Flexion

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Dieser Artikel handelt vom Begriff Flexion in der Linguistik. Für die Bedeutung des Begriffes in der Medizin siehe Flexion (Medizin).

Die Flexion (von lat. flectere) (auch: Beugung, Biegung) bezeichnet in der Grammatik die Änderung der Gestalt eines Wortes (eines Lexems) zum Ausdruck seiner grammatischen Merkmale bzw. der grammatischen Funktion im Satz. Die Markierungen für Flexion (Flexive) bestehen oft in angehängten Endungen (Affixen), aber manchmal auch in anderen Prozessen, die tiefer in die Gestalt eines Wortes eingreifen, z. B. Ablaut. Sprachen, die systematisch bei Wörtern verschiedene Flexionsformen ausbilden, werden insgesamt als flektierende Sprachen charakterisiert.

Flexionsformen sind normalerweise an bestimmte Wortarten gebunden und bringen grammatische Merkmale zum Ausdruck, die mit der jeweiligen Wortart verbunden sind, z. B. Tempus beim Verb oder Kasus beim Nomen. Das Auftreten von Flexion wird durch grammatische Regeln gesteuert, zusätzlich können Flexionsmerkmale mehr oder weniger stark inhaltlich interpretierbar sein; Auch bei eher bedeutungshaltigen Kategorien wie etwa Numerus (Singular / Plural) wird die Interpretierbarkeit jedoch dadurch eingeschränkt, dass grammatische Regeln aus rein formalen Gründen ihr Auftreten erzwingen können.

Der Begriff Flexion[Bearbeiten]

Der Ausdruck Flexion wird nicht nur für die Flexion im engeren Sinne (Fusion) verwendet, sondern er bezieht häufig auch die sogenannte Agglutination (grobe und leicht zerlegbare Anfügung von Affixen) mit ein; daher ist die Bezeichnung flektierende Sprache in vielen Fällen ein Synonym für eine synthetische Sprache. Flexion im Sinne von Fusion liegt dann vor, wenn Wortstämme verändert werden (flektierte Formen gebildet werden), um grammatische Kategorien auszudrücken. Agglutination verzichtet auf dieses Mittel weitgehend; nur die sog. Vokalharmonie ist zulässig. Damit kann eine Flexionsform auf zwei Weisen gebildet werden: durch Agglutination und Fusion (Verschmelzung von Morphemen) zum Ausdruck grammatischer Kategorien. Grammatische Kategorien der Flexion sind im Deutschen: Person, Numerus, Tempus, Modus, Genus, Kasus, Komparationsstufe.

Man kann also

unterscheiden. Der Verschmelzungsgrad zwischen Wortstamm und Flexionsendung ist dabei verschieden. Während bei Agglutination die Flexionsendungen im Idealfall nur eine einzige Flexionskategorie darstellen, einfach an das Wort angehängt werden und daher leicht zerlegbar sind, ist das bei der Fusion nicht möglich.

Zur Erläuterung einige deutsche Beispiele. Im Falle von „Kind-er-n“ steht „Kind“ für das Wort (Lexem), -{er} für den Plural und -{n} für den Dativ. Die Wortstruktur ist agglutinierend (aneinanderreihend): die Bestandteile des Wortes beeinflussen sich in ihrer Form nicht gegenseitig. Würden alle Flexionsformen der Wörter des Deutschen so gebildet, wäre Deutsch eine agglutinierende Sprache. Dem ist aber nicht so. Viele Plurale werden anders gebildet, wie z. B. „Vätern“. Hier werden die gleichen Flexionsendungen benutzt wie bei „Kindern“; zugleich ändert sich aber der Vokal des Wortstamms. Dies ist nicht mehr agglutinierend, sondern ein Merkmal für Fusion. Hinzu kommen Fälle wie „gäbe“ (3. Person Singular Konjunktiv im Präteritum). Hierbei steht -{e} für die 3. Person Singular; der Wechsel des Stammvokals -e- (in „geb-en“) zu -a- steht für Präteritum; der Wechsel von diesem -a- zu -ä- für den Konjunktiv. In -ä- kommen bei diesem Verb also mehrere grammatische Kategorien zugleich zum Ausdruck: Präteritum und Konjunktiv. Die Stammform gäb- steht also für das Wort + Präteritum + Konjunktiv. So etwas ist typisch für Fusion in der Flexion. Fusion bedeutet zusätzlich, dass die Wahl zwischen den Allomorphen nicht nur durch die lautliche Umgebung bedingt ist. Im Fall der Plurale von „Hund – Hunde“ und „Mund – Münder“ sieht man, dass die Wortstämme fast die gleichen Laute enthalten; dennoch werden die Plurale verschieden gebildet. Das kann also nicht an der lautlichen Umgebung der Pluralendungen liegen und ist ein weiteres Kennzeichen von Fusion.

Die schwachen Verben zeigen im Deutschen Züge der Agglutination: „rett-et-e“ z. B. besteht aus einer Aneinanderreihung von unverändertem Wortstamm + Flexionsendung für Präteritum (-{et}-)+ Flexionsendung für Person/ Numerus (-{e}). Die entsprechende Form des Verbs „laufen“ zeigt fusionierende Züge: „(er) läuft – lief“. Die Flexionsendung geht verloren und zusätzlich ändert sich der Stammvokal.

Der Flexion steht die Derivation (= Ableitung) gegenüber, die der Bildung neuer Wörter dient. Bei der Derivation spielt die Fusion im Deutschen nur eine relativ geringe Rolle.

Insgesamt gesehen ist das Deutsche wie fast alle Sprachen eine Mischsprache, wenn man sich ansieht, mit welchen Mitteln die grammatischen Kategorien gebildet werden.

Arten[Bearbeiten]

Bei der schulgrammatischen Definition von Flexion wird abhängig von der Wortart unterschieden zwischen

  • der Deklination bei Substantiven (diese Flexion wird auch als Biegung bezeichnet, um sie von der Beugung der Verben abzugrenzen)
nach Kasus, Numerus (Im Deutschen flektieren Substantive nur nach Kasus und Numerus, nicht nach Genus. Genuswechsel wird durch Derivation (Ableitung) ausgedrückt.)
Beispiel: das Haus, des Hauses, der Häuser. Deklination nach Kasus und Numerus; eine Genusänderung ist nicht möglich.
  • der Deklination bei Adjektiven nach Kasus, Numerus, Genus
Deklination Beispiel
nach Genus ein schneller, eine schnelle, ein schnelles
nach Kasus ein schneller, eines schnellen
nach Numerus ein schneller, die schnellen
beispielsweise nach Person, Numerus, Aspekt, Aktionsart, Tempus, Modus
  • der Komparation (Steigerung) bei Adjektiven und Partizipien
nach der Steigerungsstufe
Beispiel: schnell (Positiv), schneller (Komparativ), am schnellsten (Superlativ)

Man unterscheidet bei Verben parallel dazu drei Arten der Flexion

beispielsweise Präfixe, Suffixe, Infixe, Zirkumfixe wie bei (ich) spiele – spielte (Tempusflexion durch Anhängen von -{t}- an den Wortstamm)
beispielsweise durch Ablaut wie bei (ich) singe – sang (Tempusflexion) und Umlaut wie bei (ich) fechte – (du) fichtst (Flexion nach der Person) und (ich) sang – sänge (Flexion des Modus).
  • unregelmäßige Flexion mit weitergehender Veränderung des Wortstammes (Ablaut und Konsonantenwechsel) wie bei (ich) ziehe – zog und manchmal zusätzlich mit dem Tempusaffix wie bei (ich) bringe – brachte (Vokalwechsel, Konsonantenwechsel und Präteritumsuffix -{t}-) oder mit Suppletivformen wie bei (ich) bin – (du) bist – (er) ist, (ihr) seid, (wir, sie) sind, wo verschiedene Stämme ein Flexionsparadigma bilden (Suppletion).

Analog lassen sich bei der Flexion von Adjektiven zwei Arten unterscheiden

beispielsweise bei in der großen Runde.
  • starke, innere Flexion bei fehlendem oder flexionsendungslosem Artikelwort
beispielsweise bei in großer Runde.

Die Zusammengehörigkeit von Wörtern oder Wortgruppen im Satz kommt durch Kongruenz zum Ausdruck. Dabei handelt es sich vor allem um Kasus-, Numerus- und Genuskongruenz innerhalb eines Satzgliedes, die Numeruskongruenz zwischen Subjekt und Prädikat sowie die Numerus- und Genuskongruenz zwischen Bezugsnomen und Relativpronomen.

Beispiel: Wir sehen den kleinen Jungen. Der Satz weist eine Numeruskongruenz zwischen Subjekt und Prädikat auf, ferner eine Kasus-, Numerus- und Genuskongruenz im Objekt.

Der Begriff flektierende Sprache wird häufig als Oberbegriff für synthetische Sprachen verwendet, also auch für agglutinierende Sprachen und fusionale Sprachen.

Eine flektierte Form kann durchaus mehrere verschiedene Bedeutungen haben, wie auch eine grammatische Funktion durch mehrere flektierte Formen ausgedrückt werden kann.

Gruppenflexion[Bearbeiten]

Agglutinierende Sprachen, wie die Turksprachen drücken die Zusammengehörigkeit, etwa von (Adjektiv-)Attribut (auch Zahlwort und Demonstrativpronomen), nicht durch Kongruenz aus, sondern durch Gruppenflexion. Dabei werden die untergeordneten Attribute in ihrer unflektierten Grundform dem Nomen vorangestellt, wodurch sich eine Gruppe ergibt. Diese wird dann als Ganzes der Flexion unterworfen, das heißt, allein das mit Attributen versehene Nomen trägt Numerus- und Kasusmarker (Morpheme zur Markierung der Kasus).

Sprachen[Bearbeiten]

Viele indogermanische Sprachen – z. B. Deutsch, Latein, slawische Sprachen, Hindi – haben einen flektierenden Sprachbau. Innerhalb der semitischen Sprachen sind besonders in der klassischen arabischen Sprache sehr viele Flexionsformen erhalten geblieben.

Hingegen hat das gesprochene Französisch im Laufe der Jahrhunderte viele Flexionsformen verloren. Beispiel: il donne (er gibt) und ils donnent (sie geben) sind vom bloßen Hören nicht zu unterscheiden.

Auch die englische Sprache hat in den letzten Jahrhunderten nahezu alle Flexionsformen aufgegeben. Dazu ein Vergleich der Konjugation des Verbs „make“ in der mittelenglischen, frühneuenglischen und modernen Form:

Mittelenglisch Frühneuenglisch Neuenglisch
ich make I make I make
þu makest thou makst you make
he/she/it makeþ he/she/it maketh he/she/it makes
we maken we make we make
ȝe maken ye make you make
þey maken they make they make

Im Kontrast zu flektierenden bzw. synthetischen Sprachen stehen analytische bzw. isolierende Sprachen.

Literatur[Bearbeiten]

  • Hadumod Bußmann: Lexikon der Sprachwissenschaft. 3., aktualisierte und erweiterte Auflage. Kröner, Stuttgart 2002. ISBN 3-520-45203-0
  • Duden. Die Grammatik. 7., völlig neu erarbeitete und erweiterte Auflage. Dudenverlag: Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich 2005. ISBN 3-411-04047-5
  • Heide Wegener: Die Nominalflexion des Deutschen – verstanden als Lerngegenstand. Niemeyer, Tübingen 1995. ISBN 3-484-31151-7
  • Jörg Meibauer: Einführung in die germanistische Linguistik. 2., aktualisierte Auflage. J.B. Metzler, Stuttgart 2007. ISBN 978-3-476-02141-0

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Beugung – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Wiktionary: Flexion – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen