Stephan Schmidheiny

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Stephan Schmidheiny (* 29. Oktober 1947 in Balgach;[1] heimatberechtigt ebenda) ist Mitglied der Familiendynastie Schmidheiny und ein Schweizer Unternehmer.

Leben[Bearbeiten]

Stephan Schmidheiny ist der Sohn von Max Schmidheiny (1908–1991[2]) und Adda Schmidheiny-Scherrer († 1997) sowie Bruder von Thomas Schmidheiny, Marietta und Alexander Schmidheiny. Er wuchs in Heerbrugg im Kanton St. Gallen auf. 1972 schloss er sein Studium mit dem Doktorat der Rechtswissenschaften an der Universität Zürich ab. Im Alter von 25 Jahren wurde Schmidheiny in dem später von seinem Vater an ihn übertragenen Familien-Unternehmen tätig, wobei er vier Jahre später zum Chief Executive Officer (CEO) der Schweizer Eternit Gruppe aufstieg. Später diversifizierte er sein Investment, indem er ein multinationales Beteiligungskonglomerat mit Engagements unter anderem in den Bereichen Forstwirtschaft, Bankenwesen, Konsumgüter, Energieerzeugung, Elektronik- und optische Ausrüstungs-Unternehmen aufbaute. Während dieser Zeit prägte er diverse Unternehmen und machte sich einen Namen als Industriearchitekt. Er wurde Verwaltungsratsmitglied von führenden Unternehmen wie z. B. Asea Brown Boveri (ABB), Nestlé, Swatch Group und UBS.[3][4]

Im Jahr 1984 gründete er zusammen mit dem Erzbischof von Panama, Marcos Gregorio McGrath, die Fundes-Stiftung mit Sitz in Panama, eine Organisation, die kleine und mittlere Unternehmen in verschiedenen Ländern Lateinamerikas unterstützen wollte. Die ersten Jahre dieses Vorhabens, vorerst auf Panama beschränkt, waren wenig erfolgreich. Erst durch die Invasion der USA in die Panama-Kanalzone in 1989 und ein darauffolgendes US-Entwicklungshilfeprojekt in Partnerschaft mit Fundes brachte den Durchbruch. Fundes erlernte mit geeigneten neuen Mitarbeitern wie man erfolgreich Mikrokredite gewährt und eine hohe Erfolgsrate bei den Rückzahlungen erreicht. So entstand ein südamerikanisches Mikrofinanzsystem ähnlich demjenigen von Muhammad Yunus aus Bangladesch, welchen Schmidheiny früh kennengelernt hatte.[5][6]

1990 erfolgte die Berufung zum «Hauptberater für Wirtschaft und Industrie» des Generalsekretärs der UNCED, besser bekannt unter dem Namen «Rio Gipfel» von 1992. Um sein Mandat besser ausüben zu können, gründete er ein Forum, in dem führende Unternehmer aus aller Welt eine betriebswirtschaftliche Perspektive auf die Herausforderungen von Umwelt und Entwicklung förderten. Aus diesem Forum entstand später das World Business Council for Sustainable Development (WBCSD) eine Organisation, der mittlerweile weltweit die 160 wichtigsten Unternehmen angehören. Schmidheiny wurde zu deren Ehrenpräsidenten gewählt, auch in Anerkennung seiner Pionierrolle im Ausstieg aus der Produktion asbesthaltiger Baustoffe (Eternit).

In 1994 gründete er die Avina-Stiftung, die zu einer nachhaltigen Entwicklung in Lateinamerika beiträgt, indem sie ertragreiche Bündnisse zwischen Gesellschafts- und Wirtschaftsführern fördert und heute eine führende Funktion in diesem Umfeld innehat.[7] In diese Stiftung floss der Grossteil des Erbes seines Bruders Alexander ein, welcher anfangs der 1990er Jahre verstorben ist.[6]

Schmidheinys Engagement in der Schweizer Industrie führte zu unterschiedlichen Resultaten. Die Übernahme der Schmidt-Agence AG im Kioskgeschäft 1979 war seine erste Diversifikation ausserhalb der Baumaterialindustrie. Nach zehn Jahren verkaufte er dieses Geschäft an Merkur mit gutem Gewinn.[5] Mutig und erfolgreich war auch seine massgebende finanzielle Unterstützung von Nicolas Hayek bei der Übernahme der Uhrenholdinggesellschaft SMH (51% Anteil) zur Rettung der Schweizer Uhrenindustrie in 1985, welche per Handschlag vereinbart wurde.[6] Daraus entstand die spätere Swatch-Gruppe.[8] Die von ihm als deren Ankeraktionär 1987 mitorganisierte Fusion von Brown, Boveri & Cie. mit ASEA aus Schweden zur neu positionierten, erfolgreichen Firma ABB war ebenfalls vorausschauend richtig.

Im Jahr 1987 übernahm er über seine Anova Holding zwei Drittel des Kapitals der traditionsreichen Zuger Landis&Gyr Holding AG von den Familienaktionären, welche keinen Nachfolger als Führungspersönlichkeit stellen konnten. Dabei war Schmidheiny bewusst, dass wesentliche Veränderungen notwendig waren. Der Einbezug von neuen elektronischen Möglichkeiten bei den bisher vorwiegend elektromechanischen Produkten, die komplexe Firmenstruktur von L&G wie auch die Verbesserung der Rentabilität waren anzugehen. Er setzte seine Vertrauensleute dafür ein. Während der folgenden Jahre wurden diese Ziele weitgehend erreicht, allerdings nach Restrukturierung und Personalabbau in mehreren Schritten. In 1995 zog sich Schmidheiny zuerst aus dem Verwaltungsrat von L&G zurück und verkaufte kurz danach seine Beteiligung an Elektrowatt, eine mindestens zu diesem Zeitpunkt noch schweizerische Lösung.[5] Später wurden Geschäftsbereiche von Siemens und Toshiba weitergeführt.

Sein Bruder Thomas Schmidheiny baute die von seinem Vorfahren Jakob Schmidheiny im Ortsteil Heerbrugg der Gemeinde Balgach 1921 mitgegründete Firma Heinrich Wild, Werkstätte für Feinmechanik und Optik durch verschiedene Firmenübernahmen zum Leica-Konzern aus. Nach der Übernahme durch Stephan als Hauptaktionär in 1989 wurde der Leica-Konzern ab den 1990er-Jahren restrukturiert, aufgeteilt und die bedeutendsten Geschäftsbereiche an ausländische Interessenten verkauft, was für die Region des Familienstammsitzes eine herbe Enttäuschung war.[9]

Die Familie Schmidheiny war immer wieder der Kritik ausgesetzt, neben dem Missachten von Gesundheitsstandards auch mit diktatorischen Regimes zusammenzuarbeiten, so beispielsweise während den Siebziger Jahren in Nicaragua mit Anastasio Somoza oder mit Südafrika während der Apartheid. Thomas Schmidheiny, Grossaktionär bei der für ihre Lohnpolitik in Südafrika kritisierten Holcim, trat im Sommer 2001 aus dem Aufsichtsgremium von Xstrata, deren Tochterfirma Vantech in Südafrika ebenfalls massiv gegen Gesundheits- und Sicherheitsvorkehrungen verstossen haben soll, zurück, nachdem er wegen eines illegalen Börsengeschäftes ins Visier der spanischen Antikorruptionsbehörden kam und dank Kooperationsbereitschaft mit einer reduzierten Busse von 1,5 Mio. Euro bestraft wurde. Stephan Schmidheinys Anova, Nachfolger der weltweit tätigen Eternit, sah sich ab 2002 mit massiven Forderungen nach Entschädigungszahlungen für Südafrikanische Asbestopfer konfrontiert. Eine Sammelklage konnte mit der Errichtung eines Entschädigungs-Trusts, der mit 10-20 Millionen Dollar ausgestattet worden sein soll, abgewendet werden. Ausgehandelt wurde der Vergleich vom damaligen Ständerat und späteren Bundesrat Hans-Rudolf Merz, nachdem Stephan Schmidheiny im August 2002 als Verwaltungsratspräsident demissioniert hatte.[10][11][12][13][14]

Mit dem Ziel, sein unternehmerisches und philanthropisches Werk in Lateinamerika über die eigene Generation hinaus zu sichern, hat Schmidheiny am 9. Oktober 2003 die Gesamtheit der Aktien seiner Industrieholding GrupoNueva in einen unwiderruflichen Trust, «Viva», eingebracht, dessen Begünstigte die Avina-Stiftung ist. Das Eigenkapital der GrupoNueva wurde auf 800 Millionen USD veranschlagt, was zusammen mit einem der Stiftung übereigneten Wertschriften-Portefeuille einer Schenkung von über einer Milliarde US-Dollar entsprach.

Mit der Gründung des Viva Trust zog sich Schmidheiny von all seinen operativen Tätigkeiten inklusive seiner Funktionen in der GrupoNueva und Avina zurück. Er engagiert sich im Bereich der nachhaltigen Entwicklung und reiste oft, vor allem in Lateinamerika. Von seiner Mutter erbte er seine Leidenschaft für Musik und spielt seit seiner Kindheit Klavier. Er liebt die Natur und trieb Sportarten wie Tauchen und Wandern; er ist ein passionierter Leser, wobei seine bevorzugten Themenbereiche Geschichte, Philosophie und Kultur sind. Seit einem erlittenen Aorta-Riss in 2008 hat Schmidheiny seinen frühern Rhythmus von Reisen und Arbeiten aufgegeben und führt ein verändertes, eher beschauliches Leben.[6]

Schmidheiny realisierte mehrere Buchprojekte, unter anderem den Bestseller Kurswechsel, der in über zwölf Sprachen übersetzt wurde.

Schmidheiny hat bereits eine grosse Anzahl von Preisen und Auszeichnungen in Anerkennung seines Leadership und seines Beitrags zur nachhaltigen Entwicklung erhalten, darunter 1993 die Ehrendoktorwürde des Instituto Centroamericano de Administración de Empresas (INCAE), Costa Rica, sowie denselben Titel 1996 von der Yale University und 2001 vom Rollins College, Florida, und der Universidad Católica Andrés Belllo (UCAB), Caracas. 2007, anlässlich des PODER-Green Forums, zeichneten PODER und die Boston Consulting Gruppe Schmidheiny mit dem Philanthropy Award aus. 2009 erschien die Biografie Sein langer Weg zu sich selbst – Erbe – Unternehmer – Philanthrop im Stämpfli-Verlag. Sein Vermögen wurde 2012 vom Schweizer Wirtschaftsmagazin Bilanz auf 3,5 Milliarden Schweizer Franken geschätzt.[15]

Aufgrund der gewerblichen Verstrickungen der Schmidheiny Familie mit diktatorischen Regimes und der zögerlichen Aufarbeitung, beispielsweise gab die deutsche Eternit AG den Einsatz von Zwangsarbeitern im nationalsozialistischen Deutschland erst 2007 zu, und Entschädigungen von (gesundheitlich) Geschädigten steht das philanthropische Engagement von Stephan Schmidheiny weiterhin in der Kritik.[16][17]

Schmidheiny lebt von seiner Frau Ruth (Verwaltungsrätin der Daros Latin America AG) getrennt.[18][19] Er hat einen Sohn und eine Tochter[2] und lebt in Hurden im Kanton Schwyz.[7]

Prozess in Italien / Verjährung[Bearbeiten]

In Turin wurden Schmidheiny und Baron Louis de Cartier aus Belgien Ende 2009 angeklagt, zwischen 1966 und 1986 durch mangelnde Sicherheitsvorkehrungen in mehreren italienischen Eternit-Fabriken den Asbest-Tod von mehr als 2000 Arbeitern und Anwohnern verursacht zu haben. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen vor, für 2056 Todesfälle und 833 Erkrankungen verantwortlich zu sein.[20][21][22][23] Am 13. Februar 2012 wurden er und Louis de Cartier zu je 16 Jahren Haft und Schadenersatzzahlungen in Höhe von 80 Millionen Euro[24] verurteilt. Schmidheiny legte Berufung gegen das Urteil ein.[25] Später plädierte er auf Annullierung des Prozesses.[26]

Während des Revisionsprozesses starb Louis de Cartier (* 1921) im Mai 2013.[27]

Am 3. Juni 2013 erhöhte das Berufungsgericht in Turin das Strafmass auf 18 Jahre und auf 90 Millionen Euro.[24] Gegen das Urteil wurde eine Berufung beim Kassationsgericht in Rom angekündigt.[28][29] Im November 2014 annullierte das italienische Kassationsgericht auf Antrag der Staatsanwaltschaft das vorinstanzliche Urteil und erklärte die Vorwürfe für verjährt.[24]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Stephan Schmidheiny, in: Internationales Biographisches Archiv 15/2010 vom 13. April 2010 (cs). Ergänzt um Nachrichten durch MA-Journal bis KW 07/2012, im Munzinger-Archiv, abgerufen am 6. Juni 2013 (Artikelanfang frei abrufbar).
  2. a b Markus Städeli, Charlotte Jacquemart: Imperium aus Ton, Sand und Stein. (Memento vom 15. Januar 2013 im Webarchiv Archive.today) In: NZZ am Sonntag vom 29. Juli 2012.
  3. Stephan Schmidheiny: Stephan Schmidheinys Weg und Wirken in Kurzform, abgerufen am 6. September 2012.
  4. Stephan Schmidheiny: Industrielles Erbe, abgerufen am 6. September 2012.
  5. a b c René Lüchinger, Ueli Burkhard: Stephan Schmidheiny. Sein langer Weg zu sich selbst: Erbe – Unternehmer – Philanthrop. Stämpfli, Bern 2009, ISBN 978-3-7272-1302-1.
  6. a b c d Markus Städeli, Chantal Biswas: Der italienische Richer hat mich mit Hitler verglichen. In: NZZ am Sonntag, 20. April 2014, S. 29
  7. a b Tatiana Serafin: Creative Giving - The Bill Gates Of Switzerland. In: Forbes Magazine vom 16. September 2009.
  8. Stephan Schmidheiny als Industriearchitekt, abgerufen am 8. März 2015.
  9. Fritz Staudacher: Gesplittet – Von der Formierung und Zerschlagung des Leica-Konzerns zu Hexagon. In: Franz Betschon et al. (Hrsg.): Ingenieure bauen die Schweiz – Technikgeschichte aus erster Hand, S. 291–300, Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich 2013, ISBN 978-3-03823-791-4.
  10. Die Schmidheinys (Teil 1): Tödliche Milliarden, Bilanz, 26. März 2003. Abgerufen am 27. August 2012.
  11. Die Schmidheinys (Teil 2): Gewinne ohne Gewissen, Bilanz, 30. April 2003. Abgerufen am 27. August 2012.
  12. Asbest: Schmidheiny will sich billig freikaufen, work, 18. April 2004. Abgerufen am 27. August 2012.
  13. Zeitbombe Asbest: Von der Wunderfaser zum tödlichen Staub, Soziale Medizin, 11. Februar 2011. Abgerufen am 27. August 2012.
  14. Holcim Press Release Südafrika. Abgerufen am 27. August 2012.
  15. Die 300 Reichsten 2012: Stephan Schmidheiny. In: Bilanz, abgerufen am 9. Mai 2013.
  16. Die Schmidheinys (Teil 2): Gewinne ohne Gewissen, Bilanz, 30. April 2003. Abgerufen am 27. August 2012.
  17. Zeitbombe Asbest: Von der Wunderfaser zum tödlichen Staub, Soziale Medizin, 11. Februar 2011. Abgerufen am 27. August 2012.
  18. Hans-Joachim Müller: Hier ist alles Körper. In: Monopol (Zeitschrift) vom 19. August 2010.
  19. Hans-Joachim Müller: Rio ruft. Wird die Kunstwelt antworten?. In: Welt am Sonntag vom 27. Januar 2013.
  20. Asbest-Prozess in Italien. «Nun sind alle krank». In: Der Spiegel. 10. Dezember 2009. Abgerufen am 3. April 2011.
  21. Sturzflug auf die Honigtöpfe. In: Bilanz. 8. Februar 2005. Abgerufen am 3. April 2011.
  22. Auftakt zum grossen Eternit-Prozess in Turin. In: Neue Zürcher Zeitung. 10. Dezember 2009. Abgerufen am 3. April 2011.
  23. Schmidheiny fürchtet unausgewogenes Verfahren. In: Neue Zürcher Zeitung. 1. März 2010. Abgerufen am 3. April 2011.
  24. a b c Andrea Spalinger: Freispruch für Stephan Schmidheiny. In: Neue Zürcher Zeitung vom 20. November 2014
  25. Je 16 Jahre Haft für Schmidheiny und de Cartier, nachrichten.ch, 13. Februar 2012.
  26. Schmidheiny will Asbest Prozess annullieren lassen, Handelszeitung, 27. August 2012. Abgerufen am 27. August 2012.
  27. In Asbest-Prozess verurteilter Baron ist tot. In: St. Galler Tagblatt vom 21. Mai 2013.
  28. Nikos Tzermias: Schmidheiny zu 18 Jahren Haft verurteilt. In: Neue Zürcher Zeitung vom 3. Juni 2013, abgerufen am 4. Juni 2013.
  29. Schmidheiny zu 18 Jahren Gefängnis verurteilt. In: 20 Minuten vom 3. Juni 2013, abgerufen am 4. Juni 2013.