Rekonstruktion (Architektur)

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Frauenkirche in Dresden – im Februar 1945 bombardiert, danach Ruine, 1994 bis 2005 originalgetreue Rekonstruktion mit anschließendem Wiederaufbau des umgebenden Neumarktes
Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau – unter Stalin abgerissen, nach 1991 rekonstruiert
Henschelhaus in Kassel aus den 1920er Jahren vor dem Abriss. Durch eine Investitionsfirma 2009 abgerissen und bis 2012 regressiv wiederaufgebaut.
Schloss Herrenhausen, Hannover, kriegszerstört, wurde nach jahrzehntelangen Debatten rekonstruiert und im Januar 2013 eröffnet

Rekonstruktion ist in Architektur und Denkmalpflege die weitgehend vorbildgerechte Wiederherstellung von zerstörten Baudenkmalen, historischen Gebäuden oder Gebäudeteilen. Im Sinne der Kunstgeschichte ist dies eine Reproduktion.

Einführung[Bearbeiten]

Zu Rekonstruktionen im Bauwesen kommt es in der Regel, um durch Krieg, politische Willkür oder Naturkatastrophen zerstörte wahrzeichenhafte Bauten und bauliche Ensembles in möglichst identischer Form wieder erstehen zu lassen.

Die Bewertung von Rekonstruktionsvorhaben ist sehr unterschiedlich. Der Wiederaufbau der Frauenkirche in Dresden war umstritten. Der Nachbau der Brücke von Mostar wurde nie angezweifelt. Von der Wiederherstellung der Twin Towers des World Trade Centers in Manhattan wurde ausdrücklich Abstand genommen.

Arten der Rekonstruktion von Bauwerken[Bearbeiten]

Schloss Bruchsal (Fertigstellung der Rekonstruktion um 1970)
Das 1965 rekonstruierte Bauhaus Dessau von 1925

Es gibt verschiedene Vorgehensweisen bei der Rekonstruktion, die sich im Grad der Originaltreue und in der Sensibilität zur Umsetzung unterscheiden. Georg Mörsch bezeichnet in der Architektur die Rekonstruktion als eine „wissenschaftliche Methode der Quellenausbeute zur Neuherstellung untergegangener Dinge, unabhängig von der Zeit, die seither verstrichen ist“.[1]

  • Originalgetreue Rekonstruktion des Bauwerks wird nach aufwendiger Quellenforschung möglichst mit denselben Materialien und denselben Methoden durchgeführt. Oft werden noch vorhandene Originalbauteile verwendet. Diese Art der Rekonstruktion findet sich vor Allem bei kulturhistorisch bedeutenden Bauwerken, die dann als Anschauungsobjekt dienen und museal genutzt werden. Ein frühes Beispiel ist etwa der Wiederaufbau von Querschiff, Vierung und Chor der Abteikirche Altenberg Mitte des 19. Jahrhunderts, wo ein eingestürzter Bau wieder errichtet wurde; bei den Vollendungen der Dome, etwa dem Kölner Dom, ging man nach den erhaltenen, jedoch nie vollendeten Bauplänen vor. Die ostpreußische Marienburg (Ordensburg) wurde gleich zweimal wieder aufgebaut, 1896 bis 1918 unter Restaurierung mittelalterlicher Substanz und nach der 60%igen Zerstörung im Zweiten Weltkrieg teils rekonstruierend. Bei der Anastilosis wird ein historisches Bauwerk unter Verwendung seiner original erhaltenen, jedoch zerfallenen Bauteile wieder aufgerichtet, die mit einem neuem Tragwerk versehen werden.
  • Nachempfundene Rekonstruktion nennt man eine Rekonstruktion, die aufgrund mangelnder Quellenlage den Anforderungen an Originaltreue nicht genügt. Typische Beispiele sind etwa, wenn von Gebäuden nur noch Fassadenpläne oder Bilddokumentation erhalten sind – der Rest der nötigen Information wird durch Vergleich mit ähnlichen zeitgenössischen Objekten so gut wie möglich „neu erfunden“. Diese Art des "neuschaffenden" Wiederaufbaus, verbunden mit viel Phantasie, hatte vor allem im Historismus (mit Neoromanik, Neugotik, Neorenaissance und Neobarock) ihre Hochblüte, wenn z. B. aus den Überresten mittelalterlicher Burgen neugotische Schlösser geschaffen wurden, wie etwa Schloss Hohenschwangau bis 1837 durch Domenico Quaglio, Schloss Lichtenstein (Württemberg) ab 1840 nach Plänen Carl Alexander Heideloffs, Schloss Stolzenfels bis 1842 von Schinkel und Stüler, die Burg Hohenzollern (1850-67 durch Stüler), die Reichsburg Cochem 1870-90 durch Hermann Ende und Julius Carl Raschdorff oder im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts die zahlreichen Burgenrekonstruktionen von Bodo Ebhardt. Von kompletten Neubauten wie Neuschwanstein oder Marienburg (Hannover) unterscheiden sie sich durch die Einbeziehung vorhandener Grundmauern und aufstehender Bauteile, die teilweise Einhaltung historischer Grundrisse sowie die Anlehnung an ältere Abbildungen.
  • Replikative Rekonstruktion nennt man eine Rekonstruktion, die formal aus funktionalistischen Gründen der Nachahmung (nicht: Interpretation), der Wahrung oder Herstellung eines (historisierten) Scheins dient, zumeist mit veränderter Nutzung. (Beispiele: Braunschweiger Schloss, Neumarkt in Dresden, Henschelhaus in Kassel) Sie hat mit dem Ursprungs- bzw. Altgebäude nichts mehr zu tun. Ihre Wurzeln finden sich im Neuen Urbanismus. Seine Zielvorstellung ist es, Orte zu bauen, die "das Leben bereichern und den Geist inspirieren", wobei es ihm nicht um repräsentative Prachtbauten, sondern um Wohn- und Alltagsgebäude geht.
  • Interpretierende Rekonstruktion fertigt einen auf der Grundlage der historischen Quellen gemachten neuen Entwurf. Es entstehen Gebäude oder Gebäudeteile, die dem Charakter und Gesamteindruck des Originals entsprechen, ohne den Versuch einer eins-zu-eins-Kopie. Beispiele sind der Prinzipalmarkt in Münster oder die Ergänzungen am Frankfurter Römer. Fassaden und Ziergiebel der Häuser wurden teils neu entworfen, der Gesamteindruck des Marktes sollte jedoch erhalten bleiben. Diese Methode leitet sich aus der Neutralretusche der modernen Restaurierung ab. Die Fehlstellen des Originals sollen auf den ersten Blick so gut wie möglich übersehen werden, dem danach suchenden Auge aber sofort als ergänzt auffallen. Damit ist der Forderung der Wiederherstellung des Gesamteindrucks ohne den Verdacht des (als unzulässige Fälschung geltenden) Replikats aufkommen zu lassen.
  • Didaktische Rekonstruktionen: Im Zusammenhang mit der Entwicklung archäologischer Grabungsstätten zu didaktischen Themenparks kommt es in den letzten Jahrzehnten immer häufiger zu Rekonstruktionen markanter antiker Bauwerke wie Stadtmauern, Stadttore, Tempel, Villen oder Kastellen (etwa am Obergermanisch-Raetischen Limes), germanischer Siedlungen wie am Opfermoor Niederdorla oder mittelalterlicher Wehranlagen wie der Bachritterburg Kanzach, der Turmhügelburg Lütjenburg, der Slawenburg Raddusch oder von Siedlungen wie dem Bajuwarenhof Kirchheim.
  • Experimentelle Nachbauten sind ein Teilaspekt der Experimentellen Archäologie. In Guédelon wird seit 1997 eine Ritterburg ausschließlich mit den Techniken und Materialien des 13. Jahrhunderts erbaut, um Bauweise und -dauer zu erforschen. In Meßkirch gibt es mit dem Campus Galli ein Projekt zur Konstruktion einer mittelalterlichen Klosterstadt. Es handelt sich um vormals nicht vorhandene Bauten, im Vordergrund steht der Forschungsaspekt.

Doch selbst wenn ein Gebäude weitgehend originalgetreu wieder entsteht: Baurechtlich kommt eine Rekonstruktion einem Neubau gleich und ist daher im Allgemeinen noch kein Baudenkmal im Sinne des Denkmalschutzes. Rekonstruktionen können dennoch zu Baudenkmälern ernannt werden, wie die Bauten der Warschauer Altstadt, die seit 1980 zum UNESCO-Welterbe gehören.

Generelle Probleme bei der Rekonstruktion von Bauwerken[Bearbeiten]

Unabhängig davon, welche Art der Rekonstruktion vorgenommen wird, gibt es einige wiederkehrende Probleme und Fragestellungen.

  • Die Originalbauwerke wurden oft nur unvollständig dokumentiert, also müssen die fehlenden Teile neu erdacht werden.
  • Die Baustoffe oder Bautechniken, die bei der Errichtung des Originals zur Anwendung kamen, sind nicht mehr verfügbar oder finanziell nicht erschwinglich.
  • Das Original entspräche nicht den Raumanforderungen, die die neue Nutzung des Gebäudes stellt. Das Gebäude wird im Inneren neu strukturiert und gegliedert.
  • Das Replikat entspräche nicht den heutigen statischen Sicherheitsanforderungen, also muss man das Tragwerk verändern.
  • Das Original oder Replikat entspräche nicht den gesetzlichen Sicherheitsbestimmungen, wie im Brandschutz oder der Fluchtwege.
  • Das Original oder Replikat entspräche nicht den heutigen gesetzlichen Anforderungen, z.B. nach Energieeinsparverordnung oder nach Barrierefreiheit.
  • Das Original entspräche nicht mehr heutigen Komfortansprüchen (Klima, Elektrotechnik, Sanitärinstallationen), also wird der Originalentwurf dementsprechend angepasst.

Gründe und Argumente für und gegen Rekonstruktionen[Bearbeiten]

Knochenhaueramtshaus am rekonstruierten Marktplatz von Hildesheim, in historischer Bauweise aus Eichenholz mit Holznägeln errichtet
Die barocke Würzburger Residenz wurde nach teils starker Kriegszerstörung rekonstruiert, seit 1981 gehört sie zum UNESCO-Welterbe
Der kunsthistorisch bedeutende Goldene Saal im Augsburger Rathaus wurde nach Kriegszerstörung bis 1985 rekonstruiert
Der rekonstruierte Kaisersaal der Münchner Residenz, die zu 80% kriegszerstört war
Der 2005-2007, nach Abriss von Nachkriegsgebäuden, um einige Meter verschobene Nachbau der Fassade des Ottmer-Baus des Braunschweiger Schlosses als modernes Kaufhaus aus Stahlbeton, mit Parkdeck auf dem Dach
Potsdamer Stadtschloss (2012): Rekonstruktion mit um eine Fensterachse verbreiterten Seitenflügeln

Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges wird insbesondere in kriegszerstörten Städten das Rekonstruieren von Gebäuden kontrovers diskutiert.

In der öffentlichen Debatte wird zumeist davon ausgegangen, dass historische oder historisierende Architektur vom Durchschnittsbürger als ansprechender empfunden wird als zeitgenössische Architektur. Der Verlust des „schönen Alten“ wird als ästhetische Minderung gesehen, historisch entstandene und schlecht geschlossene Baulücken als andauernder Makel im Stadtbild erlebt. Dies belegt unter anderem auch der Diskussionsverlauf bei Objekten wie dem Knochenhaueramtshaus in Hildesheim, das als Ersatz für einen als unangemessen empfundenen modernistischen Bau der Nachkriegszeit errichtet wurde. Die jahrzehntelange sterile und einfallslose Wiederholung der ursprünglich bahnbrechenden und phantasievollen Formensprache der Modernen Architektur, in weltweiter Verbreitung, dürfte an dem Misstrauen gegen zeitgenössische Lösungen ebenso ihren Anteil haben wie die Neigung der Postmodernen Architektur zur Effekthascherei.

Unter Architekten und Denkmalpflegern ist die Rekonstruktion von Gebäuden häufig umstritten. Es stehen sich unterschiedliche Motive und Wertvorstellungen gegenüber. Insgesamt erweist sich die Frage der Rekonstruktion am prominenten städtischen Standorten im Kontext Stadtbild als wesentlich konfliktträchtiger, als dies bei abgelegenen Bauten oder im Freiland zutrifft, etwa bei den experimentellen oder didaktischen Rekonstruktionen.

Eine Reihe von aktuellen Rekonstruktionen, so der Neumarkt in Dresden, das Braunschweiger Schloss, das Berliner Stadtschloss oder das Henschelhaus am Königsplatz in Kassel, sind Neubauten mit historischer Fassadengestaltung, aber moderner Bautechnik und mit völlig neuen Nutzungen. Originale Bausubstanz ist bei den genannten Projekten oft kaum noch erhalten. Gegen diese Vorgehensweise wird vor allem von Architekten vorgebracht, es werde lediglich eine historische Anmutung erzeugt, um bestimmte Käuferschichten anzusprechen.[2]

Für Rekonstruktionen mit fehlender Originalsubstanz gibt es allerdings auch prominente Beispiele. Der Wiederaufbau der völlig zerstörten Warschauer Altstadt wird als Rekonstruktion sogar in der UNESCO-Liste des Weltkulturerbes geführt. Von Ortsunkundigen werden rekonstruierte Bauten als solche im Allgemeinen nicht wahrgenommen, das Stadtbild gewinnt dadurch in den Augen des Betrachters an Attraktivität. Auch im Bewusstsein der Anwohner gerät die Tatsache der Rekonstruktion eines Gebäudes meist nach einiger Zeit in Vergessenheit, die Bauten werden wieder als organischer Teil ihrer Umgebung wahrgenommen. In der allgemeinen Rezeption der Baugeschichte sind Zerstörung und anschließende Rekonstruktion nicht mehr als eine Episode in der Geschichte des Bauwerks, die sich auf gewisse Art wenig von einer Generalsanierung unterscheidet.

In der behördlichen Denkmalpflege herrscht seit den Publikationen von Georg Dehio und Alois Riegl noch häufig die Meinung vor, dass Zerstörung als authentischer Teil der Geschichte eines Bauwerks akzeptiert werden müsse. Diese Haltung richtet sich gegen die umfassenden „Verbesserungsprojekte“ in der Epoche des Historismus, die bei Rekonstruktionen häufig einen historischen Idealzustand wiederherzustellen suchten. Zerstörungen, Um- und Ausbauten seien in der Geschichte von Baudenkmälern unumkehrbare Tatsachen, die durch eine ideale Rekonstruktion unlesbar würden. Dem gegenüber machen Rekonstruktionsbefürworter geltend, dass bestimmte zerstörte Bauten kunsthistorisch von so herausragender Bedeutung und so hoher gestalterischer Qualität gewesen sind, dass auch Jahrzehnte nach ihrem Verschwinden ein legitimes Interesse bestehen kann, sie zu rekonstruieren. Dies auch im Sinne der Rückgewinnung von Baukultur und der „sanften Heilung“ von z.B. kriegszerstörten Städten. Außerdem kann eine Wiederherstellung im Sinne einer historischen Dokumentation als museal-pädagogische Maßnahme bedeutsam sein.

Eine heute im Denkmalschutz entscheidende Frage ist die nach der Originalsubstanz. Damit ist nicht alleine die zur Bauzeit errichtete Materie gemeint, sondern gerade auch die verschiedenen späteren Schichten, die jeweils Zeugnisse ihrer Zeiten sind. In der Denkmalpflege werden heute diese Schichten gemeinsam mit der bauzeitlichen Substanz als Wert angesehen, wenn sie jeweils nach kunsthistorischer Einschätzung einen Wert besitzen. Die Praxis der Bau- wie auch Kunstgeschichte geht so weit, nicht eine bestimmte Fassung eines Objekts als „das Original“ zu erachten, weder die Erstfassung oder die prächtigste oder seinerzeit populärste, noch die letzte, die sich in der Erinnerung festgesetzt hat. Wenn ein Objekt auf einen früheren Zustand zurückgeführt würde, ließe sich nicht gerechtfertigt entscheiden, auf welchen. Verglichen mit dieser speziellen Auffassung von Substanz verfüge eine Rekonstruktion nie über die historische Vielschichtigkeit und auch nicht die Geschichte des Originals. Mit der Rekonstruktion eines bestimmten historischen (Ideal-)Zustandes gehe unweigerlich die Authentizität eines gegebenenfalls beschädigten Baudenkmals oder einer Ruine verloren. Ein nachempfundener Neubau entspreche aufgrund veränderter Materialien und Bautechniken auch bei bester Originalgetreue niemals seinem Vorbild. Als historisches Dokument sei das Zerstörte in jedem Falle verloren und sein Ersatz konstituiere ein neues Dokument.

Verlust an baulichem Erbe wird allerdings von vielen Bürgern vor allem als Verlust an Lebensqualität gesehen; und manchen Gebäuden wird eine über die reine Substanz hinausgehende ideelle Bedeutung zugesprochen. Bestimmte, verloren gegangene Gebäude werden für die Identität eines Ortes als prägend empfunden, die Bewohner identifizieren diese Gebäude als unentbehrlichen Teil ihrer Stadt. Dagegen wird in der Regel von Architekten und Denkmalpflegern eingewandt, ein rekonstruiertes Gebäude habe immer den Aspekt einer Kulissenarchitektur und erreiche nie mehr den kulturellen und ideellen Wert des Originals – ein Gesichtspunkt der „Redlichkeit“, der von Rekonstruktionsbefürwortern eher als sekundär empfunden wird. Rekonstruktionsgegner geben auch oft zu bedenken, die Wiedererrichtung könnte zur Verklärung der Vergangenheit beitragen. Herausragende Bauwerke tragen jedenfalls meist hohen Symbolcharakter. Deren Zerstörung überhöht diese Symbolinhalte. Wie sich das auf eine Rekonstruktion überträgt, lässt sich schlecht vorhersagen.

Rekonstruktionskritiker aus dem Architektenstand und verwandten Berufen gehen von der Vorstellung aus, moderne Stadtgestaltung und zeitgenössische Architektur seien Ausdruck gesellschaftlicher Identität, die sich kontinuierlich weiterentwickelt. Danach sei es für eine Gesellschaft wichtig, ihre Architektur, die ihren Lebensumständen und Bedürfnissen gerecht wird und deren Ausdruck sie ist, durch Bauprojekte zu pflegen, und nicht hingegen, alte Architektur nachzuschöpfen. Dieser Konsens, was das Zeitgemäße sei, wird von den Befürwortern der Rekonstruktion in Frage gestellt. Aus kulturhistorischer Sicht sehen die Kritiker Rekonstruktion als Phänomen des 19. und 20. Jahrhunderts, das in der Geschichte kaum Vorbilder hatte und heute überholt sei. Rekonstruktion könne damit nur eingeschränkt historisch legitimiert sein. Zum anderen sei auch der Begriff Stadtbild – als über das Einzelgebäude hinausgehende architektonische Einheit – erst im Laufe der Moderne in das Blickfeld der Architektur geraten. Befürwortern der Rekonstruktion haben dagegen wenig Berührungsängste mit den harmonistischen Architekturaufasssungen des 19. Jahrhunderts und verweisen auch auf die nachhaltige Popularität der nach heute unzulässigen Prinzipien „damals fertiggestellten“ Dome. Gerade der freie Zugriff auf die Formensprache aller früheren Epochen wird aber als einer der Wesenszüge des Historismus wie auch der Postmoderne gesehen. In anderem Sinne erfülle die Rekonstruktion gerade darum die Forderung nach der Antwort auf die Bedürfnisse der Zeit, und ist in diesem Sinne Ausdrucke der zeitgenössischen Bautätigkeit. Wie spätere Geschichtsepochen über die zeitgenössische Phase der Architektur und ihre Eigenheiten urteilen werden, lässt sich nicht sagen.

Für Architekten ist es oft nicht erstrebenswert, Nachbildungen auszuführen, statt Neues zu schaffen. In diesem Sinne ist jeder Neubau „historisch getreuer“, weil auch die zerstörten Objekte seinerzeit Ausdruck ihrer eigenen Zeit waren. Einerseits ist die „Idee eines Gebäudes“ das eigentliche Werk eines Architekten und eine Rekonstruktion würde in diesem Sinne eine Würdigung darstellen. Zum anderen arbeitet jeder Architekt in irgendeiner Weise mit der Geschichte des Bauplatzes. Dieser Bezug auf die Vorgängerbauten ist als Würdigung zu sehen, auch wenn sie in ausdrücklichem Kontrast steht. Baulösungen der Architekten des Historischen konkurrieren zu einem Neuprojekt. Es bleibt die prinzipielle Frage stehen, warum man etwas wieder entstehen lassen soll, statt ein neues Gebäude zu errichten.

An prominenten Einzelbeispielen von Rekonstruktionsvorhaben und -ausführungen zeigt sich, dass Architektur in der Öffentlichkeit ein Faktor ist, der heute noch genauso polarisieren kann, wie das aus der Geschichte der Architektur aller Zeiten bekannt ist. Weltweit gesehen ist die gesamte Diskussion um pro und contra Rekonstruktion eine in eurozentrischen Feinfühligkeiten verwurzelte Problematik. Andere Kulturen, sowohl der angloamerikanische Raum wie auch Asien, gehen mit der Thematik anders um: Die regelmäßige komplette Neuerrichtung eines buddhistischen Tempels gehört in der asiatischen Baukunst zur jahrhundertealten Tradition, das europäische Konzept "originalgetreu" spielt in diesem Kulturkreis, der im philosophischen Kern alles Materielle als wertlose Hülle erachtet, bis heute eine untergeordnete Rolle. In China etwa werden in ebensolchem Ausmaß, in dem ganze historische Stadtkerne und Städte stadt- und wirtschaftsplanerischen Großprojekten geopfert werden (Shanghai, 3-Schluchten-Damm), umgekehrt auch historisierende Projekte verwirklicht – etwa das Altstadtprojekt von Datong einer Stadt im Mingstil oder die Wiederherstellung der in der Kulturrevolution zerstörten Sakralbauwerke. Auch in den USA ist der Denkmalgedanke heute nur von untergeordneter Rolle, und bezieht sich viel mehr auf zeit- und kulturgeschichtlich bedeutende historic monuments, denn auf baugeschichtliche. In den meisten Staaten der Erde spielen Überlegungen um „Erlaubt-“ oder „Nichterlaubtsein“ von Rekonstruktion keinerlei Rolle, allein schon aus wirtschaftlichen Notwendigkeiten heraus.

Beispiele für abgeschlossene Wiederherstellungen am Ursprungsort[Bearbeiten]

Die nach der Sprengung durch SS-Einheiten 1944 - anhand von Veduten von Canaletto im Zustand des 18. Jhd. wieder aufgebaute - Warschauer Altstadt mit dem 1971-1988 mithilfe vorwiegend amerikanischer Spenden rekonstruierten Warschauer Königsschloss
Werkstatt, in der das Bernsteinzimmer rekonstruiert wurde
Rekonstruierte römische Stadtmauer im Archäologischen Park Xanten

Prominente Beispiele mit weltweiter Aufmerksamkeit, die die Vielfalt der rekonstruktiven Intentionen und Methoden beleuchten:

Vor 1945
  • Stonehenge: Im 16. Jahrhundert noch weitgehend erhaltene Megalithkonstruktionen, die bis in das 19. Jahrhundert großteils umgestürzt sind, werden von William Gowland um 1900 wieder aufgestellt. Weil die Anlage auch aus astrochronologischen Gesichtspunkt interessant ist, ist der durch die Rekonstruktion entstandene Verlust der Originallage schmerzlich.
  • Der 1902 eingestürzte Campanile am Markusplatz zu Venedig: Die weitgehend originalgetreue Kopie des Gebäudes war für das beginnende 20. Jahrhundert ein richtungsweisendes Projekt – die ausgehende Gründerzeit war noch ganz dem Denken der völligen städtebaulichen Neugestaltung unter willkommenem Entfernen aller veralteten Strukturen verhaftet.
  • Der 1781 durch Brand zerstörte Governor's Palace (dt. Gouverneurspalast) in Williamsburg, Virginia wurde 1927–1934 aus dem Gesichtspunkt einer Komplettierung des touristisch-musealen Stadtbilds des Colonial Williamsburg nach alten Vorlagen wieder errichtet.
  • Herzog Max Joseph in Bayern finanziert 1838 den Ankauf der seit langem verfallenen Geißelungskapelle in Jerusalem durch die Kustodie des Heiligen Landes und ihre Wiederherrichtung für den Gottesdienst. 1927-29 wird unter dem Architekten Antonio Barluzzi der noch heute vorhandene Bau im Stile des Mittelalters errichtet.[3]
Nach 1945
In Europa
  • Kloster Montecassino in Italien. Am 15. Februar 1944 durch alliierte Bombenangriffe zerstört, da Wehrmachtsoldaten im Kloster vermutet wurden – die Kunstschätze hatte man zuvor im Vatikan in Sicherheit gebracht. Das Kloster wurde anschließend innerhalb von 10 Jahren nach alten Bauplänen wiederaufgebaut, und zeigt im Fernbild sowie im Detail wieder seine ursprüngliche Erscheinung.
  • In Polen begann man bereits unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg mit Rekonstruktionen kriegszerstörter Gebäude. Die Altstädte von Breslau, Danzig und Warschau wurden teilweise wiederaufgebaut. Die vorwiegend in den Jahren 1946 bis 1953 erfolgte Rekonstruktion der Warschauer Altstadt wurde als eine „Meisterleistung“ gewürdigt. Die Altstadt ist heute als Weltkulturerbe von der UNESCO anerkannt.
  • Beispiel für eine Ensemble-Rekonstruktion: Hügelgräber Newgrange in Irland bis 1975: Wiederrichtung einer Anlage der Stein-/Bronzezeit, gibt eine Interpretation archäologischer Befunde zur ursprünglichen Anlage, das Grabungsareal ist Weltkulturerbe
  • Das im Zweiten Weltkrieg verschollene Bernsteinzimmer 1976–2003 im Katharinenpalast: Nachschöpfung eines komplett verlorenen Originals nach alten Fotos, Originaltreue in Herstellungsweise und Gesamterscheinungsbild hoch, im Detail fraglich.
  • In jüngerer Zeit mehrere hundert Kirchen und andere Gotteshäuser, die in der Periode des Stalinismus auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion zerstört worden waren, darunter Christ-Erlöser-Kathedrale, Kasaner Kathedrale und Auferstehungstor in Moskau, Verklärungskathedrale in Odessa.
  • Der „originalgetreue“ Nachbau der Stari most (Brücke von Mostar) 1995–2004: Teile der in den Fluss gestürzten Bruchstücke wurden daraus geborgen. Die Rekonstruktion verwendet diese gar nicht bis auf die Pflastersteinbedeckung. Für den Neubau wurde Gestein aus dem historischen Steinbruch verwendet.[4] Der Bau wurde auch im Herstellungsprozess der seinerzeitigen osmanischen Bautechnik nachempfunden, was etwa die Verwendung von Stahldübeln und Krampen betrifft, die zum Schutz gegen Rost nach der Montage mit Blei umgossen werden.[5] Das Projekt wurde von der Weltbank finanziert und von der UNESCO durch die Einrichtung einer internationalen Expertenkommission unter der Leitung des französischen Archäologen Léon Pressouyre gefördert. Sie wurde ein Jahr nach der Wiedereinweihung im Sommer 2004 im Juli 2005 in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen.[6]
  • Frauenkirche in Dresden – Die im Zweiten Weltkrieg zerstörte und bis zur Wende als Ruine belassene Kirche wurde ab 1994 rekonstruiert, 2005 wurde sie feierlich wieder eingeweiht. Ein besonderer Fall, denn die vorhandenen Reste des Originalbaus (Unterkirche, der Mauerstumpf hinter dem Altar und ein gegenüberliegender Stumpf) wurden einbezogenen, der Neubau aber unter mosaikartiger Einbindung einzelner statisch noch tragfähiger Teile und u. a. unter Anwendung historisch handwerklicher Methoden errichtet.
  • Das Teatro La Fenice in Venedig, nach Brand 1996–2003: Dieses Bauprojekt ist besonders wegen der legendären Raumakustik des alten La Fenice von Interesse, neben rein baulicher und baudekorativer Rekonstruktion musste hier in erster Linie die Akustik rekonstruiert werden.
  • Die Rekonstruktion des durch Erdbeben 1997 schwer beschädigten Hauptschiffs der Basilika von Assisi mit Fresken von Cimabue und Giotto (das „Puzzle von Assisi“): Teils nur fingernagelgroße Freskenteile wurden an einem modern neuerrichteten Traggewölbe in Originalposition fixiert. Erhalten sind etwa 60-70 % der Raumdekoration.
  • Großfürstliches Schloss in Vilnius, seit 2002 durchgeführte Rekonstruktion des 1801 abgerissenen Bauwerks.
  • Potsdamer Stadtschloss, 2010 bis 2013 an der Stelle einer Straßenkreuzung aus der Nachkriegszeit als Brandenburgischer Landtag neu errichtet.
In Asien
  • Der 1950 durch Brandstiftung zerstörte „Goldtempel“ Kinkaku-ji in Kyoto, in Tradition buddhistischer Baukunst wiedererrichtet
  • Buddhistische und Bönklöster in Tibet: In dem Maß, in dem die Kulturrevolution (1966–1976) einen ganzen Landstrich seiner kulturellen und baulichen Hauptbauwerke beraubt hat, werden seit diese der Reform- und Öffnungspolitik der 1980er wiederhergestellt. Neben den komplexen bis heute ungeklärten politischen Problemen ist diese Maßnahme auch aus Sicht der europäischen Architekturtheorie schwer einschätzbar, weil hier religiöse Kultbauten unter erklärt laizistischen Leitbildern rekonstruiert werden (museale Nutzung). Promintentes Beispiel ist Tshurphu, die Residenz des derzeitigen umstrittenen 17. Karmapa.
  • Die Burg Ōsaka in Japan wurde in ihrer Geschichte mehrfach weitgehend rekonstruiert, das erste Mal 1843 mithilfe von Spenden, nach über 200 Jahren als Ruine. Nach erneuter Zerstörung erfolgte 1928 ein erneuter Wiederaufbau. Durch starke Beschädigungen im 2. Weltkrieg war eine erneute Rekonstruktion nötig, die erst im Jahre 1997 abgeschlossen werden konnte.
  • Das Namdaemun-Tor in Seoul, nach Brandstiftung im Februar 2008 zerstört, am 4. Mai 2013 wieder eingeweiht; als nationales Wahrzeichen, und weil detaillierte Pläne der 1960er vorhanden waren, war die originalgetreue Wiedererrichtung der Holzkonstruktion geboten.

Beispiele für geplante oder in Bau befindliche Wiederherstellungen am Ursprungsort[Bearbeiten]

Berliner Stadtschloss – seit 2013 im Wiederaufbau, der 2017 abgeschlossen sein und das Humboldt-Forum beherbergen soll. Historische Aufnahme um 1900.
Die Baugrube des Berliner Stadtschlosses - nach Abriss des Palasts der Republik - im Mai 2013 (links die Spree)
  • Berliner Stadtschloss, seit 2013 im Bau befindlich, Fertigstellung 2019 geplant: Aufmerksamkeit erregten der Abriss des Palastes der Republik, der nach Sprengung und Räumung des im Krieg „ausgebombten“ Originalbaus an dieser Stelle errichtet worden war, und die Installation der virtuellen Schloss-Rekonstruktion mit bedruckten Planen 1993.
  • Altstadt von Frankfurt am Main, seit 2012 im Bau befindlich, großteils bis 2017 fertig: Ein Dom-Römer-Projekt genanntes Bauvorhaben. Die Stadt wird sieben historische Gebäude, die bei den Luftangriffen auf Frankfurt am Main im Zweiten Weltkrieg zerstört wurden, auf dem Areal des ehemaligen Technischen Rathauses rekonstruieren lassen. Dazu gehören die Goldene Waage, das Rote Haus, das Haus Junger Esslinger und das Goldene Lämmchen, das Haus Alter Esslinger, das Haus Klein Nürnberg und womöglich das Haus Zum Rebstock. Weitere Grundstücke sollen an einzelne Investoren verkauft werden, denen dann eine Rekonstruktion der Vorkriegsbauten bzw. Neubebauung mit Vorgaben frei steht.[7]
  • Für die Rekonstruktion der Buddha-Statuen von Bamiyan nach der Zerstörung 2001 durch die Taliban bestehen vage Pläne, da zumindest eine kurz vorher erstellte digitale Vermessung vorhanden ist – die vorhandenen Originalteile des gewachsenen Fels, aus dem die Buddhas bestanden, sind teilweise geborgen

Rekonstruktionen an anderer Stelle[Bearbeiten]

Als weiterer Aspekt sind die Rekonstruktionen an anderer Stelle, meist aus rein denkmalpflegerischen Gründen, zu sehen: Hierbei ist der Verlust des Originals nicht Voraussetzung. Die Bandbreite erreicht hierbei – anhand von prominenten Beispielen – etwa:

  • Die Übersiedlung und Rekonstruktion (Translozierung) der Tempel von Abu Simbel: 1964–1968 wurden die vom Versinken im Assuanstausee bedrohten Objekte (zwei Höhlentempel, mit Monumentalstatuen am Portal) zersägt, und an höhergelegenem Ort wiederaufgebaut. Die Originalsubstanz ist hierbei  – bis auf die Zersägefugen  – weitgehend vollständig erhalten, die Baukonstruktion aber nicht, die Rückseite wird durch eine Stahlbetonkuppel gebildet. Trotz der offenkundigen Fassadierung wird diese Rekonstruktion heute als seinerzeit bestmögliche Methode angesehen, und wird auch von der UNESCO mit der Anerkennung als Weltkulturerbe gewürdigt
Replizierender Neubau der als Verkehrshindernis geltenden Laimgrubenkirche in Wien-Mariahilf 1906–1907. Nach Transferierung der Inneneinrichtung wurde das Original abgerissen.
  • Die Museumsverwahrung des Ischtar-Tor von Babylon, das heute im Pergamonmuseum in Berlin steht: In diesem Beispiel spielen viele Kontroversen der Archäologie eine Rolle, denn das Tor besteht aus den 1899–1917 von Koldewey geborgenen Originalen an glasierten Deckziegeln sowie seinerzeit angefertigten Ergänzungen, die auf einen neuen Kern aufgezogen sind. Am ungefähren Originalplatz befindet sich seit 1977 eine weitere Rekonstruktion, die vollständig repliziert ist. Solche Beispiele, in denen das Original heute im Museum, und die Kopie vor Ort ist, sind häufig, etwa auch Michelangelos David (Michelangelo) (am Platz unter freiem Himmel steht die Kopie) oder die minoischen Fresken im Archäologischen Museum von Heraklion (die fragmentarischen Relikte werden innerhalb von Ergänzungen des frühen 20. Jh. gezeigt, von denen man nicht mehr weiß, ob sie das damals aufgefundene und vielleicht noch besser erhaltene Original darstellen, oder freie Interpretation sind), und repräsentieren die konfliktträchtigen und schwer lösbaren Fragen rund um Original und Replikat, Erhaltung und Schutz bei Kunstschätzen der Architektur, wie auch anderer architekturgebundener Künste.
  • Die heute technisch lösbare Gebäudeversetzung: Hierbei wird ein Objekt am Boden abgesägt, und andernorts auf eine neue Gründung gesetzt. Wie auch im vorigen Beispiel handelt es sich dabei um eine vorsätzlich in Kauf genommene teilweise Zerstörung des Originals: Weder seine Fundamente, noch die Spuren der Vorgängerbauten (die meist im Anschluss dokumentarisch erfasst werden), noch der Kontext im Ensemble bleibt erhalten – diese denkmalpflegerische Maßnahme entspricht der Notgrabung, die bei voraussehbarem Totalverlust suboptimale Bergung des Funds rechtfertigt
  • Die Nachbildung der steinzeitlich bemalten Höhle von Lascaux: Dieses vom Besucherstrom schwer belastete Denkmal wurde bis 1983 als „Lascaux II.“ 200 m vom Original entfernt teilweise nachgebildet. Da das Original hier in situ erhalten ist, wird diese Maßnahme nicht unter dem Aspekt der Fragwürdigkeit einer Rekonstruktion gesehen, obwohl durch den weiter fortgeschrittenen Verfall der Originalhöhle die Kopie nurmehr den – besseren – Erhaltungszustand der 1970er dokumentiert (Sie ist „originaler als das Original“)

Andere Methoden[Bearbeiten]

Repräsentative Ersatzbauten[Bearbeiten]

Es gibt Beispiele, bei denen man sich gegen die Rekonstruktion von zerstörten Gebäuden entschieden und stattdessen Ersatzbauten errichtet hat.

  • Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin, als ein Mahnmal gegen den Krieg: Ähnlich wie bei der Ruine der Dresdner Frauenkirche blieben hier die Reste der kriegszerstörten Originalkirche der Neoromanik denkmalartig erhalten, wurde jedoch mit modernen Baukörpern (durch Egon Eiermann, 1957) zu einem Ensemble vereint, statt rekonstruiert. Ursprünglich ging Eiermann jedoch von einem Abriss der Kirchenruine aus, das Ensemble ist also eher „unfreiwillig“ entstanden.
  • Die Kuppel des Reichstagsgebäudes, die zu einem Wahrzeichen des wiedervereinigten Deutschlands geworden ist. Norman Foster hat mit diesem Projekt wohl bewusst die Silhouette der Wallotschen Kuppel der Gründerzeit aufgenommen, in allen anderen Aspekten des Umbaus aber versucht, eine neuartige Antwort auf die Geschichte, Funktion und das bauliche Umfeld des Reichstagsgebäudes zu geben.
  • Neuerrichtung am Ground Zero in New York: nach dem Septemberattentat 2001 auf die Twin Towers und dem Einsturz etlicher Gebäude des World Trade Centers, erfolgt die Konstruktion von Ersatzbauten – fünf Bürogebäude, eine Bahnstation und das World Trade Center Memorial. Neben rein ökonomischer Motivation ist erklärtes Ziel, die „offene Wunde“ im Stadtbild zu schließen, und das World Trade Center in seine ursprüngliche Funktion zurückzuführen, erschwert aber durch die im amerikanischen Denken verwurzelte Tradition, den Ground Zero als Friedhof zu erachten, was den New Yorkern eine Bebauung lange unmoralisch erscheinen ließ. Der vormals Freedom Tower genannte One World Trade Center-Turm ist im August 2013 nahezu fertig gestellt, ebenso wie weitere Bauten des Komplexes.

Digitale Rekonstruktion[Bearbeiten]

Digitale Rekonstruktion der Altstadt von Frankfurt am Main
Computervisualisierung des Berliner Stadtschlosses
3D-Ansicht Alter Markt Potsdam mit Stadtschloss, Palast Barberini und Altem Rathaus (Andreas Hummel, 2013)

Die digitale oder auch virtuelle Rekonstruktion dient zur Darstellung zerstörter Gebäude, Städte oder historischer Vorgänge. Die digitale Auferstehung zerstörter beziehungsweise beschädigter Kulturgüter wird mit CAAD und Rendering-Software erstellt und dient der Veranschaulichung.

Die digitale Rekonstruktion nicht länger existenter (Architektur-) Objekte im stadträumlichen Kontext, kommt einer „virtuellen Wiedergewinnung“ gleich. Irreversible Zerstörungen, die identitätsstiftende Bauwerke aus dem Stadtraum entfernten, bilden nicht selten den Anlass für eine digitale Rekonstruktion. Im Zuge der Rekonstruktion tritt in vielen Fällen die Problematik der Zuverlässigkeit des vorhandenen Grundlagenmaterials in den Vordergrund. Fotografien und die meist nur – im städtisch überbauten Raum primär – im Grundriss erhaltenen archäologischen Grabungsbefunde liefern aufgrund der zweidimensionalen Daten nur eingeschränkten Informationsgehalt über den Gegenstand der Betrachtung. Fehlende Informationen müssen ergänzt bzw. durch zusätzliche Quellen ersetzt werden.

Das dreidimensional rekonstruierte Objekt offeriert jedoch erweiterte Möglichkeiten im Umgang als ein materielles Replikat. Die Implementierung computergenerierter Baustrukturen in eine zusammengefügte Realbildumgebung vermag es, ergänzt durch „Navigation in Echtzeit“ eine Wirklichkeitsnähe zu erlangen, welche sich den komplexen Vorgängen menschlicher Wahrnehmung annähert. Wesentlich ist jedoch, dass es erst die vollständige digitale Modellstruktur gestattet, die plastische Erscheinungsform einer Architektur in konkreter Form zu veranschaulichen. Darüber hinaus kann ein virtuelles Modell in Teilmodelle zerlegt werden, sowie die gesamte Baugeschichte in ihren Bauphasen erfassen.

Daneben gestattet das virtuelle Modell die Generierung von unterschiedlichen Rekonstruktionsvarianten hinsichtlich Farbe und Material. Insofern dient sie sowohl als planerische, wie auch gestalterische Entscheidungsbasis tatsächlich ausgeführter Rekonstruktionen, und in diesem Sinne unterscheidet sich digitale Rekonstruktion nicht von anderen Vorgängen modernen CAAD-gestützten Bauens.

Als künstlerische Aufnahme dieser Thematik kann John Bennetts und Gustavo Bonevardis Tribute in Light am New Yorker Ground Zero gelten

Literatur[Bearbeiten]

Zur Begriffsklärung und Abgrenzung der Rekonstruktion im Bauwesen gegenüber anderen Begriffen wie Wiederaufbau:

Zur Diskussion in Deutschland nach 1945:

  • Ulrich Conrads (Hrsg.): Die Städte himmeloffen. Reden und Reflexionen über den Wiederaufbau des Untergegangenen und die Wiederkehr des Neuen Bauens 1948/49. Birkhäuser Architektur, Stuttgart 2002, ISBN 3-7643-6903-5. (darin u.a. Rudolf Steinbach: Die Alte Brücke in Heidelberg und die Problematik des Wiederaufbaus. S. 171 ff.)

Zur aktuellen Diskussion um die Legitimität der Rekonstruktion in der Architektur:

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Rekonstruktion (Architektur) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Mörsch, 1989.
  2. Daniel Buggert: Verteidigung der Baugeschichte gegen ihre Liebhaber. in: archimaera (Heft 2/2009)
  3. http://it.custodia.org/default.asp?id=1815
  4. Stari Most
  5. Léon Pressouyre: Merveilles médiévales. In: Les cahiers de science et vie.Nr. 91 (Themenheft: Sept merveilles pour faire un monde) 2006, ISSN 1157-4887, S. 78–81. Gabi Dolff-Bonekämper: Mostar. Un pont suspendu dans l’histoire. In: Les cahiers de science et vie.Nr. 91 (Themenheft: Sept merveilles pour faire un monde) 2006, ISSN 1157-4887, S. 100–103.
  6. Decision – 29COM 8B.49 – Nominations of Cultural Properties to the World Heritage List (The Old Bridge area of the Old City of Mostar)
  7. Sieben Altstadthäuser sollen rekonstruiert werden. FAZ vom 7. Mai 2007 zum Beschluss der Stadt Frankfurt bzgl. der Altstadt.
  8. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatMaic Masuch, Bert Freudenberg: Pfalz. Institut für Simulation und Graphik der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, abgerufen am 18. Februar 2008.
  9. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVirtuelle Rekonstruktion Aula regia. Forschungsstelle Kaiserpfalz Ingelheim, abgerufen am 18. Februar 2008.
  10. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatSynagogen-Internet-Archiv. Abgerufen am 18. Februar 2008.
  11. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatInteraktives 3D-Modell des Zwanfsarbeiterlagers. In: Projekt „NS-Zwangsarbeit in Berlin“. Berliner Geschichtswerkstatt e.V., abgerufen am 6. Juni 2008.