Skiffle

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Skiffle ist Musik, die auch auf unkonventionellen, improvisierten Instrumenten intoniert wird. Neben der Gitarre und dem Banjo findet man häufig Waschbrett und Waschwannen- oder Teekistenbass, selbst Geräte wie Eimer, Tonne und Gießkanne finden Verwendung.

Anfänge[Bearbeiten]

Skiffle basiert sowohl auf der anglo- als auch afro-amerikanischen Folk-, Country-, Blues- und Jazzmusik. Der Begriff tauchte zum ersten Mal 1925 auf Schallplatten von Jimmy O'Briant and His Chicago Skifflers auf. 1934 spielten Dan Burley and His Skiffle Boys unter der Leitung des Barrelhouse-Pianisten und Journalisten Dan Burley, der Bassist Pops Foster und die Brüder Sticks und Brownie McGhee an der Gitarre den Dan Burley Hometown Skiffle.

Ab 1953 wurde Skiffle von britischen Traditional-Jazz-Musikern, wie Ken Colyer und Chris Barber, aber auch von Alexis Korner und Lonnie Donegan in Großbritannien bekannt gemacht. Die ersten Mitschnitte entstanden wohl 1953 während einer Paris-Tour von Ken Colyer's Jazzmen, als sie im französischen Rundfunk Midnight Special und John Henry in der Besetzung Ken Colyer (Gitarre und Gesang), Lonnie Donegan (Gitarre und Gesang), Chris Barber (Kontrabass) und Bill Colyer (Waschbrett) präsentierten.

Durchbruch[Bearbeiten]

Lonnie Donegan spielte in der Folgezeit oft mit Colyer oder Barber zusammen, so auch bei einer Aufnahmesession am 13. Juli 1954. Insgesamt wurden in London für die Chris-Barber-LP New Orleans Joys acht Songs eingespielt, wovon zwei als Lonnie Donegan Skiffle Group tituliert wurden, nämlich Rock Island Line und John Henry. Diese beiden Titel wurden im November 1955 als Single ausgekoppelt. Als die A-Seite Rock Island Line im Januar 1956 über das BBC Light Programme ausgestrahlt wurde, löste sie unter den britischen Teenagern die Skiffle-Welle aus. Im selben Monat kam der Song in die dortigen Charts, wo er bis auf Rang acht gelangte. Dieselbe Platzierung erreichte der Titel im März 1956 auch in der US-Pop-Hitparade und verhalf als Millionenseller der Skifflemusik zum endgültigen Durchbruch. Um den Erfolg zu zementieren, trennte sich Donegan von Barber und tourte nunmehr mit eigener Band.

Obwohl Donegans Band ab 1956 mit der gleichen Standardinstrumentierung wie die Rockbands auftrat (Gesang, Leadgitarre, Rhythmusgitarre, Kontrabass und Schlagzeug), begannen viele Teenager nach dem Beispiel der amerikanischen Jugbandmusik der 1920er Jahre neben dem Waschbrett auch weitere improvisierte Instrumente wie Jug, Teekistenbass, Kazoo usw. einzusetzen. Andere professionelle Skiffle-Bands der Jahre 1956 bis 1958 verzichteten auf unkonventionelle Instrumente, wie die Vipers Skiffle Group, Chas McDevitt Skiffle Group oder Dickie Bishop & His Sidekicks, eine der ersten Gruppen, die mit elektrischer Bassgitarre anstelle eines Kontrabasses auftraten.

1958 erschien das erste Buch über diese Musikrichtung mit dem Titel Skiffle – The Story of Folk Song With a Jazz Beat.[1] Viele britische Pop-Superstars der 1960er und 1970er Jahre haben in den 1950er Jahren mit Skiffle oder Skiffle-Bands begonnen, so etwa The Beatles (eine der Vorläufergruppen The Quarrymen), die Rolling Stones, Eric Clapton, Mark Knopfler, Elton John, Rod Stewart, Chris Farlowe, Van Morrison, The Kinks, Led Zeppelin, Roger Daltrey oder Simply Red.

Niedergang[Bearbeiten]

Ab 1959 verschwand Skiffle weitgehend aus der Popmusik, nur Lonnie Donegan hielt sich noch einige Jahre erfolgreich an der Spitze und landete einige Hits wie My Old Man's a Dustman und Does Your Chewing Gum ... Ab 1962 dominierte die Beatmusik die Hitparaden und verdrängte damit endgültig die Skifflemusik.

Trotzdem gab es in den folgenden Jahren noch einige Skiffle-Hits:

  • 1970: Mungo Jerry mit In the Summertime
  • 1972: Les Humphries Singers mit Mexico – eine Adaption von Jimmy Driftwoods Battle Of New Orleans, das seit 1959 auch in Lonnie Donegans Repertoire zu finden war
  • Mitte der 1970er: The Walkers mit Ain't No More Cane on the Brazos – eine Coverversion von Lonnie Donegans Aufnahme aus dem Jahre 1956. Die Walkers stammten aus den Niederlanden. Ihre Single verkaufte sich in den Benelux-Ländern 3,2 Millionen Mal.

Skiffle in anderen Ländern[Bearbeiten]

In der Pre-Beat-Ära gab es auch in Deutschland in den späten 1950ern und frühen 1960ern etliche Skifflegruppen, aus denen zum Beispiel Reinhard Mey oder die Lords hervorgingen, die mit einigen Donegan-Covern sogar große Hiterfolge feiern konnten (Have a Drink On Me, Over in the Gloryland).

Um 1970 machte die Worried Men Skiffle Group von sich reden, deren Texte meist in Wiener Mundart geschrieben waren. Zum Teil stammten diese sogar aus der Feder prominenter Dichter, wie beispielsweise Konrad Bayer. Ihr größter Hit war Glaubst, I bin bled?.

Revivals[Bearbeiten]

Skiffle überlebte vor allem auf dem Live-Markt, so gab es in den 70ern ein erstes großes Skiffle-Revival in Deutschland. Die wichtigsten Interpreten waren Leinemann aus Hamburg, die Bourbon Skiffle Company aus Hannover, die Black Bottom Skiffle Group aus München, die Heupferd Jug Band (mit Götz Alsmann), Caddy Ltd. und die Yeti's Skiffle Men aus Hannover, Walter h.c. Meier Pumpe und Some Old Friends aus Essen, die High Life Skiffle Group aus Burgdorf, die Westbound Skiffle Group aus Berlin oder Dusty Region Shuffle aus Duisburg.

Mitte der 1990er Jahre gab es ein erneutes Skiffle-Revival, diesmal mit Schwerpunkt Großbritannien. Es begann mit der Verleihung des „Ivor Novello Awards“ an Lonnie Donegan für sein Lebenswerk. An diesem Abend jammte er spontan mit Van Morrison, und Morrison überredete ihn gemeinsam mit Donegans damaligem Bassisten Brian Hodgson, nach über 20 Jahren wieder ein Studioalbum einzuspielen und zu veröffentlichen. Es erschien 1999 unter dem Titel Lonnie Donegan – Muleskinner Blues. Anfang 2000 fand Lonnie Donegan auch wieder in die internationalen Charts einiger Länder wie USA, Großbritannien und Deutschland zurück – durch die Zusammenarbeit mit Van Morrison beim Album The Skiffle Sessions – Live in Belfast.

Höhepunkt des englischen Skiffle-Revivals der 1990er Jahre war das Konzert in der Royal Albert Hall am 7. Dezember 1998, Skiffle – The Roots Of British Rock, u. a. mit Chas McDevitt, Nancy Whiskey, Ray Bush, Tony Sheridan, Diz Disley, The Lonnigans Skiffle Group, Chas & Dave, Lonnie Donegan & his Band etc.

Schwerpunkte des weiter andauernden Revivals des Skiffles sind neben Großbritannien Deutschland, Finnland und die Niederlande. In Finnland findet jedes Jahr im Juli in dem kleinen Ort Hankasalmi bei Jyväskylä in Mittelfinnland das Kihveli Soikoon! statt, ein dreitägiges Event mit mehreren tausend Zuschauern.

In Hamburg findet jährlich Ende Januar das eher traditionelle Hamburger Skiffle Festival statt sowie die Summer Skiffle Night im Freilichtmuseum am Kiekeberg.

Seit Lonnie Donegans Tod 2002 gibt es auch verschiedene Tributeaktivitäten, so beispielsweise die seit 1997 aktive Paul Leegan Band aus Coventry in England, das Royal-Albert-Hall-Konzert (An Emotional Tribute to) Lonnie Donegan: Rock Island Line, die Musical-Tournee The Story Of Lonnie D. mit Donegans Band und seinen Söhnen Peter & Anthony. Aktuellstes Revival ist Lonnie Donegans Rock Island Line in der Fernsehwerbung für den Opel Astra TwinTop.

Literatur[Bearbeiten]

  • Archibald Brian Bird: Skiffle. The Story of Folk Song With a Jazz Beat. Robert Hale, London 1958 (mit einem Vorwort von Lonnie Donegan).
  • Karl Dallas: Lonnie Donegan and Skiffle: Was Skiffle the Start of British Rock?. In: The History of Rock, Nr. 7 (1982), S. 124 ff.
  • Mike Dewe: The Skiffle Craze. Planet, Wales 1998. ISBN 0-9505188-5-9 (mit einem Vorwort von Chris Barber).
  • Ulf Krüger: Washboards Kazoos Banjos. The History of Skiffle. Begleitbuch zur 6-CD-Box von Bear Family Records. Hambergen 2013.
  • Spencer Leigh: Putting On The Style. The Story Of Lonnie Donegan. Finbarr International, Folkstone, Kent 2003, ISBN 0-9529-5002-2.
  • Holger Lührig: The British Skiffle Groups 1954–1958. A discography with biographies, photographs and background material. Unna 1997.
  • Chas McDevitt: Skiffle. The Definite Inside Story. 2. Aufl., Robson Books, London 2012. ISBN 978-0-9574462-0-5 (mit Vorworten von Joe Brown, Mark Knopfler und George Harrison).
  • Mike Pointon und Ray Smith: Goin' Home. The uncompromising life and music of Ken Colyer. Ken Colyer Trust, London 2010. ISBN 978-0-9562940-1-2 (+ 1 CD).

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Autor: Brian Bird, 1958.