Gemeindebau

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Dieser Artikel befasst sich mit dem Begriff im österreichischen Wohnungswesen. Mit Gemeindebau kann auch der Aufbau von Kirchengemeinden gemeint sein.
Der 1930 fertiggestellte Karl-Marx-Hof in Döbling, dem 19. Wiener Gemeindebezirk, ist bis heute eine Ikone des „Roten Wien“

Als Gemeindebau wird in Österreich, speziell in Wien, ein Wohnblock des kommunalen sozialen Wohnungsbaus bezeichnet. Gemeindebauten sind seit den 1920er Jahren ein wichtiger Bestandteil der Architektur und Kultur Wiens geworden.

Geschichte[Bearbeiten]

Metzleinstaler Hof im 5. Bezirk - der erste Gemeindebau Wiens
George-Washington-Hof im 10. und 12. Bezirk
Straßenhof des Reumannhofs im 5. Bezirk

Vorentwicklungen[Bearbeiten]

Durch die Zuwanderungswelle aus den Kronländern Österreich-Ungarns nach Wien stieg die Bevölkerung bis 1910 auf über 2 Millionen Einwohner. Dadurch wurde die Wohnsituation der Arbeiterklasse oft von unzumutbaren Wohnverhältnissen bestimmt. Eine Folge dieser Entwicklung waren hohe Mietzinse. Die Wohnungen wurden überbelegt, d.h. die Zahl der Untermieter und „Bettgeher“ stieg, und das Wohnungselend wurde immer schlimmer.

Um 1900 entstanden in der Form von Werkswohnungen die ersten Ansätze des kommunalen Wohnungsbaus. Die Arbeit von neugegründeten karitativen Stiftungen und Vereinen war ein zweiter Ansatz zur Linderung des Elends.

Der Erste Weltkrieg bremste alle Entwicklungen, so dass 1917 fast drei Viertel aller Wiener Wohnungen überbelegte Ein- und Zweizimmerwohnungen waren. In diesem Jahr war die k.k. Regierung gezwungen, Maßnahmen zu treffen, damit die Familien von im Krieg stehenden Soldaten nicht delogiert werden, weil sie den Zins nicht mehr zahlen konnten: Eine Mieterschutzverordnung mit Mietzinsstopp („Friedenszins“) und eine Einschränkung des Kündigungsrechtes wurden geschaffen. Damit wurde – allerdings eher ungewollt – eine der wesentlichen Voraussetzungen für den späteren sozialen Wohnbau geschaffen. (Mieterschutz und Friedenszins für Altwohnungen blieben noch Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg in Kraft.)

Gemeindebauten der Ersten Republik[Bearbeiten]

Die in der Ersten Republik (1918–1934) im sogenannten Roten Wien regierende Sozialdemokratische Arbeiterpartei begann ein Projekt zur Verbesserung der Lebensumstände für Arbeiter. Rund 65.000 Gemeindewohnungen wurden, zumeist in großen Wohnanlagen, in dieser Zeit gebaut. Dies war möglich, da die Gemeinde Wien auf Grund der mangels privater Nachfrage gesunkenen Grundstückspreise eine Vielzahl von Grundstücken zu erschwinglichen Preisen erwerben konnte, – so etwa den sogenannten „Drasche-Gürtel“ im Süden der Stadt, der von Meidling bis Kaiserebersdorf reichte, oder die „Frankl-Gründe“.

Als Wien 1920 bis 1922 eigenständiges Bundesland wurde, erlangte es auch die Steuerhoheit für Landesabgaben. So konnte der 1919 von Bürgermeister Jakob Reumann berufene Finanzstadtrat Hugo Breitner mit der auf seinen Vorschlag 1923 beschlossenen zweckgebundenen Wohnbausteuer die Basis für das kommunale Wohnbauprogramm zu legen. Die Wohnbausteuer war von allen Besitzern vermietbarer Räume zu entrichten, allerdings derart gestaffelt, dass die teuersten 0,5 % der Objekte 44,5 % der Gesamtsteuerleistung erbrachten. (Breitner verstand es bis 1933 auch in anderen Bereichen, Luxus zu Gunsten der ärmeren Schichten kräftig zu besteuern, und wurde daher von einem Teil der Bourgeoisie gehasst.)

Hauptziel des Wiener kommunalen Wohnungsbaus war das Errichten von Wohnanlagen, die gesunde Lebensbedingungen für ihre Bewohner ermöglichten. Einschließlich der nach 1934 fertiggestellten Objekte entstanden in 382 Gemeindebauten 65.000 Wohnungen mit Wohnraum für ungefähr 220.000 Bewohner. Die Wohnungen wurden nach einem Punktesystem vergeben, das Familien und einkommensschwache Bürger bevorzugte.

Wenn wir einst nicht mehr sind, werden diese Steine für uns sprechen.

Bürgermeister Karl Seitz: Ansprache anlässlich der Eröffnung des Karl-Marx-Hofes, 1930[1]

In dieser Zeit entstanden die klassischen Gemeindebauten des Roten Wien:

Auch in den vier anderen größeren Städten Österreichs entstanden im Laufe der Zeit viele Gemeindebauten. Zu nennen sind zum Beispiel Salzburg Lehen, Linz Urfahr, Innsbruck Wilten und Graz Triester Siedlung.

Die zeitgenössische konservative Kritik argwöhnte, Wiener Gemeindebauten seien festungsartig gestaltet worden, was nicht den Tatsachen entsprach. Die Architektur hatte bloß das Selbstbewusstsein der in Wien regierenden Sozialdemokraten, gelegentlich in heute pathetisch anmutender Form, zum Ausdruck gebracht. Während des Februaraufstands gegen die begonnene Ständestaatsdiktatur wurden 1934 einige Wiener Gemeindebauten vom Republikanischen Schutzbund aber tatsächlich dazu genützt, sich gegen das angreifende Bundesheer zu verteidigen. Dies geschah etwa im Karl-Marx-Hof, dem drittgrößten und berühmtesten Gemeindebau Wiens, der bei den Kämpfen stark beschädigt wurde, oder im Goethehof, der über die Donau hinweg mit Kanonen beschossen wurde. Grund für diese Kampfhandlungen war die Tatsache, dass in den Gemeindebauten viele Anhänger der Demokratie wohnten, die sich zur Abwehr faschistischer Strömungen im Schutzbund organisiert hatten und sich der Diktatur nicht wehrlos unterwerfen wollten.

Die Stagnation 1934–1945[Bearbeiten]

Mit der Machtergreifung der Austrofaschisten 1934 erlosch die Bautätigkeit des Roten Wien weitestgehend. Während der Jahre der NS-Diktatur, 1938–1945, wurden die vorhandenen Mittel meist in die Rüstungsindustrie umgeleitet.

Zu Kriegsende 1945 waren rund 13 % des gesamten Wiener Wohnhausbestandes zerstört. Die beschädigten Gemeindebauten wurden in der Folge instand gesetzt, sodass heute alle 382 Gemeindebauten der Zwischenkriegszeit noch existieren.[2]

Gemeindebauten seit 1945[Bearbeiten]

Nach Kriegsende mussten zuerst die Schäden an den Bauten beseitigt werden, immerhin war jede sechste Gemeindewohnung zerstört oder unbenutzbar. 1947 nahm die Stadt Wien mit der aus Ziegelschuttbeton errichteten Per-Albin-Hansson-Siedlung West ihre Wohnbautätigkeit wieder auf. Daneben wurden auch die zerstörten bzw. stark beschädigten Bauten bis zum Ende der 1950er Jahre wieder aufgebaut.

Der Architekturstil passte sich der jeweiligen Zeit an, beispielsweise im Bau von Hochhäusern oder in der Zeilenanordnung auf Grund der Baugrundknappheit. Dieser kommunale Wohnhaustyp der Wiederaufbauzeit zeichnet sich durch sehr schlichte Fassadengestaltung (wenig später als „Emmentaler-Architektur“ kritisiert, heute aber oft wohltuend einfach anmutend) aus. Damals war es wichtig, möglichst viel Wohnraum in kurzer Zeit zu errichten. Allein 1950 gab es 55.248 Wohnungssuchende, davon 31.309 der höchsten Dringlichkeitsstufe. Bis 1970 wurden auf diese Weise 96.000 Wohnungen geschaffen.

In den 1960er Jahren entstanden typische Hochhaussiedlungen in Fertigteilbauweise wie die Großfeldsiedlung in Leopoldau oder die Siedlung Am Schöpfwerk (1967–1973). In den 1970er Jahren wurden vor allem vielgeschoßige Megastrukturen verwirklicht, bevorzugt wurden Terrassenhauswohnanlagen wie die Trabrenngründe (1973–1977) mit 2.437 Wohnungen. Dies war auch ein Zeitraum der Stadtentwicklung auf zuvor für den Wohnbau ungenutzten Flächen (wie er vor allem in den Jahren nach 2000 wieder in großem Stil begonnen hat).

Da die soziale Problematik solcher großdimensionierter Anlagen bald erkannt wurde, verlagerte sich der kommunale Wohnbau in den folgenden Jahren immer mehr in Richtung Baulückenschließungen, Stadterneuerungsprojekte, Wohnhaussanierung und verdichteten Flachbau. Damit konnte aber später nicht mehr das Auslangen gefunden werden, weshalb speziell nach dem Jahr 2000 wieder großflächige Stadterweiterungsprojekte in Angriff genommen wurden. 2012 ist der soziale Wohnbau bei Projekten wie der Seestadt Aspern, dem Nordbahnhofgelände und dem Sonnwendviertel auf dem Areal des ehemaligen Frachtenbahnhofs Wien Süd wieder überaus aktiv.

Die Wiener Stadtverwaltung selbst beschränkt sich aber neuerdings auf Planung und Förderung neuer Wohnanlagen: Der letzte Gemeindebau wurde 2004 in der Rößlergasse im 23. Bezirk errichtet. In Hinblick auf ihren auch im internationalen Städtevergleich sehr großen eigenen Wohnungsbestand will die Stadtverwaltung seither soziale Wohnprojekte nicht mehr selbst als Bauherr bzw. Vermieter ausführen.

Heute besitzt die Stadt Wien – verwaltet durch die öffentlich-rechtliche Unternehmung Wiener Wohnen, die einen Bestandteil des Magistrats der Stadt Wien bildet – ca. 220.000 Gemeindewohnungen und ist somit die größte Hausverwaltung Europas. In über 2.300 Gemeindebauten wohnen ca. 500.000 Bewohner, etwa ein Viertel aller Einwohner Wiens.[3]

Merkmale[Bearbeiten]

Gall-Hof in Alsergrund

Bei den Gemeindewohnungen treten die Gemeinden im Gegensatz zu Genossenschaftswohnungen selbst als Bauherr und als Vermieter auf. Typischerweise war der Gemeindebau eher in sozialdemokratisch dominierten Gemeinden vorhanden, während in der ÖVP zuzurechnenden Gemeinden eher Genossenschaften tätig wurden.

Die klassischen Gemeindebauten der Zwischenkriegszeit sind typischerweise in Blockrandbebauung ausgeführt. An der verhältnismäßig prunkvollen Schauseite führt eine große Toreinfahrt in einen Hof, der als Grünanlage mit Spielplätzen gestaltet ist. Der Zugang zu den Wohnungen erfolgt vom Innenhof über diverse (nummerierte) Stiegenhäuser. Wegen der oft opulent gestalteten Eingänge nennt man den Stil der Gemeindebauten scherzhaft auch „Arbeiterbarock“.

Die Gemeindebauanlagen verfüg(t)en oft auch über Einrichtungen wie Städtische Bücherei, Kindertagesheim, Wäscherei, Theatersaal, Kinderfreibad, Hallenbad, Ärztezentren oder Einkaufszentren. Paradebeispiele für Mega-Wohnkomplexe mit vielen Zusatzangeboten sind der Sandleitenhof im 16. (über 4000 Bewohner), der Karl-Marx-Hof im 19. und der Rabenhof im 3. Bezirk.

Auf den Anlagen aus dieser Zeit wurden Bauherr und Finanzierungsquelle durchaus auffällig angeschrieben, z. B. mittels Aufschrift an der Fassade mit dem Text Wohnhausanlage der Gemeinde Wien, errichtet in den Jahren 1925 bis 1927 aus den Mitteln der Wohnbausteuer.

Viele Gemeindebauten tragen Namen, neben einigen geografischen Bezeichnungen vorwiegend Personennamen. Neben Prominenten wie Haydn, George Washington, Goethe, Heinrich Heine, Robert Blum, Theodor Herzl, Strindberg, Freud, Einstein, Bertha von Suttner und Richard Strauss wurden im Roten Wien vor allen bekannte Sozialisten und Sozialdemokraten wie Karl Marx, Friedrich Engels, Ferdinand Lassalle, Karl Liebknecht, Friedrich Ebert, Victor Adler und Jean Jaurès geehrt. Seit 1945 kamen Politiker wie Per Albin Hansson, George Marshall, Dag Hammarskjöld und Olof Palme und andere Prominente wie Frederic Chopin, Arthur Schnitzler, Oskar Werner, Helmut Qualtinger, Viktor Frankl und Friedensreich Hundertwasser dazu, aber auch wenig bekannte, im jeweiligen Bezirk tätig gewesene Politiker.

Kirchen[Bearbeiten]

Dem Karl-Marx-Hof wurde nachträglich die Unterheiligenstädter Pfarrkirche beigestellt, analog dem Karl-Seitz-Hof die Pfarrkirche Gartenstadt, die noch den ursprünglichen Namen Gartenstadt des Hofes anzeigt. Beim Heinz-Nittel-Hof war die Markuskirche bereits beim Entwurf Teil der Planung. Die Kirche Am Schöpfwerk am Rande der Großwohnhausanlage Am Schöpfwerk wurde so wie diese vom Architekten Viktor Hufnagl geplant.

Von 1977 bis 1981 wurden in Floridsdorf und der Donaustadt drei Kirchliche Mehrzweckhallen errichtet, die Pfarrkirche St. Christoph am Rennbahnweg bei den Trabrenngründen, die Seelsorgestation St. Michael beim Dr.-Koch-Hof und die Pfarrkirche St. Claret-Ziegelhof in der Quadenstraße beim Gemeindebau Ziegelhofstraße.

Literatur[Bearbeiten]

  • Hans Hautmann, Rudolf Hautmann: Die Gemeindebauten des Roten Wien, Schönbrunn Verlag, Wien 1980.
  • Albert Lichtblau: Wiener Wohnungspolitik 1892–1919, Verlag für Gesellschaftskritik, Wien 1984, ISBN 3-900351-33-3.
  • Helmut Weihsmann: Das Rote Wien. Sozialdemokratische Architektur und Kommunalpolitik 1919-34. 1985, ISBN 3-85371-181-2.
  • Erich Bramhas: Der Wiener Gemeindebau: Vom Karl-Marx-Hof zum Hundertwasserhaus, Birkhäuser, Basel 1987, ISBN 3-7643-1797-3.
  • Hans Schafranek: „Die Führung waren wir selber“ - Militanz und Resignation im Februar 1934 am Beispiel Kaisermühlen, in: Helmut Konrad / Wolfgang Maderthaner (Hrsg.): Neuere Studien zur Arbeitergeschichte, Bd. II: Beiträge zur politischen Geschichte, Wien 1984, S. 439 - 469.
  • Wolfgang Förster, Gabriele Kaiser, Dietmar Steiner, Alexandra Viehhauser: Wiener Wohnbau: Innovativ. Sozial. Ökologisch, Buch zur gleichnamigen Ausstellung 2009, Architekturzentrum Wien (Hrsg.), Wien 2008.
  • Florian Bettel, Julia Mourão Permoser, Sieglinde Rosenberger (Hrsg.): living rooms – Politik der Zugehörigkeiten im Wiener Gemeindebau, Springer Verlag, Wien/New York 2012, ISBN 978-3-7091-1224-3.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Gemeindebau in Vienna – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatKarl-Marx-Hof: Mein Heim, meine Burg. In: fr-online.de. 21. Januar 2009, abgerufen am 19. Dezember 2014.
  2. Helmut Weihsmann: Das rote Wien - Sozialdemokratische Architektur und Kommunalpolitik 1919–1934. Wien: Promedia, 2002, S. 120. ISBN 3-85371-181-2
  3. Projekt „Ich lebe im Gemeindebau“