Moers Festival

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1978 fand das Internationale New Jazz Festival Moers noch unter freiem Himmel statt. David Friedman am Vibraphon.

Das Moers Festival (Eigenschreibweise seit 2006 mœrs festival) ist ein internationales Musikfestival in Moers am Niederrhein (Nordrhein-Westfalen). Gegründet 1972, zunächst mit zwei, ein Jahr später mit drei Festivaltagen, fand es von 1974 bis 2010 jährlich an vier Tagen zu Pfingsten statt und wurde wegen städtischer Sparmaßnahmen ab 2011 auf drei Tage gekürzt. Ab 2014 findet das Festival in der neuen Festivalhalle Moers und wieder auf vier Tage verteilt statt.

Geschichte[Bearbeiten]

Internationales New Jazz Festival Moers (1972–2005)[Bearbeiten]

Festivalzelt, 2004
Ned Rothenberg Sextett, 2004
Moers Festival, 2010

Burkhard Hennen organisierte 1972 als künstlerischer Leiter das Internationale New Jazz Festival Moers mit Unterstützung von Kulturvertretern der Stadt Moers. Das Free-Jazz-Festival etablierte sich schnell in der nationalen und internationalen Szene der freien Jazzmusik.

In den ersten Jahren war der Schlosshof des Moerser Schlosses der Spielort für die Künstler. Dann verlagerte man 1975 das Festival in den nahe gelegenen Freizeitpark, da die Konzerte immer mehr Besucher anzogen. Nach einigen Jahren unter freiem Himmel mit vielen Regengüssen wurde das Jazzfestival von 1983 bis 1986 in die Moerser Eissporthalle verlegt; von 1987 bis 2013 fand das Festival im größten Zirkuszelt Europas wieder im Moerser Freizeitpark statt. Hennen erweiterte 1979 das Festival an den Vormittagen mit „Projekten“, bei denen Musiker verschiedener Gruppen zusammen improvisierten.

Ab 1979 zeichnete das WDR-Fernsehen das Festival regelmäßig auf und erweiterte später die Zusammenarbeit mit Radioübertragungen und -aufzeichnungen in den Sendern WDR 3 und WDR 5. Im Jahr 2002 drängte die Programmdirektion des WDR auf ein Mitspracherecht bei der Programmgestaltung. Da der WDR sich schon zuvor zunehmend aus der Fernsehaufzeichnung zurückgezogen hatte und die morgendlichen Improvisations-Projekte für „nicht sendefähig“ hielt, war für Hennen das Maß voll und er kündigte den Vertrag mit dem Sender auf.[1] Der öffentlich-rechtliche Radiosender NPS der nahe gelegenen Niederlande überträgt seit 2001 Live-Konzerte.[2]

1985 führte Hennen eine weitere Reihe in das Festival ein, die African Dance Night, die sich nicht nur einem neuen Musikspektrum öffnete, sondern auch zu einem attraktiven Angebot für Nicht-Jazzfans aus der Region wurde. Afrikanische Superstars wie Mori Kante, Salif Keïta, Cheb Mami oder Youssou N’Dour traten auf und brachten das Publikum zum Tanzen. Diese Veranstaltung wurde in der Moerser Eissporthalle durchgeführt, zuletzt im Jahre 2005.[3]

Im Laufe der Zeit erweiterte sich der Musikcharakter des Festivals vom reinen, freien Jazz über Weltmusik bis hin zu den Grenzgängern populärer Musik heute wie Soul, Funk, Hiphop. Das Verständnis der Festivalmacher von Freier Musik entwickelte und differenzierte sich beständig, experimentelle und improvisierte Musik entdeckten und präsentierten sie zunehmend auch in den Musikstilen anderer Ethnien: „das jazz-typische Phänomen der Improvisation [wird] seit Jahrhunderten auch in anderen Musik-Kulturen ... gepflegt“.[4] Einige Musikkritiker sahen darin eine Auflösung des Jazz, andere begrüßten diese Entwicklung. Die Liste der hochkarätigen Musiker, die im Laufe der Jahre auf dem Festival aufgetreten sind, ist lang. Unter anderem spielten Cecil Taylor, Lester Bowie, Anthony Braxton, Peter Brötzmann, John Carter, Archie Shepp, Sun Ra, Art Ensemble of Chicago, Mars Williams, Shibusa Shirazu, Jamaaladeen Tacuma, Ornette Coleman, um nur einige Musiker zu nennen.

mœrs festival (2006–2013)[Bearbeiten]

Nach 34 Jahren gab Burkhard Hennen im Jahr 2005 die künstlerische Leitung des Festivals auf wegen weiterer Querelen mit der Moerser Stadtverwaltung.[5] Als neuer künstlerischer Leiter wurde Reiner Michalke durch die neu gegründete „Festival Moers Kultur GmbH“ eingesetzt. Seit 2006 trägt es die Wortmarke mœrs festival. Mit dem Wechsel des Veranstalters wurde ab 2006 die eintägige African Dance Night durch nächtliche Projekte rund um das Festivalgelände und in der Innenstadt abgelöst.

Der knappe Finanzetat der Stadt wurde im Mai 2010 zum Anlass genommen, erneut alle Bestandteile des Festivals radikal in Zweifel zu ziehen. So wurde erwogen, ab 2011 alle Camper an der Finanzierung zu beteiligen oder den Pfingstmontag zu streichen.[6] Aufsichtsratsmitglieder der 2005 gegründeten Festival Moers Kultur GmbH wollen auch den neuen künstlerischen Leiter Reiner Michalke ablösen: „Teile der politischen Elite von Moers hoffen auf eine Abschaffung des Festivals".[7] Im Sommer 2010 beschloss der Moerser Stadtrat eine Streichung des Pfingstmontages als Veranstaltungstag.[8] Zusätzlich wurde seit 2011 eine Gebühr für die Übernachtung im Zelt von den Besuchern verlangt, die keine gültige Eintrittskarte für das Konzertzelt vorweisen konnten.[9]

Geschuldet durch die Finanzlage der Stadt Moers rollt auf die Kulturschaffenden eine weitere Sparwelle heran: „Große Kulturveranstaltungen wie das moers festival dürften endgültig zur Disposition stehen.“[10] Eine Anfang Juni 2012 im Rahmen des Haushaltssanierungsplanes veröffentlichte „Streichliste“ sieht vor, das Festival ab 2014 nicht mehr zu fördern.[11] Um das Festival für Moers und NRW zu retten, ist zurzeit eine Förderung des Landes NRW im Gespräch. Das Festival wird ab 2014 eine feste Konzertstätte („Festivalhalle Moers“), mit einer Kapazität von bis zu 2000 Besuchern, bekommen.[12]

mœrs festival (2014–)[Bearbeiten]

Ab 2014 findet das Festival, wieder viertägig, in der, durch Land und Bund finanziell unterstützten, neu ausgebauten Festivalhalle am Standort "Solimare" statt und erhält damit zu ersten Mal in seiner Geschichte eine feste Spielstätte. Für zahlende Festivalbesucher steht eine bewachte, kostenlose Campingfläche zur Verfügung. Besucher ohne Festivalticket können mit einer separat erhältlichen Campingkarte ebenfalls das Areal nutzen. Das Campen im Freizeitpark ist nicht mehr möglich. Der Händlermarkt wird quantitativ stark reduziert und findet unmittelbar vor der Festivalhalle statt. 2014 kamen rund 12.000 Besucher zum Festival.[13]

Improviser in Residence[Bearbeiten]

Als Bestandteil des Festivals wurde im Jahr 2008 (in Kooperation mit nimm! – Netzwerk Improvisierte Musik Moers) das Improviser-in-Residence-Projekt[14] etabliert, bei dem ein Musiker für ein Jahr in der Stadt Moers lebt, arbeitet und Konzerte organisiert. Als Ansprechpartner für Projekte und künstlerische Koproduktionen, arbeitet er mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Für 2014 hat Reiner Michalke die Jazzpianistin Julia Hülsmann ausgewählt.[15]

Bisherige Improviser in Residence:

Finanziert wird das Projekt von der Kulturstiftung NRW.

Literatur[Bearbeiten]

Filme[Bearbeiten]

  • Moers Festival 2006. Musikdokumentation, Deutschland, 2006, 90 Min., Produktion: WDR, Reihe: Rockpalast, Erstsendung: 16. Juli 2006, Inhaltsangabe (Version vom 13. Februar 2009 im Internet Archive) vom WDR.
    Ein Jahr nach dem Rücktritt des Gründers Burkhard Hennen machte der WDR-Rockpalast die erste Dokumentation über das Festival.
  • moers festival 2009. Rau, schnell, bunt – eine Festivalcollage. Festival-Dokumentation, Deutschland, 2009, 30 Min., Produktion: Kunsthochschule für Medien Köln (KHM), Online-Video.
  • moers festival – Shortcuts. filmische Rückblicke der Jahre 2010 bis 2013, Produktion: KHM, Online-Video.
  • Music of the Now - Offstage at Moers Festival 2012. Dokumentation von Jana Heinlein. 30 Min., mit Jon Irabagon, Carla Bley & Steve Swallow, Pablo Giw und Mirek Pyschny. Online-Video.
  • Moers Festival 2013 - Highlights des Festivals vom 17. bis 19. Mai 2013, 59 Min., WDR, Reihe: west.art Jazzline, Erstsendung 14.Oktober 2013, Online-Video.
  • Moers Festival 2014. Live Stream und Konzertmitschnitte 6. bis 9.Juni 2014, Arte Concert Live Stream und Konzertmitschnitte.

Sonstige Medien[Bearbeiten]

"In vielerlei Hinsicht das letzte Woodstock-Festival." - Das New-Jazz-Festival in Moers. Hörfunk-Feature von Gotthard Schmidt für den Sender Freies Berlin (heute: Rundfunk Berlin Brandenburg) 1992, ca. 55 min.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Moers Festival – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien
Festivalberichte

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Stefan Pieper: Moers-Festival ohne WDR. Aufbruch am Niederrhein mit neuen Akzenten. In: JazzZeitung, 2003, Nr. 6, S. 10.
  2. www.jazzmexx.com (Archiv) (Version vom 6. Februar 2006 im Internet Archive)
  3. Plakat der letzten African Dance Night 2005, (Version vom 28. April 2005 im Internet Archive) (archiviert auf archive.org; PDF-Datei; 377 kB).
  4. Burkhard Hennen: Moers 1994, in: Programmheft, Pfingsten, 20.-23. Mai 1994, S. 3
  5. 34. MoersFestival. Eine Ära geht zu Ende. (Version vom 9. Februar 2006 im Internet Archive) (PDF-Datei; 530 kB), ExtraBlatt, Pfingsten 2005, archiviert.
  6. Michael Passon, Thomas Wittenschlaeger: Offene Fragen und Vorwürfe vor Moers-Festival In: WAZ Online, 19. Mai 2010.
  7. Wolf Kampmann: 39. Moerser Musikfestival. Alles wieder offen. In: Frankfurter Rundschau, 28. Mai 2010.
  8. Heribert Brinkmann: Rot-gelb-grünes Sparen. In: Rheinische Post, 24. Juni 2010.
  9. http://www.moers-festival.de/besucherinfos/uebernachten.html
  10. Der Westen: Die große Pleite 24. Januar 2012
  11. Der Westen: Aus fürs Moers Festival - Spar-Pläne in Moers sind Liste der Grausamkeit vom 7. Juni 2012
  12. PDF bei www.moers-festival.de
  13. moers festival 2014 - Ein voller Erfolg! moers-festival.de, abgerufen am 10. Juni 2014.
  14. n1mm.de: Improviser in Residence 2012: Ingrid Laubrock abgerufen am 26. Januar 2012
  15. RP Online: Julia Hülsmann ist die neue Stadtmusikerin, 10. Dezember 2013.