Minna von Barnhelm

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Dieser Artikel behandelt das Theaterstück. Für die DEFA-Verfilmung aus dem Jahr 1962 siehe Minna von Barnhelm oder Das Soldatenglück.
Daten des Dramas
Titel: Minna von Barnhelm oder das Soldatenglück
Gattung: Lustspiel
Originalsprache: Deutsch
Autor: Gotthold Ephraim Lessing
Uraufführung: 30. September 1767
Ort der Uraufführung: Hamburg
Personen
  • Major von Tellheim, verabschiedet
  • Minna von Barnhelm
  • Graf von Bruchsall, ihr Oheim
  • Franziska, ihr Mädchen
  • Just, Bedienter des Majors
  • Paul Werner, gewesener Wachtmeister des Majors
  • Der Wirt
  • Eine Dame in Trauer
  • Ein Feldjäger
  • Riccaut de la Marlinière

Minna von Barnhelm oder das Soldatenglück ist ein Lustspiel in fünf Aufzügen von Gotthold Ephraim Lessing. Das Stück wurde 1767 fertiggestellt, seine Ausarbeitung begann jedoch schon im Jahre 1763. Lessing gab als Entstehungsdatum auf dem Titelblatt offiziell das Jahr 1763 an, vermutlich um die Nähe zum Siebenjährigen Krieg zu betonen, vor dessen Hintergrund das Stück spielt. Minna von Barnhelm ist das bekannteste Lustspiel der deutschen Aufklärung und zählt zu den wichtigsten Komödien der deutschsprachigen Literatur.

Zeitgenössischer Druck (2. Auflage)

Handlung[Bearbeiten]

Das Stück spielt kurz nach dem Ende des Siebenjährigen Krieges, am 22. August des Jahres 1763. Der verwundete und unehrenhaft entlassene Major von Tellheim, der für die preußische Armee tätig war, befindet sich – ohne finanzielle Mittel und schweren Bestechungsvorwürfen ausgesetzt – mit seinem Diener Just in einem Berliner Gasthof, wo er auf den Ausgang seines Prozesses wartet. Ihm wird vorgeworfen, die Order Friedrichs II. missachtet zu haben, sogenannte Kriegskontributionen einzutreiben: Geldforderungen an die im Krieg unterlegenen Gegner. Tellheim war zu Kriegszeiten in Thüringen (damals zum Kurfürstentum Sachsen gehörig) stationiert. Dort hatte er sich mit den thüringischen Ständen auf die kleinstmögliche Summe geeinigt und das Geld zudem aus eigener Tasche gegen Aushändigung eines Schuldscheins vorgeschossen. Als Tellheim nach Kriegsende diesen Schuldschein bei der Berliner Kriegskasse einlösen wollte, beschuldigte man ihn der Bestechung durch die thüringischen Stände.

Minna von Barnhelm, mit der sich Tellheim bereits vor Kriegsbeginn verlobt hat, reist ihm nun mit ihrer Kammerfrau und Freundin Franziska von Thüringen nach Berlin nach, um ihn zu heiraten. Tellheim jedoch, der den brieflichen Kontakt zu seiner wohlhabenden Verlobten abgebrochen hat, da er sich ihrer in seiner momentanen mittellosen Lage als unwürdig empfindet, ist fest entschlossen, seine geliebte Minna zu verlassen. „Vernunft und Notwendigkeit befehlen“ ihm, Minna zu vergessen (II. Akt, Szene 9), denn er sei nicht nur ein Bettler und Krüppel (er hat im Krieg einen verwundeten Arm davongetragen), sondern durch seine Entlassung auch noch ehrlos geworden. Trotzdem weigert er, finanzielle Hilfe anzunehmen, und schlägt das Angebot seines Freundes und früheren Kampfgefährten Wachtmeister Paul Werner aus, ihm Geld zu leihen, ja er verzichtet sogar darauf, das ihm rechtmäßig zustehende Geld der Witwe Marloff zurückzunehmen, das er ihrem Mann in Kriegszeiten geliehen hat. So muss Tellheim, um seine Zimmermiete beim Wirt begleichen zu können, notgedrungen seinen Verlobungsring versetzen, den er von Minna einst erhalten hat.

Minna jedoch, der der Wirt den Ring zum Verkauf anbietet, erkennt den Ring und löst ihn wieder ein, ohne dass Tellheim davon weiß. Sie versucht nun, ihren Major durch eine List zurückzugewinnen: Sie vertauscht ihren eigenen Verlobungsring mit dem von Tellheim und gibt ihm ebendiesen Ring zurück. So scheint es, als würde Minna nun ihrerseits die Verbindung lösen. Zudem behauptet Minna fälschlicherweise, dass sie ihr Oheim enterbt habe, weil sie den Mann, den er für sie gewählt hatte, nicht heiraten will. Sie sei also nun ebenso mittellos und entehrt wie Tellheim. Minnas Notlage führt bei Tellheim zu einem Sinneswandel. Er versucht nun, alles Nötige dafür zu tun, Minna nun doch heiraten zu können und sie aus ihrer prekären Lage zu befreien. Ein eintreffender Brief des Königs bringt zudem die Nachricht von der Niederschlagung des Prozesses, so dass Tellheim nun auch juristisch rehabilitiert ist und auch das ihm zustehende Geld erhalten wird. Der Konflikt scheint gelöst, doch Minna treibt ihr Spiel weiter und weigert sich, Tellheim unter diesen Umständen heiraten zu können. Sie spiegelt damit Tellheims eigenes Verhalten wider, der sich stets weigerte, „sein ganzes Glück einem Frauenzimmer zu verdanken.“ (IV, 6). So droht der Komödie kurz vor dem Ende ein tragischer Ausgang. Als jedoch Minnas Oheim eintrifft, klärt sich die Situation auf, sodass Minnas und Tellheims Heirat nichts mehr im Wege steht. Am Ende wird eine Doppelhochzeit zwischen Minna und Tellheim und Franziska und Werner in Aussicht gestellt.

Deutungsvarianten[Bearbeiten]

Seit dem Beginn der literaturwissenschaftlichen Interpretationsgeschichte der Minna wird der Konflikt von Liebe und Ehre immer wieder als das zentrale Problem dieser Komödie angesehen. Tellheim wird dabei zumeist die Rolle des in übertriebener Weise auf seine Ehre bezogenen Starrkopfes zugeschrieben, der sich mit seiner ungerechtfertigten Anklage nicht abfinden kann, während Minna diese Verbissenheit durch ihre spielerische List zu überwinden vermag und Tellheim somit wieder liebesfähig macht.

Kritiker dieser traditionellen Deutung führen vor allem an, dass Tellheims Lage als Angeklagter kein anderes Verhalten zulassen würde. Da ihm bei einem negativen Ausgang seines Prozesses der vollständige Verlust seines sozialen Status drohe, sei eine Hochzeit mit Minna unter diesen Umständen undenkbar. Der Konflikt des Stückes kann also aus Sicht dieser Deutung nicht durch die Personen des Stückes selbst gelöst werden. Das glückliche Ende sichert hier erst der Brief des Königs, welcher die Botschaft vom Ende des Prozesses und damit von Tellheims völliger Rehabilitierung bringt.

In neuerer Zeit wurde unter anderem untersucht, warum Tellheim sowohl Minnas als auch Paul Werners Hilfsangebote immer wieder kategorisch ablehnt. Sein Fehler bestehe nicht nur darin, verbissen auf seine Offiziersehre zu pochen, sondern auch in seiner moralischen Eitelkeit, die es ihm (auch Freunden gegenüber) verbiete, sich in seiner finanziellen Not helfen zu lassen. Für diese Erklärung spricht, dass Tellheim sofort bereit ist, Minna doch zu heiraten, als er hört, dass sie von ihrem Oheim enterbt sei – also zu einem Zeitpunkt, an dem seine Ehre durch den Brief des Königs noch keineswegs wiederhergestellt wurde, die Ehre Minnas hingegen auf dem Spiel steht. Tellheim erwartet, dass andere (Witwe Marloff) seine Hilfe widerspruchslos annehmen, während er selbst umgekehrt nicht bereit ist, bei anderen (Paul Werner) zum Schuldner zu werden.

Daneben stehen auch andere Motive des Stückes immer wieder im Fokus der Interpretation: die Funktion des Geldes für die sozialen Beziehungen der Charaktere; die Auseinandersetzung mit Preußen und dem Krieg; die soldatische Ehre bzw. Ehrlosigkeit; die im Untertitel des Stückes angedeutete Frage nach Glück und Unglück oder das für die Zeit des 18. Jahrhunderts ungewöhnlich ausgeglichene Verhältnis der Geschlechter.

Zeitgenössische Rezeption[Bearbeiten]

Das Stück hatte bei seiner Uraufführung am 30. September 1767 in Hamburg, der ein kurzfristiges Aufführungsverbot und ein Streit mit der Berliner Zensurbehörde vorausging, außerordentlichen Bühnenerfolg und wurde daraufhin im deutschsprachigen Raum von allen wichtigen Bühnen auch im Ausland gespielt. Goethe feierte die Minna in den Gesprächen mit Eckermann rückblickend als „ein glänzendes Meteor. Es machte uns aufmerksam, daß noch etwas Höheres existierte, als wovon die damalige schwache literarische Epoche einen Begriff hatte.“ Prägend für die nachfolgende Interpretationsgeschichte wurden vor allem auch seine Bemerkungen in Dichtung und Wahrheit, wo es hieß: „Eines Werkes aber, der wahrsten Ausgeburt des Siebenjährigen Krieges, von vollkommenem norddeutschen Nationalgehalt, muß ich hier vor allen ehrenvoll erwähnen; es ist die erste aus dem bedeutenden Leben gegriffene Theaterproduktion, von spezifisch temporärem Gehalt, die deswegen eine nie zu berechnende Wirkung tat: Minna von Barnhelm.“

Aufführungen[Bearbeiten]

Plakat der Minna-Inszenierung von Andrea Breth am Wiener Burgtheater, 2005

Bis heute ist die „Minna“ eines der meistgespielten Schauspiele in Deutschland. Eine sehr entstaubte Inszenierung von Andrea Breth hatte am 16. Dezember 2005 am Wiener Burgtheater mit Sven-Eric Bechtolf und Sabine Haupt in den Hauptrollen Premiere: im Mittelpunkt dieser unkonventionellen Interpretation steht statt der Ehre das Geld. Seit Januar 2005 läuft das Stück im Deutschen Theater in Berlin. Die Inszenierung besticht durch ihre prominente Besetzung: Martina Gedeck spielt die Minna, Ulrich Matthes Tellheim und Nina Hoss Franziska.

Eine Bearbeitung als Musical (Buch und Liedtexte von Michael Wildenhain, Idee und Konzept von Klaus Wagner, Musik von Konstantin Wecker und Nicolas Kemmer) wurde am 2. Dezember 2000 am Theater Heilbronn uraufgeführt und bis zum 7. April 2001 insgesamt 22-mal aufgeführt.

Ausgaben[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Sibylle Schönborn: Gotthold Ephraim Lessing: Minna von Barnhelm, Erläuterungen und Dokumente. Reclam, Stuttgart 2003, ISBN 3-15-016037-5
  • Monika Fick: Lessing-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. 2. Auflage, J. B. Metzler Verlag, Stuttgart und Weimar 2004, S. 242–258.
  • Horst Steinmetz (Hg.): Gotthold Ephraim Lessings „Minna von Barnhelm“. Dokumente zur Rezeptions- und Interpretationsgeschichte. Königstein 1979.
  • Günter Saße: Der Streit um die rechte Beziehung. Zur „verborgenen Organisation“ von Lessings „Minna von Barnhelm“. In: Wolfgang Mauser (Hg.): Streitkultur. Strategien des Überzeugens im Werk Lessings. Tübingen 1993, S. 38–55.
  • Bernd Matzkowski: Gotthold Ephraim Lessing: Minna von Barnhelm. Königs Erläuterungen und Materialien (Band 312). C. Bange Verlag, Hollfeld 2007, ISBN 978-3-8044-1695-6.
  • Oliver Binder, Ulrich Müller: Lessings Minna von Barnhelm als Musical: „Minna. Musical“ von Michael Wildenhain, Konstantin Wecker, Nicolas Kemmer (2001). In: Stuttgarter Arbeiten zur Germanistik. Nr. 423. Hans-Dieter Heinz, Akademischer Verlag, Stuttgart 2004 [2005], ISBN 3-88099-428-5, S. 43–54.

Verfilmungen[Bearbeiten]

In dem Spielfilm Fronttheater (1942) werden wiederholt Barnhelm-Szenen gezeigt. Der Film endet mit einer Versöhnung der Hauptdarsteller (Heli Finkenzeller und René Deltgen) im Rahmen einer Aufführung in Athen.

Hörspiele[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]