Neues Schloss (Stuttgart)

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Schloßplatz mit Jubiläumssäule und Königsbau
Der Ehrenhof
Lage im Stadtzentrum: Im Mittelgrund links das Neue Schloss, rechts dahinter das Alte Schloss
Die Ruine des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Neuen Schlosses (1955)

Das Neue Schloss in Stuttgart wurde zwischen 1746 und 1807 im Auftrag der württembergischen Herzöge und Könige als Residenz- und Wohnschloss erbaut. Es befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Alten Schloss und bildet zusammen mit dem Schlossplatz den Mittelpunkt der Stadt Stuttgart.

Geschichte[Bearbeiten]

Vorgeschichte und Planung[Bearbeiten]

Mit neun Jahren wurde Carl Eugen 1737 neuer Herzog von Württemberg. Da er beim Amtsantritt noch minderjährig war, wurde er zur Erziehung an den Hof des preußischen Königs Friedrich II. geschickt, während Administratoren die Regierungsgeschäfte übernahmen. Mit 16 Jahren konnte Carl Eugen die Nachfolge seines Vaters Karl Alexander antreten und nach Württemberg zurückkehren. Sein Vor-Vorgänger, Herzog Eberhard Ludwig, hatte die herzogliche Residenz in das 12 km von Stuttgart entfernte Ludwigsburg verlegt. Die Stadt Stuttgart versuchte nun, mit Unterstützung der württembergischen Ständeversammlung den Herzog wieder zu einer Rückkehr nach Stuttgart zu bewegen, da die Residenz des Königs wirtschaftliche und politische Macht bedeuteten. Carl Eugen stellte als Bedingung den Bau einer angemessenen Unterkunft, die das Alte Schloss aus der Zeit der Renaissance ablösen sollte.[1] In dieser Zeit reichten viele Architekten ihre Vorschläge und Entwürfe beim Herzog ein, darunter auch Johann Balthasar Neumann, dessen Vorschlag aber abgelehnt wurde. Architekturhistoriker behaupten, wenn Neumanns Idee damals realisiert worden wäre, so wäre der großartigste Palastbau des 18. Jahrhunderts entstanden. Der württembergische Oberbaudirektor Johann Christoph David von Leger wiederum schlug vor, das Alte Schloss nur auszubauen.[1] Der ansbachische Baudirektor Leopoldo Retti, dessen Onkel Donato Giuseppe Frisoni für Herzog Eberhard Ludwig Schloss Favorite in Ludwigsburg gebaut hatte, wählte für seinen Entwurf die Stelle eines ehemaligen Armbrusthauses im Lustgarten.[2] Des Weiteren reichten noch Alessandro Galli da Bibiena und Maurizio Pedetti Vorschläge ein.[3] Am 6. Mai 1746 wurde Rettis Vorschlag von Carl Eugen ausgewählt. Dieser sah einen Ehrenhof vor, der nicht zur Stadt, sondern auf noch nicht erschlossenes Gelände nach Norden zeigte. Dadurch konnte eine Sicht auf die 1745 fertiggestellte Militärakademie im Süden des Schlosses, die spätere Hohe Karlsschule, vermieden werden und diese ebenso wie das Neue Lusthaus erhalten werden.[4] Seiner Planung nach sollten sich in dem zum Garten gewandten Flügel die Gemächer der herzoglichen Familie befinden, im Corps de Logis die Repräsentationsräume und im zur Stadt gewandten Flügel Gästeräume untergebracht werden.[5]

Erste Bauphase unter Leopoldo Retti[Bearbeiten]

Am 3. September 1746 konnte am Gartenflügel der Grundstein gelegt werden. Die Anlage wurde nach Plänen von Leopoldo Retti und unter der Leitung von Johann Christoph David Leger begonnen, da Retti bis 1748 noch in Ansbach beschäftigt war.[6] Bis 1749 waren das Corps de Logis und der Gartenflügel äußerlich fertig, so dass 1750 mit der Innenausstattung des Gartenflügels begonnen werden konnte.[7] Dabei zog Retti auch diverse Gutachten und Vorschläge anderer Architekten hinzu. Im Frühjahr 1751 konnte mit dem Fundament des Stadtflügels begonnen werden. Am 18. September 1751 verstarb Retti an einer unbekannten Krankheit in Stuttgart.

Zweite Bauphase unter Philippe de La Guêpière[Bearbeiten]

Nach dem Tod Rettis übernahm der Pariser Baumeister Philippe de La Guêpière, ein Freund von Retti, die weiteren Arbeiten und vollendete 1752 den Stadtflügel. Er war ein Kenner der modernen Architekturtheorie, die ganz von Frankreich und vom Schloss Versailles kopiert wurde, und kannte die Ansprüche des modernen Schloss- und Palastbaus, nach denen er auch in Stuttgart baute. Er entwarf außerdem die Inneneinrichtung des Gartenflügels und zum Teil die des Corps de Logis. 1758 bis 1760 wurden unter seiner Leitung die Portikus und die Kuppel auf dem Marmorsaal nach Plänen Rettis fertiggestellt.[3]

Stopp der Bauarbeiten 1775[Bearbeiten]

In der Nacht vom 13. auf den 14. November 1762 brach im hinteren Teil des Gartenflügels ein Brand aus, der den Flügel völlig vernichtete.[2] Damit ging auch die von Guêpière entworfene Inneneinrichtung unwiederbringlich verloren. Nun verlegte man sich ganz auf den Innenausbau des Stadtflügels. Am 11. Februar 1763 hielt Carl Eugen seine Geburtstagsfeierlichkeiten im fast fertiggestellten Stadtflügel ab. Dies war das erste große Ereignis im Schloss. Im Jahr 1763 wurde von Seiten Guêpières ein Wiederaufbau versucht, der jedoch an den immer höheren Kosten, finanziellen Engpässen und dem mangelnden Interesses Carl Eugens scheiterte.[3] Die Wiener Reichshofkammer und die Ständevertretung warfen ihm Verschwendungssucht vor, so dass nach längeren Auseinandersetzungen der Bau gestoppt wurde und Carl Eugen seine Residenz 1764 nach Ludwigsburg verlegte. 1768 verließ Guêpière den württembergischen Hof und kehrte nach Paris zurück.

Besuch des russischen Zaren Paul I.[Bearbeiten]

Erst 1775 kehrte Carl Eugen nach Stuttgart zurück und ließ Teile des Schlosses von Reinhard Ferdinand Heinrich Fischer instand setzen und anlässlich des Besuches des Zaren Paul I. und seiner Frau Sophie Dorothee von Württemberg, einer Nichte Carl Eugens, den Marmorsaal im Mittelpavillon des Corps de Logis mit einem Deckenbild von Nicolas Guibal ausstatten.

Dritte Bauphase unter Nikolaus Friedrich von Thouret[Bearbeiten]

Als Carl Eugen 1793 starb, war das Schloss größtenteils wieder aufgebaut. So war der Stadtflügel 1789 voll ausgestattet worden und der Gartenflügel bis 1791 fertiggestellt.[8] Die weiteren Bauarbeiten zogen sich bis ins 19. Jahrhundert hin. Mit Herzog Friedrich II. wurde der Schlossbau an Nikolaus Friedrich von Thouret übertragen, der den Schlossbau zum Besuch des französischen Kaisers Napoleon Bonaparte 1806 vollendete.[9] Elf Jahre später wurden anlässlich des Besuchs des Zaren Alexander I. von Thouret einige Räume wie der Rote Marmorsaal neu eingerichtet.

Veränderungen nach 1816[Bearbeiten]

Nach dem Tod von König Friedrich I. im Jahre 1816 zog König Wilhelm I. in das Neue Schloss ein. Unter Wilhelm I. waren Giovanni Salucci und später dessen Schüler Ferdinand Gabriel für die Umbauarbeiten im Schloss zuständig, auf die u.a. der Graue und der Gelbe Marmorsaal 1836 zurückgingen.[9] 1840 und 1841 sowie 1852 bis 1854 wurden vom Hofmaler Joseph Anton von Gegenbaur die drei Freskenzimmer neben dem Treppenhaus im Erdgeschoss mit Szenen aus der Geschichte des Herzogtums und Königreichs Württemberg angelegt.[10] Unter König Karl I. und seiner Frau Olga wurden nur geringfügige Veränderungen am Schloss, hauptsächlich im königlichen Wohnbereich vorgenommen, welche von Joseph von Egle ausgeführt wurden. König Wilhelm II. verzichtete auf seinen Wohnsitz im Neuen Schloss und nutzte es selbst nur zu Repräsentationszwecken. Das Schloss wurde in dieser Zeit schon teilweise öffentlich zugänglich gemacht.[11]

Nutzung nach 1918[Bearbeiten]

Nachdem Wilhelm II. am 30. November 1918 abgedankt hatte, ging das Schloss in Staatsbesitz über. 1919 kam im Erdgeschoss und einem Teil des Gartenflügels im ersten Obergeschoss das Deutsche Ausland-Institut unter, welches darin Büro- und Ausstellungsräume einrichtete. Im zweiten Obergeschoss und einem anderen Teil des ersten Obergeschosses kam das Polizeipräsidium der Stadt Stuttgart unter.[12] Anfang der 1920er Jahre wurde im Erdgeschoss des Stadtflügels und im gesamten ersten Obergeschoss ein Museum, in dem die Kostbarkeiten der fürstlichen Kunstkammer, die Majolika-Sammlung und verschiedene Wohnräume der ehemaligen württembergischen Könige gezeigt wurden, eröffnet. Nachdem das Deutsche Ausland-Institut 1928 umgezogen war, wurde der verbliebene nicht genutzte Teil des Gebäudes zum Deutschen Heeresmuseum und ein Teil im ersten Obergeschoss zum Antikenmuseum umgebaut. Nach Umzug des Polizeipräsidiums 1926 beherbergte das zweite Obergeschoss die Büroräume der Altertümersammlung und des Landesamts für Denkmalpflege.[13]

In der Zeit des Dritten Reiches wurde im Stadtflügel ein Luftbefehlsschutzbunker eingebaut, der 1958 jedoch wieder gesprengt wurde.[14]

Durch Luftangriffe am 21. Februar und am 2. März 1944 wurde das Schloss nahezu völlig zerstört, nachdem es von zwei Sprengbomben getroffen worden war und in der Folge bis auf die Außenfassade abbrannte.[15] Lange Jahre wurde um den Wiederaufbau gestritten, und fast wären die Reste des Neuen Schlosses zugunsten eines Hotels abgerissen worden. Nach heftigen Protesten von Bürgern und Denkmalschützern beschloss der Landtag von Baden-Württemberg dann allerdings 1957 – mit nur einer Stimme Mehrheit – den Wiederaufbau des Schlosses. Seit dem Wiederaufbau zwischen 1958 und 1964 (unter der Leitung von Horst Linde), bei dem nur ein Teil des Corps de Logis rekonstruiert wurde, wird das Neue Schloss von der baden-württembergischen Landesregierung genutzt. Anfangs befanden sich in den beiden Seitenflügeln das Kultus- und das Finanzministerium. Der Corps de Logis wurde zu Repräsentationszwecken des Staatsministeriums genutzt. Seit dem Auszug des Ministeriums für Kultus, Jugend und Sport Anfang 2012 ist es heute noch Sitz des Ministeriums für Finanzen und Wirtschaft und für die Öffentlichkeit seit 2014 wieder bei regelmäßigen Führungen zugänglich.[16][17]

Panoramabild im Ehrenhof des Neuen Schlosses bei Nacht

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Michael Wenger: 250 Jahre Neues Schloß in Stuttgart. Verlag Staatsanzeiger für Baden-Württemberg, Stuttgart, 1996, ISBN 3-929981-12-2, S. 10.
  2. a b Beschreibung des Stadtdirections-Bezirkes Stuttgart. Herausgegeben von dem statistisch-topographischen Bureau; unveränderte Neuauflage der Ausgabe von 1856, Bissinger, Magstadt, 1964, S. 142.
  3. a b c Dagmar Zimdars [Bearb.]: Georg Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. Baden-Württemberg I. Deutscher Kunstverlag, Berlin und München, 1993, ISBN 3-422-03024-7, S. 753.
  4. Wenger: 250 Jahre Neues Schloß in Stuttgart. S 16.
  5. Regina Stephan: Altes und Neues Schloß Stuttgart mit ihrer Umgebung. Brausdruck, Heidelberg, 1998, ISBN 3-932489-08-X, S. 37.
  6. Wenger: 250 Jahre Neues Schloß in Stuttgart. S. 17.
  7. Stephan: Altes und Neues Schloß Stuttgart mit ihrer Umgebung. S. 37.
  8. Wenger: 250 Jahre Neues Schloß in Stuttgart. S. 52.
  9. a b Wiederaufbau des Neuen Schlosses in Stuttgart 1958-1964. Staatliche Hochbauverwaltung, Stuttgart, 1964, S. 20.
  10. Stephan: Altes und Neues Schloß Stuttgart mit ihrer Umgebung. S. 41.
  11. Stephan: Altes und Neues Schloß Stuttgart in ihrer Umgebung. S. 42.
  12. Walther-Gerd Fleck, Franz Josef Talbot: Neues Schloß Stuttgart: 1744-1964. Deutsche Burgenvereinigung, Freiburg i.Br., 1997, ISBN 3-927558-05-2, S. 103.
  13. Fleck, Talbot: Neues Schloß Stuttgart: 1744-1964. S. 104.
  14. Stephan: Altes und Neues Schloß Stuttgart mit ihrer Umgebung. S. 43.
  15. Wiederaufbau des Neuen Schlosses in Stuttgart 1958-1964. S. 8.
  16. Bericht in der Onlineausgabe der Stuttgarter Zeitung über den Auszug des Kultusministeriums. Eingesehen am 9. Mai 2014.
  17. Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg: Neues Schloss Stuttgart

Literatur[Bearbeiten]

  • Uwe Bogen (Text); Thomas Wagner (Fotos): Stuttgart. Eine Stadt verändert ihr Gesicht. Erfurt 2012, Seite 52-53.
  • Neues Schloß. In: Eugen Dolmetsch: Aus Stuttgarts vergangenen Tagen (Zweiter Band von „Bilder aus Alt-Stuttgart“). Selbsterlebtes und Nacherzähltes. Stuttgart 1931, Seite 30-32.
  • Eduard von Paulus: Die Kunst- und Altertums-Denkmale im Königreich Württemberg, Band: Inventare [Neckarkreis]. Stuttgart 1889, Seite 36-37.
  • Michael Wenger: 250 Jahre Neues Schloss in Stuttgart. Entwürfe und Ausstattungen von Herzog Carl Eugen bis König Wilhelm II., Verlag Staatsanzeiger für Baden-Württemberg, Stuttgart 1996, ISBN 3-929981-12-2

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Neues Schloss, Stuttgart – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien
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48.7780555555569.1819444444444Koordinaten: 48° 46′ 41″ N, 9° 10′ 55″ O