Harald Martenstein

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Harald Martenstein bei einer Lesung im Leipziger Hauptbahnhof 2008

Harald Martenstein (* 9. September 1953 in Mainz) ist ein deutscher Journalist und Autor.

Werdegang[Bearbeiten]

Martenstein arbeitete nach dem Abitur am Rabanus-Maurus-Gymnasium in Mainz einige Monate in einem Kibbuz in Israel[1] und studierte dann Geschichte und Romanistik an der Universität Freiburg. In den 70er Jahren war er für einige Zeit Mitglied der DKP.[2] Von 1981 bis 1988 war er Redakteur bei der Stuttgarter Zeitung und von 1988 bis 1997 Redakteur beim Tagesspiegel in Berlin. Dann übernahm Martenstein für kurze Zeit die Leitung der Kulturredaktion bei der Abendzeitung in München, kehrte jedoch wenig später als leitender Redakteur zum Tagesspiegel zurück. Seit 2002 schreibt er eine Kolumne für die ebenfalls zur Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck gehörende Die Zeit, zunächst unter dem Titel Lebenszeichen und seit dem 24. Mai 2007 im Rahmen des ZEIT-Magazin LEBEN unter Harald Martenstein. In überarbeiteter Form erschien eine Auswahl dieser satirischen Causerien erstmals 2004 in dem Sammelband Vom Leben gezeichnet. Einige Jahre war Martenstein zudem mit Kolumnen in der GEO kompakt vertreten. Martenstein schreibt derzeit für jede Sonntagsausgabe des Tagesspiegels eine Kolumne, darüber hinaus auch regelmäßig Glossen zu den Berliner Filmfestspielen und vereinzelt auch größere Reportagen und Essays.

2004 erhielt er den Egon-Erwin-Kisch-Preis für einen Text über die Erb- und Führungsstreitigkeiten im Frankfurter Suhrkamp Verlag. Dieser wurde mangels Kooperationswillens der Verlagschefin auch eine Reportage über investigativen Kultur-Journalismus. Im Februar 2007 erschien Martensteins Roman Heimweg, in dem er eine deutsche Familienchronik der Nachkriegszeit schildert und für den er im selben Jahr mit dem Corine-Debütpreis ausgezeichnet wurde. Außerdem erscheinen regelmäßig Bände mit gesammelten ZEIT-Kolumnen.

Der zweite Roman Gefühlte Nähe hat, in formaler Anlehnung an den „Reigen“, die erfolglose Partnersuche einer jungen Frau zum Thema. Jedes Kapitel ist aus dem Blickwinkel eines anderen ihrer 23 Liebhaber verfasst.

Harald Martenstein auf dem Blauen Sofa der Frankfurter Buchmesse 2010

Anfang 2007 bis Ende 2008 war auf watchberlin.de alle zwei Wochen eine Video-Kolumne mit dem Titel Martenstein! zu sehen. Im Gegensatz zu seinen ZEIT-Kolumnen bezogen sich die Themen dieser in Martensteins Kreuzberger Küche aufgezeichneten Beiträge oft speziell auf Politik und Kultur in Berlin. Gemeinsam mit dem Kolumnisten Rainer Erlinger (Süddeutsche Zeitung) trat Martenstein 2008 und 2009 regelmäßig im Berliner Deutschen Theater auf. In ihrer Moral-Show diskutieren Martenstein und Erlinger moralische Alltagsfragen und stellen sie dem Publikum zur Abstimmung. Journalistisches Handwerk, vor allem zur Textsorte Kolumne, vermittelt Martenstein seit 2006 regelmäßig an der Bundesakademie für kulturelle Bildung Wolfenbüttel und an der Henri-Nannen-Schule in Hamburg.

Seit Herbst 2007 hat Harald Martenstein auf radioeins eine eigene Radiokolumne. Der NDR schloss sich 2013 an. Dieter Nuhr lud ihn im September 2014 zu einem Auftritt in der ARD-Kabarettsendung Nuhr im Ersten ein.

Kritik[Bearbeiten]

Martenstein wurde wiederholt vorgeworfen, bewusst feministische und antirassistische Positionen in Büchern und Kolumnen verächtlich zu machen.

Heiko Werning analysierte in der taz, so unterschiedlich solche Diskussionen im Detail auch seien, „immer gleich sind die Reaktionen des prototypischen deutschen, weißen Mannes“. Diskriminierung sei für Martenstein und andere „immer erst dann gegeben, wenn jemand direkt zu Schaden kommt oder ganz explizit beschimpft wird. Wobei allerdings, ein wesentlicher Punkt, von den Martensteins zu definieren ist, was eine Beschimpfung eigentlich ist“.[3] Stefan Niggemeier urteilte, Martenstein stehe „stellvertretend für die sich für schweigend haltende Mehrheit weißer, heterosexueller, alter Männer, die die Welt nicht mehr verstehen“; er schreibe daher gegen den „Machtverlust an und benutzt dabei regelmäßig die stärkste stumpfe Waffe, die ihm zur Verfügung steht: Ignoranz.“[4] Robin Detje machte unter anderem Martenstein und seine Verächtlichmachung von Minderheitenpositionen für Drohungen gegen deren Vertreter verantwortlich. So übersetzten „echte Männer [...] für sich den Geist, der sie aus den Glossen von #Ulfharaldjanmatthias anweht, in Facebook- und Internet-Kommentare voller Morddrohungen und Vergewaltigungsphantasien“.[5]

Christopher Schmidt rezensierte für die Süddeutsche Zeitung Martensteins Roman Gefühlte Nähe und urteilte, dieser sei der „weinerliche Revanchismus einer verhausschweinten Männlichkeit“ und nichts anderes als „ein Revanchefoul im Geschlechterkampf“. Schmidt sieht darin ein Beispiel für „neue Männerliteratur, die sich billiges revanchistisches Samenstaugewinsel auf die Fahne geschrieben hat und das für originell hält“ und nannte Martenstein „eine Art Mario Barth für Zeit-Leser“.[6] Uwe Beck bezeichnete Martenstein auf literaturkritik.de als den „Franz Josef Wagner für Bildungsbürger, der Ressentiments und Banalitäten in Kolumnen schreibt, für den gleichen Mist aber deutlich mehr Wörter braucht“. Mit Gefühlte Nähe bediene er nun auch das Genre der „Männerliteratur“.[7]

Privates[Bearbeiten]

Martenstein lebt in Gerswalde (Uckermark) und in Berlin. 2014 wurde Martenstein zum zweiten Mal Vater.[8]

Preise und Auszeichnungen[Bearbeiten]

Werke (Auswahl)[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Philipp Peyman Engel: »Schwer tsu saijn a Jid zum Schein« In: Jüdische Allgemeine, 28. Mai 2013.
  2. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatSag mir, wo du stehst. In: tagesspiegel.de. undatiert, abgerufen am 9. Dezember 2014.
  3. Drei unterschiedliche Debatten, immer derselbe Harald Martenstein. taz, 9. Februar 2013
  4. Stefan Niggemeier: Harald Martenstein sieht sich als Opfer der Opfer. http://www.stefan-niggemeier.de, 19. März 2013
  5. Robin Detje: Anschwellender Ekelfaktor, Zeit, 24. November 2014
  6. Samenstaugewinsel. Süddeutsche Zeitung, 20. Oktober 2010
  7. Literatur für „Zeit“-Leser. Literaturkritik, Nr. 4, April 2011
  8. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatHarald Martenstein: Über Sinn und Sinnlosigkeit des Kinderkriegens. In: zeit.de. 7. November 2014, abgerufen am 9. Dezember 2014.
  9. [Medium Magazin 1+2/2005, S.32], online (abgerufen am 24. Oktober 2014)