Flugabwehrraketensystem Tor

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Flugabwehrraketensystem Tor

Amd sa15.jpg

Allgemeine Angaben
Typ: Boden-Luft-Lenkwaffensystem
Heimische Bezeichnung: 9K330 Tor
NATO-Bezeichnung: SA-15 Gauntlet
Herkunftsland: Sowjetunion 1955Sowjetunion Sowjetunion/RusslandRussland Russland
Hersteller: Almas-Antei
Entwicklung: 1975
Indienststellung: 1986
Technische Daten
Länge: 2,85 m
Durchmesser: 560 mm
Gefechtsgewicht: 165 kg
Spannweite: 750 mm
Antrieb: Feststoffrakete
Geschwindigkeit: 800-850 m/s
Reichweite: 12 km
Dienstgipfelhöhe: 6 km
Ausstattung
Lenkung: Trägheitsnavigationsplattform
Zielortung: Radarzielverfolgung mit Funkkommandolenkung
Gefechtskopf: 14,5 kg Continuous Rod
Zünder: Näherungs- und Aufschlagzünder
Waffenplattformen: 9A330 Kettenfahrzeug
Listen zum Thema

Tor (russisch ТорTorus“) ist ein Kurzstrecken-Luftabwehrraketen-System, das in der Sowjetunion entwickelt wurde. Die NATO-Bezeichnung lautet SA-15 GAUNTLET. Der GRAU-Index lautet 9K330, 9K311 und 9K332. Die Lenkwaffen tragen die Bezeichnung 9M330 und 9M331.

Das System dient zur Verteidigung von Bodenzielen gegen Angriffe von Kampfflugzeugen, Hubschraubern, Marschflugkörpern sowie UAVs, vom Tiefflug bis zu einer Höhe von sechs Kilometern.[1] Es kann insbesondere auch kleine Lenkwaffen oder Präzisionsbomben verfolgen und bekämpfen, die von höher fliegenden Flugzeugen abgefeuert wurden. Das Fahrzeug kann dabei in Bewegung bleiben, und ist somit durch derartige Waffen selbst nur schwer zu treffen.

Tor M1 ist gekennzeichnet durch hohe Autonomie, Genauigkeit und kurze Reaktionszeiten. Dies ist vor allem auf die Integration eines hochmodernen Phased-array-Zielradars in jedes einzelne Fahrzeug (eine weltweit erstmals eingesetzte Bauweise), auf den hohen Automatisierungsgrad sowie die hohe Manövrierfähigkeit des Flugkörpers zurückzuführen.

Das System wird bei den Landstreitkräften zum Schutz der Kampfverbände im begleitenden Einsatz eingesetzt. Es arbeitet hier in den verschiedenen Entfernungsbereichen mit den Systemen SA-6 Gainful, SA-8 Gecko bzw. dessen Nachfolgern Buk M1 oder SA-17 Grizzly und S-300W zusammen. Zum Teil wird es auch für die vorgenannten Systeme im Nah- und Nächstbereichsschutz eingesetzt.

Funktion[Bearbeiten]

Tor M1 mit eingefalteter Antenne; mittig oben ist die Spitze einer Rakete sichtbar.

Das Tor-M1-System arbeitet vollautonom, per Datenfunk können aber auch mehrere Fahrzeuge einer Gruppe koordiniert gesteuert werden. Acht Raketen sind in senkrechter Lage in Transport-/Startcontainern untergebracht. Die Zielerfassung hat eine Reichweite von 24 km, das Ziel wird in bis zu 12 km Entfernung bekämpft, bei einer Minimalentfernung von je nach Modell 1000 bis 2000 m und einer Höhe zwischen 10 und 6000 Metern.

Das sich drehende Suchradar scannt den Luftraum im Radius von 25 km. Wird ein Ziel identifiziert, wird der Turm in dessen Richtung geschwenkt und das Feuerleitradar aufgeschaltet. Es arbeitet mit der Phased-array-Technik, bei der eine Strahlschwenkung und -fokussierung rein elektronisch und damit verzögerungsfrei und hochpräzise erfolgt; der Turm braucht so nur grob auf das Ziel ausgerichtet zu werden. Die hohe Zeit- und Ortsauflösung des Zielradars schafft die Voraussetzung für die hohe Treffergenauigkeit.

Die Systeme können bis zu 48 Ziele parallel verfolgen und davon zwei gleichzeitig bekämpfen. Objekte bis hinunter zu einem Radarquerschnitt von 0,1 m² (35 cm Durchmesser bei Messung von vorne) werden erkannt. Im Umfeld von starken ECM-Störsignalen kann neben der Zielverfolgung via Radar auch eine visuelle Steuerung benutzt werden, über eine Videokamera mit automatischer Nachführung auf bis zu 20 km Entfernung.

Die Reaktionszeit zwischen Zielerkennung und Start der Rakete wird bei stehendem Fahrzeug mit 5 bis 8 Sekunden angegeben, aus der Bewegung beträgt die Reaktionszeit 10 Sekunden.

Das Computersystem markiert einen deutlichen Fortschritt gegenüber der sowjetischen Technologie der Vorgänger. Es erlaubt einen hohen Grad an Automatisierung: Anfliegende Ziele können automatisch nach Gefährdungspotential klassifiziert und ohne Eingriff eines Bedieners bekämpft werden. Die acht Raketen können durch ein spezielles Ladefahrzeug binnen 10 Minuten nachgeladen werden.

Die Kombination aus Autonomie, Automatisierung, kurzer Reaktionszeit, hoher Zielgenauigkeit und der Fähigkeit, auch kleine und hochbewegliche Ziele verfolgen und abfangen zu können, wird momentan von keinem anderen bekannten Luftabwehrsystem erreicht. Vergleichbare Systeme wie das französische Crotale, das deutsche Roland, das britische Rapier oder das US-amerikanische MIM-72 Chaparral sind in jeglicher Hinsicht weniger leistungsfähig.

Durch die Konzentration auf Radartechnik ist Tor M1 auch nicht auf Ziele beschränkt, die anhand ihres heißen Abgasstrahls von einem Infrarot-Sensor wahrnehmbar sind, wie bei Crotale, MIM-72 oder schultergestützten FlaRak-Waffensystemen.

Technik[Bearbeiten]

Fahrzeug[Bearbeiten]

Tor M1 auf der Übung zur Parade in Moskau am 5. Mai 2008

Jedes 9K331 ist ein Kettenfahrzeug mit TELAR-Funktion (Transporter Erector Launcher And Radar); es transportiert und startet die Raketen eigenständig. Das GM-355-Chassis hat eine Masse von 34 t, ist 7,5 m lang, 3,3 m breit und mit ausgefahrenem Radar 5,1 m hoch. Es hat drei Mann Besatzung und erreicht mit einem V-12-Dieselmotor bei max. 65 km/h eine Reichweite von 500 km. Die Kraftübertragung erfolgt hydromechanisch, die hydropneumatische Federung ermöglicht eine variable Bodenfreiheit. SA-15 ist Allwetter- und Lufttransport-fähig und mit ABC-Schutzvorrichtungen für die Besatzung ausgestattet.

Ein eigener Gasturbinen-Generator mit 75 kW Leistung erlaubt den Betrieb der stromintensiven Radaranlage auch bei ausgeschaltetem Motor und ermöglicht damit lange Bereitschaftszeiten. Neben den Kettenfahrzeugen gibt es auch Versionen auf LKWs, auf Schiffen sowie stationär.

Radar[Bearbeiten]

Auf dem Kettenfahrzeug sind zwei Radar-Systeme montiert:

  • Suchradar: Ein 3D-Pulse/Doppler-Radar im E/F-Band mit 25 km Reichweite, das Entfernung, Azimut und Höhenwinkel (Elevation) von bis zu 48 Zielen sammelt und 10 von ihnen parallel verfolgen kann. Daneben ist das System mit Freund-Feind-Erkennung (IFF) ausgerüstet. Diese Antenne kann während der Fahrt eingeklappt werden, um den Querschnitt zu verringern.
  • Feuerleitradar: Das Phased-array-System ist an der Front des Turms montiert, arbeitet im G/H-Band und kann zwei Ziele parallel mit einer Reichweite von 20 km verfolgen und mit seinen Raketen bekämpfen.

Beide Radarkomponenten werden im NATO-Bereich unter dem Namen SCRUM HALF geführt. Eine dritte kleine Antenne wird eingesetzt, um nach dem Start und vor der Zielradar-Erfassung mit den Raketen zu kommunizieren.

Rakete[Bearbeiten]

Container mit vier 9M330-Raketen

Die 9M330-Rakete ist 3,5 m lang und wiegt 167 kg, der Sprengkopf davon 15 kg. Transportiert werden die Flugkörper in senkrechten Containern im Zentrum des Trägerfahrzeugs. Aus diesen erfolgt auch der Start. Dabei wird der Flugkörper durch eine Gasladung nach oben aus dem Fahrzeug ausgeworfen. Erst in einigen Metern Höhe wird der Raketenmotor gezündet, der den Flugkörper mittels Schubvektorsteuerung (gas-dynamic steering) auf das Ziel ausrichtet und beschleunigt. Ein Drehen der Startlafette in Bekämpfungsrichtung, wie bei herkömmlichen Systemen, ist dadurch überflüssig.

Die Rakete erreicht bis zu 800 m/s oder Mach 2,1. Sie wird vom Tor aus, das die Flugbahnen von Ziel und Rakete verfolgt, über zusätzliche Impulse im Signal des Feuerleitradars ferngesteuert und kann dabei mit bis zu 30g manövrieren und mit bis zu Mach 2 fliegende Ziele abfangen. Der Sprengkopf wird durch einen Radar-Näherungs- oder Aufschlagzünder gezündet. Die Rakete kann auch für den Angriff auf Bodenziele programmiert werden.

Die prozentuale Treffer-Wahrscheinlichkeit gegen verschiedene Ziele wird wie folgt angegeben:

Versionen[Bearbeiten]

Tor, Tor-M, Tor-M1[Bearbeiten]

SA-N-9-Raketen beim Start auf dem Lenkwaffenkreuzer Michail Frunse (Kirow-Klasse)
  • 9K330 „Tor“ mit der 9M330-Rakete, Mindestreichweite 2 km, eingeführt 1986.
  • 9K331 „Tor-M“ mit der 9M331-Rakete, Mindestreichweite 1,5 km, eingeführt 1991, mit wesentlich erhöhter Treffgenauigkeit und der Fähigkeit, zwei Ziele parallel zu bekämpfen.
  • 9K331M „Tor-M1“ und „Tor-M1T“ ebenfalls mit der 9M331.

3K95 „Kinschal“ (russ. Кинжал – Dolch) ist die Marineversion der Tor, NATO-Name 'SA-N-9'. Sie wird auf den Flugzeugträgern der Kusnezow-Klasse, Anti-U-Boot-Zerstörern der Udaloy-Klasse und Fregatten der Neustraschimy-Klasse eingesetzt. Dieses System kann vier Ziele gleichzeitig ansteuern, wobei das Radar eine Reichweite von 45 Kilometern hat. 24 bis 64 Raketen sind in Achtergruppen aufgestellt und werden durch eine 30-mm-Kanone zur Bekämpfung von Seezielflugkörpern ergänzt. Schiffe der atomgetriebenen Kirow-Klasse sind mit Installationen von 128 Raketen ausgestattet. Die Marineversion der Tor-M1 ist auch als „Jösch“ (russ. Ёж – auf deutsch Igel) bekannt, die Exportversion als „Klinok“ (russisch Клинок – Klinge).

In China wird die HQ-17 (Hongqi-17) als Kopie der 9K331M eingesetzt, sie ersetzt dort die alte Luftabwehrrakete HQ-61.

Tor-M2[Bearbeiten]

Tor M2E auf Basis MZKT-6922-Chassis

Seit dem Ende der 1990er-Jahre wird an einer Weiterentwicklung gearbeitet: Tor-M2 (9K332 oder Tor-MTA, Tor-MTB, Tor-MTS) erhält nun auch als Suchradar eine Phased-array-Ausführung, die schneller und genauer arbeitet. Durch einen breiten möglichen Frequenzbereich kann das Radar auf Störangriffe reagieren und wiederum selbst passiv Störquellen verfolgen. Die Erfassungsreichweite beträgt nun bis zu 40 km, auch das Feuerleitradar erreicht nun 25 bis 30 km. Weiterhin werden auch Hard- und Software der Feuerleitsysteme leistungsfähiger. Zeitgleich können vier Ziele mit vier Lenkwaffen bekämpft werden. Zum Einsatz kommen die Lenkwaffen vom Typ 9М331 oder 9М334.

Einsatz[Bearbeiten]

Eine russische Luftabwehr-Abteilung besteht aus drei bis fünf Batterien, die je vier Fahrzeuge umfassen. Das SA-15-System wurde 1990 erstmals eingesetzt und seitdem ständig weiter entwickelt. Tor ersetzt das 9K33-Osa-Fla-Raketen-System (NATO-Name SA-8 Gecko), das ab 1960 entwickelt und 1971 erstmals eingesetzt wurde, sowie das Tunguska M-1-System (SA-19 Grison), das ab 1970 entwickelt und ab 1986 eingesetzt wurde.

Strategische Bedeutung[Bearbeiten]

Gegenüber vergleichbaren existierenden NATO-Systemen wie dem Roland gilt das SA-15 als deutlich moderner und leistungsfähiger, und wird vermutlich erst nach 2010 im Rahmen des geplanten Luftverteidigungssystem Medium Extended Air Defense System (MEADS) einen ebenbürtigen westlichen Gegenpart erhalten.

Wenngleich das Tor-M1 nicht zur Bekämpfung strategischer Ziele wie Interkontinentalraketen konzipiert wurde, so hat es doch im Frühjahr 2006 im Zusammenhang mit dem iranischen Atomprogramm eine gewisse strategische Bedeutung erlangt: Es wurde bekannt, dass 29 Tor-M1-Systeme im Dezember 2005 für etwa 700 Mio. US-Dollar an Iran verkauft wurden, nachdem der Verkauf von S-300PMU-2-Langstrecken-Systemen nach US-amerikanischen Protesten nicht zustande kam. Im Januar 2007 begann die Auslieferung.[1]

Die Tor M1 könnten zwar das Eindringen von hochfliegenden Bombern in den iranischen Luftraum und deren Angriff auf strategische Ziele nicht verhindern, aufgrund ihrer hohen Beweglichkeit und Genauigkeit wären sie aber möglicherweise in der Lage, eine Kernforschungsanlage oder eine Batterie von Mittelstreckenraketen und sich selbst gegen abgeworfene Präzisionsbomben, Cruise Missiles oder Tiefflieger zu schützen.[2]

Der Online-Dienst 'defense-update.com' kommentiert dazu: „Russia has signed a deal with Iran to sell 29 of its TOR M-1…systems, a development that will complicate any planned pre-emptive attack on the…nation's nuclear facilities.“ („Russland und Iran haben einen Vertrag über 29 Tor-M1-Systeme unterzeichnet, was mögliche Angriffe auf iranische Atomanlagen erschwert.“)[2]

Im Januar 2007 erschien unter anderem in Spiegel Online ein Bericht, worin das Tor-M1-System als neue „konventionelle Waffe“ in iranischer Hand bezeichnet wurde. Im Februar wurde ein iranischer „General Hossein Salami“ zitiert, der erklärte, mit diesen Systemen „alle Kriegsschiffe im Golf“ angreifen zu können – diesmal wies das Online-Magazin selbst darauf hin, dass es sich um ein reines Luftabwehrsystem handele.[3]

Nutzer[Bearbeiten]

Das System wurde von früheren Ostblock-Staaten und auch von NATO-Staaten wie Griechenland sowie von blockfreien Staaten wie Peru beschafft. In der deutschen Presse wurde das Tor-M1-System ab 2005 im Zusammenhang mit dem Erwerb durch den Iran mehrfach erwähnt.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Flugabwehrraketensystem Tor – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]