Alexis Korner

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Alexis Korner (* 19. April 1928 in Paris; † 1. Januar 1984 in London) war ein englischer Blues-Musiker.

In „Deutschland-sucht-den-Superstar“-Zeiten wie diesen kann man sich so etwas gar nicht mehr vorstellen. EIN Mann förderte u. a. Charlie Watts, Mick Jagger, Brian Jones und Keith Richards (und war somit „Gründungsvater“ der Rolling Stones), Ginger Baker, Graham Bond, Jack Bruce, Eric Burdon, Paul Jones, John McLaughlin, Robert Plant und viele viele andere. Wäre er im Sport-Genre tätig gewesen, hätten ihn Robert Seeger & Co. schon längst vollmundig „eingemeindet“, denn Alexis Korner war der Sohn eines Wiener Kaufmannes und Kavallerieoffiziers. So aber erinnert sich heute kaum noch jemand an den am Neujahrstag 1984 im Alter von 56 Jahren an Lungenkrebs Verstorbenen, der als „charismatischer Mensch, leidenschaftlicher Musiker und endloser Raucher“ galt. Korner war der Prototyp des liberalen, im wahrsten Sinne des Wortes weltoffenen MultiKulti-Musikers: die Mutter war griechisch-türkischer Herkunft, die Familie reiste in der Gegend herum, man war quasi „überall zuhause“.

So war es eher Zufall, dass der kleine Alexis am 19. 4. 1928 in Paris zur Welt kam. Im Sommer 1940 wurde es in der französischen Hauptstadt gefährlich und so begab sich die Familie Korner per Schiff über Nordafrika und Gibraltar nach Portsmouth, ständig auf der Flucht vor italienischen U-Booten und deutschen Sturzkampfbombern. England wurde zum neuen Heimatland und die Musik zur großen Sehnsucht. Weil der Rock-Historie zufolge Vater Korner Boogie-Woogie auf dem Klavier nicht leiden mochte, wurde aus Alexis professioneller Gitarrist, der zwar die damals aktuelle Mischung aus Country, Boogie Woogie, Skiffle und ein wenig Jazz „drauf“ hatte, in Wirklichkeit aber dem Blues verfallen war und u. a. die schwarzen US-Sänger Muddy Waters, Memphis Slim, Sonny Terry und Brownie McGhee auf deren England-Tourneen begleitete.

"Ich bin teilweise türkisch“, soll er gesagt haben, "teils bin ich griechisch und teils österreichisch. Und weil ich keine teils türkische, teils griechische und teils österreichische Musik kenne, fühle ich mich überaus befähigt, Blues zu spielen." Aus dem erfolgreichen und gut besuchten "London Skiffle Club" formte er quasi über Nacht den "London Blues and Barrelhouse Club“ und am Eröffnungsabend sollen immerhin drei zahlende Gäste gekommen sein. Dafür aber kamen die echten Musiker. Die Legende hält fest, dass eines Nachts nach einem Auftritt die Rolling Stones, wie üblich, durchs Küchenfenster in Korners Haus einstiegen, doch auf dem Küchenboden schnarchte bereits die Band von Muddy Waters.

1961 gründete Alexis gemeinsam mit Cyril Davies die Band „Blues Incorporated“ und auf dem Dokument „R&B from the Marquee“ (1962) ist neben Davies als zweiter Sänger Long John Baldry zu hören, während Dick Heckstall-Smith (außer auf „I got my brand on you“) das Tenorsaxophon bearbeitete und bei „I got my mojo working“ sogar den Refrain mitsingen durfte, ein Privileg, das Korner damals für sich selbst (noch) nicht in Anspruch nahm: Der Meister begnügte sich mit der akustischen Gitarre. (Der inzwischen leider ebenfalls bereits verstorbene Heckstall-Smith gründete später u. a. Colosseum und wäre selbstredend wie praktisch jeder andere Name in diesem Artikel mindestens eine eigene Wiener-Zeitung-Seite wert.)

Am 7. 3. 1962 spielt die Blues Incorporated mit Brian Jones im Londoner Ealing Jazz Club und es kommt zur Begegnung mit den „Blue Boys“ (mit Mick Jagger und Keith Richards) – der Rest ist (eine) Geschichte mit dem ersten Auftritt als „Rolling Stones“ am 12. 7. 1962. (Für den damaligen „Blue Boy“ Alan Etherington sprang übrigens gelegentlich ein Mann namens Eric Clapton ein.) Derweil betätigte sich Korner als Pädagoge in verschiedensten Bereichen: in Funk und Fernsehen ebenso wie mit teilweise harten Drogen. So soll er höchstpersönlich „seinen“ Musikern Heroin über die italienische Grenze geschmuggelt haben, als die Blues Incorporated 1963 in Rom einen TV-Spot drehen durften. Gleichzeitig realisierte er mit den späteren „Pentangle“-Musikern Terry Cox und Danny Thompson eine Kinderfernsehsendung ebenso wie Mehrteiler über die Geschichte des Blues („Blues Roll On“, „Korner’s Corner“, „Blues Is Where You Hear It“), wo er in hervorragendem Deutsch die „Stories“ der Songs erklärte.

Zu hören ist Alexis auf dem 1965 eingespielten und 1966 veröffentlichten „Sky High“ mit Gastsänger Duffy Power. Bläser und Mundharmonika, Korners Gitarre, Swingrhythmen und Rock streiten um die Vorherrschaft, die süffigen Songs wie „Long black train“ oder „Wednesday night prayer meeting“ sind exzellente Unterhaltung, herzhaft und virtuos gespielt und unbedingt empfehlenswert. Nach „I wonder who“ 1966 rief Korner mit Cliff Barton, Victor Brox, Gerry Conway, Marsha Hunt (!), Hughie Flint (!!) und Binky McKenzie die Gruppe „Free At Last“ ins Leben, die aber nur wenige Monate lang existierte. Danach trat er mit Brox im Duett auf – und mit Robert Plant, der z. B. unverkennbar „Steal away“ interpretierte und dabei u. a. Steve Miller (NOCH eine eigene Story …) am Piano doch deutlich übertönte. 1968 folgte mit dem dänischen Sänger Peter Thorup (ebenfalls schon verstorben, ebenfalls eine Story) und dessen Band „Beefeaters“ eine Skandinavien-Tour. Nach der Rückkehr nach England 1969 realisierte Korner mit seiner Tochter Sappho (damals noch ein Teenager), Thorup, Nick South, Ray Warleigh, Annette Brox, Per Frost und Colin Hodgkinson (lebt noch!) die „New Church“, die das legendäre Konzert der Rolling Stones (zu Ehren des verstorbenen Brian Jones) im Londoner Hyde Park eröffnete. Zu hören ist Korner auf „Both Sides“ 1969 u. a. mit dem Curtis Mayfield-Song „Mighty Mighty Spade and Whitey“. Mit „Funky“ folgte ein Lehrbeispiel für Blues-Gitarre, der langsame Blues „Wild Injun Woman“ stammte aus der Feder der „Free“-Musiker Andy Fraser und Paul Podgers (NOCH eine eigene Story …) und auch mindestens die beiden Live-Aufnahmen „The duo thing“ und „Rosie“ verdienen es, erwähnt zu werden.

1970 gründeten Korner, Thorup, Produzent Mickie Most und Songschreiber John Cameron die Collective Consciousness Society: Vom Blues inspirierter Big Band Sound traf auf Rock 'n' Roll, ein ganz neuer Sound entstand und mit CCS erhielt Alexis zumindest für kurze Zeit sogar bei einem breiteren Publikum ausreichend Anerkennung. „Whole Lotta Love“ war der erste Erfolg, es folgten “Walking“, “Tap Turns On The Water”, “Brother”, „Sixteen Tons“ oder “The Band Played The Boogie” und auch die Klassiker „Satisfaction“, „Shaking All Over“ oder „Sunshine Of Your Love“ klangen bei CCS völlig neu und eigenwillig - aber gut! 1973 löste sich die Band auf und Korner und Thorup holten sich Boz Burell (King Crimson) und Ian Wallace und gründeten „Snape“ (Empfehlung: „Live on Tour in Germany 1973“).

Es sollte die letzte Band von Alexis Korner sein, danach folgten „nur“ noch Solo-Alben, jedoch stets von zahlreichen Freunden unterstützt. Besonders hörenswert sind „Get Off of my Cloud“ als Abschlußnummer der gleichnamigen LP (1975, mit Peter Frampton, Nicky Hopkins, Steve Marriott etc., u. a. auch mit dem „Song for Jimi“) und das „Party Album“ zum 50. Geburtstag am 19. 4. 1978. „Ein Weiser und Magier steht da, der immer neue Kaninchen aus dem Blues-Zylinder zaubert“, schrieb damals die „Süddeutsche Zeitung“. Nach Tochter Sappho durfte auch Sohn Damian Korner mitmischen und produzierte u. a. 1981 den Song „Blood on the Saddle“. Seinen letzten öffentlichen Auftritt gab Alexis Korner am 20. 8. 1983 in Eindhoven.

Am 1. Januar 1984 verstarb Alexis Korner in London an Krebs.

Nach Korners Tod trafen sich die Kumpels in regelmäßigen Abständen zu Memorial Concerts, und jenes vom 21. 5. 1995 im Buxton Opera House mit vielen bereits Genannten und dazu u. a. noch Tony McPhee, Chris Barber, Chris Farlowe, Zoot Money, Mick Abrahams wurde auf gleich drei CDs veröffentlicht. Typisch also auch das Requiem für jenen Mann, der meinte „Ich war immer mehr an einer guten Band als an der zweifelhaften Rolle eines Solostars interessiert!“ Und obgleich er mit einem bemerkenswerten Intonationsreichtum sang und über eine solide Gitarrentechnik verfügte (er wurde dafür u. a. vom englischen „Melody Maker“ und von der US-Zeitschrift „Jazz & Pop“ ausgezeichnet), sagte er höchst bescheiden: „Ich mag meine Platten nicht. Ich war nie in der Lage, mit Stimme und Instrument das zu verwirklichen, was ich in meinem Kopf habe. Aber ich habe Spaß daran, es immer noch einmal zu versuchen.“ Ein Superstar, der kein Superstar sein wollte: Einen Toast auf Alexis Korner!

"Sein Einfluss auf die Entwicklung der Rockmusik der 1960er war jedenfalls nachhaltiger als sein kommerzieller Erfolg und wird bis heute unterschätzt."

Discographie (Auswahl) Alexis Korner Skiffle Group, 1957 R&B From The Marquee, 1962 At The Cavern, 1964 Red Hot from Alex, 1964 Blues Incorperated, 1965 Sky High, 1966 I Wonder Who, 1966 A new Generation Of Blues, 1968 Both Sides, 1969 New Church, 1970 CCS 1st, 1970 Mr. Blues, 1971 CCS 2nd, 1972 Bootleg Him, 1972 Accidentally Born in New Orleans, 1972 Snape, Live On Tour In Germany, 1973 CCS – The best band in the Land, 1973 Mr. Blues, 1974 Jack Daniels, 1975 Get Off Of My Cloud, 1975 The Lost Album, 1977 Just Easy, 1978 Party Album, 1979 Me, 1980 Rocket 88, 1981 And Friends, 1982 Testament, 1985 Live In Paris, 1988 BBC Radio Sessions, 1994 Alexis Korner Memorial Concert, 1995

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