Michael Mantler

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Michael Mantler (* 10. August 1943 in Wien) ist ein Komponist und Trompeter im Bereich des Jazz und der zeitgenössischen Neuen Musik.

Biographie[Bearbeiten]

Mantler wuchs in St. Pölten auf und studierte Trompete an der Wiener Musikakademie und Musikwissenschaft an der Universität Wien. 1962 ging er in die USA, um dort am Berklee College of Music seine Studien fortzusetzen. Er war mit der New Yorker Avantgarde, u. a. mit Cecil Taylor und der Jazz Composers Guild verbunden; er war Mitgründer des Jazz Composer’s Orchestra und gründete 1968 die Jazz Composer’s Orchestra Association (JCOA), eine Vereinigung mit dem Ziel, neue Kompositionen für Jazz-Orchester zu beauftragen, zu präsentieren und auf Platten zu veröffentlichen.

Die Suche nach neuen künstlerischen Ausdrucksformen verknüpfte Mantler mit Bemühungen, bessere Arbeitsbedingungen für die Musiker zu schaffen: Vertriebsprobleme der JCOA-Platten brachten ihn dazu, 1972 das New Music Distribution Service zu etablieren, eine Vertriebsfirma, die viele unabhängige Plattenlabels während der nächsten 20 Jahre unterstützte. 1974 gründete er mit seiner damaligen Frau Carla Bley WATT, zu der ein Plattenlabel, Tonstudio und Musikverlag gehörten.

Mantler war Mitglied des Liberation Music Orchestra. Mit der Carla Bley Band und auch mit eigenen Gruppen folgten weltweite Tourneen und zahlreiche Plattenaufnahmen. Seit 1973 nahm er eigene Alben mit verschiedensten Besetzungen auf, wobei er häufig Jazz mit Elementen zeitgenössischer Kammermusik verband, u.a. ein Album mit den Streichern des London Symphony Orchesters plus Solisten (Something There). Mantler hat sich frühzeitig mit der Synthese von Sprache und Musik beschäftigt, wie mehrere Aufnahmen von Liedern mit Texten von Lyrikern wie Samuel Beckett (No Answer), Harold Pinter (Silence) und Edward Gorey (The Hapless Child) belegen.

Auftragsarbeiten und Aufführungen von und mit Europäischen Orchestern folgten: Konzerte beim Nord- und Westdeutschen Rundfunk, bei der Oper in Lille sowie beim Schwedischen und Dänischen Rundfunk. 1987 erschien Many Have No Speech, ein Album mit Liedern auf Englisch, Deutsch und Französisch, das auf Texten von Samuel Beckett, Ernst Meister und Philippe Soupault basiert, geschrieben für Orchester, Trompete, Gitarre und mit stimmlicher Beteiligung von Jack Bruce, Marianne Faithfull und Robert Wyatt. 1991 kehrte er nach Europa zurück, um in Dänemark und Frankreich zu leben und arbeiten. Zunehmend entwickelte er eine eigenständige, außerhalb der üblichen Jazz-Aufführungspraxis stehende Klangästhetik.

Das Donaufestival beauftragte eine Komposition für Orchester, die ihre Premiere im Juni 1991 hatte mit dem Niederösterreichischen Tonkünstlerorchester, dirigiert von Michael Gibbs, mit Andy Sheppard als Solist. Mit dem neuen Werk wurde außerdem eine Retrospektive seiner vergangenen Arbeit präsentiert. Weitere Auftragsarbeiten wurden von der Dänischen Radio Big Band und der Big Band des Norddeutschen Rundfunks in Hamburg angefordert. 1992 nahm Mantler ein neues Album (Folly Seeing All This) mit dem Alexander Bălănescu und dessen Balanescu Quartet und anderen Solisten für ECM-Records auf, das neue instrumentale Kompositionen und eine von Jack Bruce gesungene Vertonung von Samuel Becketts letztem Gedicht, What Is The Word, enthält. 1993 gründete er das Ensemble Chamber Music and Songs, dessen Instrumentation sich aus Solo Stimme, Piano/Synthesizer, Gitarre, einem Streichquartett und Mantler's Trompete zusammensetzte. Die Premiere fand im September in Kopenhagen statt, mit anschließenden Studioaufnahmen beim Dänischen Rundfunk.

Cerco Un Paese Innocente („Ich suche ein unschuldiges Land“), eine 70-minütige „Lieder Suite für Stimme, Untypische Big Band und Kammer Ensemble“, auf Texte des Italienischen Dichters Giuseppe Ungaretti, wurde beim Dänischen Rundfunk im Januar 1994 mit der Sängerin Mona Larsen als Solistin, plus Mantlers Ensemble und der Dänischen Radio Big Band uraufgeführt.

1995/96 war der Arbeit an seinem multi-media Musiktheaterwerk The School of Languages („Die Schule der Sprachen“) gewidmet. Die Premiere, inszeniert von Rolf Heim, fand im August 1996 im Arken Museum of Modern Art im Rahmen des Programmes der Europäischen Kulturstadt Kopenhagen 1996 statt. Die Studioaufnahme des Werkes wurde als Doppel Compact Disc im Oktober 1997 von ECM unter dem neuen Titel The School of Understanding („Die Schule des Verstehens“) veröffentlicht. Weitere drei Aufführungen fanden im November 1997 im Hebbel-Theater in Berlin statt.

One Symphony, eine Auftragsarbeit des Hessischen Rundfunks, wurde im November 1998 beim Forum Neue Musik vom Radio-Sinfonie-Orchester Frankfurt unter der Leitung von Peter Rundel uraufgeführt. Das Werk wurde von ECM im Februar 2000, zusammen mit den bisher unveröffentlichten Songs (mit dem Chamber Music and Songs Ensemble und Mona Larsen, Lieder mit Texten von Ernst Meister interpretierend) veröffentlicht.

Hide and Seek, ein Album mit Liedern nach Texten von Paul Auster, für Kammerorchester und zwei Sänger (Robert Wyatt und Susi Hyldgaard), wurde im März 2001 veröffentlicht. Multi-Media Musiktheater Produktionen, inszeniert von Rolf Heim, fanden in Kopenhagen (Kanonhallen, Februar 2002) und Berlin (Hebbel-Theater, März 2002) statt. im März 2005 wurde sein Marimba/Vibraphone Concerto (ursprünglich von dem Portugiesischen Perkussionisten Pedro Carneiro beauftragt) im Hessischen Rundfunk vom Radio-Sinfonie-Orchester Frankfurt unter der Leitung von Pascal Rophé uraufgeführt.

Eine Serie von Portrait-Konzerten präsentierte Mantler mit seinem Chamber Music and Songs Ensemble in Wien im September 2006. Im November 2007 präsentierte Mantler sein Concertos-Projekt im Rahmen des JazzFest Berlin mit dem Kammerensemble Neue Musik Berlin unter der Leitung von Roland Kluttig. Studioaufnahmen der Concertos mit den Solisten Bjarne Roupé (Gitarre), Bob Rockwell (Tenorsaxophon), Roswell Rudd (Posaune), Pedro Carneiro (Marimba und Vibraphon), Majella Stockhausen (Piano), Nick Mason (Schlagzeug) und Mantler selbst (Trompete) erschienen im November 2008.

Eine neue CD For Two mit Duets für Gitarre (Bjarne Roupé) und Piano (Per Salo) erschien bei ECM im Juni 2011.

Er ist der Vater der Sängerin und Organistin Karen Mantler.

Preise und Auszeichnungen[Bearbeiten]

Mantler erhielt Kompositionsstipendien vom Creative Artists Program Service, dem National Endowment for the Arts, und ein Stipendium von der Ford Foundation für die Einspielung eines Werkes für Doppelorchester (Thirteen). Kompositionsförderungen erhielt er weiterhin vom dänischen Kulturministerium, sowohl als auch vom Österreichischen Bundesministerium für Kunst und Unterricht. Im Dezember 2004 wurde Mantler der von der Republik Österreich gestiftete Staatspreis für improvisierte Musik verliehen, im Mai 2005 der Jakob Prandtauer-Preis für Wissenschaft und Kunst der Stadt St. Pölten, und im November 2007 der Preis der Stadt Wien für Musik.

Diskographie[Bearbeiten]

als Komponist oder Leader[Bearbeiten]

  • 1966: Communication (Fontana) — Jazz Composer's Orchestra
  • 1966: Jazz Realities (Fontana) — mit Steve Lacy, Carla Bley
  • 1968: The Jazz Composer's Orchestra (JCOA/ECM) — mit u.a. Cecil Taylor, Don Cherry, Pharoah Sanders, Larry Coryell, Roswell Rudd, Gato Barbieri, Carla Bley
  • 1974: No Answer (Watt/ECM) — mit Don Cherry, Jack Bruce, Carla Bley; Texte von Samuel Beckett
  • 1975: 13 (Watt/ECM) — for two orchestras and piano
  • 1976: The Hapless Child (Watt/ECM) — mit Robert Wyatt, Terje Rypdal, Carla Bley, Steve Swallow, Jack DeJohnette; Texte von Edward Gorey
  • 1977: Silence (Watt/ECM) — mit Carla Bley, Robert Wyatt, Kevin Coyne, Chris Spedding; Texte von Harold Pinter
  • 1978: Movies (Watt/ECM) — mit Carla Bley, Larry Coryell, Steve Swallow, Tony Williams
  • 1980: More Movies (Watt/ECM) — mit Carla Bley, Philip Catherine, Steve Swallow, Gary Windo, D Sharpe
  • 1983: Something There (Watt/ECM) — mit Nick Mason, Mike Stern, Mike Gibbs, The London Symphony Orchestra strings
  • 1985: Alien (Watt/ECM) — mit Don Preston
  • 1987: Live (Watt/ECM) — mit Jack Bruce, Rick Fenn, Don Preston, Nick Mason
  • 1988: Many Have No Speech (Watt/ECM) — mit Jack Bruce, Marianne Faithfull, Robert Wyatt, Rick Fenn, Danish Radio Concert Orchestra; Texte von Samuel Beckett, Ernst Meister, Philippe Soupault
  • 1990: The Watt Works Family Album (WATT/ECM) — Sampler
  • 1993: Folly Seeing All This (ECM) — mit dem Balanescu String Quartet, Rick Fenn, Jack Bruce; Texte von Samuel Beckett
  • 1995: Cerco Un Paese Innocente (ECM) — mit Mona Larsen, Kammer Ensemble, und der Danish Radio Big Band; Texte von Giuseppe Ungaretti
  • 1997: The School of Understanding (opera) (ECM) — mit Jack Bruce, Mona Larsen, Susi Hyldgaard, John Greaves, Don Preston, Karen Mantler, Per Jørgensen, Robert Wyatt, Kammer Ensemble, Danish Radio Concert Orchestra Strings, dirigiert von Giordano Bellincampi; Texte von Michael Mantler
  • 2000: Songs and One Symphony (ECM) — mit Mona Larsen, Kammer Ensemble, Radio Symphony Orchestra Frankfurt, dirigiert von Peter Rundel; Texte von Ernst Meister
  • 2001: Hide and Seek (ECM) — mit Robert Wyatt, Susi Hyldgaard, Kammer Ensemble; Texte von Paul Auster
  • 2006: Review (ECM) — recordings 1968–2000
  • 2008: Concertos (ECM) — mit Michael Mantler, Bjarne Roupé, Bob Rockwell, Roswell Rudd, Pedro Carneiro, Majella Stockhausen, Nick Mason, Kammerensemble Neue Musik Berlin, dirigiert von Roland Kluttig.
  • 2011: For Two (ECM) — mit Bjarne Roupé und Per Salo

mit Carla Bley[Bearbeiten]

  • 1972: Escalator over the Hill (JCOA/ECM)
  • 1974: Tropic Appetites (Watt/ECM)
  • 1977: Dinner Music (Watt/ECM)
  • 1978: European Tour 1977 (Watt/ECM)
  • 1979: Musique Mecanique (Watt/ECM)
  • 1981: Social Studies (Watt/ECM)
  • 1981: Amarcord Nino Rota (Hannibal) — verschiedene Künstler
  • 1982: Live! (Watt/ECM)
  • 1983: Mortelle Randonnée (Polygram) — Filmmusik für gleichnamigen Claude Miller Film
  • 1984: I Hate to Sing (Watt/ECM)
  • 1984: Heavy Heart (Watt/ECM)
  • 1984: That's the Way I Feel Now (A&M) — verschiedene Künstler

mit anderen[Bearbeiten]

Lexigraphische Einträge[Bearbeiten]

  • C. Bohländer: Reclams Jazzführer. Stuttgart 1989.
  • I. Carr u.a.: Jazz Rough Guide. Stuttgart 1999.
  • W. Kampmann: Reclams Jazzlexikon. Stuttgart 2003.

Weblinks[Bearbeiten]