Karl Seitz

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Karl Josef Seitz (* 4. September 1869 in Wien; † 3. Februar 1950 ebenda) war ein österreichischer Politiker, Reichsratsabgeordneter, als Vorsitzender des Staatsrates von Deutschösterreich Staatsoberhaupt, Parteivorsitzender der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP), Präsident des Nationalrates und Bürgermeister von Wien.

Karl Seitz (Ferdinand Schmutzer 1925)

Reichsratsabgeordneter[Bearbeiten]

Seitz (links) zusammen mit dem Berliner Oberbürgermeister Böß

Karl Seitz wurde aufgrund des frühen Todes seines Vaters und der finanziellen Not seiner Mutter im städtischen Waisenhaus erzogen und besuchte anschließend das Lehrerseminar St. Pölten.

Als politisch sehr engagierter Junglehrer und Mitglied der „Jungen“ war er Mitbegründer der Freien Lehrerstimme und später Obmann des Zentralvereins der Wiener Lehrerschaft und Wiener Bezirksschulrat. Im Jahr 1900 heiratete er Emilie Heindl.

1901 kandidierte er für die Sozialdemokratische Arbeiterpartei und wurde in das Abgeordnetenhaus des Reichsrates als erster sozialdemokratischer Abgeordneter der 4. Kurie (sogenannte Fünf-Gulden-Männer) gewählt. 1902 erfolgte sein Einzug in den Landtag von Niederösterreich. Nach dem Eintritt in die Politik endete sein intensives Engagement für die Lehrerbewegung, aufgrund seiner Verdienste wurde er aber zum Ehrenmitglied des nö. Landeslehrervereins ernannt. Im Reichsrat war er Mitglied der Delegation und der Staatsschuldenkontrollkommission und in den letzten Jahren der Monarchie Präsident der Kriegswirtschaftlichen Kommission beider Häuser sowie Vizepräsident des Abgeordnetenhauses.

Parlamentsvorsitzender, Parteichef und Staatsoberhaupt[Bearbeiten]

Karl Seitz wurde am 21. Oktober 1918 zu einem der drei gleichberechtigten Präsidenten der Provisorischen Nationalversammlung für Deutschösterreich gewählt. Jeweils einer der drei Präsidenten fungierte als Präsident im Hause (= Vorsitzender der Nationalversammlung), der andere als Präsident im Rate (= Vorsitzender des Staatsrates, des Vollzugsausschusses der Nationalversammlung) und der dritte als Präsident im Kabinett (= Vorsitzender der Staatsregierung). In diesen Funktionen wechselten sich die Präsidenten nach einer vereinbarten Reihenfolge laut Gesetz wöchentlich ab.[1] Als einer der drei Präsidenten erhielt er am 8. November 1918 ein Grußtelegramm von US-Präsident Woodrow Wilson, in dem dieser seiner Freude Ausdruck gab, dass „die souveränen Völker nun das Joch der österreichisch-ungarischen Monarchie abgeworfen“ hätten.[2]

Nach dem Tode Victor Adlers am 11. November 1918 wurde Seitz Parteivorsitzender und Leiter des Parlamentklubs der Sozialdemokraten, die bei der Wahl der Konstituierenden Nationalversammlung am 16. Februar 1919 die stärkste Kraft wurden. Vom 5. März 1919, dem Tag seiner Wahl zum Präsidenten der Konstituierenden Nationalversammlung, bis zur Wahl und zur Angelobung des ersten Bundespräsidenten, Michael Hainisch, am 9. Dezember 1920 fungierte Seitz verfassungsgemäß auch als Staatsoberhaupt. Die Nationalversammlung hielt unter seinem Vorsitz ihre letzte Sitzung am 1. Oktober 1920 ab, dem Tag, an dem sie das Bundes-Verfassungsgesetz, Hauptbestandteil der aus mehreren Gesetzen bestehenden Bundesverfassung, beschloss.

Nach den ersten Nationalratswahlen am 17. Oktober 1920, bei denen die Konservativen stärkste Kraft wurden, beendeten die Sozialdemokraten unter Seitz' Führung auf Betreiben Otto Bauers am 22. Oktober 1920 die Große Koalition und verließen die Regierung. Seitz wurde am 10. November 1920 (dem Tag des In-Kraft-Tretens der Verfassung) zum Zweiten Präsidenten des Nationalrates gewählt. Unabhängig davon wirkte er 1919 / 1920 wesentlich an der Trennung Wiens von Niederösterreich mit.

Wiener Bürgermeister[Bearbeiten]

Skulptur vor dem Karl-Seitz-Hof

1923 folgte er Jakob Reumann als Wiener Landeshauptmann und Bürgermeister nach und blieb bis zu seiner Amtsenthebung und Verhaftung im Februar 1934 in dieser Position. Unter seiner Bürgermeisterschaft entwickelten vor allem seine Stadträte Julius Tandler auf dem Gebiet des Gesundheitswesens, Hugo Breitner auf dem Gebiet der Finanzpolitik und Otto Glöckel auf dem Gebiet der Schulorganisation bedeutende kommunalpolitische Konzepte. Deren Umsetzung verhalf Wien zu einer Blütezeit und machte die Stadt zum internationalen Vorzeigeobjekt sozialdemokratischer Kommunalpolitik („Das Rote Wien”). 1929 wurde er zum Ehrenbürger der Stadt Wien ernannt.

1923 gewährte Seitz Imre Békessy „das ersehnte Heimatrecht, wodurch seine Doppelstaatsbürgerschaft in Österreich und Ungarn möglich wurde“.[3] Der von Karl Kraus seiner Unseriosität bzw. Kriminalität wegen bekämpfte Zeitungsverleger kehrte 1926 von einem Auslandsaufenthalt nicht mehr nach Wien zurück, nachdem der Geschäftsführer seines Verlages wegen Erpressung verhaftet worden war.

Während Seitz’ Amtszeit als Wiener Bürgermeister fand eine politische Radikalisierung statt: Der Justizpalastbrand von 1927 markiert dabei als Wendepunkt den Verfall der demokratischen Republik. Im selben Jahr verübte Richard Strebinger ein Attentat auf Seitz. [4]

In zwei Diktaturen[Bearbeiten]

Im März 1933 erfolgte die so genannte Selbstausschaltung des Parlaments. Nach dem Österreichischen Bürgerkrieg im Februar 1934 wurde Seitz für mehrere Monate inhaftiert. Nach seiner Haftentlassung leistete er mit seinen „Spaziergängen“ einen Beitrag zum Widerstand. Er stand – wenn auch bedingt durch Polizeiüberwachung nur lose – mit den Revolutionären Sozialisten in Kontakt.

Im Zuge des „Anschlusses“ Österreichs 1938 folgte eine kurze Haftzeit. 1939 trat Seitz aus der römisch-katholischen Kirche aus. Im Zusammenhang mit dem Attentat vom 20. Juli 1944 auf Hitler erfolgte seine Internierung, darunter auch im KZ Ravensbrück. Nach der Entlassung aus dem KZ kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs wurde er in die thüringische Kleinstadt Plaue verbannt.

Zweite Republik[Bearbeiten]

Gedenktafel in Wien Grinzing

Nach Kriegsende kehrte er nach Wien zurück. Nachdem seine erste Frau 1943 verstorben war, heiratete Seitz 1945 Emma Seidel, die Tochter der Frauenrechtlerin Amalie Seidel. Nach der Neugründung der SPÖ legte er den Parteivorsitz, den er formell noch als SDAP-Vorsitzender innehatte, zugunsten Adolf Schärfs nieder. Er wurde Ehrenvorsitzender der SPÖ und war weiter als Abgeordneter im Nationalrat tätig. Ein letztes großes Aufsehen erregte der von einem leichten Schlaganfall geschwächte Seitz mit seiner Rede vom 20. März 1946, in der er sich gegen die Bevormundung des österreichischen Nationalrates durch die Alliierten aussprach. Seitz war von 1946 bis 1950 Präsident des Österreichischen Roten Kreuzes.

Ehrungen[Bearbeiten]

Am 3. Februar 1950 starb Karl Seitz im 81. Lebensjahr an Herzversagen und wurde in einem ehrenhalber gewidmeten Grab auf dem Wiener Zentralfriedhof (24-5-2) beigesetzt.

Am 16. Juni 1951 wurde eine große, in Seitz' Amtszeit als Bürgermeister errichtete Gemeindebauanlage im 21. Wiener Bezirk Karl-Seitz-Hof benannt und auf ihrem zentralen Platz, dem 1998 so benannten Karl-Seitz-Platz, eine von Gustinus Ambrosi gestaltete Skulptur aufgestellt. (Seitz war 1901 als Abgeordneter für Floridsdorf, seit 1905 21. Bezirk, in den Reichsrat gewählt worden.)

1962 wurde rechts an der Zufahrt vom Burgtheater zum Rathaus eine von Gottfried Buchberger geschaffene Bronzestatue von Karl Seitz errichtet. Als Pendant zum Denkmal des letzten demokratischen Bürgermeisters der Ersten Republik steht links an der Zufahrt das Denkmal des ersten Bürgermeisters der Zweiten Republik, Theodor Körner.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Karl Seitz – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Gesetz vom 19. Dezember 1918, StGBl. Nr. 139 / 1918 (= S. 222)
  2. Gordon Brook-Shepherd: Um Krone und Reich. Die Tragödie des letzten Habsburgerkaisers. Molden, Wien 1968, S. 249.
  3. Armin Thurnher: „Hinaus aus Wien mit dem Schuft!“ In: Falter, Wien, Nr. 16/2008 (16. April 2008), S. 21.
  4. http://www.deutsche-biographie.de/sfz121052.html Gehler, Michael, „Seitz, Karl Borromäus Josef“, in: Neue Deutsche Biographie 24 (2010), S. 206-207
Vorgänger Amt Nachfolger
Jakob Reumann Bürgermeister von Wien
1923–1934
Richard Schmitz