Türkischer Friedhof Berlin

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Eingang des Türkischen Friedhofs

Der Türkische Friedhof Berlin ist der älteste islamische Friedhof in Deutschland. Er wurde 1866 errichtet und grenzt an das Gelände des Neuen Garnisonfriedhofs am Columbiadamm in Berlin-Neukölln.

Begräbnisplatz auf der Tempelhofer Feldmark 1798–1866[Bearbeiten]

Berliner Gedenktafel am Haus Urbanstraße 15, in Berlin-Kreuzberg

1798 verstarb im Berliner Ephraim-Palais der ständige osmanische Gesandte am Berliner Hof, Ali Aziz Efendi.[1] Daraufhin stellte König Friedrich Wilhelm III. ein Gelände in der Tempelhofer Feldmark für ein islamisches Begräbnis zur Verfügung. Friedrich Wilhelm III. ordnete eine Bestattung nach islamischem Ritus an, deren Begräbniszeremonie und Geleitzug mit ungewohnter Exotik eine die Straßenränder säumende Menge anzog.[1][2] Im Jahre 1804 wurde auch Mehmet Esad Efendi, ein weiterer Gesandter des Osmanischen Reiches, hier nach den Sitten des islamischen Glaubens beerdigt.[2] Während der Franzosenzeit von 1806 bis 1812 geriet der Begräbnisplatz am Schlächtergraben allerdings in Vergessenheit und war im Stadtplan von 1834 nicht mal mehr gekennzeichnet. 1836 wurden die Gräber von einem ansässigen Bauern gefunden und danach wieder hergerichtet.[1][3]

Das Tempelhofer Feld war regelmäßig Schauplatz von Militärmanövern und Besichtigungen des preußischen Gardekorps, bei denen Kommandeure oft den Ablauf von Gefechtsübungen zuvor sorgsam einstudieren ließen, um über den tatsächlichen Ausbildungsstand ihrer Soldaten zu täuschen. Die türkischen Grabstätten wirkten somit möglicherweise namensgebend für den Begriff „türken“ im Sinne von „jemandem bei Besichtigungen etwas vormachen“, was sich später zu „jemandem etwas vormachen“ verallgemeinerte.[4]

Islamischer Friedhof neben dem Garnisonfriedhof ab 1866[Bearbeiten]

Der alte Begräbnisort musste infolge der Roonschen Heeresreform und der damit einhergehenden Vergrößerung der Armee 1854 dem Neubau einer Kaserne für das Kaiser Franz-Garde-Grenadier-Regiments Nr. 2 an der Blücherstraße weichen.[5] Für die Verlegung der Grabstätten schenkte König Wilhelm I. dem Osmanischen Reich das heute als Friedhof dienende Gelände am späteren Columbiadamm. Am 19. Dezember 1866 wurden die Überreste der Verstorbenen nach einer religiösen Zeremonie auf dem heutigen Friedhof bestattet.[3] 1867 ließ Wilhelm I. gemeinsam mit dem türkischen Sultan Abdülaziz durch den Baumeister Gustav Voigtel einen Obelisken aufstellen,[3] auf dessen Spitze eine goldene Mondsichel angebracht wurde und dessen Seiten arabisch beschriftete Grabsteine zieren.

Şehitlik Friedhof / Türkische Kriegsgräberstätte zu Berlin[Bearbeiten]

Islamische Grabsteine auf dem Garnisonfriedhof im Schnee

Mit dem Ende des Osmanischen Reichs ging der Friedhof auf die Türkische Botschaft in Berlin über und ist seitdem Eigentum des türkischen Verteidigungsministeriums. Der Name Şehitlik Friedhof beziehungsweise Türkische Kriegsgräberstätte zu Berlin beruht darauf, dass türkische Soldaten, die während des Ersten Weltkriegs an der Seite der sogenannten Mittelmächte (Deutschland, Österreich) gekämpft hatten, hier bestattet wurden (şehit ist türkisch für ‚Märtyrer‘).[6]

1921 wurde noch ein 700 Quadratmeter großes Grundstück gekauft und der Friedhof vergrößert.[3] 1921/22 wurde von dem Architekten Eisfelder im Auftrag der Türkischen Botschaft ein Gebäude im orientalischen Stil errichtet, welches als Wach- und Wohnhaus dienen sollte für den Botschaftsimam und Friedhofspfleger Hafız Şükrü Bey, der 1924 starb und ebenfalls hier beerdigt ist. Es handelte sich um einen relativ schlichten Putzbau mit türkisfarbenen Wänden und geschwungenen Fensterpartien auf einer Grundfläche von 10,58 × 9,35 Metern. Als 1938 der Ausbau des Flughafens Tempelhof begann, führte dies zur Beseitigung der im maurischen Stil gehaltenen Eingangspforte zum Friedhof.[7][8]

Nach dem Zweiten Weltkrieg[9] oder gegen Ende der 1960er Jahre[7] wurde das Häuschen auf dem Friedhof laut Zeitzeugen gelegentlich als Gebetsraum genutzt und 1984/85 durch den Architekten Deniz Baykal zu einer kleinen Moschee mit aufgesetzter Kuppel, ausgebaut.[6][10]

Türkischer Friedhof und Şehitlik-Moschee

Bereits in der Nachkriegszeit war der Platz auf dem Friedhof weitgehend erschöpft mit etwa 220 Gräbern, von denen nur rund 150 erhalten sind.[11] 1963 stellte die Stadt Berlin auf dem benachbarten Garnisonfriedhof ein etwa 2000 m² großes islamisches Gräberfeld zur Verfügung, welches seitdem genutzt wird.[11] Auf dem türkischen Friedhof selbst gilt aufgrund des Platzmangels seit den 1980er Jahren eine Beisetzungssperre.[12] Ein weiteres islamisches Gräberfeld besteht in Berlin seit 1988 auf dem hinteren Teil des Landschaftsfriedhofs Gatow, dieses ist jedoch weit entfernt von den Stadtteilen in denen die meisten Berliner Muslime leben und schlecht erreichbar.[13][14] Wenngleich der türkische Friedhof für Begräbnisse geschlossen ist,[15] finden hier aber immer noch Bestattungszeremonien statt, rituelle Waschungen, Gebete und Trauerfeiern für Bestattungen in Berlin oder auch Überführungen in die Türkei.[16]

Zwischen 1999 und 2004 entstand auf dem Gelände die Şehitlik-Moschee, eine der größten und schönsten Moscheen in Berlin.[6] Sie wurde nach Plänen des Architekten Hilmi Şenalp im klassisch-osmanischen Stil errichtet vom Bauherren Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (DITIB).

Die DITIB hat unter Bezugnahme auf ein unabhängiges Entwicklungskonzept[12] einen Antrag für eine Friedhofserweiterung auf dem angrenzenden ehemaligen Flughafen Tempelhof gestellt.[14]

Persönlichkeiten[Bearbeiten]

Gräber auf dem Türkischen Friedhof

Auf dem islamischen Friedhof in Neukölln finden sich neben vielen anderen Gräbern auch die Grabstätten einiger bekannter Persönlichkeiten. Besonders zu erwähnen sind dabei:

  • Giritli Ali Aziz Efendi (1798, osmanischer Botschafter)
  • Mehmet Esad Efendi (1804, osmanischer Botschafter)
  • Hafız Şükrü Bey (1924, Imam der türkischen Botschaft in Berlin)
  • Talaat Pascha (1921, türkischer Großwesir; 1943 nach Istanbul überführt und umgebettet)
  • Ziya Hilmi Bey (1929, Physiker)
  • Mehmed Bey (1870–1912, Mediziner)
  • Izzet Bey (Professor)
  • Mohammed Bach Hamba (1920, tunesischer Freiheitskämpfer und Nationalheld)
  • Junus Hodscha Abdul Jahab (1922, Mitglied der Handelsdelegation von Buchara)
  • Arzan Schhah Muhammed Schah (1922, Mitglied der Handelsdelegation von Buchara)
  • Cemal Azmi (1922, türkischer Politiker)
  • Bahaettin Şakir (1922, türkischer Politiker)

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Hans-Jürgen Mende: Lexikon Berliner Grabstätten. Haude & Spenersche Verlagsbuchhandlung, Berlin 2006, ISBN 3-7759-0476-X.
  • Klaus Hammer: Historische Friedhöfe & Grabmäler in Berlin. Stattbuch Verlag, Berlin 1994, ISBN 3-922778-32-1.
  • Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz Berlin (Hrsg.): Friedhöfe in Berlin unter Berücksichtigung der Gartendenkmalpflege. Gartendenkmalpflege Heft 7, Berlin 1992.
  • Klaus Konrad Weber, Peter Güttler, Ditta Ahmadi (Hrsg.): Berlin und seine Bauten. Teil X Band A: Anlagen und Bauten für die Versorgung (3) Bestattungswesen. Verlag von Wilhelm Ernst & Sohn, Berlin 1981, ISBN 3-433-00890-6.
  • Karl-Robert Schütze, Von den Befreiungskriegen bis zum Ende der Wehrmacht – Die Geschichte des Garnisonfriedhofs am Rande der Hasenheide in Berlin-Neukölln, Berlin 1986

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Islamischer Friedhof am Columbiadamm (Berlin) – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c H. Achmed Schmiede: Vor 190 Jahren … Tod des türkischen Botschafters Ali Aziz Efendi. In: Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Berlins. Heft 4, Oktober 1988, S. 101 (PDF-Datei).
  2. a b Ingeborg Böer, Ruth Haerkötter, Petra Kappert (Hrsg): Türken in Berlin 1871–1945. Eine Metropole in den Erinnerungen osmanischer und türkischer Zeitzeugen. Walter de Gruyter, 2002, ISBN 3-11-017465-0, S. 3.
  3. a b c d Die Geschichte zum Friedhof. Homepage der Sehitlik-Moschee
  4. Christoph Gutknecht: Von Treppenwitz bis Sauregurkenzeit. 1. Auflage, Beck, 2008, ISBN 3-406-56833-5, S. 45–46.
  5. Geschichte der Muslime in Deutschland Deutsche Islam Konferenz-Redaktion, 8. Dezember 2008.
  6. a b c Gartenkulturpfad Neukölln. (PDF-Datei)
  7. a b Jürgen Schulz: Der islamische Friedhof in Berlin. Ein Stück Türkei an der Spree. In: Die Zeit. Nr. 2, 2. Januar 1987.
  8. Islamischer Friedhof am Columbiadamm, Türkische Kriegsgräberstätte zu Berlin auf den Seiten der Stadt Berlin
  9. Islam in Deutschland – Neuanfaenge muslimischen Gemeindelebens in Berlin nach dem Krieg Ein Vortrag von Mohammad Aman Hobohm Aus der Vortragsreihe der Islamischen Hochschulvereinigung an der Universitaet Koeln im WS99/00
  10. Bärbel Beinhauer-Köhler, Claus Leggewie, Alen Jasarevic C.H.Beck: Moscheen in Deutschland. Religiöse Heimat und gesellschaftliche Herausforderung. Beck Juristischer Verlag, 2009, ISBN 3-406-58423-3, S. 13.
  11. a b Martin Greve, Kalbiye Nur Orhan; Der Beauftragte des Senats von Berlin für Integration und Migration (Hrsg.): Berlin Deutsch-Türkisch. Einblicke in die neue Vielfalt. Mai 2008, ISBN 978-3-938352-26-7 (PDF-Datei).
  12. a b Andreas Morgenroth: Islamischer Friedhof für Berlin.
  13. Brigitte Schulz: In fremder Erde – interkulturelle Bestattungen in Deutschland. In: Radiosendung Gott und die Welt. rbb 21. November 2010 (PDF-Datei)
  14. a b Eva Dorothée Schmid: Ein Grab für die Ewigkeit. In: Berliner Zeitung. vom 18. Februar 2010.
  15. Mechthild Küpper: Sargzwang. Wo die Vorfahren begraben liegen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. vom 6. August 2010.
  16. Julius Stucke: Die Toten von Berlin. Beisetzung und Abschied in einer multikulturellen Stadt. In: Deutschlandradio Kultur. 25. November 2009.

52.48138888888913.409444444444Koordinaten: 52° 28′ 53″ N, 13° 24′ 34″ O