Idealismus

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Idealismus (Begriffsklärung) aufgeführt.

Idealismus (abgeleitet von griechisch ἰδέα „Idee“, „Urbild“) bezeichnet in der Philosophie unterschiedliche Strömungen und Einzelpositionen, die „hervorheben, daß die Wirklichkeit in radikaler Weise durch Erkenntnis und Denken bestimmt ist“[1] bzw. dass Ideen bzw. Ideelles die Fundamente von Wirklichkeit, Wissen und Moral ausmachen.[2] Im engeren Sinn wird als Vertreter eines Idealismus bezeichnet, wer annimmt, dass die physikalische Welt nur als Objekt für das Bewusstsein oder im Bewusstsein existiert oder in sich selbst geistig beschaffen ist.[3]

Im ethischen Idealismus wird davon ausgegangen, dass wir durch vernünftige, verlässliche und verbindliche Überlegungen unser Handeln begründen und regeln können und sollen.[4] Im alltäglichen Sprachgebrauch kann „Idealismus“ z.B. eine altruistische, selbstlose Haltung bezeichnen.

Begriffsgeschichte[Bearbeiten]

Der Terminus „Idealismus“ tritt in deutscher Sprache als Fremdbezeichnung philosophischer Positionen im 18. Jahrhundert auf. Gegenbegriffe sind vor allem „Materialismus“, „Realismus“ und „Naturalismus“.

Leibniz gebraucht „Idealist“ für Positionen, die er vor allem mit Platon verbindet und Positionen entgegenstellt, die er v.a. mit Epikur verbindet, den er demgegenüber „Materialist“ nennt.[5]

Wolff gebraucht „Idealismus“ als „Veto gegen materialistische Konzeptionen“.[6] Der „Idealist“ hält beispielsweise die Realität der Seele als nicht-materiellem Objekt fest. Andererseits verneint der „Idealist“ im Begriffsgebrauch von Wolff, Leibniz und Moses Mendelssohn, dass eine objektive Ding- und Körperwelt existiere. So gebraucht Mendelssohn „Idealismus“ als Gegenbegriff zu „Dualismus“ und charakterisiert Ersteren:

„Der Anhänger des Idealismus hält alle Phänomena unsrer Sinne für Akzidenzen des menschlichen Geistes, und glaubt nicht, dass außerhalb desselben ein materielles Urbild anzutreffen sei, dem sie als Beschaffenheiten zukommen.“

Morgenstunden oder Vorlesungen über das Daseyn Gottes (1785) I,7.[7]

Wirkungsgeschichtlich besonders einflussreich wird der Begriffsgebrauch durch Immanuel Kant.

Erkenntnistheorie und Metaphysik[Bearbeiten]

Zu wichtigen Strömungen, die als „Idealismus“ bezeichnet werden, gehören folgende Positionen:

  • Theorien, die gelegentlich als objektiver Idealismus bezeichnet werden und die alle Wirklichkeit auf Ideen zurückführen, die an sich selbst existieren und an welchen alles übrige partizipiert, wie dies in der Ideenlehre Platons und in dessen Rezeption entwickelt wird.
    Historisch wird diese Position zuerst bei Platon festgemacht. In seinem Dialog Politeia entwickelt er, u. a. mit dem Höhlengleichnis und an die Mathematik anknüpfend, eine Ideenlehre, in der er sich Ideen als Ur-Modelle bzw. Pläne von Dingen und Handlungen vorstellt. Wer diese Ideen verwirklicht, der könne auch das Gemeinwesen regieren.
    Bezüglich insbesondere mittelalterlicher Debatten um das sog. Universalienproblem wird die Annahme einer selbständigen Realität (also nicht nur als Vorkommen in unserem Geist, in unserer Sprache oder als Eigenschaften an Objekten) von Ideen auch als „Realismus“ (bezüglich unabhängig existenter Ideen oder Universalien) bezeichnet.
Hauptartikel: Spinozismus
Hauptartikel: Monadologie
Hauptartikel: Subjektiver Idealismus
  • Der kritische Idealismus oder transzendentale Idealismus wurde von Immanuel Kant entwickelt.
    Nach Kant hat das Erkennen nie direkt mit Objekten, wie sie an sich selbst sind, zu tun, sondern mit deren Erscheinungen im Bewusstsein. Kant setzt indes voraus, dass Ursache dieser Erscheinungen „Dinge an sich“ sind, obgleich wir von diesen nie unmittelbares Wissen haben können. Als ein Gegenbegriff kann die Bezeichnung (erkenntnistheoretischer) „Realismus“ (bezüglich extra-mentaler Objekte) gebraucht werden, sofern damit gemeint ist, dass sich unsere Begriffe und Überzeugungen auf Objekte außerhalb des Geistes richten, deren Existenz und Beschaffenheit von unserem Bewusstsein und unserer Erfahrung unabhängig ist. Kant geht andererseits davon aus, dass im Bewusstsein schon vor aller Einzelerfahrung („a priori“) Bedingungen für Erkennen mitgegeben sind, darunter etwa raumzeitliche Strukturen, die er „Formen der sinnlichen Anschauung“ nennt oder sog. Kategorien wie die Relationierung von Ursachen zu Wirkungen. Solche transzendentalen Erkenntnisformen ordnen unser Erkennen; ohne sie ist Wissen daher nicht möglich.
Hauptartikel: Transzendentalphilosophie
Hauptartikel: Hegelianismus und Deutscher Idealismus
Hauptartikel: Britischer Idealismus

„Idealismus“ im Sinne idealistischer Metaphysik sieht sich grundsätzlichen Einwänden der Metaphysikkritik gegenüber. Einige Ausarbeitungen existentialistischer und phänomenologischer Positionen können als Fortsetzungen klassischer idealistischer Positionen verstanden werden. Der ontologische Status von Ideen wird v.a. in der Analytischen Ontologie weiterhin kontrovers debattiert. In der jüngeren philosophischen Semantik, Epistemologie und Metaphilosophie wird die klassische Realismusdebatte differenziert weitergeführt. Debattiert wird nicht nur darüber, welche entsprechenden Bezugsobjekte annehmbar sind, sondern z.B. auch über Bedingungen der Aussagbarkeit (engl. assertibility), Gültigkeit bzw. Wahrheit von Aussagen, welche auf diese Bezug nehmen bzw. zu nehmen scheinen. Ein Teilgebiet systematischer Debatten, deren Fragestellungen klassischerweise in Debatten über „idealistische“ Positionen mit auftraten, sind Diskussionen über Externalismus und Internalismus.

Literatur[Bearbeiten]

  • Karl Ameriks (Hg.): The Cambridge Companion to German Idealism, Cambridge University Press, Cambridge, U.K. 2000.
  • Andreas Dorschel: Die idealistische Kritik des Willens, Meiner, Hamburg 1992.
  • Alfred Cyril Ewing (Hg.): The Idealist Tradition: From Berkeley to Blanshard. Free Press, Glencoe, IL 1957.
  • Vittorio Hösle: Philosophiegeschichte und objektiver Idealismus, C.H. Beck, München 1996.
  • Hans Jörg Sandkühler (Hg.): Handbuch Deutscher Idealismus. J. B. Metzler, Stuttgart 2005.
  • Hans Jörg Sandkühler: Artikel Idealismus. In: Enzyklopädie Philosophie, Felix Meiner Verlag, Hamburg 2. Auflage 2009.
  • Oswald Schwemmer: Artikel Idealismus (systematisch), Idealismus, deutscher, Idealismus, transzendentaler, in: Jürgen Mittelstraß (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie. Bd. 2, Bibliographisches Institut, Mannheim u. a. 1984, 167-170, 170-172, 173-175.
  • Godfrey Vesey (Hg.): Idealism, Past and Present. Cambridge University Press, Cambridge, U.K. 1982.
  • Otto Willmann: Geschichte des Idealismus, 3 Bände, Vieweg, Braunschweig 1894/96/97 (Digitalisate); auch in: Heinrich und Marga Bitterlich-Willmann (Hg.): Sämtliche Werke, Band I (1973), Band II (1975) und Band III (1979), Scientia, Aalen. ISBN 3-511-03709-3.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Idealismus – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Anton Hügli, Poul Lübcke: Philosophielexikon, Rowohlt, Reinbeck 1997, s.v.
  2. Vgl. z.B. Michael Baur: Artikel Idealism, in: Maryanne Cline Horowitz (Hg.): New Dictionary of the History of Ideas, Bd. 3, Thomson Gale, Detroit u.a. 2005, 1078-1082, hier 1078: „The term idealism in its broadest sense denotes the philosophical position that ideas (mental or spiritual entities) are primary and lie at the very foundation of reality, knowledge, and morality, while non-ideal entities (such as physical or material things) are secondary and perhaps even illusory.“
  3. Vgl. Timothy Sprigge: Artikel Idealism, in: Routledge Encyclopedia of Philosophy: „Idealism is now usually understood in philosophy as the view that mind is the most basic reality and that the physical world exists only as an appearance to or expression of mind, or as somehow mental in its inner essence. However, a philosophy which makes the physical world dependent upon mind is usually also called idealist even if it postulates some further hidden, more basic reality behind the mental and physical scenes (for example, Kant’s things-in-themselves). There is also a certain tendency to restrict the term ‘idealism’ to systems for which what is basic is mind of a somewhat lofty nature, so that ‘spiritual values’ are the ultimate shapers of reality.“
  4. Oswald Schwemmer: Artikel Idealismus, in: Jürgen Mittelstraß (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie. 2. Auflage, Bd. 3 S. 506f.
  5. Leibniz: Réponse aux réflexions de P. Bayle, art. Rorarius (nach 1702), in: Carl Immanuel Gerhardt (Hg.): Philosophische Schriften, Bd. 4, S. 560 (Digitalisat). Zitiert auch bei: H. Zeltner: Artikel Idealismus, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 4, Schwabe Verlag, Basel 1976, 30-33, 30.
  6. Hans Jörg Sandkühler: Handbuch Deutscher Idealismus, Metzler 2005, S. 2.
  7. Edition in: Werner Vogt (Hg.): Metaphysische Schriften, Meiner, Hamburg 2008, 146; Georg Benjamin Mendelssohn (Hg.): Gesammelte Schriften in sieben Bänden, Band 2, S. 292 (Digitalisat). Auch zitiert bei Sandkühler, l.c.