Nida (Litauen)

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Nida/Nidden
Wappen
Wappen
Staat: Litauen Litauen
Bezirk: Klaipėda
Gegründet: vor 1385
Koordinaten: 55° 18′ N, 21° 0′ O55.30369166666721.006105555556Koordinaten: 55° 18′ N, 21° 0′ O
 
Einwohner (Ort): 1 178
Zeitzone: EET (UTC+2)
Telefonvorwahl: (+370) 469
Postleitzahl: 93121 Neringa, Nida
 
Status: Ortschaft,
Sitz der Gemeinde Neringa
 
Nida/Nidden (Litauen)
Nida/Nidden
Nida/Nidden
Lage von Nida auf der Kurischen Nehrung
Blick auf Nida von der Hafenmole aus
Ortsmitte von Nida
Die evangelische Kirche in Nida von 1888 (2006)
Blick von der Hohen Düne
Thomas-Mann-Haus auf dem sogenannten Schwiegermutterberg

Nida (deutsch Nidden) ist eine Ortschaft in Litauen und Sitz der Gemeindeverwaltung der Kurortgemeinde Neringa auf der Kurischen Nehrung an der Ostsee. Der Ort befindet sich auf der Haffseite der Nehrung.

Geschichte[Bearbeiten]

Nida war ursprünglich, wie die ganze Kurische Nehrung, vom baltischen Volk der Kuren besiedelt. Erste urkundliche Erwähnung fand Nida 1385 in Dokumenten des Kreuzritterordens. Die ursprüngliche Lage des Ortes bis 1675 lag gut fünf Kilometer weiter südlich jenseits der Hohen Düne am Grabscher Haken (prußisch grabis = Berg). Die zweite Dorflage von Nidden – verursacht durch Versandung – befand sich von etwa 1675 bis in die 1730er Jahre direkt am Haffstrand, etwa auf der Höhe des Grabscher Haken. Der Name Nidden leitet sich ab von prußisch neid, nid, nida: fließen, auf- und abtauchen.

Nidden lag an der Poststraße von Königsberg nach Memel.

1709 wurde nahezu die gesamte Bevölkerung von Nidden durch die Pest dahingerafft. Der von Agnes Miegel in ihrem Gedicht Die Frauen von Nidden geschilderte Pestfriedhof liegt etwas südlich der zweiten Ortslage.

Durch nochmalige Versandung war man 1730 erneut gezwungen, den Ort vor der Parnidis-Düne ein drittes Mal aufzubauen. Nida wurden die kleinen Dörfer Skruzdynė (nehrungs-kurisch „skruzde“: Ameise) und Purwin (prußisch purwins: schmutziger Ort, Sumpf; litauisch Purvynė) angegliedert. Heute ist Nida mit 1500 ständigen Einwohnern die größte Ortschaft der Kurischen Nehrung. Nida liegt 48 Kilometer von Klaipėda und vier Kilometer von der Grenze zur Russischen Föderation entfernt.

Bis 1919 gehörte Nidden zum Deutschen Reich; mit Abschluss des Vertrages von Versailles 1919 wurde der Ort dem Völkerbund-Mandatsgebiet Memelland zugeteilt (mit Grenze gegen Ostpreußen einige Kilometer südlich, etwa an der heutigen Grenze gegen die russische Kaliningradskaja Oblast im Bereich der Hohen Düne, Parnidžio Kopa); ab 1923 bis 1939 gehörte es zum unabhängigen Litauen, 1939–1945 wieder zum Deutschen Reich und ab 1945 bis 1990 zur Litauischen Sozialistischen Sowjet-Republik, ab 1990 zum erneut unabhängigen Litauen.

Fast alle Einwohner von Nidden – wie der gesamten Kurischen Nehrung – flüchteten 1944/45 vor der anrückenden Roten Armee nach Westen. Die sowjetischen Truppen besetzten Nidden im Februar 1945. Die Evangelisch-Lutherische Fischerkirche wurde restlos geplündert, der alte Fischerfriedhof mit seinen hölzernen kurischen Grabdenkmälern (Kurenkreuze) verwüstet, die Bilder und die Bildersammlung von Ernst Mollenhauer von Soldaten verheizt. Die schweren hölzernen Fischerkähne, die Kurenkähne mit ihren charakteristischen Wimpeln, wurden im Haff versenkt.[1] Die Kurische Nehrung mit Nida wurde militärisches Sperrgebiet, hermetisch abgeriegelt bis 1961. Die Neubesiedlung erfolgte mit bisherigen Bewohnern anderer Sowjetrepubliken, nicht vorrangig mit Litauern.

Besonders nach Erlangung der litauischen Unabhängigkeit 1991 wurde ein sehr erfolgreicher Wieder- und Neuaufbau von Nida betrieben, beflügelt nicht zuletzt durch den Tourismus.

Kirchen[Bearbeiten]

Evangelisch[Bearbeiten]

Kirchengebäude[Bearbeiten]

Die evangelische Kirche in Nida[2][3][4] wurde neben dem alten Friedhof auf einer kleinen Anhöhe gebaut und steht noch heute. Im Oktober 1888 wurde das Gotteshaus in gotischem Stil aus roten Ziegelsteinen errichtet. Der Altar und die Kanzel sollen aus der von Versandung bedrohten Kirche in Kunzen (russisch: Krasnoretschje, nicht mehr existent) stammen. Eine markante Holzdecke sowie Fensterglasmalereien bestimmen das Kircheninnere. Die Altarwand besteht aus einem Bild von Erika Freyer-Henkel und zeigt die Rettung des untergehenden Petrus durch Jesus. Die Orgel ist ein Werk des Orgelbaumeisters Gebauer aus Königsberg (Preußen). Die beiden Altarleuchter stiftete Kaiserin Auguste Viktoria. Während der Zeit der Sowjetunion fand die Kirche eine zweckentfremdete Nutzung als Heimatmuseum. Heute ist sie wieder Gotteshaus, in dem in den Sommermonaten Gottesdienste in deutscher Sprache gehalten werden.

Kirchengemeinde[Bearbeiten]

Vor Gründung einer Kirchengemeinde im einstigen Nidden gehörte das Dorf erst zum Kirchspiel des untergegangenen Dorfes Kunzen (russisch: Krasnoretschje), ab 1797 zur Pfarrei Schwarzort (heute litauisch: Juodkrantė). Von 1812 an wurden Gottesdienste in einem Wohnhaus gehalten, das noch bis in die 1860er Jahre als Pfarr- und Schulhaus diente. 1847 wurde eine selbständige Kirchengemeinde mit eigener Pfarrstelle errichtet und 1854 mit den Nachbarorten Preil (heute litauisch: Preila) und Perwelk (Pervalka) zu einem Kirchspiel zusammengefasst, das bis 1945 bestand und zum Kirchenkreis Memel (Klaipėda) innerhalb der Kirchenprovinz Ostpreußen der Kirche der Altpreußischen Union gehörte. In den 1990er Jahren wurde das kirchliche Leben aktiviert, sodass heute in Nida eine angesehene Gemeinde der Evangelisch-lutherischen Kirche in Litauen besteht.[5]

Pfarrer in Nidden (1847–1945)[Bearbeiten]

Zwischen 1847 und 1945 amtierten (bei etlichen Vakanzzeiten) in Nidden 19 evangelische Geistliche:[6]

  • Gustav Egbert Sylla, 1847–1855
  • Johann Pipirs, 1861–1863
  • Albert Fr. Th. Hoffheinz, 1863–1868
  • Christoph G. E. Pohl, 1868–1873
  • August Jussas, 1873–1876
  • Karl Gustav Julius Echternach, 1876–1894
  • Hermann Robert Jopp, 1894–1903
  • Arthur Bruno Heinrich Pipirs, 1903–1906
  • Franz Großjohann, 1906–1913
  • Eduard Kittlaus, 1915–1918
  • Johannes Magnus, 1918–1923
  • Paul Schencke, 1923–1925
  • Georg Henkys, 1927–1929
  • Ewald Edelhoff (Vikar), 1929–1930
  • Johannes Kypke, 1930–1935
  • Bruno Ribbat (Vikar), 1936–1937
  • Johann Buttgereit (Vikar), 1936–1940
  • Walter Pallentin, 1942–1943
  • Waldemar Küther, 1943–1945

Katholisch[Bearbeiten]

Die katholische Kirche in Nida, 2004

2003 wurde in der Ortsmitte eine katholische Kirche errichtet.[7] Sie entstand nach den Plänen der Nidaer Architekten Ričardas Krištapavičis und Algimantas Zaviša und heißt Maria, Hilfe der Christen. Das holzverkleidete Gotteshaus mit großen Klarglas-Fensterflächen trägt ein Schilfdach. Der offene Dachreiter mit der Glocke und einem hohen Kreuz ist weithin sichtbar. Die Gemeinde gehört zum Bistum Telšiai.

Persönlichkeiten[Bearbeiten]

Mit dem Ort verbunden[Bearbeiten]

  • Thomas Mann (1875–1955), deutscher Schriftsteller, arbeitete und erholte sich in Nidden zwischen 1929 und 1932
  • Ernst Mollenhauer (1892–1963), deutscher Landschaftsmaler, lebte und arbeitete von 1924 bis 1925 in Nidden

Wirtschaft[Bearbeiten]

Der mit Abstand wichtigste Wirtschaftszweig in Nida ist der Fremdenverkehr. Der Ort gilt als der bekannteste Anziehungspunkt für ausländische Touristen in Litauen. Die Besucher kommen zum einen aus Litauen, zudem aus Deutschland, Skandinavien und dem übrigen Baltikum. In Nida befindet sich eine gut ausgebaute gastronomische Infrastruktur und viele Hotels unterschiedlicher Preiskategorien. Daneben gibt es ein dichtes Netz an Wanderwegen, Fahrradwegen und Campingmöglichkeiten.

Verkehr[Bearbeiten]

Nida liegt fünf Kilometer nördlich der Grenze zur russischen Oblast Kaliningrad (Gebiet Königsberg (Preußen)). Westlich des Dorfes verläuft die Regionalstraße KK 167, die auf russischer Seite in die Fernstraße R 515 übergeht und auf diese Weise Klaipėda (Memel) mit Selenogradsk (Cranz) verbindet.

Es fahren täglich mehrere Linienbusse vom zentral gelegenen Busbahnhof aus nach Klaipėda und weiter nach Kaunas, Vilnius (deutsch Wilna) und Liepāja (deutsch Libau). Außerdem existiert eine Busverbindung auf die russische Seite der Nehrung.

Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten]

Sonnenkalender auf der Großen Düne
Gedenktafel am Sommerhaus Thomas Manns
  • Landschaft

Als Hauptattraktion von Nida gilt die landschaftlich reizvolle Lage an der Haffküste der Kurischen Nehrung. Um Nida herum gibt es viele Wälder, Heide- und Dünengebiete. Unter anderem befindet sich hier die nach der Dune du Pyla bei Arcachon zweithöchste Düne Europas, die Hohe Düne.

  • Künstlerkolonie

Mit der Entstehung des Expressionismus ab 1900 zog es eine Vielzahl von Künstlern nach Nidden, unter ihnen so bekannte Maler wie Lovis Corinth, Max Pechstein und Karl Schmidt-Rottluff. Um den damaligen Treffpunkt dieser Maler, den Gasthof Blode, entstand die Künstlerkolonie Nidden; dieser Gasthof existiert unter dem Namen Nidos Smilte heute noch.

  • Thomas-Mann-Ferienhaus

das 1929 erbaute ehemalige Ferienhaus von Thomas Mann, in dem der Dichter − bei großartigem Ausblick über das Haff − die Sommerferien von 1930 bis 1932 mit seiner Familie verbrachte und gleichzeitig an seinem Josephsroman arbeitete (Thomas Manns Sommerhaus ist heute Museum),

  • Bernsteinmuseum
Lovis Corinth: Kirchhof in Nidden, 1893
  • Alter Friedhof

mit den typischen Kurenkreuzen

  • Fischermuseum

ein typisches Haus einer vor hundert Jahren in Nida ansässigen Fischerfamilie.

  • Strandpromenade

Nida hat eine sehenswerte Strandpromenade und einen Jachthafen mit Ausblick auf die Hohe Düne.

  • Gedenkstätte Segelflug

Südlich von Nida liegt östlich im Wald – von der Hohen Düne aus zu sehen – eine Gedenkstätte für die Pioniere des litauischen Segelflugs. Hier befindet sich ein Denkmal, das den deutschen Weltrekord-Segelflieger Ferdinand Schulz würdigt.

Literatur[Bearbeiten]

  • Grasilda Blažiene: Hydronymia Europaea, Sonderband II, Die baltischen Ortsnamen. Wolfgang Schmid Hrsg., Steiner Verlag, Stuttgart 2000.
  • Georg Gerullis: Die altpreußischen Ortsnamen. Berlin, Leipzig 1922.
  • Frido Mann: Mein Nidden. Auf der Kurischen Nehrung. mare-Verlag, Hamburg 2012, ISBN 978-3-86648-148-0.
  • Hans-Heinrich Mittelstaedt: Geschichte der Familie Epha (1641–1970). Hamburg 1979.
  • H. und G. Mortensen: Die Besiedlung des nördlichen Ostpreußen bis zum Beginn des 17.Jh., in Deutschland und der Osten. Die preußisch-deutsche Siedlung am Westrand der Großen Wildnis um 1400. Bd. 8, Leipzig 1937.
  • Richard Pietsch (künstlerischer Entwurf und Text): Bildkarte rund um das Kurische Haff. Heimat-Buchdienst Georg Banszerus, Höxter, Herstellung: Neue Stalling, Oldenburg.
  • Richard Pietsch: Fischerleben auf der Kurischen Nehrung dargestellt in kurischer und deutscher Sprache. Verlag Ulrich Camen, Berlin 1982.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Nida – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikivoyage: Nida – Reiseführer

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Frido Mann: Mein Nidden. Auf der Kurischen Nehrung. mare-Verlag, Hamburg 2012, ISBN 978-3-86648-148-0, S. 136–137
  2. Nidden-GenWiki
  3. Ute Lauzeningks, Nidden – Ein Dorf auf der Kurischen Nehrung
  4. P. Pfaender, Nida/Nidden im Memelland (Ostpreußen)
  5. Evangelisch-lutherische Kirche von Nida
  6. Friedwald Moeller, Altpreußisches evangelisches Pfarrerbuch von dr Reformation bis zur Vertreibung im Jahre 1945. Hamburg, S. 102–103
  7. Katholische Kirche in Nida; Bilder der Kirche