondern durch Gruppenflexion. Dabei werden die untergeordneten Attribute in ihrer unflektierten Grundform dem Nomen vorangestellt, wodurch sich eine Gruppe ergibt. Diese wird dann als Ganzes der Flexion unterworfen, das heißt, allein das mit Attributen versehene Nomen trägt Numerus- und Kasusmarker (Morpheme zur Markierung der Kasus).

Agglutinierende und fusionierende Flexion[Bearbeiten]

Der Ausdruck Flexion wird nicht nur für die Flexion im engeren Sinne (Fusion) verwendet, sondern er bezieht häufig auch die sogenannte Agglutination (grobe und leicht zerlegbare Anfügung von Affixen) mit ein. Daher ist die Bezeichnung flektierende Sprache in vielen Fällen ein Synonym für eine synthetische Sprache.

  • Flexion im Sinne von Fusion liegt dann vor, wenn Wortstämme verändert werden (flektierte Formen gebildet werden), um grammatische Kategorien auszudrücken.
  • Agglutination verzichtet auf dieses Mittel weitgehend; nur die sog. Vokalharmonie ist zulässig.

Damit kann eine Flexionsform zum Ausdruck grammatischer Kategorien auf zwei Weisen gebildet werden: durch Agglutination und Fusion (Verschmelzung von Morphemen). Man kann also agglutinierende und fusionierende Flexion unterscheiden.

Der Verschmelzungsgrad zwischen Wortstamm und Flexionsendung ist dabei verschieden. Während bei Agglutination die Flexionsendungen im Idealfall nur eine einzige Flexionskategorie darstellen, einfach an das Wort angehängt werden und daher leicht zerlegbar sind, ist das bei der Fusion nicht möglich.

Zur Erläuterung einige Beispiele aus der deutschen Sprache.

  • Im Falle von Kind-er-n steht Kind für das Wort (Lexem), -{er} für den Plural und -{n} für den Dativ. Die Wortstruktur ist agglutinierend (aneinanderreihend): Die Bestandteile des Wortes beeinflussen sich in ihrer Form nicht gegenseitig. Würden alle Flexionsformen der Wörter des Deutschen so gebildet, wäre Deutsch eine agglutinierende Sprache. Dem ist aber nicht so.
  • Viele Plurale werden anders gebildet, wie z. B. Vätern. Hier werden die gleichen Flexionsendungen benutzt wie bei Kindern; zugleich ändert sich aber der Vokal des Wortstamms. Dies ist nicht mehr agglutinierend, sondern ein Merkmal für Fusion.
  • Hinzu kommen Fälle wie gäbe (3. Person Singular Konjunktiv im Präteritum). Hierbei steht -{e} für die 3. Person Singular; der Wechsel des Stammvokals -e- (in geb-en) zu -a- steht für Präteritum; der Wechsel von diesem -a-zu -ä- für den Konjunktiv. In -ä- kommen bei diesem Verb also mehrere grammatische Kategorien zugleich zum Ausdruck: Präteritum und Konjunktiv. Die Stammform gäb- steht also für das Wort + Präteritum + Konjunktiv. So etwas ist typisch für Fusion in der Flexion.

Fusion bedeutet zusätzlich, dass die Wahl zwischen den Allomorphen nicht nur durch die lautliche Umgebung bedingt ist. Im Fall der Plurale von Hund – Hunde und Mund – Münder sieht man, dass die Wortstämme fast die gleichen Laute enthalten; dennoch werden die Plurale verschieden gebildet. Das kann also nicht an der lautlichen Umgebung der Pluralendungen liegen und ist ein weiteres Kennzeichen von Fusion.

  • Die schwachen Verben zeigen im Deutschen Züge der Agglutination: rett-et-e besteht aus einer Aneinanderreihung von unverändertem Wortstamm + Flexionsendung für Präteritum -{et}- + Flexionsendung für Person/ Numerus -{e}.
  • Die entsprechende Form des starken Verbs laufen zeigt dagegen fusionierende Züge: (er) läuft – lief. Die Flexionsendung geht verloren und zusätzlich ändert sich der Stammvokal.

Insgesamt gesehen ist das Deutsche wie fast alle Sprachen eine Mischsprache, wenn man sich ansieht, mit welchen Mitteln die grammatischen Kategorien gebildet werden.

Der Flexion stehen die Komparation (= Steigerung) und die Derivation (= Ableitung), die der Bildung neuer Wörter dient, gegenüber. Bei der Derivation spielt die Fusion im Deutschen nur eine relativ geringe Rolle.

Sprachen[Bearbeiten]

Viele indogermanische Sprachen – z. B. Deutsch, Latein, slawische Sprachen, Hindi – haben einen flektierenden Sprachbau. Innerhalb der semitischen Sprachen sind besonders in der klassischen arabischen Sprache sehr viele Flexionsformen erhalten geblieben.

Hingegen hat das gesprochene Französisch im Laufe der Jahrhunderte viele Flexionsformen verloren. Beispiel: il donne (er gibt) und ils donnent (sie geben) sind vom bloßen Hören nicht zu unterscheiden.

Auch die englische Sprache hat in den letzten Jahrhunderten nahezu alle Flexionsformen aufgegeben. Dazu ein Vergleich der Konjugation des Verbs „make“ in der mittelenglischen, frühneuenglischen und modernen Form:

Mittelenglisch Frühneuenglisch Neuenglisch
ich make I make I make
þu makest thou makst you make
he/she/it makeþ he/she/it maketh he/she/it makes
we maken we make we make
ȝe maken ye make you make
þey maken they make they make

Im Kontrast zu flektierenden bzw. synthetischen Sprachen stehen analytische bzw. isolierende Sprachen.

Literatur[Bearbeiten]

  • Hadumod Bußmann: Lexikon der Sprachwissenschaft. 3., aktualisierte und erweiterte Auflage. Kröner, Stuttgart 2002. ISBN 3-520-45203-0
  • Duden. Die Grammatik. 7., völlig neu erarbeitete und erweiterte Auflage. Dudenverlag: Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich 2005. ISBN 3-411-04047-5
  • Heide Wegener: Die Nominalflexion des Deutschen – verstanden als Lerngegenstand. Niemeyer, Tübingen 1995. ISBN 3-484-31151-7
  • Jörg Meibauer: Einführung in die germanistische Linguistik. 2., aktualisierte Auflage. J.B. Metzler, Stuttgart 2007. ISBN 978-3-476-02141-0

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Duden online: Flexion
  2. Duden online: Beugung
  3. Duden online: Biegung.
  4. Duden online: flektieren

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Beugung – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Wiktionary: Biegung – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Wiktionary: Flexion – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen