Ausgangsschrift

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Eine Ausgangsschrift ist ein Schriftmuster, das der optischen Orientierung für das Schreibenlernen in der Schule dient. Im Sinne eines Leit- oder Vorbildes unterstützt es bildhaft-anschaulich den anspruchsvollen Prozess der Entwicklung von Fähigkeiten und Fertigkeiten im handschriftlichen Schreiben. Ausgangsschriften werden als Alphabete (Großbuchstaben und Kleinbuchstaben) dargestellt, die im Allgemeinen durch Ziffern und Satzzeichen ergänzt werden. Für detaillierte Angaben zur Bewegungsausführung bzw. zur Gestaltung von einzelnen Buchstaben und deren Eingliederung in Wörter werden meist verschiedene Lernmaterialien wie Schreibübungsblätter oder entsprechende Hefte bereitgestellt. Im Einzelnen beinhaltet eine Ausgangsschrift Informationen über

  • den Charakter der Linie als formbildendes Element (z. B. Schnurzug, Wechselzug oder Schwellzug),
  • das Verhältnis von Strichstärke zu Schriftgröße,
  • die Gestaltung der charakteristischen Merkmale der einzelnen Buchstaben,
  • die Größen- und Breitenproportionen der Buchstaben bzw. ihrer Formelemente,
  • die Stellung ihrer Hauptachsen (Neigungswinkel),
  • die Verbindungen bzw. Ligaturen sowie
  • die Bewegungsausführung im Detail und im Ganzen (Duktus).

Ausgangsschriften haben darüber hinaus die Funktion, die gestalterische Abstimmung der einzelnen Aspekte untereinander zu veranschaulichen (z.B. Neigungswinkel, Größen- und Breitenproportionen, Bewegungsumkehr in Form von Winkeln, Bogen, Deckstrichen oder Schleifen, Buchstabenabstände und -verbindungen). Damit demonstrieren Ausgangsschriften beispielgebend ein bestimmtes Stilprinzip, das den Lernenden hilft, nicht nur den einzelnen Buchstaben eine unverwechselbare Gestalt zu geben, sondern im Schriftbild eine bestimmte visuelle Ordnung herzustellen. Eine solche Ordnung ist auf den Zusammenschluss der Teile zu einem gut überschaubaren Ganzen gerichtet und bildet eine wesentliche Voraussetzung für die Lesbarkeit der Schriftzüge. Ein Hilfsmittel in dem schwierigen Prozess des Ordnens sind Lineaturen. Dabei gibt es unterschiedliche Auffassungen zur Verwendung von Lineaturen beim Schreibenlernen.

Die Gestaltung von Ausgangsschriften stellt die Schnittstelle zwischen Schriftdesign und Didaktik des muttersprachlichen Unterrichts dar. Das grafomotorische Schreibenlernen ist Teilaspekt in dem sehr komplexen Prozess des Schriftspracherwerbs in der Grundschule. In der Geschichte der Schreiberziehung sind die Auffassungen von der Strukturierung des Aneignungsprozesses von Fähigkeiten und Fertigkeiten im handschriftlichen Schreiben einem starken Wandel unterworfen. Das wirkt sich auch auf die Formgebung der jeweiligen Ausgangsschriften aus. Ausgangsschriften sind in Deutschland in dem Lehrplan für den Deutschunterricht verankert. Dort finden sich auch Aussagen über den Umfang der Verbindlichkeit des jeweiligen Musters.

Entwicklung in Deutschland[Bearbeiten]

Historische Ausgangsschriften[Bearbeiten]

In Deutschland hatte sich nach der Karolingischen Minuskel (9.–12. Jahrhundert) eine Schriftform durchgesetzt, die an die gotische Kursive (ab dem 14. Jahrhundert) – eine im alltäglichen Gebrauch stehende Kursivform der Gotischen Schrift (ab dem 12. Jahrhundert) – anknüpfte. Diese Entwicklung führte der Nürnberger Schreibmeister Johann Neudörffer (1497–1563) fort, der auch maßgeblich an der Schöpfung der Fraktur beteiligt gewesen war. In seinem Schreibbuch „Eine gute Ordnung und kurze unterricht…“ (Nürnberg, 1538) schuf er eine Stileinheit der Buchstaben der deutschen Schreibschriften – genauer deutschen Kurrentschriften – die lange erhalten blieb. Mit Ausbreitung des Schulwesens seit dem 16. Jahrhundert wurde das Lesen und Schreiben Gemeingut immer breiterer Schichten.

Erstmals 1714 wurde in Preußen durch einen Erlass eine Normschrift eingeführt, deren spitze, nach rechts geneigte Formen sich auch in anderen deutschen Territorien einbürgerten und charakteristisch für die deutschen Kurrentschriften wurden.

Ludwig Sütterlin (1865–1917) änderte diesen typischen Duktus der deutschen Kurrentschrift. Er entwickelte – neben einer lateinischen – die Deutsche Sütterlinschrift, die nun senkrecht auf der Zeile stand und Kringel ausbildete und nicht mehr spitz gestaltet war. Diese Schrift wurde 1924 in preußischen Schulen und erst 1930 in den meisten anderen deutschen Ländern als Schulausgangsschrift verwendet. In Hessen entwickelte Rudolf Koch eine ausdrucksvolle Breitfederschrift, welche er 1927 vorstellte. Mit der Einführung von Sütterlins Schrift in Hessen 1930 blieb die „Offenbacher Schrift“ jedoch unbenutzt. Ebenso etablierte sich die in den 1930er Jahren von Maximilian Schlegl entwickelte Stäbchenschrift nicht. 1941 wurden per Normalschrifterlass im Auftrag von Adolf Hitler alle gebrochenen Schriften, darunter auch die „Deutsche Sütterlinschrift“, abgeschafft und die auf Grundlage der lateinischen Sütterlinschrift entwickelte Deutsche Normalschrift als Ausgangsschrift an den Schulen verwendet.

Moderne Ausgangsschriften[Bearbeiten]

Lateinische Ausgangsschrift, seit 1953
Schreibschrift-Vorlage der DDR von 1958
Schulausgangsschrift, in der DDR seit 1968
Mögliche Grundschrift als Ausgangsschrift in Hamburg ab 2011

Lateinische Ausgangsschrift[Bearbeiten]

Die Lateinische Ausgangsschrift (LA) wurde vom Iserlohner Schreibkreis aus der Deutschen Normalschrift entwickelt und am 4. November 1953 durch den Erlass der Kultusministerkonferenz verbindlich in allen Bundesländern der damaligen Bundesrepublik Deutschland als Schulausgangsschrift eingeführt (Ausnahme: In Bayern wurde die Lateinische Ausgangsschrift erst 1966 verbindlich eingeführt).

Schulausgangsschrift[Bearbeiten]

Im Zusammenhang mit der Einführung eines neuen Lehrplanwerks in den Schulen der DDR wurde u.a. auch die Schulausgangsschrift von 1958 verändert. Ausschlaggebend dafür waren sowohl didaktische als auch ästhetische Gründe. Um unmittelbar mit dem Erlernen der Schreibschrift beginnen zu können, wurden die Großbuchstaben vereinfacht. Der Bewegungsablauf in den Kleinbuchstaben wurde gestrafft. 1991 wurde die Schulausgangsschrift teilweise auch in den alten Bundesländern als SAS übernommen.

Vereinfachte Ausgangsschrift[Bearbeiten]

Der Versuch, Schwierigkeiten in der Anwendung der Lateinischen Ausgangsschrift zu beheben, führte 1969 in der Bundesrepublik zur Entwicklung der Vereinfachten Ausgangsschrift (VA) und Erprobung seit 1972.

Grundschrift[Bearbeiten]

Mit der Grundschrift wird zur Zeit von interessierten Schulen eine neue Schrift erprobt, welche im Auftrag des Grundschulverbands von einer Expertengruppe entwickelt wurde.

In den Bundesländern verwendete Ausgangsschriften[Bearbeiten]

Heute werden in Deutschland die Lateinische Ausgangsschrift, die Vereinfachte Ausgangsschrift, die Schulausgangsschrift und die Grundschrift verwendet. Dabei ist es Aufgabe der jeweiligen Bundesländer, Regeln zur Verwendung der Schriften zu erlassen, wobei entweder eine Schrift verbindlich vorgeschrieben wird (P) oder mehrere Schriften zur Auswahl stehen (W).

BW BY BE BB HB HH HE MV NI NW RP SL SN ST SH TH
Lateinische Ausgangsschrift W W W W W
Vereinfachte Ausgangsschrift W W W P W W W W W P P
Schulausgangsschrift W P W W W W P P
Grundschrift W W
Baden-Württemberg
Der baden-württembergische Lehrplan gestattet die Wahl zwischen Lateinischer Ausgangsschrift und Vereinfachter Ausgangsschrift zur Einführung der gebundenen Schrift (Schreibschrift) in der Grundschule. Dabei kann jede Schule sich für eine der beiden Schreibschriften entscheiden, diese ist dann für die ganze Schule verbindlich (Stand 2004). Sich daraus ergebende Probleme nach einem Schulwechsel versucht man oft zu lösen, indem man den betroffenen Schülern erlaubt, in der zuerst erlernten Schrift weiter zu arbeiten.
Bayern
In der Zeit 1948–1965 wurde an den bayerischen Grundschulen neben der Lateinischen Ausgangsschrift auch noch die Deutsche Kurrentschrift als „Kunstschrift“ gelehrt. Bei älteren Lehrkräften war das durchaus noch die übliche „Handschrift“. Mit dem Schuljahr 2001/02 trat ein stufenweise über vier Jahre aktualisierter Lehrplan in Kraft; danach war für alle Grundschulkinder nicht mehr die Lateinische Ausgangsschrift, sondern die Vereinfachte Ausgangsschrift verbindlich. Mit dem neuen Lehrplan Plus wird ab dem Schuljahr 2014/15 auch in Bayern die Wahlmöglichkeit seitens der Schule zwischen der Vereinfachten Ausgangsschrift und der Schulausgangsschrift bestehen.[1]
Hessen
An hessischen Grundschulen kann entweder die Vereinfachte Ausgangsschrift oder die Lateinische Ausgangsschrift gelehrt werden, wobei der Vereinfachten Ausgangsschrift der Vorrang eingeräumt wird, da sie „in ihrer Zweigliedrigkeit strukturell den Formen der Druckschrift ähnlich (ist) und (…) daher die günstigsten Voraussetzungen für die kontinuierliche Entwicklung einer persönlichen Handschrift (bietet). Als Orientierungshilfe auf dem Weg zur individuellen Handschrift ist ihr Vorrang einzuräumen.“[2]
Nordrhein-Westfalen
Ausgangsschrift für das Lesen und Schreiben ist in NRW die Druckschrift. Im Zuge der Verflüssigung des Schreibverlaufs und der individuellen Ausprägung der Schrift entwickeln die Schülerinnen und Schüler später aus der Druckschrift ihre persönliche Handschrift. Zur Orientierung kann wegen ihrer Nähe zur Druckschrift die Vereinfachte Ausgangsschrift herangezogen werden. Das passiert meist zum Ende des ersten oder zum Anfang des zweiten Grundschuljahres.
Bremen
An den öffentlichen Schulen des Landes Bremen gibt es keinerlei Vorgaben zur verwendeten Schreibschrift. Selbst Druckschrift darf geschrieben werden. Seitens des Lehrplans wird nur verlangt, dass die Schrift für den Lehrer leserlich ist.
Hamburg
Die Schulausgangsschrift ist verbindliche Erstschreibschrift.[3] Mit dem Schuljahr 2011/2012 wird es den einzelnen Grundschulen freigestellt, die Schulausgangsschrift durch die vom Grundschulverband empfohlene Grundschrift zu ersetzen.[4]
Berlin, Sachsen, Saarland
Die Schulausgangsschrift ist verbindliche Erstschreibschrift.[3]
Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern
Es kann zwischen der Schulausgangsschrift und der Vereinfachten Ausgangsschrift gewählt werden.[3]
Thüringen
Im Grundschullehrplan Thüringens ist seit 2010 nur noch das Erlernen einer Druckschrift vorgeschrieben. Das Lehren einer Ausgangsschrift liegt im Ermessen des Lehrers.[5]

Entwicklung in Österreich[Bearbeiten]

Österreichische Schulschrift 1969–1995
Österreichische Schulschrift seit 1995

Die älteste gesamtösterreichische Schulschrift geht auf das Jahr 1775 zurück und wurde von Johann Ignaz Felbiger („Anleitung zum Schönschreiben (...) zum Gebrauch der deutschen Schulen in den k.k. Staaten“, Wien 1775) unter Kaiserin Maria Theresia veranlasst. Die nächste Vereinheitlichung datiert aus dem Jahre 1832. Allerdings hat sich kaum jemand an diese Vorschriften gehalten, Lehrer haben ihre eigenen Vorlagen entworfen, zum Teil sogar innerhalb einer Schule.

Durch den Stadtschulrat für Wien wurden die „Richtformen 1924“ als verbindlich erklärt, während die anderen Bundesländer vorher und auch danach zum Teil eigene Schulschriften verwendeten.[6]

Bis zum Schuljahr 1938/39 wurde in Österreich die als Amts- und Protokollschrift etablierte Kurrentschrift (und nicht die in Deutschland gebräuchliche Sütterlinschrift) als Erstschrift in der Volksschule unterrichtet und gelehrt. Die Schulbücher waren in Fraktur- und Kurrentschrift gesetzt.

Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung in Österreich wurden im Normalschrifterlass des deutschen Reichsministers für Unterricht, Kunst und Erziehung vom 1. September 1941 diese Schriften als „Schwabacher Judenlettern“ in den Schulen verboten und als deutsche Normalschrift die Lateinschrift deklariert. Zwar wurde mit Erlass des Bundesministeriums für Unterricht vom 22. Mai 1951 die Kurrentschrift als Zweitschrift in Form des Schönschreibens wieder eingeführt, jedoch wurde dies nur mehr selten praktiziert.

Erst mit der „Schulschrift 1948“ wurde wieder eine Vereinheitlichung für das gesamte österreichische Bundesgebiet erreicht. Diese lateinische Druck- und Schreibschrift wird bis heute in leicht veränderter Form (1969 und 1995) angewendet.

Seit dem Schuljahr 1995/96 haben die Lehrerinnen und Lehrer freie Wahl: Es kann beim Schreiblehrgang die „Österreichische Schulschrift 1995“ oder die „Österreichische Schulschrift 1969“ als Ausgangsschrift verwendet werden.[7]

Entwicklung in der Schweiz[Bearbeiten]

Schweizer Schulschrift

Die aktuell gelehrte Schweizer Schulschrift wurde 1947 eingeführt. 2006 wurde von Hans Eduard Meier die schnörkellose Basisschrift entwickelt und als zeitgemäße Alternative vorgeschlagen. Im Kanton Luzern ist die Basisschrift als Alternative zur „Schnürlischrift“ (ugs. für die Schweizer Schulschrift) seit 2006 zugelassen. Weitere Kantone warten ab oder diskutieren noch den Einsatz der Schrift. 2008 ergab eine Studie der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz, dass Schüler, die mit der Basisschrift schreiben gelernt hatten, in derselben Zeit mehr Text schreiben konnten, als jene, die die Schulschrift gelernt hatten. Zudem war das Schriftbild leserlicher und die Schüler stimmen der Aussage „Ich schreibe gerne“ häufiger zu.[8]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Erik Blumenthal: Schulschriften der verschiedenen Länder. Bern/Stuttgart 1957.
  • Kurt Warwel: Schulausgangsschriften in deutschsprachigen Ländern. In: Spektrum der Wissenschaft 7, 1986.
  • Mechthild Dehn: Die Kursiv als Ausgangsschrift. Ein Anstoß für Diskussion und Erprobung. In: Die Grundschulzeitschrift 69,1993, S. 30, 35 u. 36.
  • Wilhelm Topsch: Das Ende einer Legende. Die vereinfachte Ausgangsschrift auf dem Prüfstand. Analyse empirischer Arbeiten zur vereinfachten Ausgangsschrift. Auer Verlag. Donauwörth 1996, ISBN 3-403-02855-0.
  • Elisabeth Neuhaus-Siemon: Aspekte und Probleme des Schreibunterrichts. In: Hartmut Günther, Otto Ludwig (Hrsg.): Schrift und Schriftlichkeit. Ein interdisziplinäres Handbuch internationaler Forschung. 2. Halbband, Berlin / New York 1996, ISBN 978-3-11-019413-5.
  • Gabriele Faust-Siehl, Ariane Garlichs u. a.: Ausgangsschrift. In: Die Zukunft beginnt in der Grundschule. Arbeitskreis Grundschule. Rowohlt Taschenbuchverlag, Reinbek bei Hamburg 1996, ISBN 978-3-499-60156-9.
  • Wilhelm Topsch: Anfangsschriften. In: Grundkompetenz Schriftspracherwerb. Methoden und handlungsorientierte Praxisanregungen. 2. überarbeitete und erweiterte Auflage. Beltz, Weinheim u. a. 2005, ISBN 3-407-25368-0.
  • Jürgen Hasert: Schulschriften. In: Didaktik der deutschen Sprache, Bd. 1. Schöningh, Paderborn 2006, ISBN 978-3-8252-8235-6.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Ausgangsschrift – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. LehrplanPLUS Grundschule, Lehrplan für die bayerische Grundschule [1], S. 48, 158 u. 321.
  2. Hessisches Kultusministerium, Rahmenplan Grundschule, 1995, abrufbar unter http://www.kultusministerium.hessen.de/
  3. a b c Grundschulverband (PDF; 680 kB)
  4. Hamburger Bildungsplan Grundschule Deutsch, S. 14. (PDF; 637 kB)
  5. Thüringer Grundschullehrplan von 2010
  6. Ausstellungsdokumentation Schulmuseum Klagenfurt von Brigitte Strasser
  7. Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur GZ 38.554/32-I/1/94
  8. tagesanzeiger.ch: Schreibt die Schnürlischrift ihr letztes Kapitel? Zugriff am 30. April 2011