Jules Dassin

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Jules Dassin, eigentlich Julius Dassin[1] (* 18. Dezember 1911 in Middletown, Connecticut; † 31. März 2008 in Athen) war ein US-amerikanischer Filmregisseur, Drehbuchautor, Produzent und Schauspieler. Nach ersten Erfolgen in Hollywood ging er während der McCarthy-Ära ins europäische Exil, wo er seine Karriere fortsetzte. Zu seinen bekanntesten Filmen zählen Rififi und Sonntags… nie!

Leben[Bearbeiten]

Jules Dassin war der Sohn von Samuel Dassin, einem russisch-jüdischen Immigranten, und Berthe Vogel.[2] Nach dem Umzug der Familie nach New York wuchs er mit sieben Geschwistern im Stadtteil Harlem auf.[1] Er schloss sich der politisch linken, jiddischen Theatergruppe „ARTEF“ (Arbeter Theatre Farband) an, in der er sich erst als Darsteller, später als Regisseur betätigte, und dem „Group Theater“.[3] In den 1930er Jahren wurde er Mitglied der Kommunistischen Partei der USA, aus der er 1939, enttäuscht über den Hitler-Stalin-Pakt, wieder austrat.[1] 1940 führte Dassin erstmals Regie am Broadway und schrieb Beiträge für Radiosendungen.[4]

1941 gab Dassin sein Debüt als Filmregisseur bei dem Filmstudio Metro-Goldwyn-Mayer. Nach seinem Zerwürfnis mit MGM-Chef Louis B. Mayer drehte er für den Produzenten Mark Hellinger und Universal Pictures die Film noirs Zelle R 17 und Stadt ohne Maske. Nach Hellingers frühzeitigem Tod wechselte Dassin zu 20th Century Fox und führte bei einem weiteren Film noir Regie, Gefahr in Frisco. Der beginnende McCarthyismus setzte seiner Karriere in den USA ein Ende. Bereits 1949 geriet Dassin wegen seiner politischen Vergangenheit ins Visier antikommunistischer Ermittlungen, weshalb Fox-Produktionschef Darryl F. Zanuck Dassin seinen nächsten Film, Die Ratte von Soho, in London drehen ließ.[1][5] Dassin konnte den Film nicht mehr selbst schneiden, weil ihm der Zutritt auf das Studiogelände in Hollywood verwehrt wurde. Der Regisseur gab die Schnittanweisungen per Telefon oder Memo weiter.[6] Beim Kinostart gingen die Kritiker mit Die Ratte von Soho hart ins Gericht, heute gilt er als eine von Dassins stärksten Arbeiten.

1951 denunzierten Elia Kazan und Edward Dmytryk Dassin vor dem Komitee für unamerikanische Umtriebe (HUAC).[1] Ohne Aussicht auf eine Beschäftigung im amerikanischen Filmgeschäft ging Dassin mit seiner Familie nach Europa. Auch dort konnte er erst nach fünf Jahren wieder einen Film drehen, da von amerikanischer Seite Druck auf die europäischen Produzenten ausgeübt wurde, die befürchten mussten, dass seine Filme in den USA nicht vertrieben würden.[3] 1955 übernahm er die Arbeit an seinem ersten europäischen Film nur aus Geldnot. Der in Frankreich gedrehte Gangsterfilm Rififi wurde ein großer Kritiker- und Publikumserfolg. Dassin schrieb nicht nur das Drehbuch und führte Regie, sondern spielte unter dem Pseudonym Perlo Vita auch eine der vier Hauptrollen, da der vorgesehene Schauspieler nicht zu den Dreharbeiten erschien. Für Rififi erhielt Dassin auf dem Filmfestival in Cannes 1955 den Preis für die beste Regie. Die berühmte, in der Vorlage nicht vorhandene Einbruchsszene wurde mehrfach in anderen Filmen zitiert, imitiert und parodiert, unter anderem von Dassin selbst in Topkapi.

1955 lernte er in Cannes die griechische Schauspielerin Melina Mercouri kennen.[7] Im folgenden Jahr spielte sie in seinem Film Der Mann, der sterben muss nach Nikos Kazantzakis’ Roman Griechische Passion (Ο Χριστός ξανασταυρώνεται). Mit Mercouri drehte Dassin auch die großen internationalen Erfolge Sonntags… nie! (1960) und Topkapi (1964).

Dassin und Mercouri heirateten im Jahr 1966. Nach dem Militärputsch und der Machtübernahme des Obristen-Regimes in Griechenland gingen beide ins Exil nach Paris.[1]

Dassins späteren Filmen war weder kommerzieller noch künstlerischer Erfolg beschieden. 1968 kehrte er für den Film Black Power in die USA zurück. Im selben Jahr arbeitete Dassin auch am Broadway und wurde als Regisseur und Drehbuchautor der Musicalversion von Sonntags… nie! für zwei Tony Awards nominiert.

Ab 1974, nach Ende der Militärdiktatur, lebten Dassin und Mercouri wieder in seiner Wahlheimat Griechenland. 1992 bekam er die Ehrenstaatsbürgerschaft verliehen. Nach dem Tod seiner Frau 1994 gründete er die „Melina-Mercouri-Stiftung“ und setzte sich für die Rückkehr des Parthenon-Frieses aus London nach Athen ein. Das von ihm mit initiierte neue Akropolismuseum wurde 2009 eröffnet.[8] Die Eröffnung erlebte Dassin nicht mehr: Er starb 96-jährig im Athener Hygeia-Krankenhaus.[9] Er wurde, seinem Wunsch entsprechend, in Athen neben dem Grab Melina Mercouris beigesetzt.

Familie[Bearbeiten]

Aus der ersten, 1962 geschiedenen Ehe mit der ungarischen Violinistin Béatrice Launer stammen der populäre französische Chanson-Sänger Joe Dassin (1938–1980) sowie die Töchter Richelle (* 1940) und Julie (* 1944).[8][9]

Filmografie[Bearbeiten]

  • 1941: The Tell-Tale Heart
  • 1942: Nazi Agent
  • 1942: The Affairs of Martha
  • 1942: Reunion in France
  • 1943: Young Ideas
  • 1944: Das Gespenst von Canterville
  • 1946: Two Smart People
  • 1946: A Letter for Evie
  • 1947: Zelle R 17 (Brute Force)
  • 1948: Stadt ohne Maske (The Naked City)
  • 1949: Gefahr in Frisco (Thieves’ Highway)
  • 1950: Die Ratte von Soho (Night and the City)
  • 1955: Rififi (Du rififi chez les hommes)
  • 1957: Der Mann, der sterben muss (Celui qui doit mourir)
  • 1959: Wo der heiße Wind weht (La legge)
  • 1960: Sonntags… nie! (Ποτέ Την Κυριακή)
  • 1962: Phaedra
  • 1964: Topkapi
  • 1966: Halb elf in einer Sommernacht (10:30 P.M. Summer)
  • 1968: Hamilchama al hashalom – Dokumentarfilm
  • 1968: Black Power (Up Tight!)
  • 1970: Versprechen in der Dämmerung (Promise at Dawn)
  • 1974: The Rehearsal
  • 1978: Traum einer Leidenschaft (Kravgi gynaikon)
  • 1980: Zwei Herzen voller Liebe (A Circle of Two)

Auszeichnungen (Auswahl)[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Norbert Grob, Bernd Kiefer: [Artikel] Jules Dassin. In: Thomas Koebner (Hrsg.): Filmregisseure. Biographien, Werkbeschreibungen, Filmographien. Mit 109 Abbildungen. Reclam, Stuttgart 2008 [3. aktualisierte und erweiterte Auflage, 1. Auflage 1999], ISBN 978-3-15-010662-4, S. 167–170.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d e f David Walsh: Jules Dassin, victim of the anti-communist witch-hunt, dies at 96, Artikel auf der World Socialist Web Site vom 3. April 2008, abgerufen am 18. Februar 2013.
  2. John Wakeman: World Film Directors: Volume One 1890 * 1945. The H.W. Wilson Company, New York 1987, S. 190.
  3. a b Geoff Mayer: Historical Dictionary of Crime Films. Scarecrow Press, 2012, S. 106–108.
  4. Richard Natale: [www.variety.com/article/VR1117983240/ Director Jules Dassin dies at 96. American expatriate helmed 'Rififi,' 'Naked City'], Artikel in Variety vom 31. März 2008, abgerufen am 18. Februar 2013.
  5. Andrew Spicer: Historical Dictionary of Film Noir. Scarecrow Press, Lanham (Maryland) 2010, S. 67.
  6. Zusatzmaterial auf der DVD-Veröffentlichung von Night and the City, Criterion Collection, USA 2005.
  7. Film director Jules Dassin dies, Artikel auf bbc.co.uk vom 1. April 2008, abgerufen am 18. Februar 2013.
  8. a b Angelike Contis: Greece loses adoptive son Jules Dassin, Artikel in Athens News vom 4. April 2008, abgerufen am 18. Februar 2013.
  9. a b Richard Severo: Jules Dassin, Filmmaker on Blacklist, Dies at 96, Artikel in der New York Times vom 1.  April 2008, abgerufen am 18. Februar 2013.