Hildegard Burjan

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Hildegard Burjan geb. Freund (* 30. Jänner 1883 in Görlitz, Oberlausitz; † 11. Juni 1933 in Wien) war eine österreichische Sozialpolitikerin und Ordensgründerin der Schwesterngemeinschaft Caritas Socialis, deutscher Herkunft. 2012 wurde sie von der römisch-katholischen Kirche seliggesprochen.

Hildegard Burjan als Studentin (um 1905)

Leben[Bearbeiten]

Gedenktafel für Hildegard Burjan in Wien Alsergrund (9. Bezirk)
Hildegard-Burjan-Hof, eine städtische Wohnhausanlage in Wien Hietzing (13. Bezirk)

Sie entstammte einer jüdisch-liberalen Familie und studierte in Zürich Literatur und Philosophie, promovierte 1908 mit magna cum laude zum Dr. phil. und studierte dann in Berlin Sozialwissenschaft. 1907 heiratete sie den Ungarn Alexander Burjan (* 26. November 1882; † 6. November 1973), den sie in Zürich kennengelernt hatte. 1908 erkrankte sie schwer und wurde von den Barmherzigen Schwestern vom hl. Karl Borromäus gepflegt. Diese beeindruckten sie mit ihrer aufopfernden Hingabe an andere Menschen aus dem Glauben heraus sehr.

1909 konvertierte sie vom jüdischen zum katholischen Glauben, nachdem sie unerwartet aus schwerer Krankheit geheilt worden war. Sie übersiedelte nach Wien, wo sie gemeinsam mit ihrem Mann die österreichische Staatsbürgerschaft annahm und ihre einzige Tochter Elisabeth zur Welt brachte, obwohl ihr die Ärzte dringend zu einer Abtreibung geraten hatten.[1]

Sie setzte sich besonders intensiv für Frauen ein. 1912 gründete sie in Wien den „Verband der christlichen Heimarbeiterinnen“, um diese ausgebeutete und rechtlose Bevölkerungsgruppe zu unterstützen, 1918 den Verein „Soziale Hilfe“ und am 4. Oktober 1919 die religiöse Schwesterngemeinschaft Caritas Socialis (CS), die sich bis heute karitativen Aufgaben widmet, u.a. Pflegeheime und ein Hospiz führt und sich für die Ausbildung von Sozialberufen engagiert. Sie forderte die Frauen zum Boykott von Waren auf, die von Firmen stammen, die Frauen ausbeuten.

Im Spätherbst 1918 wurde sie in Deutschösterreich für die Christlichsoziale Partei im provisorischen Wiener Gemeinderat, der bis zur ersten voll demokratischen Gemeinderatswahl amtierte, tätig und wurde eine wichtige Persönlichkeit in Politik und Kirche. Von 4. März 1919 bis 9. November 1920 war sie (am 16. Februar 1919 bei der ersten Wahl, bei der Frauen das uneingeschränkte aktive und passive Wahlrecht hatten, gewählt) christlichsoziale Abgeordnete in der Konstituierenden Nationalversammlung, die am 3. April 1919 das Habsburgergesetz und das Adelsaufhebungsgesetz und am 1. Oktober 1920 die im Wesentlichen bis heute gültigen zentralen Bestimmungen der österreichischen Bundesverfassung beschloss. Politische Verbündete suchte sie über alle Parteigrenzen hinweg.

Burjan wurde später „Gewissen des Parlaments“ und „Heimarbeiterinnenmutter von Wien“ genannt. Sie kämpfte für die Rechte und die Gleichberechtigung der Frauen. „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ zählte zu ihren wichtigsten politischen Forderungen. 1920 schied sie aus der Bundespolitik aus, widmete sich sozialen Aufgaben und beging unorthodoxe Lösungswege für die materiellen Nöte ihrer Zeit. Sie wirkte an der Neubildung der österreichischen Bahnhofsmission und an Einrichtungen der Familienpflege wie der Mittelstandsküchen mit. Sie errichtete in der Pramergasse im 9. Wiener Gemeindebezirk ein Heim für Mütter mit ledigen Kindern und schwierigem sozialen Umfeld sowie eine Ausgabestelle für kostenlose Kleidung. Damit wurde sie eine Wegbereiterin moderner Sozialarbeit.

Mit dem Prälaten und christlichsozialen Bundeskanzler Ignaz Seipel, der insgesamt fünfeinhalb Jahre an der Spitze der Regierung stand, war sie sehr verbunden. Er begleitete einerseits ihre Aktivitäten als Geistlicher und machte andererseits als Politiker viele ihrer Projekte möglich. Nach seinem Tod im Jahr 1932 initiierte sie den Bau der Christkönigskirche in Wien als Gedächtniskirche für Seipel im 15. Wiener Gemeindebezirk.

Hildegard Burjan war, bedingt auch durch die berufliche Stellung ihres Mannes Alexander Burjan, des Generaldirektors der Österreichischen Telephonfabriks AG, mit dem christlichsozialen, 1934 als Diktator von Nationalsozialisten ermordeten Bundeskanzler Engelbert Dollfuß näher bekannt. So nahm dieser während ihrer letzten schweren Krankheit regen Anteil an ihrem Befinden und ließ ihr einen vom Papst persönlich gewidmeten Rosenkranz zukommen.[2] Dollfuß hatte im März 1933 das Parlament ausgeschaltet; Hildegard Burjan erlebte aber die Ausprägung des Austrofaschismus bzw. des Ständestaates nicht mehr.[3] Dollfuß war nach seinem Tod bis 1938 wie Seipel in der Christkönigskirche bestattet, die bis zur Machtübernahme durch die Nationalsozialisten Seipel-Dollfuß-Gedächtniskirche genannt wurde.

Hildegard Burjan starb im Sommer 1933, erst fünfzigjährig, trotz einer Operation an der Nierenerkrankung, an der sie schon als Jugendliche gelitten hatte.[4]

Zuletzt wohnte sie mit ihrem Mann in einer großbürgerlichen Villa in der Larochegasse 35 im 13. Wiener Gemeindebezirk, Hietzing, im Bezirksteil Unter-St.-Veit (Gedenktafel). Alexander Burjan, Industrieller und Vorstandsmitglied der Radio Verkehrs AG (später ORF), lebte bis 1938 dort und konnte sein Leben durch die Flucht nach Brasilien retten.[5]

Seligsprechungsprozess[Bearbeiten]

Der Seligsprechungsprozess für Hildegard Burjan wurde 1963 vom Wiener Erzbischof Kardinal Franz König eingeleitet. Nach der Exhumierung wurde ihr Leichnam am 4. Mai 2005 an einem „Ort der Verehrung“, in der Hildegard-Burjan-Kapelle im CS-Stammhaus im 9. Wiener Gemeindebezirk, Alsergrund, bestattet.

Papst Johannes Paul II. besuchte am 21. Juni 1998 das Caritas-Socialis-Hospiz Rennweg, wo er sich anerkennend über Hildegard Burjan äußerte.[6]

Der Wiener Erzbischof Kardinal Schönborn unterstützte das Seligsprechungsverfahren: Für die Erzdiözese Wien, aber auch für ganz Österreich ist Hildegard Burjan eine beeindruckende Gestalt – ein Mensch zum Vorzeigen, und er würdigte in einer Ansprache das Wirken von Hildegard Burjan mit den Worten: Mit einem offenen Herzen für die Nöte der Zeit hat sie sich für die Rechte der Unterprivilegierten und gegen jede soziale Ausgrenzung von Randgruppen durch die Gesellschaft eingesetzt.[7] Am 7. Juni 2011 erkannte das Kardinalskollegium in Rom das für eine Seligsprechung notwendige Wunder an. Das anerkannte Wunder betrifft die Heilung einer Frau, die sich in ihrem Anliegen an Hildegard Burjan gewandt hat: Infolge mehrerer Operationen konnte sie kein Kind zur Welt bringen. Dass sie später drei gesunden Kindern das Leben schenkte, ist nach Auffassung der den Fall beurteilenden Ärzte medizinisch nicht erklärbar.[8]

Papst Benedikt XVI. hat am 27. Juni 2011 das Dekret der Seligsprechungskongregation bestätigt, das eine Wunderheilung auf Vermittlung der aus Görlitz stammenden Hildegard Burjan (1883-1933) anerkennt. Die Seligsprechung erfolgte am 29. Jänner 2012 im Wiener Stephansdom durch Kardinal Angelo Amato.[9] Dies war die erste Seligsprechung im Stephansdom.[10]

Hildegard Burjans Gedenktag ist der 12. Juni.

Würdigung[Bearbeiten]

  • Anlässlich ihres 100. Geburtstages wurde im Jahr 1983 von der österreichischen Post eine Sonderpostmarke aufgelegt.[11]
  • Im Jahr 1964 wurde vom Land Niederösterreich in der Wiener Votivkirche ein Fenster gewidmet.[12]
  • Im Jahr 1984 wurde in Wien Rudolfsheim-Fünfhaus (15. Bezirk) der Burjanplatz nach ihr benannt, der sich unmittelbar hinter der von ihr initiierten Christkönigskirche befindet.
  • In ihrer Heimatstadt Görlitz erinnern ein Platzname und eine 2012 an ihrem Geburtshaus, Elisabethstraße 36, enthüllte Gedenktafel an sie.
  • Eine in ihrem letzten Wohnbezirk in Wien, dem 13. Bezirk, 1994 / 1995 nach Plänen von Walter Buck errichtete städtische Wohnhausanlage in der Speisinger Straße 46–48 mit 31 Wohnungen wurde Hildegard-Burjan-Hof benannt.

Literatur[Bearbeiten]

Filme[Bearbeiten]

  • Anita Lackenberger, Gerhard Mader: Hildegard Burjan: Auf den Spuren der Gründerin der Caritas Socialis, Produktion West und ORF 2008.[13]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Erika Weinzierl: Emanzipation? Österreichische Frauen im 20. Jahrhundert. Jugend & Volk, Wien 1975, S. 159.
  2. [1]
  3. Kirche in der Zwischenkriegszeit von Ingeborg Schödl, abgerufen am 29. Jänner 2012
  4. Erika Weinzierl: Emanzipation? Österreichische Frauen im 20. Jahrhundert. Jugend & Volk, Wien 1975, 2007 ISBN 3-7141-7418-4, S. 168
  5. http://projekte.vhs.at/judeninhietzing/Burjan_Hildegard&Alexander (Version vom 18. September 2007 im Internet Archive)Vorlage:Webarchiv/Wartung/Linktext_fehlt Onlineauftritt VHS Hietzing Projekt Juden in Hietzing der VHS Hietzing
  6. Text der Ansprache
  7. Österreich: Burjan, die nächste Selige? auf Radio Vatikan
  8. Meldung kath.net vom 8. Juni 2011
  9. Burjan-Seligsprechung am 29. Jänner 2012 in Wien
  10. Erste Seligsprechung im Stephansdom auf ORF vom 23. Jänner 2012 abgerufen am 24. Jänner 2012
  11. Eintrag zu Hildegard Burjan in: Austria-Forum, dem österreichischen Wissensnetz – online  (als Briefmarkendarstellung)
  12. Eine Sozialpionierin wird neue Selige abgerufen am 29. Jänner 2012
  13. Produktion West TV Film: Koproduktion ORF und Produktion West: Hildegard Burjan: Anita Lackenberger und Gerhard Mader auf den Spuren der Gründerin der Caritas Socialis, 2008.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Hildegard Burjan – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien