Multiresistenz

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Als Multiresistenz (lateinisches Kompositum) bezeichnet man in der Medizin eine Form der Antibiotikum- oder Virostatikum-Resistenz, bei der sogenannte Keime (Bakterien oder Viren) gegen mehrere verschiedene / quasi (fast) alle Antibiotika bzw. Virostatika unempfindlich sind. Sie werden auch als MRE-Keime / MultiResistenteErreger bezeichnet.

Ursachen[Bearbeiten]

Multiresistenz von Bakterien gegen Antibiotika stellt in der Medizin ein immer größer werdendes Problem dar. Dabei gibt es verschiedene Ursachen, die zu einer Zunahme der Multiresistenz führen:

  1. Häufiger, oft unnötiger Einsatz von Antibiotika:
    Es werden Antibiotika bei viralen Infekten verschrieben, obwohl sie hier gar nicht helfen. Dadurch kommt es zu einem häufigeren Kontakt von möglichen Krankheitserregern mit den Antibiotika. Durch natürliche Mutationen zufällig gegen das eingesetzte Antibiotikum resistente Bakterien können sich nun gegenüber den nicht-resistenten Bakterienstämmen besser behaupten und schneller vermehren und gelangen so schließlich auch in die Umwelt.
  2. Einsatz von Antibiotika in der Lebensmittelindustrie:
    Hier werden häufig Antibiotika dem Tierfutter beigemischt, um den Ertrag zu steigern. Viele dieser Antibiotika sind verwandt mit den in der Humanmedizin verwendeten. Dadurch können sich wiederum resistente Bakterienstämme entwickeln, die auch Probleme in der Humanmedizin verursachen können.
  3. Nicht testgerechter oder indikationsgerechter Einsatz von Antibiotika:
    Es werden oft hochwirksame, so genannte Breitspektrumantibiotika bei bakteriellen Infekten eingesetzt, bei denen z. B. Penicillin noch ausreichend wirksam wäre. Durch diesen breiten Einsatz hochwirksamer Antibiotika wird wiederum die Selektion von multiresistenten Bakterien gefördert. Im Ernstfall ist dann möglicherweise später dieses hochwirksame Medikament nicht mehr wirksam.
  4. Unzuverlässige Medikamenteneinnahme (Compliance) des Patienten:
    Dadurch werden Erreger nur teilweise abgetötet, die überlebenden Bakterien oder Viren sind oft diejenigen mit einer erhöhten natürlichen Resistenz. Deren Erbanlagen werden an künftige Generationen weitergegeben, so dass beim nächsten Einsatz des gleichen Medikamentes kein Erfolg mehr erzielt wird.
  5. Sonderfall HIV-Therapie:
    Da eine Heilung bei einer mit HIV-Infektion noch nicht möglich ist, ist bisher eine lebenslange Therapie mit Virostatika notwendig. Schon früh hat man entdeckt, dass eine so genannte Monotherapie mit nur einem Medikament nicht lange wirksam ist. Das HI-Virus ist sehr rasch in der Lage, resistent gegen das Medikament zu werden. Deshalb wird von Beginn an eine Mehrfachkombination gegeben, damit wird die Wahrscheinlichkeit einer Resistenzentwicklung gemindert. Trotzdem kommt es während der Therapie oft zur Entwicklung einer Mehrfachresistenz. Es werden deshalb ständig neue Medikamente entwickelt.

Multiresistente Problemstämme[Bearbeiten]

NDM-1 Stämme[Bearbeiten]

Einem Artikel im Fachmagazin "The Lancet" zufolge, wurden weltweit Bakterienstämme mit einem als NDM-1 (New Delhi metallo-β-lactamase 1) bezeichneten Gen entdeckt, die gegen alle bisher bekannten Antibiotika, mit Ausnahme von Tigecyclin und Colistin, resistent sein sollen. [1] Das Gen ist bislang in den Gram-negativen Enterobakterien Escherichia coli und Klebsiella pneumoniae aufgetaucht und besonders in Indien und Pakistan verbreitet. Es wurden aber auch bereits Fälle in Großbritannien, den Niederlanden, Australien und Schweden entdeckt, oft nach Operationen (insb. Schönheits-OPs) in den erstgenannten asiatischen Ländern.

Methicillin-resistente Staphylococcus aureus (MRSA)-Stämme[Bearbeiten]

Seit 1963 werden Staphylococcus-aureus-Stämme beschrieben, die eine Mutation in ihrem Penicillin-Bindungsprotein II (PBP II) aufweisen und damit gegen alle Beta-Laktam-Antibiotika (unter anderem auch gegen sogenannte Beta-Lactamase-feste AB: Methicillin, Oxacillin, Flucloxacillin u. a. sog. Staphylokokken-Antibiotika) resistent sind. Wenn sie zudem eine Resistenz gegen andere Wirkstoffklassen aufweisen, können nur wenige Präparate zur Behandlung (z. B. Glykopeptide, wie Vancomycin oder Teicoplanin oder neuere und teurere Medikamente, wie Linezolid aus der Klasse der Oxazolidinone oder Tigecyclin aus der Klasse der Glycylcycline) verwendet werden. MRSA werden mittlerweile weltweit gefunden und werden vor allem in der Intensivmedizin zu einem immer größeren Problem. So ist die Erkrankungshäufigkeit (Inzidenz) auf Intensivstationen in den USA bereits > 50 %, in Südeuropa und Frankreich > 30 %. In Deutschland liegt die Inzidenz in Krankenhäusern bei rund 15 bis 20 %, unterliegt jedoch regional großen Schwankungen. Auch bei ca. 2,5 % aller Bewohner von Alten- und Pflegeheimen können MRSA isoliert werden. Wie andere S. aureus-Stämme können auch MRSA als Besiedlungskeim auf der Nasen- und Rachenschleimhaut vorkommen, ohne dass der Patient erkrankt. So entstehen Keimreservoirs, die andere immungeschwächte Patienten anstecken können. Besonders gefährlich sind Keimbesiedlungen bei Krankenhauspersonal, da hier eine kontinuierliche Ansteckungsgefahr für Patienten mit Immundefizienz (z. B. bei offenen Wunden, intravasalen Kathetern, Dialyse- oder Beatmungspflicht) gegeben ist.

Vancomycin-intermediär-sensible Staphylococcus aureus (VISA)-Stämme[Bearbeiten]

Seit einigen Jahren treten in Japan MRSA-Stämme auf, die auch gegen Glykopeptide intermediär empfindlich sind. Einzelne Fälle sind auch in den USA, Frankreich, Hongkong und Thailand aufgetreten. Es ist wahrscheinlich, dass sich diese Stämme auch weiter ausbreiten werden.

Vancomycin-resistente Staphylococcus aureus (VRSA)-Stämme[Bearbeiten]

Von tatsächlich Vancomycin-resistenten S. aureus-Stämmen (VRSA) sind erst sehr wenige Fälle in den USA beschrieben worden. Sie sind im Gegensatz zu den VISA-Stämmen dadurch charakterisiert, dass sie das die Glykopeptid-Resistenz kodierende, aus Vancomycin/Glykopeptid-resistenten Enterokokken (VRE/GRE) stammende vanA-Gen besitzen.

Extended-Spectrum β-Lactamase produzierende Erreger[Bearbeiten]

Extended Spectrum β-Lactamase (ESBL) produzierende Erreger sind Bakterien, die durch eine Punktmutation innerhalb der das β-Lactamase-Enzym exprimierenden Gene nunmehr in der Lage sind, die Extended Spectrum β-Lactamase zu produzieren. Dieses veränderte Enzym kann ein größeres Spektrum an β-Lactam-haltigen Antibiotika spalten. ESBL tragende Bakterien sind daher resistent gegen Penicilline, Cephalosporine (Generation 1-4) und gegen Monobactame. Hauptsächlich E. coli und Klebsiellen (Gram-negative Bakterien) weisen ESBL-Gene auf.

Weitere Problemkeime[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. http://www.thelancet.com/journals/laninf/article/PIIS1473-3099%2810%2970143-2/fulltext#article_upsell
  2. Kozlova, E. V., L. A. Anisimova, et al. (1989): Antibiotic resistance in clinical strains of Pseudomonas aeruginosa isolated from 1979-1984. In: Antibiot Khimioter. Bd. 34, Nr. 1, S. 24-8, PMID 2499281
  3. Zeitschrift für Chemotherapie 3-2008
  4. P. Luber: Multiresistenz und Resistenzmechanismen bei Campylobacter-Isolaten aus Lebensmitteln und vom Menschen. 3. Campylobacter-Workshop der Fachgruppen „Gastrointestinale Infektionen“ der Deutschen Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie und „Bakteriologie und Mykologie“ der Deutschen Veterinärmedizinischen Gesellschaft, Freising, 14.-15. Februar 2003
  5. Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) 2003: Erarbeitung von Methoden zur Identifizierung und Isolierung von Campylobacter spp. und deren Resistenzbestimmung (PDF-Datei; 111 kB)
  6. Cheng-Hsun Chiu et al.: Salmonella enterica Serotype Choleraesuis Infections in Pediatric Patients. In: Pediatrics. Bd. 117, Nr. 6, Juni 2006, S. e1193-e1196, doi:10.1542/peds.2005-2251.
  7. Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR): Deutsche Antibiotika-Resistenzsituation in der Lebensmittelkette – Salmonella 2000–2008 (PDF-Datei; 4,2 MB)
  8. Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) 27. Juli 2004: Nachweis von multiresistenten Salmonella-Isolaten aus Putenfleisch in Dänemark (PDF-Datei; 83 kB)
  9. Hintergrundinformation: Untersuchungen im HU; Anlage zur Pressemitteilung vom 26. Mai 2011(PDF-Datei; 86 kB)
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