Hillsborough-Katastrophe

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Denkmal für die Verstorbenen und deren Angehörige am Stadion
Gedenktafel im Anfield-Stadion, Liverpool

Die Hillsborough-Katastrophe war ein schweres Zuschauerunglück mit 96 Toten und 766 Verletzten am 15. April 1989 im Hillsborough-Stadion in Sheffield. Sie ereignete sich während des Halbfinalspiels um den FA Cup zwischen dem FC Liverpool und Nottingham Forest und gilt als eine der größten Katastrophen in der Geschichte des Fußballs. Die Schuld an der Katastrophe wurde von offizieller Seite lange Zeit den Anhängern selbst angelastet. Eine unabhängige Kommission legte mit ihrem Bericht im Jahr 2012 jedoch nahe, dass Mitglieder der Polizei und der Hilfskräfte eine erhebliche Schuld trifft – und zwar sowohl mit Blick auf die Ursachen der Katastrophe, als auch hinsichtlich des Ausmaßes. Das führte zu einer offiziellen Entschuldigung von Premierminister David Cameron, der Polizei von South Yorkshire, dem englischen Fußballverband FA sowie der Zeitung The Sun für die Rolle, die sie (bzw. ihre Organisationen) in dem Geschehen gespielt haben.[1]

Verlauf[Bearbeiten]

In den für die Anhänger des FC Liverpool vorgesehenen Block ließ man zu viele Besucher ein. Diese Unachtsamkeit der Ordnungskräfte führte letztendlich dazu, dass mehrere hundert Fans gegen den Zaun am Spielfeldrand gedrückt oder von anderen Fans unbemerkt bis zum Tod niedergetrampelt wurden. Da das Spiel inzwischen schon begonnen hatte und die meisten Zuschauer dem Spielverlauf folgten, wurde die Tragödie zunächst von niemandem bemerkt.

Erst nachdem Zuschauer begannen, in Todesangst über den Zaun zu klettern, unterbrach der Schiedsrichter in Absprache mit der Polizei die Begegnung in der sechsten Spielminute. Am Ende gab es 96 Tote und 766 Verletzte zu beklagen. Unter den Toten befand sich auch ein Cousin des späteren Kapitäns des FC Liverpool, Steven Gerrard, Jon-Paul Gilhooley.[2]

Ursachen[Bearbeiten]

Rund eine Stunde vor dem Spiel waren bereits so viele Menschen vor dem Stadion, dass der Druck auf die äußeren Tore immer größer wurde. Daraufhin ließen die Ordnungskräfte ein zusätzliches Tor (Gate C) öffnen, um den Druck zu reduzieren. Dadurch konnte aber auch die Menge der Fans, die in den Mittelblock stürmte, nicht mehr kontrolliert werden. Dies führte unter anderem dazu, dass der Mittelblock voll, ein Seitenblock jedoch noch halb leer war (die Außenblöcke waren durch Zäune vom Mittelblock getrennt). Ein möglicher Grund für den großen Andrang war, dass es für den gesamten Block mit 10.000 Stehplätzen nur sieben Drehkreuze gab.

Eine weitere Ursache für die hohe Opferzahl entstand wiederum durch eine Fehlentscheidung der Ordnungskräfte: als bereits Fans gegen den Zaun gedrückt wurden, ließen sie die Tore zum Spielfeld nicht sofort öffnen, und auch später, nachdem die Tore geöffnet waren, wurden die Fans daran gehindert, weiter aufs Spielfeld vorzudringen und so den Stau abzubauen.

Folgen[Bearbeiten]

Banner anlässlich des 20. Jahrestages der Katastrophe

Zwei Tage nach der Tragödie versprach Innenminister Douglas Hurd, ein Gesetz zu verabschieden, das alle Vereine der Liga verpflichten würde, Stehplätze aus ihren Stadien zu verbannen.

Dieses Unglück, nur vier Jahre nach Bradford und Heysel, trug nach einer Untersuchung und dem abschließenden Taylor Report langfristig dazu bei, dass es heute in den meisten englischen Stadien nur noch Sitzplätze und keine Zäune mehr gibt. Das Stehplatzverbot wurde zunächst in England eingeführt und später auch von FIFA und UEFA für internationale Spiele übernommen.

Das 22 Tage nach der Katastrophe angesetzte Wiederholungsspiel im Old Trafford konnte Liverpool mit 3:1 für sich entscheiden. Zwei Wochen später gewann Liverpool im Wembley-Stadion auch das Finale des FA-Cups, diesmal mit 3:2 in der Verlängerung gegen den FC Everton.

Im Nachgang zur Tragödie wurde das Vereinswappen des FC Liverpool um zwei Fackeln an den Flanken sowie den Schriftzug You’ll never walk alone (Ihr werdet niemals alleine gehen) ergänzt, um so eine bleibende Erinnerung an die Opfer zu schaffen. Dieses erweiterte Wappen ist bis heute das offizielle Logo des Vereins; zudem ist besagter Schriftzug auch über dem Haupteingangstor der Anfield Road angebracht.

Eine politische Aufarbeitung blieb lange Zeit aus. 2009 wurde eine unabhängige Untersuchungskommission unter Vorsitz des Bischofs von Liverpool eingesetzt. Nachdem 139.000 Menschen eine Petition unterzeichnet hatten[3], beschloss das britische Parlament am 17. Oktober 2011, dass die Kommission alle Akten über das Unglück erhalten soll.[4] Die Kommission veröffentlichte ihren Bericht am 12. September 2012. In ihrer Untersuchung hatte sie festgestellt, dass die Schuld für das Unglück nicht bei den Fans, sondern den Ordnungskräften zu suchen sei. Auch nannte der Bericht die Zahl von 41 Opfern, die hätten gerettet werden können, wenn die medizinische Versorgung schnell genug angelaufen wäre. Bei der Aufarbeitung des Unglücks warf der Bericht der Polizei vor, 164 Aussagen verändert zu haben, davon 116, die das Verhalten der Polizei an diesem Tag in ein schlechtes Licht rückten.[5] Auf Grund dieses Berichtes nahm auch die Generalstaatsanwaltschaft das Verfahren wieder auf und beantragte beim Obersten Zivilgericht Großbritanniens das zur Katastrophe ergangene Urteil zu revidieren, was am 19. Dezember 2012 geschah.[6]

Medien[Bearbeiten]

Nach der Hillsborough-Katastrophe fiel die Auflage der Boulevardzeitung The Sun in Liverpool von 400.000 auf nur noch 12.000. Unter dem Titel „The Truth“ (die Wahrheit) hatte die Zeitung behauptet, Liverpool-Fans hätten Rettungsversuche der Polizei behindert, Betroffene beraubt, oder sogar auf Opfer uriniert. Bis heute hat die Sun deswegen vor allem in der Region Liverpool einen schweren Stand. Erst 15 Jahre nach der Tragödie rang sich das auflagenstärkste Blatt Großbritanniens zu einer Entschuldigung durch und sprach vom „schrecklichsten Fehler in der Geschichte der Zeitung“. Dennoch beteuerte der verantwortliche Chefredakteur Kelvin MacKenzie weiterhin: „Ich habe es damals nicht bereut und bereue es bis heute nicht.“ Nachdem der Bericht der Untersuchungskommission im September 2012 veröffentlicht wurde, änderte er dieses und entschuldigte sich mit „sehr viel richtiger wäre es gewesen, hätte ich in der Überschrift ‚Die Lügen‘ statt ‚Die Wahrheit‘ geschrieben.“[7]

1989 nahmen The Christians, Holly Johnson, Paul McCartney, Gerry Marsden und Stock Aitken Waterman die alte Liverpoolhymne „Ferry 'Cross The Mersey“ zu Gunsten der Opfer der Katastrophe auf. Das Lied stand 3 Wochen auf Platz 1 der britischen Charts.

Die Hillsborough-Katastrophe wird auch in der Episode „Kalte Rache“ der englischen TV-Krimiserie Für alle Fälle Fitz sowie im Buch „Fever Pitch“ von Nick Hornby und im gleichnamigen Film thematisiert.

Die walisische Rockband Manic Street Preachers thematisiert in ihrem Lied „S.Y.M.M.“ (South Yorkshire Mass Murderer) des Albums This Is My Truth Tell Me Yours die Rolle der Polizei und Ordnungskräfte, die ursächlich zur Tragödie geführt haben soll.[8] Der im Lied ebenfalls angesprochene Jimmy McGovern drehte 1996 eine Dokumentation zum Thema.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Hillsborough-Katastrophe – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Hillsborough papers: Cameron apology over ‘double injustice’, Artikel der BBC vom 12. September 2012
  2. 11Freunde Spezial: Die Achtziger S. 86ff - ISSN 1860-0255
  3. Hillsborough Disaster: Commons debate after e-petition, www.bbc.co.uk, 17. Oktober 2011 (19. Dezember 2011)
  4. MPs call for Hillsborough papers release, www.bbc.co.uk, 17. Oktober 2011 (19. Dezember 2011)
  5. Owen Gibson und David Conn: Hillsborough: the truth about the causes of the disaster. Guardian. 12. September 2012. Abgerufen am 13. September 2012.
  6. Owen Gibson: High court quashes Hillsborough inquest verdicts. Guardian. 19. Dezember 2012. Abgerufen am 20. Dezember 2012.
  7. Lisa O'Carroll: Hillsborough: MacKenzie offers ‘profuse apologies’ for Sun front page. Guardian. 12. September 2012. Abgerufen am 13. September 2012.
  8. Manics slated for Hillsborough song, BBC. 26. August 1998. Abgerufen am 30. Januar 2009.