Queer-Theorie

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Die Queer-Theorie (engl. queer theory) ist eine Anfang der 1990er Jahre in den USA entwickelte Kulturtheorie, die den Zusammenhang von biologischem Geschlecht (engl. sex), sozialen Geschlechterrollen (engl. gender) und sexuellem Begehren (engl. desire) kritisch untersucht.

Theorem[Bearbeiten]

Die Queer-Theorie geht davon aus, dass die geschlechtliche und die sexuelle Identität nicht „naturgegeben“ sind, sondern erst in sozialen und kulturellen Prozessen konstruiert werden. Unter Rückgriff auf die Methoden und Erkenntnisse von Dekonstruktion, Poststrukturalismus, Diskursanalyse und Gender Studies versucht die Queer-Theorie, sexuelle Identitäten, Machtformen und Normen zu analysieren und zu dekonstruieren. Als wichtige Theoretiker und Vordenker gelten u. a. Michel Foucault, Judith Butler, Eve Kosofsky Sedgwick und Michael Warner. Die Anwendung der Queer-Theorie in einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen bezeichnet man als Queer Studies.

Die neuere Queer-Theorie beschäftigt sich nicht nur mit der Dekonstruktion von Sexualität, sondern mit allen Aspekten der Kultur in Bezug auf Geschlechter und Geschlechterrollen und eventuell daraus resultierenden Ausbeutungsverhältnissen. Als einer der wichtigsten Punkte wird dabei die radikale Offenheit des Begriffes queer genannt, der in zahlreichen Debatten immer wieder durch Gruppen neu angeeignet werden müsse, die inkludiert werden wollen (z. B. schwarze Lesben, die aus dem Landproletariat kommen; heterosexuelle Sympathisanten queerer Einstellungen usw.). Diese Definition von queer als „radikale Offenheit durch immer wiederkehrende Reinterpretation des Begriffes“ ist nur eine mögliche Definition von queer. Dieser Definition ist immanent, missbraucht werden zu können; zum Beispiel von politischen Gruppen, die seine Offenheit einzuschränken versuchen (z. B. queer als Synonym für LesBiSchwul und transgender-Menschen usw.), oder von apolitischen Gruppierungen, die diese als „Spaßbezeichnung“ verwenden.

Eines der zentralen Themen der Queer-Theorie ist die Sprachphilosophie bzw. Sprechakttheorie, die schon bei der Bezeichnung „Queer-Theorie“ eine Rolle spielt, nämlich in der Wiederaneignung der ursprünglich abwertenden Bezeichnung queer, und der Versuch, diese in einen neuen Kontext zu setzen.

Vorgeschichte[Bearbeiten]

Ein wichtiger, von vielen englischsprachigen Autoren ignorierter Vordenker ist Magnus Hirschfeld, der um 1900 herum noch von einem biologisch-medizinischen Standpunkt aus versuchte, die Dichotomie, also die strikte Zweigliedrigkeit der Geschlechter, zu widerlegen. Die Anthropologin Margaret Mead zeigt ab 1931 die kulturelle Variabilität der Geschlechterrollen. In seiner Geschichte der Sexualität (Sexualität und Wahrheit, Bd. 1–3) argumentiert später der Philosoph Michel Foucault, dass zweigeschlechtliches Denken und im Besonderen die Auffassungen über Sexualität und Homosexualität nicht auf natürlichen Gegebenheiten beruhen, sondern durch soziale und historische Gegebenheiten entstanden seien.

Zentral für die Entstehung der Queer-Theorie ist die queere Bewegungsgeschichte. So zeigte sich bereits in den Kämpfen um das Stonewall Inn in den 1960er Jahren, dass in der Bar Stonewall Inn diejenigen verkehrten, die auch aus den Bars der Mittelklasse-Schwulen und -Lesben ausgeschlossen waren: obdachlose Jugendliche, Trans*-Personen, insbesondere of Color.[1][2] Sie waren es, die die Kämpfe mit der Polizei (Stichwort: Stonewall) trugen. Hingegen wurde es in den schwulen (und lesbischen) Kämpfen bereits seit den 1970er Jahren wichtig, dass Menschen sich eindeutig geschlechtlich identifizierten - Trans*-Personen wurden z. B. aus der Gay Activists Alliance 1973 ausgeschlossen, weil die Mainstream-Schwulen und -Lesben fanden, dass sie, eindeutig geschlechtlich und sexuell identifiziert, bessere Chancen zur Durchsetzung eines Antidiskriminierungsgesetzes hätten.[3] Auch in den 1980er Jahren, in der Queer-Bewegung, versammelten sich diejenigen, die vom lesbischen und schwulen Mainstream ausgeschlossen waren. Sie nannten sich „in Abgrenzung zu weißen Mittelklasse-Schwulen und [-]Lesben ‹queer› [...], lange bevor deren akademische Nachfahren sich diese Identität aneigneten“.[4][5]

Dekonstruktion und Selbstdefinition[Bearbeiten]

Das bevorzugte methodische Werkzeug innerhalb der Queer-Theorie ist die Dekonstruktion. Die Offenheit des Begriffs queer wurzelt in der dekonstruktivistischen Praxis, nach dem Ausgeschlossenen zu fragen und sich selbst durch Inklusion des Außenstehenden zu erweitern. Dem universalistischen Anspruch von queer sind trotzdem Grenzen gesetzt. Queer-Theorien gehen davon aus, dass Menschen sich selbst definieren sollen und dass diese Selbstdefinition die einzig gültige „Identitätserklärung“ ist. Dekonstruktion schließt an den Autor Jaques Derrida an, der einerseits sprachliche Zeichen und ihre Bedeutung für die Wahrnehmung, Beschreibung und Herstellung von Wirklichkeit fokussierte, sie andererseits klar mit der Utopie einer besseren Gesellschaft verband. So veröffentlichte er zu einem Zeitpunkt, als eine Alternative jenseits des Kapitalismus als gescheitert schien, mit dem Buch Marx' Gespenster eine deutliche Positionierung zu Utopie und zu Gerechtigkeitsvorstellungen im Anschluss an Karl Marx.[6]

Hauptthemen der Queer-Theorie[Bearbeiten]

Identitätspolitik[Bearbeiten]

Eine der Wurzeln moderner Queer-Theorien liegt in den AIDS-Kampagnen der 1980er Jahre. Die bis dahin von lesbischwulen Organisationen (z. B. der Gay Liberation Front) vertretene Politik von Identität erwies sich im Zuge der Ausbreitung der Krankheit als inadäquat: Nicht „der Schwule“ und „die Lesbe“ (sofern sich in Bezug auf AIDS-Kampagnen Schwule und Lesben überhaupt zusammenfassen lassen können) sind von AIDS gefährdet, sondern auch andere, marginalisierte Sexualitäten, wie z. B. MSM (Männer, die Sex mit Männern haben). Eine identitätspolitische AIDS-Aufklärungskampagne würde diese heterogenen und sich selbst oft (noch) nicht einmal als „Gruppe“ bezeichnenden Gruppen nicht erreichen.

Im Zuge des EssentialismusKonstruktivismus-Streits der 1980er und frühen 1990er Jahre wurde der Standpunkt, Identitätspolitik als veraltet zu sehen, dadurch erweitert, dass der Konstruktivismus auch von naturwissenschaftlicher (neurologischer) Seite Unterstützung erhielt: Wenn es keine Essenz, kein Wesen von Subjekten gibt, dann gibt es auch nicht die typische Lesbe bzw. den typischen Schwulen. Diese Entwicklung innerhalb der bis dahin als homogen aufgetretenen Gruppe der Schwulen und der der Lesben (oder auch der der Homosexuellen) kann dadurch erklärt werden, dass andere Faktoren, wie ethnische Zugehörigkeit, Klasse oder Religion als identitätsverwirrend bzw. -erweiternd hinzukamen und die Menschen sich Dank der neuen Situation einer freundlicheren Umgebung (mehr gesellschaftliche Toleranz, beginnende Gleichstellung vor dem Gesetz) nicht mehr in (vermeintlich) einheitlichen Gruppen zusammenfinden mussten. Die widersprüchlichen Ansichten, Weltanschauungen und Einstellungen innerhalb der Lesben- und Schwulenbewegung kamen also zum Vorschein und destabilisierten sie – ein neues Konzept musste her.

Einen weiteren Ansatz für Kritik an der herkömmlichen Identitätspolitik lieferten außerdem (u. a.) Michel Foucault und David Halperin, die eine Historisierung von Geschlecht, Geschlechterrollen und Sexualität betrieben. (Homo-)Sexuelle Identität war nicht zu jeder Zeit das, was man sich heutzutage darunter vorstellt, und abhängig von den jeweiligen gesellschaftlichen Rahmen- und Denkbedingungen: Ohne die Idee von Unterdrückung oder einer Theorie sexueller Orientierung fühlten sich „Homosexuelle“ vor Karl Heinrich Ulrichs zwar vielleicht unpassend, kriminell, abartig oder einfach unangenehm, aber nicht unterdrückt. Die Historisierung, also das „Vergeschichtlichen“ vermeintlich fixer und natürlicher Ausgangsgedanken und kulturanthropologischer Untersuchungen, zeigt, dass die europäische, moderne Konzeption der Zweigeschlechtlichkeit und Liebe nur eine von vielen gleichberechtigten und gleichursprünglichen Konzeptionen von Sexualität ist, und macht sie – auf Basis des Konstruktionsgedanken – verwundbar. Eine der ersten Autorinnen, die dieses Thema erkennt und explizit aufgreift, ist Judith Butler, die von subversiver Performanz spricht, um klassische Rollenbilder zu untergraben. Butler ist der Meinung, dass Identität zwar sozial konstruiert ist, jedoch nicht beliebig sein kann, man sie also nicht jeden Tag wechseln kann wie Kleidung.

Kritik an der Identitätspolitik nicht-queerer Homosexuellenorganisationen kam aber nicht nur aus der Theorie. Dreifach und mehrfach diskriminierte Randgruppen (schwarze Lesben – diskriminiert aufgrund Rasse, sexueller Orientierung und Geschlecht) kritisierten die etablierte Ordnung innerhalb der Organisationen, deren Vordermänner eben meistens weiße Männer ohne Behinderung waren, und drängten in den Mittelpunkt. Auch in feministischen Kreisen konnte nun die Vormachtstellung der weißen, besitzenden Frau in Frage gestellt werden, und Rollenbilder innerhalb der feministischen und queeren Bewegung(en) wurden und werden erweitert. Aus queerer, nicht-identitätspolitischer Sicht ist es für eine Putzfrau ebenso wie für eine Prostituierte möglich, Frauenrechte innerhalb der Frauenbewegung zu fordern, auch wenn sie nicht dem Bild einer emanzipierten, modernen Frau entsprechen.

Queers of color weisen hierbei auf einen Zusammenhang von Rasse und Gender hin, zwei Konzepte, die nicht unabhängig voneinander analysiert werden können. Fatima El-Tayeb zeigt auf, wie eng Sexualität mit dem Konzept Rasse verbunden ist. Nach Ann Stoler wurde Sexualität im westlichen Denken nach dem Konzept Rasse modelliert. Vor dem Hintergrund wird hier auch eine weiße queer identity kritisch untersucht, wenn in der Queer-Theorie „trotz des einschließenden, grenzüberschreitenden Anspruchs … Weißsein zu oft als unhinterfragte Norm gesetzt“ wird, „statt als ‚Kopie ohne Original‘“ (Fatima El-Tayeb).[7]

Materialitätsdiskussion[Bearbeiten]

Ein oft geäußerter Vorwurf gegenüber der Queer-Theorie ist, es gebe „Materialität“ beispielsweise in Form binärer Geschlechter – und die Queer-Theorie würde sich nicht ausreichend damit auseinandersetzen. Mit Verweis auf Butler wird entgegnet, „wissenschaftliche Erkenntnisse“ (auch naturwissenschaftliche) wären gesellschaftlich hergestellt. Es wird darauf abgestellt, dass materielle Körper ihre Bedeutung erst in gesellschaftlichen Kontexten erlangen. Ihre Kategorisierung in Geschlechtskörper sei selbst schon gesellschaftliche Praxis, in den Körpern also nicht als Essenz zu finden und damit vorgesellschaftlich „natürlich“. Dies gelte es für eine Queer-Theorie herauszuarbeiten und dabei nicht selbst in solche biologistischen Argumentationen zu verfallen (vgl. Voß, 2008; Voss, 2011).

Eindeutige binärgeschlechtliche Zeichen seien von vielfältigen Faktoren abhängig. So würden bspw. zur Ausprägung des Genitaltraktes des Menschen Einflüsse von 19 verschiedenen Genen auf mehreren Chromosomen beschrieben. Es gäbe also nicht „die Geschlechtschromosomen“ X und Y, sondern auch die Chromosomen 1, 9, 11…, die als an der Ausprägung des „Genitaltraktes“ beteiligt beschrieben würden. (vgl. Schmitz, 2006; Voss, 2011). Dieses ließe sich auch für weitere Merkmale beschreiben. Die Sexualhormone Östrogen häufig auch als „weibliches Geschlechtshormon“ und Testosteron, häufig auch als „männliche Geschlechtshormon“ bezeichnet, komme in unterschiedlichen Konzentrationen bei weiblichen und männlichen Individuen vor und werden von einigen Wissenschaftlern eher den Wachstumshormonen zugeordnet (vgl. Ebeling, 2006). Dem wird entgegengehalten, diese seien – abhängig von ihrem Verhältnis – wesentlich für die androgenisierende Wirkung.

Anne Fausto-Sterling vertritt die Auffassung, die Ausprägung „materieller Körper“ wäre gesellschaftlich hergestellt. So würden frühe Trainingsmöglichkeiten, Ernährung, Bewegung auch auf Muskulatur, Fettansatz, Knochenbau wirken. Fausto-Sterling behauptet, dass bei gleichen Möglichkeiten für Mädchen und Jungen, sich zu bewegen, sich zu raufen etc. sich auch die materiellen Körper gleichen würden. (vgl. Fausto-Sterling, 1988; Fausto-Sterling, 2005). Es wird kritisiert, dass dieses Beispiel die muskelaufbauende Wirkung von Testosteron unterschlägt, die dazu führt, dass Männer bei gleichem Training mehr Muskelmasse aufbauen.

Queere Kapitalismuskritik[Bearbeiten]

Gerade im deutschsprachigen Raum waren Theoretikerinnen und Aktivistinnen des klassischen Feminismus sehr zögerlich, die Anregungen queerer Theoretiker aufzunehmen. Wesentliche Akteurinnen der Zurückweisung queerer Debatte waren in den 1990er Jahren die Feministischen Studien und waren und sind u. a. Barbara Duden, Gudrun Axeli-Knapp, Tove Soiland, Roswitha Scholz, Andrea Trumann. Sie verwiesen oft relativ pauschal auf eine neoliberale Entwicklung der Gesellschaft, zu der auch eine Vervielfältigung der Lebensweisen gut passe. Queer sei damit eher eine 'Ausbildungsform' neoliberaler Ideologie. Queere Theoretiker wie Antke Engel, Fatima El-Tayeb, Jin Haritaworn, Volker Woltersdorff und Nancy Peter Wagenknecht verwiesen hingegen auf das Potenzial von Queer-Theorie, Ausschlüsse, an denen auch der schwule, lesbische und feministische Mainstream klar geschlechtlich und sexuell identifizierter weißer Personen beteiligt ist, sichtbar zu machen.[8][9] Die feministische Friedens- und Konfliktforschung weist darauf hin, dass nicht nur Queer in Herrschaftsweisen integrierbar sei und partiell integriert werde, sondern das auch für den 'klassischen Feminismus' gelte.[10] Frauenrechte und Rechte sexueller Minderheiten würden zunehmend für die Durchsetzung imperialer Machtansprüche instrumentalisiert. Dass Queer von Beginn der Bewegungsgeschichte an herrschaftskritisches Potenzial enthält, emanzipatorische Praxen ermöglicht und sich gegen Kapitalismus wendet, zeigen aktuelle Veröffentlichungen, die sich den Überschneidungen von Geschlecht (und Geschlechternorm), Rassismus und Klassenverhältnissen im Kapitalismus zuwenden und – unterschiedliche – Vorschläge für herrschaftskritisches, gegen Kapitalismus gewandtes Streiten unterbreiten.[11][12]

Wissenschaftskritik[Bearbeiten]

Die Queer-Theorie kritisiert an der traditionellen Wissenschaft, Übergänge in der Wirklichkeit zu ignorieren, die Wirklichkeit in konstruierte diskrete Einzel-Phänomene zu zerlegen und somit das Bild einer homogenen, allumfassend erfahr- und erklärbaren Welt zu suggerieren. Des Weiteren übt die Queer-Theorie Kritik an der postulierten Objektivität und Universalität (vor allem natur-)wissenschaftlicher Forschungsergebnisse.

Wichtige Vertreter[Bearbeiten]

In ihrem Essay „The Straight Mind“ greift Monique Wittig diese Gedanken auf und kritisiert traditionelle und feministische Denkmodelle über das Geschlechterverhältnis gleichermaßen, da sie beide auf der heterosexuellen Grundannahme (straight mind bedeutet 'heterosexueller Geist') beruhten, dass es zwei deutlich voneinander zu trennende Geschlechter gebe; Geschlechtergrenzen seien vielmehr zu verwischen, da sie nur konstruiert seien (Heteronormativität). Diese Auffassung, die von Judith Butler aufgegriffen und ausgebaut wird, erklärt die auch in Deutschland zu beobachtende Sichtbarmachung des weiblichen Geschlechts als eine dem straight mind entsprungene Idee. Dieser Kritik wird jedoch entgegnet, dass nicht etwa die biologischen Geschlechter sichtbar gemacht werden sollen, sondern die existierenden Kategorien, die zu Ungleichbehandlungen führen.

Weitere wichtige Vertreter sind David Halperin, der sich mit der Geschichte der Homosexualität befasst, Eve Kosofsky Sedgwick, die das Phänomen der Homophobie untersucht, sowie Teresa de Lauretis und Gayle Rubin.

Queer-Theorie im deutschsprachigen Raum[Bearbeiten]

Im deutschsprachigen Raum führt die Queer-Theorie im Vergleich zu den USA eher ein Schattendasein. Viele der grundlegenden englischsprachigen Texte sind bisher unübersetzt. 2001 publizierte die AG LesBiSchwule Studien/Queer Studies des AStA der Universität Hamburg die erste deutschsprachige Aufsatzsammlung zur Queer-Theorie unter dem Titel Jenseits der Geschlechtergrenzen.

In Hamburg existierte auch seit 2003 das interdisziplinäre Studienprogramm Gender und Queer Studies. Die Vertretungsprofessur für Queer-Theorie (angebunden an die Soziologie) war zwei Semester lang besetzt durch Antke Engel. Im Sommersemester 2005 lehrte Engel in Hamburg als erste von insgesamt drei Gastprofessorinnen zu Queer-Theorie. 2006 gründete sie das Institut für Queer Theory mit Sitz in Hamburg und Berlin. „Es widmet sich der Geschlechter- und Sexualitätenforschung sowie ihrer Vermittlung in Öffentlichkeit und Praxis. Anliegen des Instituts ist es, rigide zweigeschlechtliche und normativ heterosexuelle Geschlechterverhältnisse kritisch zu hinterfragen und zu verändern“ (Selbstdarstellung auf der Internetseite des Instituts). Im Jahr 2008 wurde der Studiengang „Geschlechterforschung“ in Hamburg wieder abgeschafft. Es gibt eine Handvoll weiterer Universitäten in Deutschland, die den Studiengang anbieten.

Weiterhin bedeutsam sind die Publikationen von Sabine Hark zur Dekonstruktion lesbisch-feministischer Identitäten (v. a. deviante Subjekte) und die Herausgabe einiger grundlegender amerikanischer Basistexte durch Andreas Kraß 2003 (Queer Denken).

Bedeutend sind die philosophisch-politischen Auseinandersetzungen zu Queer von Gudrun Perko, die in ihrem Buch „Queer-Theorie, 2005“ und ihren zahlreichen weiteren Artikeln (u. a. 2006) die plurale Variante von Queer Studies fokussiert und dabei Queer explizit in einen intersektionalen Zusammenhang (Intersektionalität) stellt. In diesem Kontext ist auch das Lehrbuch zu Gender und Queer von Leah Carola Czollek, Gudrun Perko und Heike Weinbach (2009) verfasst, das die Thematik mit dem Projekt Social Justice in Verbindung bringt.

Schließlich findet sich in Innsbruck mit Christine Klapeer eine weitere Vertreterin der (kritischen) Queer-Theory. Anders als Antke Engel kommt Klapeer aus dem ideenwissenschaftlichen Zweig der Politikwissenschaft. Im konservativen Tirol, zumal an der Universität Innsbruck, die sich immer stärker auf einige „wirtschaftliche Fachrichtungen“ konzentriert, konnte sich Klapeer jedoch trotz einer vielbeachteten Publikation nicht durchsetzen.

Allerdings wird das Angebot deutschsprachiger Literatur zum Thema „queer“ und vor allem zu den neueren Forschungsgedanken immer breiter. Zugleich lehnen führende schwule Bürgerrechtler, wie z. B. LSVD-Vertreter Jörg Steinert, den queeren Ansatz ab.[13]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • AG Queer Studies (Hrsg.): Verqueerte Verhältnisse. Intersektionale, ökonomiekritische und strategische Interventionen. Männerschwarm Verlag, Hamburg 2009, ISBN 978-3-939542-40-7.
  • Bruce Bawer (Hrsg.): Beyond Queer. Challenging Gay Left Orthodoxy. New York 1996. ISBN 0-684-82766-2.
  • Judith Butler: Bodies That Matter: On the Discursive Limits of "Sex". Routledge 1993
  • Judith Coffey, Katrin Köppert, LCavaliero mAnN*, Juliette Emerson, Roman*a Klarfeld, Daniela Müller, Jamie Huber, V. D. Emde: Queer leben – queer labeln? (Wissenschafts-)kritische Kopfmassagen. fwpf Verlag, Freiburg 2008, ISBN 978-3-939348-14-6.
  • Ján Demčišák: Queer als Theorie und rezeptionsästhetischer Ansatz. In: J. Demčišák: Queer Reading von Brechts Frühwerk. Tectum Verlag, Marburg 2012, ISBN 978-3-8288-2995-4[14]
  • Ján Demčišák: Wenn das Begehren liest... In: Slowakische Zeitschrift für Germanistik. ISSN 1338-0796, Roč. 4, č. 1 (2012), S. 90–96. online: PDF
  • S. Ebeling: Wenn ich meine Hormone nehme, werde ich zum Tier. Zur Geschichte der Geschlechtshormone. In: S. Ebeling, S. Schmitz (Hrsg.): Geschlechterforschung und Naturwissenschaften – Einführung in ein komplexes Wechselspiel. VS Verlag, Wiesbaden 2006, ISBN 3-531-14912-1. S. 235–246.
  • Fatima El-Tayeb: Begrenzte Horizonte. Queer Identity in der Festung Europa. In: Hito Steyerl, Encarnatión Gutiérrez Rodríguez (Hrsg.): Spricht die Subalterne deutsch? Migration und postkoloniale Kritik. Münster 2003, ISBN 3-89771-425-6.
  • Michel Foucault: Histoire de la sexualité. 3 Bände, 1970er Jahre. Gallimard, Paris 1994, ISBN 2-07-074070-6, ISBN 2-07-074673-9, ISBN 2-07-074674-7.
  • A. Fausto-Sterling: Gefangene des Geschlechts? Was biologische Theorien über Mann und Frau sagen. Piper, München 1988 (engl. 1985), ISBN 3-492-03129-3.
  • A. Fausto-Sterling: The Bare Bones of Sex: Part 1 – Sex and Gender. In: Signs: Journal of Women in Culture and Society. Band 30, 2005, S. 1491–1527.
  • Melanie Groß, Gabriele Winker (Hrsg.): Queer – Feministische Kritiken neoliberaler Verhältnisse. Münster 2007. ISBN 978-3-89771-302-4.
  • Matthias Haase, Marc Siegel, Michaela Wünsch (Hrsg.): Outside – Die Politik queerer Räume. b-books Verlag, Berlin 2005, ISBN 3-933557-25-9.
  • Judith Halberstam, David Eng, José Esteban Muñoz: What's Queer about Queer Studies Now? Duke University Press, Durham 2005, ISBN 0-8223-6621-5.
  • Elahe Haschemi Yekani, Beatrice Michaelis (Hrsg.): Quer durch die Geisteswissenschaften. Perspektiven der Queer Theory. Querverlag GmbH, Berlin 2005, ISBN 3-89656-118-9.
  • Marty Huber: Queering Gay Pride: Zwischen Assimilation und Widerstand. Wien 2013: Zaglossus, S.16f, 113ff. ISBN 978-3-902902-06-1
  • Andreas Kraß (Hrsg.): Queer Denken: Gegen die Ordnung der Sexualität. Frankfurt am Main 2003, ISBN 3-518-12248-7.
  • U. Heidel, S. Micheler, E. Tuider (Hrsg.): Jenseits der Geschlechtergrenzen. MännerschwarmSkript, Hamburg 2001, ISBN 3-935596-00-6.
  • Annamarie Jagose: Queer Theory. An Introduction. New York University Press, 1996, ISBN 0-8147-4234-3.
    • deutsche Übersetzung: Annamarie Jagose: Queer Theory. Eine Einführung. Querverlag GmbH, Berlin 2001, ISBN 3-89656-062-X.
  • Gudrun Perko: Queer-Theorien. Über ethische, politische und logische Dimensionen des plural-queeren Denkens. Papy Rossa, Köln 2005
  • Gudrun Perko: Queer-Theorien als Denken der Pluralität: Kritiken – Hintergründe – Alternativen – Bedeutungen. In: Quer. Lesen denken schreiben, Alice-Salomon-Fachhochschule, Nr. 12/06, Berlin 2006. S. 4–12. (online: PDF)
  • Leah Carola Czollek, Gudrun Perko, Heike Weinbach: Lehrbuch: Gender und Queer. Modul Soziale Arbeit. Juventa, Berlin 2009
  • Heike Raab: „Queer meets Gender“ – Prekäre Beziehung oder gelungene Koalition? Zum Verhältnis von Queer Theory und Genderforschung. In: H. Hertzfeldt, K. Schäfgen, S. Veth (Hrsg.): Geschlechter Verhältnisse – Analysen aus Wissenschaft, Politik und Praxis. Dietz Verlag, Berlin, S. 56–65 (online: PDF)
  • S. Schmitz: Geschlechtergrenzen. Geschlechtsentwicklung, Intersex und Transsex im Spannungsfeld zwischen biologischer Determination und kultureller Konstruktion. In: S. Ebeling, S. Schmitz (Hrsg.): Geschlechterforschung und Naturwissenschaften – Einführung in ein komplexes Wechselspiel. VS Verlag, Wiesbaden 2006, ISBN 3-531-14912-1, S. 33–56
  • Heinz-Jürgen Voß: Queer zwischen kritischer Theorie und Praxisrelevanz. In: H. Hertzfeldt, K. Schäfgen, S. Veth (Hrsg.): Geschlechter Verhältnisse – Analysen aus Wissenschaft, Politik und Praxis. Dietz Verlag, Berlin 2004, S. 66–76 (online: PDF)
  • Heinz-Jürgen Voß: Wie für Dich gemacht: die gesellschaftliche Herstellung biologischen Geschlechts. In: J. Coffey, K. Köppert, L. mAnN*, J. Emerson, R. Klarfeld, D. Müller, J. Huber, V. D. Emde (Hrsg.): Queer leben – queer labeln? (Wissenschafts-)kritische Kopfmassagen. fwpf Verlag, Freiburg 2008, ISBN 978-3-939348-14-6, S. 153–167
  • Heinz-Jürgen Voss: Geschlecht – Wider die Natürlichkeit. Reihe theorie.org. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2011. ISBN 3-89657-663-1.
  • Heinz-Jürgen Voß/Salih Alexander Wolter: Queer und (Anti-)Kapitalismus. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2013, ISBN 3-89657-668-2
  • Monique Wittig: The straight mind and other essays. Beacon Press, 1992, ISBN 0-8070-7917-0.
  • Salih Alexander Wolter: Stonewall revisited: Eine kleine Bewegungsgeschichte. In: Heinz-Jürgen Voß/Salih Alexander Wolter: Queer und (Anti-)Kapitalismus. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2013, S. 28 ff. ISBN 3-89657-668-2
  • Salih Alexander Wolter: Marx' Gespenster. In: Heinz-Jürgen Voß/Salih Alexander Wolter: Queer und (Anti-)Kapitalismus. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2013, S. 45 ff., ISBN 3-89657-668-2

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Jin Haritaworn: Am Anfang war Audre Lorde. Weißsein und Machtvermeidung in der queeren Ursprungsgeschichte. In: Femina politica 2005, 14 (1), S. 23–36
  2. Salih Alexander Wolter: Stonewall revisited: Eine kleine Bewegungsgeschichte. In: Heinz-Jürgen Voß/Salih Alexander Wolter: Queer und (Anti-)Kapitalismus. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2013, S.28 ff. ISBN 3-89657-668-2
  3. Salih Alexander Wolter: Stonewall revisited: Eine kleine Bewegungsgeschichte. In: Heinz-Jürgen Voß/Salih Alexander Wolter: Queer und (Anti-)Kapitalismus. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2013, S. 28 ff. ISBN 3-89657-668-2
  4. Jin Haritaworn: Am Anfang war Audre Lorde. Weißsein und Machtvermeidung in der queeren Ursprungsgeschichte. In: Femina politica 2005, 14 (1), S. 23–36
  5. Salih Alexander Wolter: Stonewall revisited: Eine kleine Bewegungsgeschichte. In: Heinz-Jürgen Voß/Salih Alexander Wolter: Queer und (Anti-)Kapitalismus. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2013, S. 28 ff., ISBN 3-89657-668-2
  6. Salih Alexander Wolter: Marx' Gespenster. In: Heinz-Jürgen Voß/Salih Alexander Wolter: Queer und (Anti-)Kapitalismus. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2013, S.45ff. ISBN 3-89657-668-2
  7. Fatima El-Tayeb: Begrenzte Horizonte. Queer Identity in der Festung Europa. In: Hito Steyerl, Encarnatión Gutiérrez Rodríguez (Hrsg.): Spricht die Subalterne deutsch? Migration und postkoloniale Kritik. Unrast-Verlag, Münster 2003. [1]
  8. Fatima El-Tayeb: Begrenzte Horizonte. Queer Identity in der Festung Europa. In: Hito Steyerl, Encarnatión Gutiérrez Rodríguez (Hrsg.): Spricht die Subalterne deutsch? Migration und postkoloniale Kritik. Unrast-Verlag, Münster 2003
  9. Heinz-Jürgen Voß/Salih Alexander Wolter: Queer und (Anti-)Kapitalismus. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2013, ISBN 3-89657-668-2
  10. Bettina Engels und Corinna Gayer (Hrsg.): Geschlechterverhältnisse, Frieden und Konflikt: Feministische Denkanstöße für die Friedens- und Konfliktforschung. Nomos Verlag, Baden-Baden 2011
  11. Marty Huber: Queering Gay Pride: Zwischen Assimilation und Widerstand. Zaglossus, Wien 2013, S. 16 f., 113 ff. ISBN 978-3-902902-06-1
  12. Heinz-Jürgen Voß/Salih Alexander Wolter: Queer und (Anti-)Kapitalismus. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2013, ISBN 3-89657-668-2
  13. »die tageszeitung« vom 15. Mai 2012, eingesehen am 7. Juni 2012
  14. online: PDF