Gore Vidal

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Gore Vidal (2009)

Gore Vidal [ɡɔr vɨˈdɑːl] (* 3. Oktober 1925 als Eugene Luther Vidal jr. in West Point, New York; † 31. Juli 2012 in Los Angeles, Kalifornien) war ein US-amerikanischer Schriftsteller, Drehbuchautor, Schauspieler und Politiker. Er schrieb auch unter den Pseudonymen Edgar Box, Cameron Kay und Katherine Everard.[1]

Leben[Bearbeiten]

Gore Vidal. Fotografiert von Carl van Vechten (1948)

Gore Vidal stammte aus einer Politikerfamilie mit Verbindungen zum Kennedy-Clan.[1] Sein Großvater Thomas Pryor Gore war demokratischer US-Senator für Oklahoma.[2] Vidal selbst bezeichnete sich gerne als das „schwarze Schaf“ in der Gore-Dynastie, womit nicht nur seine radikale Kritik an den politischen Verhältnissen in den USA gemeint war, sondern auch seine unverblümt gelebte und in Büchern geschilderte Homosexualität.[1]

Als Vidal seinen Großvater im Alter von sieben Jahren zum Senat begleitete, wurde er Zeuge, wie die Bonus Army das Kapitol belagerte und ihr Auto von einem Steinwurf getroffen wurde.[3] In seiner Autobiographie Point to Point Naviagation führt er dies als ein für seine politischen Überzeugung prägendes Ereignis an.[4]

Nach seiner Schulzeit in Washington, D.C. und New Mexico studierte Gore Vidal von 1940 bis 1943 an der Phillips Exeter Academy. Er war Unterstützer des America First Committee, einer isolationistischen Bewegung, die 1940/41 die Teilnahme der USA am Zweiten Weltkrieg zu verhindern suchte. Anschließend trat er in die US Army ein, wo er vor allem Verwaltungstätigkeiten ausübte. Ab 1945 diente er als Erster Maat auf einem Transportschiff. Auf diesen Erfahrungen beruht sein Debütroman Williwaw (1946), der so erfolgreich war, dass Vidal 1947/48 nach Guatemala und Europa reisen konnte.[5] 1950 zog Gore Vidal nach New York City, verfasste Drehbücher, darunter als Co-Autor für den Film Ben Hur, und schrieb Broadway-Stücke. Visit to a Small Planet wurde fast 400 Mal aufgeführt.[1]

1960 bewarb sich Gore Vidal mit dem Slogan „You’ll get more with Gore“ („Gore bietet Ihnen mehr“) als Kandidat der Demokraten erfolglos um einen Sitz im Repräsentantenhaus der Vereinigten Staaten; er unterlag dem Republikaner J. Ernest Wharton. 1970 war er Mitbegründer und einer der Vorsitzenden der linksliberalen People’s Party.[6] 1982 trat er – abermals für die Demokraten – in Kalifornien zu Vorwahlen für den US-Senat an und kam auf Platz zwei hinter Jerry Brown. Sein politisches Engagement bewies Vidal als profilierter Kritiker des politischen Systems der USA, die er als einen Polizeistaat auffasste, in dem Republikaner und Demokraten als Einheitspartei für die Interessen von Großkonzernen eintreten und die Medien Instrumente der Propaganda sind.[1] So trat Vidal auch 2003/04 bei Kundgebungen gegen den Irakkrieg auf.[7]

Gore Vidal (2008)

Nachdem Vidal mit Timothy McVeigh, dem Attentäter von Oklahoma, mehrere Jahre brieflich verkehrt hatte, gehörte er zu den fünf Augenzeugen, welche McVeighs Hinrichtung am 16. Mai 2001 beiwohnten. McVeigh verstand das Oklahoma-Massaker von 1995 als Rache für Waco, wo bei einer Aktion der US-Bundespolizei FBI 1993 rund 80 Sekten-Mitglieder ums Leben gekommen waren. Gore Vidal kritisierte ebenfalls die Waco-Vorgänge und schrieb für das Magazin Vanity Fair über die Hinrichtung McVeighs.[8]

1996 gehörte Vidal zu den Unterzeichnern eines offenen Briefs an den damaligen deutschen Bundeskanzler Helmut Kohl, demzufolge Mitglieder der Sekte Scientology diskriminiert würden wie die Juden im Dritten Reich.[9] Allerdings gehörte er auch zu den namhaften Kritikern von Scientology. Über Sektengründer L. Ron Hubbard sagte Vidal:

„Er strahlte das Übel, Arglistigkeit und Dummheit aus […]“[10]

Vidal galt als einer der intelligentesten amerikanischen Schriftsteller. Berüchtigt waren seine humorvollen Gedanken und seine sarkastische Scharfzüngigkeit.[2] Bekannt wurde unter anderem sein Ausspruch zu der 1989 gestellten Frage, was passiert wäre, wenn 1963 Nikita Sergejewitsch Chruschtschow und nicht John F. Kennedy ermordet worden wäre - Vidal antwortete lakonisch, dass die Witwe des ersteren sicher nicht eine Mrs. Onassis geworden wäre.[11]

Schon frühzeitig erwarb Vidal ein Haus in den Hügeln direkt oberhalb von Hollywood. Seit den 1970er Jahren lebte er mit seinem Lebensgefährten Howard Austen hauptsächlich in Rom und Ravello (Italien). Nach dessen Tod zog er 2004 zurück in die USA. Gore Vidal lebte danach in Los Angeles, wo er am 31. Juli 2012 in seinem Haus in den Hollywood Hills an den Folgen einer Lungenentzündung starb.[1]

Werke[Bearbeiten]

Seit den 1960er-Jahren zählte Gore Vidal zu den vielseitigsten Autoren der USA, deren Geschichte er umfassend in gut 20 historischen und satirischen Romanen, zwölf Bänden mit Essays, Drehbüchern und Reden aufzuarbeiten trachtete. Seine Polemik gegen die McCarthy-Ära und die moralisierende Scheinheiligkeit vieler Zeitgenossen führten zu Skandalen, wie um den Homosexuellen-Roman The City and the Pillar (1948, dt. Geschlossener Kreis). Erst 1964 schrieb sich Gore Vidal mit Julian, einer Romanbiografie des letzten heidnischen römischen Kaisers Julian, in die Bestsellerlisten. In Myra Breckinridge griff er 1968 die Problematik der Geschlechtsumwandlung auf. Manche sahen Gore Vidal seiner Zeit weit voraus. So thematisierte Kalki die Gentechnologie und den Terroreinsatz von Biowaffen, der Essay Ewiger Krieg für ewigen Frieden warnte vor permanentem Krieg durch die USA.

Viele Romane behandeln historische Persönlichkeiten der USA und der Weltgeschichte: Aaron Burr in Burr (1973), Präsident Ulysses S. Grant in 1876 (1976), Abraham Lincoln in Lincoln (1984), Theodore Roosevelt in Empire (1987) und Jesus in Live from Golgotha (1992).

Filmarbeit[Bearbeiten]

Gore Vidal war mehrfach in Nebenrollen zu sehen, unter anderem in den Spielfilmen Fellinis Roma von Federico Fellini, The Player von Robert Altman, Bob Roberts von Tim Robbins und Gattaca von Andrew Niccol. Auch in der 2. Folge der 5. Staffel von Family Guy hatte er einen Kurzauftritt.

Auszeichnungen[Bearbeiten]

  • 1955: Edgar-Allan-Poe-Preis
  • 1982: American Book Critics Circle Award für The Second American Revolution
  • 1993: National Book Award für United States: Essays 1952–1992

Bibliografie (Auswahl)[Bearbeiten]

USA Chronik[Bearbeiten]

  1. Burr (dt. Burr, spielt 1836, veröffentlicht 1973)
  2. Lincoln (dt. Lincoln, spielt 1861–1865, veröffentlicht 1984)
  3. 1876 (dt. 1876, spielt 1875–1877, veröffentlicht 1976)
  4. Empire (dt. Empire, spielt 1898–1907, veröffentlicht 1987)
  5. Hollywood (dt. Hollywood, spielt 1917–1923, veröffentlicht 1990)
  6. Washington D.C. (dt. Washington D.C., spielt 1937–1952, veröffentlicht 1967)
  7. The Golden Age (dt. Das goldene Zeitalter, spielt 1939–1954, veröffentlicht 2000)

Belletristik[Bearbeiten]

  • Williwaw (1946)
  • In a Yellow Wood (1947)
  • The City and the Pillar (1948, überarbeitet 1965, dt. Geschlossener Kreis 1986)
  • The Season of Comfort (1949)
  • Death before Bedtime (1953, dt. Tod vorm Schlafengehen)
  • Messiah (1954)
  • Julian (1962)
  • Myra Breckinridge (1968)
  • Myron (1974, dt. Die Sirene von Babylon: Myron Breckinridge)
  • Kalki (1978)
  • Creation (1980, dt. Ich Cyrus, Enkel des Zarathustra)
  • Duluth (1983)
  • The Smithsonian Institution (1998)

Theaterstücke (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Visit to a Small Planet (1957)
  • Romulus (1962)
  • An Evening with Richard Nixon and … (1972)
  • Gore Vidal’s Lincoln (1988)

Filmskripte[Bearbeiten]

Sachbücher[Bearbeiten]

  • American Plastics: Über Literatur und Politik (dt. 1986)
  • At Home. Essais (1988)
  • Hollywood (1990)
  • Screening History (1992)
  • Ewiger Krieg für ewigen Frieden. Wie Amerika den Hass erntet, den es gesät hat (2002)
  • Bocksgesang. Antworten auf Fragen vor und nach dem 11. September (2003)
  • Dreaming War. Blood for Oil and the Cheney-Bush Junta (2003)

1995 publizierte er seine Autobiografie Palimpsest, der er 2006 einen zweiten Teil folgen ließ, Point to Point Navigation.

Literatur[Bearbeiten]

  • Gero von Boehm: Gore Vidal. 18. Juni 2001. Interview in: Begegnungen. Menschenbilder aus drei Jahrzehnten. Collection Rolf Heyne, München 2012, ISBN 978-3-89910-443-1, S.545-555
  • Günter Ohnemus: Dieser Liberale schreibt die besten Sätze seiner Generation., in: Die Zeit, 6. Dezember 1996

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Gore Vidal – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d e f Edgar Box Pseudonym von Gore Vidal bei krimi-couch.de. Abgerufen am 24. November 2013.
  2. a b Martin Lüdke: Gore Vidal: Das ist nicht Amerika bei cicero.de, 10. Mai 2010. Abgerufen am 24. November 2013.
  3.  Paul Dickson, Thomas B. Allen: The Bonus Army: An American Epic. Bloomsbury Publishing, London 2010, ISBN 0802719368, S. 127.
  4.  Gore Vidal: Point to Point Navigation. Random House, New York City 2007, ISBN 0307387704, S. 19, 20.
  5. US-Schriftsteller Gore Vidal ist tot In: Der Tagesspiel, 1. August 2012. Abgerufen am 24. November 2013.
  6. Martin Halter: Der andere Präsident Autor, Schauspieler und mehr: Zum Tod von Gore Vidal. In: Badische Zeitung, 2. August 2012. Abgerufen am 24. November 2013.
  7. Uwe Sörensen: Gore Vidal bei famous-people.de. Abgerufen am 24. November 2013.
  8. The Meaning of Timothy McVeigh, Vidals Artikel auf der Homepage des Magazins Vanity Fair von September 2001 (abgerufen am 1. August 2012).
  9. An Open Letter to Helmut Kohl, Veröffentlichung des offenen Briefes an Helmut Kohl auf der Homepage von Scientology vom Dezember 1996 (abgerufen am 1. August 2012 über das Internet-Archive).
  10. Celebrity Critics of Scientology auf der Homepage des Fight Against Coercive Tactics Network, im englischen Original: „He exuded evil, malice, and stupidity […]“, zitiert aus: George magazine, „Clash of the Titans: Scientology vs. Germany“, Russ Baker, April 1997 (abgerufen am 1. August 2012).
  11. Oxford Dictionary of Humorous Quotations, Ned Sherrin, Oxford University Press, 25. September 2008, S. 156.