Tschick (Roman)

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Nominierung für den Preis der Leipziger Buchmesse, Kategorie Belletristik, Tschick, 2011

Tschick ist ein 2010 im Rowohlt Verlag erschienener Jugendroman von Wolfgang Herrndorf (1965–2013).

Er handelt von der ungewöhnlichen Freundschaft zwischen einem 14-Jährigen aus bürgerlichen Verhältnissen und einem verwahrlosten jugendlichen Spätaussiedler aus Russland. Das Werk wurde 2010 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis, 2011 mit dem Clemens-Brentano-Preis und 2012 mit dem Hans-Fallada-Preis ausgezeichnet. Das in 16 Sprachen übersetzte Buch hatte sich bis Dezember 2012 allein in Deutschland über 750.000 Mal verkauft.[1]

Handlung[Bearbeiten]

Lada Niva, das Gefährt, das zum ständigen Begleiter der beiden Protagonisten wird.

Maik Klingenberg, 14 Jahre alt und aus einem zwar wohlhabenden, aber zerrütteten Elternhaus in Hellersdorf, einem Stadtteil von Ost-Berlin, ist in seiner Klasse ein Außenseiter. Deshalb wird er zu Beginn der Sommerferien auch nicht zum Geburtstag der Klassenschönheit Tatjana Cosic eingeladen, in die er heimlich verknallt ist. Er gilt einfach als zu langweilig. Eines der wenigen Male, bei dem er in seiner Klasse auffällt, ist der Moment, als er im Deutschunterricht seinen Aufsatz vorliest, in dem er mit frappierender, aber liebevoller Offenheit von seiner alkoholkranken Mutter erzählt. Der Lehrer ist entsetzt, die Klasse lacht und nennt ihn seitdem Psycho. Niemand versteht, wie man so ungeschminkt über seine Mutter schreiben kann.

Auch der neue Mitschüler Tschick (eigentlich Andrej Tschichatschow), ein wortkarger russischer Spätaussiedler, der hin und wieder sichtlich betrunken zum Unterricht erscheint, ist ein Außenseiter. Und auch er wird von Tatjanas Geburtstagsparty ausgeschlossen. Maik, der bis zuletzt hofft, doch noch eingeladen zu werden, zeichnet als Geschenk für Tatjana in mühevoller Arbeit mit Bleistift ein Beyonce-Poster aus einer Zeitschrift ab. Doch der letzte Schultag kommt, ohne dass etwas geschieht. Obendrein wird klar, dass Maiks Mutter mal wieder in die Entziehungsklinik muss und sein Vater die Zeit nutzen will, um mit seiner jungen Assistentin in Urlaub zu fahren. Maik wird die Sommerferien also allein verbringen müssen. Da erscheint plötzlich Tschick mit einem gestohlenen, klapprigen, hellblauen Lada Niva vor der Haustür. Tschick schlägt Maik vor, gemeinsam zu seinem Großvater in die Walachei zu fahren. Obwohl beide nicht genau wissen, wo die eigentlich liegt, sagt Maik nach kurzem Zögern zu, und eine Reise ins Ungewisse beginnt. Zunächst jedoch fahren die beiden noch bei Tatjanas Geburtstagsparty vor, und Maik übergibt seinem Schwarm, von Tschick ermutigt, das Geschenk, bevor die beiden wieder Gas geben und die verblüfften Partygäste im Rückspiegel zurücklassen.

Landkarten haben sie nicht mitgenommen, so verfahren sie sich bald irgendwo im Wald und landen schließlich in einem kleinen Dorf bei einer konsumkritisch angehauchten Mutter mit fünf Kindern, die sich nicht nur bestens mit Harry Potter auskennen, sondern sie auch als Gäste an ihrem köstlichen Öko-Mittagessen im Garten teilnehmen lassen. Auf ihrer weiteren Odyssee kreuz und quer durch den wilden deutschen Osten treffen sie später, als sie auf einer Müllkippe nach einem Schlauch suchen, um Benzin für ihren Lada aus anderen Wagen absaugen zu können, auf die burschikose Isa Schmidt, ein gleichaltriges Mädchen, das ihnen nicht nur zeigt, wo man das Gesuchte findet, sondern auch, wie man damit umgeht. Isa möchte nach Prag, um dort ihre Halbschwester zu besuchen, und muss nun, obwohl völlig verdreckt und so bestialisch stinkend, dass es die Jungen kaum aushalten können, wohl oder übel von den beiden mitgenommen werden.

An einem Stausee angekommen, werfen sie Isa kurzerhand ins Wasser, damit sie sich waschen und ihren Gestank loswerden kann. Freimütig wirft sie ihre alten Klamotten weg, reinigt sich gründlich und zieht sich anschließend ein paar von Maiks Kleidungsstücken über. Als dieser ihr dann auch noch die Haare rattenkurz schneiden darf, entdeckt er bei dieser Gelegenheit nicht nur ihren wohlgeformten nackten Oberkörper, sondern auch, dass seine alte Liebe zu Tatjana allmählich zu verblassen beginnt. Am nächsten Morgen beschließen die drei, den nächsten Berg zu besteigen. Auf dem Gipfel genießen sie die herrliche Natur und romantische Stimmung, schnitzen ihre Initialen in ein Stück Holz und geloben, sich dort oben in genau 50 Jahren wiedertreffen zu wollen.

Als sie absteigen und auf dem Parkplatz gerade ein Reisebus hält, glaubt Isa mit dem Bus besser als mit dem alten Lada nach Prag kommen zu können. Sie borgt sich von Maik kurzerhand das nötige Fahrgeld von 30 € und lässt die beiden allein weiterfahren. Sie landen am Krater eines riesigen Braunkohleabbaugebiets und treffen auf den letzten dort verbliebenen, offenbar senilen Einwohner Horst Fricke, der sie zur Begrüßung mit seinem Luftgewehr beschießt, dann aber auf eine Limonade einlädt und ihnen von seinen tragischen Verlusten (z.B. seiner Liebe) und traumatischen Erfahrungen im KZ und an der Ostfront erzählt. Zum Abschied nötigt er ihnen ein geheimnisvolles, kleines Fläschchen mit einer übel riechenden, aber angeblich lebensrettenden Flüssigkeit auf. Als sie ihre Fahrt schließlich auf kleinen Nebenstraßen fortsetzen können, entdecken sie von einem Hügel aus plötzlich die Autobahn neben sich. Beim Versuch, vom Abhang auf die Autobahn zu gelangen, überschlagen sie sich mehrmals, und ihr Lada bleibt mit den Rädern nach oben liegen. Eine zufällig in ihrem 5er BMW vorüberfahrende Sprachtherapeutin, die Tschick beim Versuch, Hilfe zu leisten, ihren Feuerlöscher auf den Fuß fallen lässt und ihn dabei schwer verletzt, bringt sie ins nächste Krankenhaus, wo Tschick ein Gipsbein verpasst bekommt. Vom Krankenhauszimmerfenster aus beobachten die beiden, wie ein Abschleppfahrzeug ihren Lada, der auf einem Feld direkt gegenüber dem Krankenhaus liegt, wieder aufrichtet, dann jedoch stehen lässt und davonfährt. Erneut zur Flucht entschlossen, schleppen sich die beiden hinüber zu ihrem schrottreifen Fahrzeug. Da Tschick mit seinem Gipsbein nicht mehr fahren kann, muss nun Maik ans Steuer. Tschick gibt ihm die nötigen technischen Instruktionen. Nebenbei offenbart er seinem Freund, dass er schwul sei, Maik allerdings nicht zu seiner Zielgruppe gehöre. Bald schon endet ihre Reise in einem gefährlichen Auffahrunfall, da der Fahrer eines Viehtransports sie nicht überholen lassen will, dabei ins Schleudern gerät, umkippt und quer auf der Fahrbahn liegen bleibt. Nach einem gründlichen Verhör auf der Polizeiwache kommt es zu einer Gerichtsverhandlung, bei der Maik – entgegen den mit Drohungen unterlegten Ratschlägen seines Vaters – seine Beteiligung zwar ungeschönt zugibt, Tschick aber alle „Schuld“ auf sich nimmt. Maik wird zur Ableistung einer gemeinnützigen Arbeit, Tschick zum Verbleib in dem Heim, in das man ihn nach ihrer Reise gebracht hat, verurteilt.

Der Roman endet mit dem Wiederbeginn der Schule und nimmt seine Anfangsmotive wieder auf: 1) Die schöne Tatjana interessiert sich plötzlich für Maiks Abenteuer und sorgt mit ihrem Interesse dafür, dass seine Geschichte in Kurzform die gesamte Klasse erreicht. 2) Die verführerische Isa schreibt ihm eine Postkarte und will ihn demnächst in Berlin besuchen, das geliehene Geld zurückbringen und die versäumten Küsse nachholen. 3) Maiks gewalttätiger Vater hat die Familie endgültig verlassen. Am wichtigsten aber: 4) Tschicks vierwöchige Kontaktsperre ist demnächst abgelaufen, und Maik darf ihn bald im Heim besuchen. Da stört es denn auch nicht weiter, dass die Mutter, immer noch alkoholabhängig, gerade dabei ist, ihr gesamtes bürgerliches Inventar im hauseigenen Swimmingpool zu versenken. Im Gegenteil, Mutter und Sohn tauchen gemeinsam unter, hocken sich auf den Grund des Beckens, halten die Luft an, blicken nach oben und freuen sich über die zwei von den Nachbarn alarmierten Polizisten, die sich ratlos über die blubbernde Wasseroberfläche beugen.

Form[Bearbeiten]

Die Handlung wird aus Maiks Perspektive erzählt und beginnt auf der Polizeistation, die das Ende der gemeinsamen Reise vorwegnimmt. Den abenteuerlichen Weg dorthin lässt Herrndorf seinen Protagonisten in einer langen Rückblende und in der Art eines Roadmovie erzählen, dessen Episoden etwa eine Woche umfassen.

Als berühmtestes formales und moralisches Vorbild dieses Jugendromans, der alle typischen Themen und Fragen der Pubertät (Freundschaft, Liebe, Sexualität, Minderwertigkeitskomplexe, Außenseitertum, Abenteuersehnsucht, Naturerfahrung, Einsamkeit, Alter und Tod) gleichsam wie in einem unaufdringlichen Katechismus berührt und humoristisch abhandelt, kann – abgesehen von Parallelen zu Goethes Leiden des jungen Werthers (1774), Eichendorffs Taugenichts (1826), Salingers Fänger im Roggen (1951) und Leberts Crazy (1999) – vor allem Mark Twains Huckleberry Finn (1884) gelten.

Kritiken[Bearbeiten]

„Herrndorf schafft es mit einer wundervoll austarierten einfachen Sprache, die unaufdringlich auf einen real abgelauschten Jugendjargon anspielt, ihn aber nicht naturalistisch kopiert, seine Welt ins Schräge zu drehen und so jung erscheinen zu lassen wie seine Protagonisten. [...] Ein Resümee, das Maik, der Ich-Erzähler, gegen Ende zieht, lautet: "Die Welt ist schlecht, und der Mensch ist auch schlecht. Trau keinem, geh nicht mit Fremden und so weiter. Das hatten mir meine Eltern erzählt, das hatten mir meine Lehrer erzählt, und das Fernsehen erzählte es auch. Wenn man Nachrichten kuckte: Der Mensch ist schlecht. Wenn man Spiegel TV kuckte: Der Mensch ist schlecht. Und vielleicht stimmte das ja auch, und der Mensch war zu 99 Prozent schlecht. Aber das Seltsame war, dass Tschick und ich auf unserer Reise fast ausschließlich dem einen Prozent begegneten, das nicht schlecht war.“

Süddeutsche Zeitung[2]

„Am erstaunlichsten ist, wie Wolfgang Herrndorf seinen Helden aufs Maul zu schauen vermag, wie er ihre Sprache spricht: eben die von zwei pubertierenden Jugendlichen, siehe oben, ohne dass es je aufdringlich oder peinlich wird. Da stimmen die Dialoge, da ist Maik der überzeugend junge Erzähler, dem der Autor mit seinem Wissen- und Erfahrungsvorsprung nie in die Quere kommt. 'Authentisch' wäre das richtige Wort, würde es nicht verdecken, dass Herrndorf ein großer Stilist ist und ein blendend aufgelegter Stoffgestalter sowieso.“

Die Zeit[3]

Bearbeitungen[Bearbeiten]

Tschick erschien im Argon Verlag als Hörbuch[4], gelesen von Hanno Koffler, auf 4 CDs (Gesamtspielzeit ca. 5 Stunden)[5] und als Hörspielfassung des NDR auf 2 CDs, Regie: Iris Drögekamp (Gesamtspielzeit 84 Minuten).

Die Bühnenfassung[6] von Tschick, bearbeitet von Robert Koall, wurde am 19. November 2011 am Staatsschauspiel Dresden unter der Regie von Jan Gehler uraufgeführt. Darsteller waren Benjamin Pauquet, Sebastian Wendelin und Lea Ruckpaul.

Ausgaben[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Hans-Jürgen van der Gieth: Wolfgang Herrndorf: „Tschick“, Roman, Literaturprojekt BVK, Kempten 2012, ISBN 978-3-86740-369-6.
  • Elinor Matt: Wolfgang Herrndorf, „Tschick“, Schülerarbeitsheft und Lehrerheft, Krapp & Gutknecht, Rot an der Rot 2012, ISBN 978-3-941206-46-5 / ISBN 978-3-941206-47-2.
  • Manja Vorbeck-Heyn / Marcus Schotte: Wolfgang Herrndorf. Tschick. Lehrerhandbuch. Ernst Klett Sprachen, Stuttgart 2012, ISBN 978-3-12-666930-6.
  • Thomas Möbius: Tschick von Wolfgang Herrndorf. Textanalyse und Interpretation mit ausführlicher Inhaltsangabe und Abituraufgaben mit Lösungen. Königs Erläuterungen 493, Bange, Hollfeld 2014, ISBN 978-3-8044-2008-3.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise und Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Tschick: Im Osten viel Neues, coolibri.de
  2. Rezension in der Süddeutschen Zeitung
  3. Rezension in Die Zeit
  4. „Tschick“ Hörspiel im Argon Verlag
  5. „Es macht einfach Freude, Hanno Koffler zuzuhören. Nicht nur der von ihm gesprochene Maik Klingenberg klingt jung und natürlich, auch Tschick wirkt lebendig. Sowohl Berliner Dialekt bei Maik als auch übertriebener russischer Akzent bei Tschick fehlen, was der Authentizität der porträtierten Teenager in keiner Weise schadet.“ - Zitiert nach Inhalt und Rezension auf booklove.de
  6. Die Aufführungsrechte liegen beim Rowohlt-Verlag. Siehe „Tschick“ Theaterstück im Rowohlt Theater Verlag