Höhenkrankheit

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Klassifikation nach ICD-10
T70.- Schäden durch Luft- und Wasserdruck
T70.2 Sonstige und nicht näher bezeichnete Schäden durch große Höhe, inkl. Höhenkrankheit
ICD-10 online (WHO-Version 2013)

Als Höhenkrankheit bezeichnet man einen Komplex von Symptomen, der bei Menschen auftritt, die sich in große Höhen von über 2500 m begeben oder dort leben. Andere Bezeichnungen sind D'Acosta-Krankheit (nach José de Acosta) und im Englischen high-altitude illness oder acute mountain sickness (AMS). Sehr selten kann eine Höhenkrankheit bereits zwischen 2000 und 2500 m auftreten.

Leitsymptom sind Kopfschmerzen, dazu kommen häufig Appetitverlust, Übelkeit, Erbrechen, Müdigkeit, Schwäche, Atemnot, Schwindel, Benommenheit, Ohrensausen und Schlafstörungen.

Die Höhenkrankheit kann in ein akutes und lebensbedrohliches Höhenhirnödem (HACE) übergehen, auch kann sich ein ebenfalls lebensgefährliches Höhenlungenödem (HAPE) bilden.

Betroffene[Bearbeiten]

Bergsteiger[Bearbeiten]

Die Schwere und Häufigkeit der Höhenkrankheit[1] ist bei Bergsteigern vor allem von der erreichten Höhe und der Geschwindigkeit des Aufstiegs abhängig. Bei unakklimatisierten Bergsteigern finden sich in 10 bis 25 Prozent Zeichen einer Höhenkrankheit nach dem Aufstieg auf 2500 Meter, die jedoch meist mild sind und die Aktivität nicht einschränken. Bei fehlender Akklimatisation sind aber in 4500 bis 5500 Meter 50 bis 85 Prozent der Bergsteiger betroffen, die Höhenkrankheit kann deutlich schwerer sein und den weiteren Aufstieg verhindern. Neben der erreichten Höhe sind weitere starke Risikofaktoren für das Auftreten einer Höhenkrankheit ein Aufstieg von mehr als 625 Meter pro Tag ab 2000 Meter Meereshöhe und eine fehlende vorherige Akklimatisation mit weniger als fünf Tagen über 3000 Meter in den vorausgegangenen zwei Monaten. Frauen sind häufiger betroffen, ebenso jüngere Menschen unter 46 Jahren sowie Menschen, die an Migräne leiden. Hingegen ist fehlende Fitness kein Risikofaktor für die Höhenkrankheit, aber für allgemeine Erschöpfung.

Bewohner von Höhenlagen[Bearbeiten]

In den Anden, wo zahlreiche Großstädte wie La Paz, Cuzco oder Quito auf einer Höhe bis über 3000 Meter liegen, ist die Höhenkrankheit, „Soroche“ genannt, ein ständiges Problem für viele Einheimische und auch Reisende. Tibeter haben genetisch bedingt eine erhöhte Atemfrequenz, so dass sie – im Gegensatz zu den Indigenen Völkern Südamerikas – nicht erkranken.[2]

Ursachen und Verlauf[Bearbeiten]

Die Ursache liegt darin, dass der Luftdruck mit zunehmender Höhe absinkt und damit auch der Sauerstoff-Partialdruck. Dies führt zu einer Verengung der Blutgefäße in der Lunge, einer hypoxischen pulmonalen Vasokonstriktion (Euler-Liljestrand-Mechanismus). Die Sauerstoffaufnahme in der Lunge verringert sich, es tritt eine Sauerstoffunterversorgung (Hypoxie) ein. Die körpereigene Atemregulation wirkt dem nicht entgegen, da sie vornehmlich auf den Kohlendioxidgehalt des Blutes reagiert. Dieser steigt bei abnehmendem Luftdruck aber nicht an.

Die Hauptgefahr besteht darin, dass sich durch die Blutdruckerhöhung in der Lunge und anderen Körpergeweben (z. B. dem Gehirn) Flüssigkeit ansammelt und dort Ödeme bildet.

Aufgrund des herrschenden Sauerstoffmangels kommt es zu einer reflektorischen Hyperventilation, die durch vermehrtes Abatmen von CO2 zu einer respiratorischen Alkalose führt (eine Anhebung des pH-Wertes im Blut, das Blut wird entsäuert bzw. alkalischer).

Dies erzeugt Kopfschmerzen, Verwirrung und Sinnestäuschungen. Durch eine gute Akklimatisierung kann die Niere diesen Effekt teilweise kompensieren, aber oberhalb der 7000 Meter ist auch diese Gegenregulation nicht mehr ausreichend möglich. Außerdem kommt es aufgrund der Entwässerung (Dehydration) zu einer akuten Nierenleistungseinschränkung und die metabolische Kompensation der Alkalose (Stoffwechsel-Ausgleich) fällt weg.

In Lunge und Gehirn verengen sich die Blutgefäße aufgrund der Selbstregulation. Im Gehirn ist der niedrige CO2-Partialdruck, in der Lunge der niedrige O2-Partialdruck für diese Gefäßverengung ausschlaggebend. Als besondere Form einer Atemstörung kann in ausgeprägten Fällen eine Cheyne-Stokes-Atmung bestehen.

Im großen Kreislauf stellt sich ein hoher systolischer Blutdruck aufgrund der sympathischen Aktivierung ein, wodurch es im Hirn zum Abpressen von Flüssigkeit kommt und sich lebensgefährliche Ödeme bilden. Hier hilft nur sofortiger Abtransport in niedere Höhen, Sauerstoffbeatmung und eventuell eine Druckkammerbehandlung. Große Expeditionen führen zu diesem Zweck oft einen Gamow-Sack mit sich, der in Grenzen eine mobile Druckkammer-Funktionalität bietet.

Das Höhenlungenödem ist von zunehmender Luftnot und Flüssigkeitsübertritt in die Lungenbläschen mit möglichem schaumig bis blutigem Auswurf gekennzeichnet.

Gegenmaßnahmen[Bearbeiten]

Bei leichten bis mäßigen Symptomen sollte ein Tag pausiert werden. Die Kopfschmerzen sollten mit einem nichtsteroidalen Antiphlogistikum, z. B. Ibuprofen, behandelt werden. Dazu werden ein Mittel gegen Übelkeit (Antiemetikum) sowie Azetazolamid zur besseren Akklimatisation empfohlen. Verbessern sich die Symptome nach einem Tag nicht, ist ein Abstieg um 500 bis 1000 m angeraten.

Bei schweren Symptomen muss ein sofortiger und möglichst weiter Abstieg erfolgen. Dazu sollte Sauerstoff gegeben werden, sowie Dexamethason zunächst 8 mg intramuskulär, intravenös oder oral, sowie weiter 4 mg alle sechs Stunden. Eine große Gefahr ist die Entwicklung eines Höhenhirnödems.

Ein Wiederanstieg sollte nur erfolgen, wenn die Höhenkrankheit ohne Einsatz von Medikamenten (außer Azetazolamid) völlig verschwunden ist. Dann empfiehlt sich beim Wiederaufstieg die Einnahme von Azetazolamid zur Prophylaxe. [3]

In den Anden wird als Mittel gegen Höhenkrankheit (auch vorbeugend) ein Tee aus Blättern des Cocastrauchs getrunken oder diese werden mit Kalk gekaut. In Tibet wird von den Einheimischen Buttertee (gesalzener Tee mit viel Butter) als Vorsorge gelobt; für beides gibt es keine Studien, die deren Wirksamkeit nachweisen.

Vorbeugung[Bearbeiten]

Der Körper kann sich innerhalb weniger Tage in gewissem Ausmaß an diese Situation anpassen, indem er mehr rote Blutkörperchen produziert. Diese Anpassung wird als Akklimatisation bezeichnet. So wird für Bergtouren über 4500 m empfohlen, vorab bereits eine Woche auf einer Höhe zwischen 2000 und 3000 m zuzubringen und dabei bereits Tagestouren in höhere Höhen durchzuführen. Diese Maßnahme reduziert die Wahrscheinlichkeit und Stärke der Höhenkrankheit um 50 %. Auch empfehlen Leitlinien für Touren über 3000 m einen täglichen Anstieg von höchstens 300 bis 500 m und einen Tag Pause alle drei bis vier Tage.

Bei einem mäßigen Risiko einer Höhenkrankheit kann Azetazolamid in niedriger Dosis (125 mg zweimal täglich), bei höherem Risiko in höherer Dosis (250 mg zwei- bis dreimal täglich) eingesetzt werden. Da dieses Medikament in der höheren Dosis bereits in niedrigen Höhen bei jedem Vierten Übelkeit und Müdigkeit verursacht, dazu u. a. oft akrale Parästhesien, Geschmacksstörungen und Polyurie auftreten, sollte ein Einnahmeversuch bereits vor der Tour erfolgen. Bei Unverträglichkeit oder Kontraindikation empfehlen Leitlinien den Einsatz von Dexamethason 4 mg zweimal täglich bei mäßigem Risiko und dreimal täglich bei höherem Risiko.

Ist bereits einmal eine Höhenkrankheit aufgetreten, ist das Mittel der ersten Wahl zur Prophylaxe Nifedipin (30 mg retard zweimal täglich), alternativ ein Phosphodiesterase-5-Inhibitor wie Tadalafil 10 mg zweimal täglich. Salbutamol-Inhalationen erscheinen weniger effektiv und sind mit einem höherem Risiko eines Tremors und einer Tachykardie verbunden[3]

Die Anwendung von Theophyllin zur Verbesserung der Sauerstoffaufnahme gilt als überholt. Bei Touren in sehr großen Höhen (über 4000 m) empfiehlt sich für akute Notfälle eine mobile Überdruckkammer und Sauerstoff mitzuführen.

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Auswärtiges Amt, Höhenkrankheit Merkblatt. Abgerufen am 6. Juli 2011 (PDF; 44 kB).
  2. Michael Lange: Natürliches Gendoping in Tibet – Erbgut der Tibeter hat sich an die sauerstoffarme Luft angepasst. In: WDR 5, Leonardo – Wissenschaft und mehr, Sendung vom 14. Mai 2010. Abgerufen am 28. Juli 2010: „Genetiker aus den USA und China haben zwei Genvarianten entdeckt, die den Tibetern das Leben in dünner Höhenluft ermöglichen“
  3. a b Peter Bärtsch, Erik R. Swenson: Acute High-Altitude Illnesses. New England Journal of Medicine 2013, Band 368, Ausgabe 24 vom 13. Juni 2013, Seiten 2294-2302, DOI: 10.1056/NEJMcp1214870

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Höhenkrankheit – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Literatur[Bearbeiten]

  • John R. Sutton, Norman L. Jones, Charles S. Houston: Hypoxia: Man at Altitude. Thieme-Stratton u.a., New York 1982, ISBN 3-13-622901-0.
  •  Schommer, Kai; Bärtsch, Peter: Basiswissen für die höhenmedizinische Beratung. In: Dtsch Arztebl Int. Nr. 108(49), 2011, S. 839-48 (Übersichtsarbeit).
Gesundheitshinweis Dieser Artikel bietet einen allgemeinen Überblick zu einem Gesundheitsthema. Er dient nicht der Selbstdiagnose und ersetzt keine Arztdiagnose. Bitte hierzu diese Hinweise zu Gesundheitsthemen beachten!