Itzgründisch

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Itzgründisch ist ein mainfränkischer Dialekt, der in den Tälern der namensgebenden Itz und ihrer Zuflüsse Grümpen, Effelder, Röthen/Röden, Lauter, Füllbach und Rodach und der Rodach- Zuflüsse Kreck und Helling, den Tälern der Neubrunn, Biber und der oberen Werra und im Tal der Steinach gesprochen wird. In dem kleinen Sprachraum, der sich vom Itzgrund in Oberfranken bis in den Südhang des Thüringer Schiefergebirges hinein erstreckt, existiert das „Fränkische“ (genauer das Ostfränkische) noch in einer sehr ursprünglichen Form. Auf Grund der isolierten Randlage dieser Gegend bis Ende des 19. Jahrhunderts und später während der deutschen Teilung haben sich bis heute viele sprachliche Eigenheiten erhalten. Wissenschaftliche Beachtung erfuhr das Itzgründische erstmals Mitte des 19. Jahrhunderts durch den Sprachforscher August Schleicher.

Itzgründisch

Gesprochen in

Bayern,Thüringen
Sprecher 225.000
Linguistische
Klassifikation
Verbreitungsgebiet der Itzgründischen Mundart (dunkelblau) in Thüringen

Geografische Eingrenzung[Bearbeiten]

Das itzgründische Dialektgebiet umfasst südlich des Rennsteigs den Landkreis Sonneberg, den südlichen und östlichen Teil des Landkreises Hildburghausen, Stadt und Landkreis Coburg und den Nordwesten des Landkreises Lichtenfels.

Im Westen des Dialektgebietes grenzt die „Südhennebergische Staffelung“, die sich durch den Landkreis Hildburghausen zieht, das Itzgründische zum Hennebergischen ab. Ihre Verlängerung südlich der Kreisstadt und weiter entlang der Kreisgrenze bildet die Dialektgrenze zum Grabfeldischen bzw. weiter südlich zum Unterfränkischen, das auch in Seßlach im Westen des Landkreises Coburg gesprochen wird. Südlich der Coburger Kreisgrenze vermischt sich das Itzgründische mit dem Bambergischen. Östlich der Sonneberger (ausgenommen Heinersdorf, das schon im oberfränkischen Sprachgebiet liegt) und der Coburger Kreisgrenze und im Osten von Michelau im Landkreis Lichtenfels grenzt das itzgründische Sprachgebiet an das oberfränkische. Das Oberfränkische liegt jenseits der Bamberger Schranke, gehört also nicht zu den mainfränkischen Dialekten.

Unmittelbar am Verlauf des Rennsteigs über den Kamm des Thüringer Schiefergebirges existiert eine schmale Übergangszone zum Thüringischen, die aus den moderneren, weitgehend ostfränkisch geprägten Ortsdialekten der Orte um Sachsenbrunn und Lauscha besteht, die den itzgründischen Wortschatz nutzen.

Das itzgründische Dialektgebiet ist deckungsgleich mit den Territorien der historischen Landschaft Pflege Coburg und der Benediktinerabtei Banz.

Sprecher[Bearbeiten]

Am 31. Dezember 2010 lebten in der Stadt Coburg 41.076, in den Städten und Gemeinden des itzgründischen Dialektgebietes im Landkreis Coburg 84.129, im Landkreis Hildburghausen 40.745, im Landkreis Lichtenfels 22.791 und im Landkreis Sonneberg etwa 50.000 (geschätzter Anteil der nicht itzgründisch sprechenden Gemeindeteile abgezogen) Einwohner. In der Stadt Lichtenfels, die am Südufer des Mains liegt, womit deren historischer Dialekt schon als Mischdialekt aus dem Itzgründischen und dem Bambergischen gilt, wurden 20.555 Einwohner gezählt. Während in den ländlichen Gemeinden nahezu durchgehend die jeweiligen itzgründischen Dorfdialekte gesprochen werden, ist der Anteil der nicht itzgründisch sprechenden Einwohner in den Städten deutlich größer. Bei vorsichtiger Schätzung dürfte die Zahl der itzgründischen Muttersprachler bei etwa 225.000 Sprechern liegen.

Die Ortsdialekte der Übergangszone am Rennsteig werden von den meisten der ca. 13.000 Einwohner beherrscht und im Alltag gesprochen. Eine Ausnahme bildet hier lediglich die Stadt Neuhaus am Rennweg, wo aufgrund des starken Zuzugs von Familien aus der Umgebung und aus weiter entfernten Regionen im 20. Jahrhundert neben dem einheimischen „Herrnheiser“ Dialekt Südostthüringische und andere Mundarten gesprochen werden.

Besonderheiten[Bearbeiten]

Die Grammatik des Itzgründischen entspricht grundsätzlich den ostfränkischen Regeln (siehe unter Ostfränkische Dialektgruppe). Die Besonderheit des Itzgründischen im Vergleich mit anderen deutschen Dialekten besteht darin, dass im alltäglichen Sprachgebrauch vermehrt veraltete Formen und Diphthongierungen des Mittelhochdeutschen üblich sind.

  • Um Sonneberg und Neustadt fallen die Diphthonge iä, ue und üä (nicht – niä, Beet – Biäd, Ofen – Uefm, Vögel – Vüächl) und die hintergaumige Aussprache von -ch wie in durch auf, beispielsweise in Sonneberg – Sumbarch, ärgern – archern und morgen – morchng. Andere Diphthongierungen liegen beispielsweise in den Wörtern Brot – Bruad, Hosen – Huasn, Hasen – Housn, heißen – heaßn oder schön – schööä vor.
  • Sätze werden oft mit Hilfsverben wie „mögen“, „wollen“, „machen“, „tun“ oder „können“ und dem Partizip Perfekt formuliert. (Das Kind schreit. - „Des Kindla dud schrein.“ oder „Des Kindla ka fei g´schrei.“)
  • Die Vergangenheitsformen werden fast immer in Partizip-Konstruktionen mit den Hilfsverben „sein“ oder „haben“ gebildet. (Da gingen wir hinein/Da sind wir hineingegangen. - „Dou sä´me neig´anga.“) Im Norden des Dialektgebiets macht sich allerdings die Präteritalgrenze bemerkbar, das heißt in den thüringischen Orten Judenbach oder Bockstadt wird die Vergangenheitsform einiger Verben bereits mit dem in den norddeutschen Dialekten üblichen Präteritum ausgedrückt, das im Ostfränkischen ansonsten unbekannt ist. In Sachsenbrunn und Lauscha, die nahe am Rennsteig außerhalb des itzgründischen Dialektgebiets liegen, ist bereits zu mehr als drei Viertel der Verben das Präteritum gebräuchlich.
  • Wenn ungehemmt in Mundart geplaudert wird, sind auch Satzkonstruktionen mit doppelter Verneinung zu hören, beispielsweise: „Wenn da kää Gald niä host, kaas da de fei nex gekeaf.“ (Wenn du kein Geld (nicht) hast, kannst du dir nichts kaufen.") oder „Doumit kaast da kä Eä niä eigelech.“ (Damit kannst du keine Ehre (nicht) einlegen.)
  • Wie im Mainfränkischen üblich wird die Modalpartikel „fei“ und die Verkleinerungsform -lein – -la (örtlich auch -le) sehr gern und häufig verwendet.

(Anmerkung: Da es keine standardisierte Schriftform gibt, wird der Text durch „normale“ Buchstaben, von verschiedenen Autoren unterschiedlich, angenähert. Im vorliegenden Artikel wird auf die (genauere) Bezeichnung nach dem internationalen phonetischen Alphabet (IPA) verzichtet.)

Zahlen in Sonneberger Mundart[Bearbeiten]

  • Eins – Eas
  • Zwei – Zwej
  • Drei – Dreij
  • Vier – Vier
  • Fünf – Fümf
  • Sechs – Segs
  • Sieben – Siem
  • Acht – Achd
  • Neun – Neun
  • Zehn – Zea
  • Elf – Elf
  • Zwölf – Zwölf
  • Dreizehn – Dräza
  • Vierzehn – Vierza
  • Fünfzehn – Fuchza
  • Sechzehn – Sachza
  • Siebzehn – Siebza
  • Achtzehn – Achza
  • Neunzehn – Nänza
  • Zwanzig – Zwanzich
  • Einundzwanzig – Eanazwanzich
  • Zweiundzwanzig – Zwejiazwanzich
  • Dreiundzwanzig – Dreijazwanzich
  • Vierundzwanzig – Vierazwanzich
  • Fünfundzwanzig – Fümfazwanzich
  • Sechsundzwanzig – Segsazwanzich
  • Siebenundzwanzig – Siemazwanzich
  • Achtundzwanzig – Achdazwanzich
  • Neunundzwanzig – Neunazwanzich
  • Dreißig – Dreißich

davon abweichend werden Uhrzeitangaben (vormittags wie nachmittags) wie folgt angegeben:

  • Ein Uhr – Easa
  • Zwei Uhr – Zweja
  • Drei Uhr- Dreija
  • Vier Uhr – Viera
  • Fünf Uhr – Fümfa
  • Sechs Uhr – Segsa
  • Sieben Uhr – Siema
  • Acht Uhr – Achda
  • Neun Uhr – Neuna
  • Zehn Uhr – Zeana
  • Elf Uhr – Elfa
  • Zwölf Uhr – Zwölfa

Beispiel: Es ist um ein Uhr. - Es is in Easa. (Wobei das i insoweit ‚verschluckt‘ wird, dass es nur teilweise hörbar ist.)

Wochentage in Sonneberger Mundart[Bearbeiten]

  • Montag – Maadich
  • Dienstag – Diensdich
  • Mittwoch – Middwoch
  • Donnerstag – Dunnerschdich
  • Freitag – Freidich
  • Samstag – Sunamd
  • Sonntag – Sundich

Variationen im Vergleich mit dem Oberfränkischen[Bearbeiten]

Das Itzgründische verfügt über eine Vielzahl örtlicher Variationen. So wird ein Mädchen in Haselbach „Mädle“, im benachbarten Steinach „Mädla“ und in Sonneberg „Meadla“ genannt. Noch deutlicher sind die Unterschiede zum Oberfränkischen, das auch in Heinersdorf im Landkreis Sonneberg gesprochen wird.

Hochdeutsch Itzgründisch Oberfränkisch
Mädchen Meadla (Mädla) Madla
Heinersdorf Heaneschdaff Haaneschdaff
zwei Zwetschgen zweji Gwadschge zwa Zwetschgä
Sperling Schperk Schbootz
angekommen akumma akumma
hinüber geholt nübe ghuald nübe ghold
hinunter nou, nunde nunde
Gras Grous Grous
Hase, Hasen Hous, Housn Hos, Hosn (Has, Hasn)
Nase, Nasen Nous, Nousn Nos, Nosn (Nas, Nasn)
Hose, Hosen Huas, Huasn Hos, Hosn
rot, Not, Brot ruad, Nuad, Bruad rod, Nod, Brod
eins; heiß eas (ääs); heas (hääs) ans (ääs); haas (hääs)
nicht niä (niät, net) net (niät)
Salzstreuer (auf dem Tisch) Soulznapfla (Salznäpfla) Salzbüchsle (Salznäpfle)
Tasse Kabbla Dässla
Kloß, Klöße Klueß, Klüeß Kloß, Klöß/Kließ
daheim deheam (dehämm), hämma daham
Gräten Graadn Gräidn
Ich kann dir helfen. Ich kaa de ghalf (gehelf). Ich kaa de (dich) helf.
Geh (komm) doch mal her. Gih amo haa. Geh amol hää.
ein breites Brett a breads Braad a braads Breed

Itzgründische Spezialwörter[Bearbeiten]

Eine Auswahl einiger Begriffe:

  • Ardöpfl, Arpfl (Erdapfel, Kartoffel)
  • Diener (verbreitet übliche, ganztägliche Grußformel, von „Ihr ergebenster Diener!“),
  • Glikeleskaas (Quark)
  • Stoal (Stall)
  • Stoudl (Scheune)
  • Sulln (Sohle, Schlampe)
  • Zahmet (Kartoffelbrei)
  • Zähbei (Zahnschmerzen)

Dialektatlas[Bearbeiten]

  • Thüringer Dialektatlas, Heft 27, 1969, Deutsche Akademie der Wissenschaften zu Berlin, Akademie-Verlag-Berlin

Der Dialektatlas zeigt die Verbreitung von Wortarten und die entsprechenden Lautverschiebungen.

Literatur[Bearbeiten]

  • August Schleicher: Volkstümliches aus Sonneberg im Meininger Oberlande – Lautlehre der Sonneberger Mundart. Böhlau, Weimar 1858.
  • Otto Felsberg: Die Koburger Mundart. Mitteilungen der Geographischen Gesellschaft für Thüringen: Band 6, Jena 1888, S. 127–160.
  • Karl Ehrlicher: Zur Syntax der Sonneberger Mundart. Gebrauch der Interjection, des Substantivs und des Adjectivs. Inaugural-Dissertation an der Hohen Philosophischen Fakultät der Universität Leipzig 1906
  • Alfred Förster: Phonetik und Vokalismus der ostfränkischen Mundart der Stad Neustadt (Sachsen-Coburg). Jena 1912 und Borna-Leipzig 1913 (Teildruck).
  • Wilhelm Niederlöhner: Untersuchungen zur Sprachgeographie des Coburger Landes auf Grund des Vokalismus. Erlangen 1937.
  • Eduard Hermann: Die Coburger Mundart. In: Adolf Siegel (Hrsg.): Coburger Heimatkunde und Heimatgeschichte. Teil 2, Heft 20 Coburg 1957.
  • Heinz Sperschneider: Studien zur Syntax der Mundarten im östlichen Thüringer Wald. Deutsche Dialektgeographie 54, Marburg 1959.
  • Emil Luthardt: Mundart und Volkstümliches aus Steinach, Thüringerwald, und dialektgeographische Untersuchungen im Landkreis Sonneberg, im Amtsbezirk Eisfeld, Landkreis Hildburghausen und in Scheibe, im Amtsgerichtsbezirk Oberweißbach, Landkreis Rudolstadt. Dissertation. Hamburg 1963.
  • Harry Karl: Das Heinersdorfer Idiotikon. Kronach 1988.
  • Horst Bechmann-Ziegler: Mundart-Wörterbuch unserer Heimat Neustadt b. Coburg. Neustadt bei Coburg 1991.
  • Horst Traut: Die Liederhandschrift des Johann Georg Steiner aus Sonneberg in der Überlieferung durch August Schleicher. Hain, Rudolstadt 1996, ISBN 3-930215-27-6.
  • Wolfgang Lösch: Zur Dialektsituation im Grenzsaum zwischen Südthüringen und Nordbayern. In: Dieter Stellmacher (Hrsg.): Dialektologie zwischen Tradition und Neuansätzen. ZDL-Beiheft 109, Stuttgart 2000, S. 156–165.
  • Karl-Heinz Großmann (Hrsg.): Thüringisch-Fränkischer Mundartsalat. Eigenverlag des AK Mundart Südthüringen e. V., Mengersgereuth-Hämmern 2004.
  • Karl-Heinz Großmann (Hrsg.): Punktlandung. Eigenverlag des AK Mundart Südthüringen e. V., Mengersgereuth-Hämmern 2007.
  • Karl-Heinz Großmann (Hrsg.): 30 un kä wengla leiser. Eigenverlag des AK Mundart Südthüringen e. V., Mengersgereuth-Hämmern 2009.

Weblinks[Bearbeiten]