Vertrag von Sèvres (Osmanisches Reich)

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Die Landkarte zeigt die Beschlüsse des Vertrags von Sèvres mit den Interessensgebieten der Triple Entente und Gebietsabtretungen an Armenien und Griechenland.

Der Vertrag von Sèvres (auch Frieden von Sèvres; Türkisch: Sevr Antlaşması) vom 10. August 1920, der zwischen der Entente[1] und dem Osmanischen Reich abgeschlossen wurde, gehört zu den Pariser Vorortverträgen, die den Ersten Weltkrieg beendeten. Es handelte sich dabei um einen sogenannten Diktatfrieden. Eine Ratifizierung des Vertrags erfolgte durch den Untergang des Osmanisches Reiches und den Sturz des letzten Sultans Mehmed VI. nicht mehr.

Inhalt[Bearbeiten]

Unterzeichnung des Vertrags

Durch den Vertrag von Sèvres hätte das Osmanische Reich einen Großteil seines Territoriums verloren. Hedschas (dieses wurde 1925 von Saudi-Arabien erobert), Armenien und Mesopotamien sollten unabhängig werden.

Kurdistan sollte gemäß Artikel 62 Autonomie erhalten, durch Artikel 64 wurde darüber hinaus auch eine mögliche staatliche Unabhängigkeit in Aussicht gestellt. Dafür mussten die Kurden innerhalb eines Jahres nach Inkrafttreten des Vertrags dem Völkerbund nachweisen, dass die Mehrheit der Kurden eine Unabhängigkeit von der Türkei möchte. Ferner würde dann der Völkerbund entscheiden, ob die kurdische Bevölkerung reif für eine Unabhängigkeit war. Im Falle der Unabhängigkeit sollten die Alliierten ihre Ansprüche auf Mosul aufgeben, und die kurdischen Einwohner Mosuls sollten sich freiwillig an den kurdischen Staat anschließen können.

Zudem wurde dem seit Tausenden von Jahren in diesem Gebiet ansässigen Volk der Assyrer/Chaldäer ein expliziter Minderheitenschutz eingeräumt.[2] Die Ansprüche der Kurden und der Armenier auf anatolischen Boden überschnitten sich mehrfach. Während Armenien gleichberechtigt mit europäischen Kleinstaaten wie Belgien oder Tschechoslowakei am Verhandlungstisch saß, war der vom osmanisch-kurdischen Diplomaten Mehmet Şerif Pascha geführten kurdischen Delegation dort „nicht einmal ein Katzentisch eingeräumt“. Da die Kurden keine mächtigen Fürsprecher wie die Armenier hatten, begnügte sich ihr Wortführer mit einem nur ein Drittel der osmanischen Kurdenbevölkerung erfassenden Autonomiegebiet.[3] Diese namentliche Erwähnung entfiel später im Vertrag von Lausanne.

Ostthrakien (mit Ausnahme von Istanbul und seiner unmittelbaren Umgebung) sollte gemäß der „Großen Idee“, alle Griechen in einem Staat zu vereinen, an Griechenland abgetreten werden. Westthrakien hatte Bulgarien im Vertrag von Neuilly-sur-Seine abtreten müssen. Hierzu schloss Griechenland mit den anderen Alliierten zwei weitere Verträge, einen Vertrag hinsichtlich Westthrakien und einen zum Schutz von Minderheiten. Smyrna und das umliegende Gebiet wurde bei fortbestehender nomineller osmanischer Souveränität verwaltungsmäßig unter einem lokalen Parlament vom osmanischen Staat abgetrennt und griechischer Verwaltung und Besatzung unterstellt. Nach einer 5-jährigen Übergangszeit sollte das Lokalparlament nach fakultativer Volksabstimmung über einen Anschluss des Gebiets an Griechenland entscheiden.

In Palästina sollte die Nationale Heimstätte für das Jüdische Volk entstehen und zu diesem Zweck Juden in diesem Gebiet angesiedelt werden. Der Vertrag von Sèvres bildete die letzte Stufe mehrerer Verträge, Abkommen und Deklarationen seitens der Entente-Mächte, die den Weltkrieg gewonnen hatten.

Der Vertrag wurde durch Bevollmächtigte des osmanischen Sultans Mehmed VI. und der osmanischen Regierung unter Großwesir Damad Ferid Pascha unter heftigem Protest unterzeichnet. Die Ratifizierung des Vertrags durch das Osmanische Parlament erfolgte nie, weil der Sultan das Parlament auflöste. Der Vertrag wurde zudem von der Nationalbewegung unter Mustafa Kemal im Rest der Türkei abgelehnt.

Die Artikel 226 bis 230 sahen die Errichtung internationaler Militärgerichte zur Verfolgung von Kriegsverbrechen der Osmanen vor. Auf Druck der Siegermächte des Ersten Weltkriegs (insbesondere der Briten) fanden im Osmanischen Reich bereits seit Anfang 1919 Prozesse nationaler Militärgerichte statt (Unionistenprozesse). Auf Druck der Siegermächte, insbesondere der Briten, fand die Forderung nach Militärgerichten auch Eingang in den Vertrag von Sèvres. Weil einerseits eine Rechtsprechung auf internationaler Ebene fehlte, nach der Einzelpersonen für ihre Mitschuld an Kollektivverbrechen verurteilt werden konnten, und es andererseits gegensätzliche Auffassungen und Interessen zwischen den Siegermächten gab, kam es zu keiner internationalen Verfolgung.

Es blieb bei den nationalen türkischen Militärgerichten 1919/1920. Diese wiederum verloren durch das im Land herrschende Chaos (Besetzung Smyrnas durch die Griechen 1919, die Türkische Befreiungsbewegung unter Mustafa Kemal, die Einmischung der Briten in die Prozesse durch Verhaftungen und Auslieferungen nach Malta) mit der Zeit immer mehr an Bedeutung und wurden schlussendlich als Teil des Plans der Alliierten zur Aufteilung des Osmanischen Reichs aufgefasst und einen Tag nach der Unterzeichnung des Vertrags von Sèvres am 11. August 1920 durch die Regierung in Ankara unter Mustafa Kemal verboten. Mit der Abdankung des Kabinetts der Istanbuler Sultansregierung unter Großwesir Damat Ferid am 17. Oktober 1920 verloren die Gerichte vollkommen ihre Bedeutung. Nach der alliierten Besetzung Istanbuls am 16. März 1920 wurden Anstrengungen zur Gründung der Großen Nationalversammlung in Ankara unternommen. Nach der Gründung der Nationalversammlung in Ankara am 23. April 1920 gab es im Land zwei verfeindete Regierungen.

Die harten Bedingungen des Vertrags von Sèvres hatten mehrere Gründe. Dazu wurden die Massaker an Armeniern, die Erinnerung der Alliierten an die verlustreiche Dardanellenschlacht von 1915,[4] das Bestreben der Siegermächte das Osmanische Reich aufzuteilen, was bereits vor und während des Krieges in geheimen Verhandlungen, wie dem Abkommen über Konstantinopel und die Meerengen, beschlossen worden war und das jahrhundertelange Vorhaben, die Türken aus Europa zu verdrängen, gezählt. Lloyd George äußerte, der Krieg und die Niederlage der Türken habe die Gelegenheit gebracht, dieses „Problem ein für allemal zu erledigen“.[5] Die Alliierten hatten am 18. Dezember 1916 US-Präsident Wilson mitgeteilt, die „Völker zu befreien, die der blutigen Tyrannei der Türken unterworfen waren“.[6]

Der französische Außenminister hatte am 10. Januar 1917 erklärt: „Die hohen Kriegsziele schließen die Befreiung der Völker ein, die gegenwärtig der mörderischen Tyrannei der Türken unterworfen sind, und die Verdrängung des Osmanischen Reiches, das der westlichen Zivilisation so vollständig fremd ist, aus Europa“.[7]

Äußerungen wichtiger alliierter Staatsmänner zum Vertrag von Sèvres waren: „Wenn die Friedensbedingungen verkündet werden, wird man sehen, zu welch harten Strafen die Türken wegen ihrer Verrücktheit, ihrer Blindheit und ihrer Morde verurteilt werden... Die Strafen werden so fürchterlich sein, dass selbst ihre ärgsten Feinde zufriedengestellt sein werden.“ (Lloyd George)[8] Curzon bezeichnete die Türkei in einer Erklärung vom 4. Juli 1919 als „einen Verbrecher, der auf seine Aburteilung wartet“.[9] „Was mit Mesopotamien geschehen wird, muss in den Sitzungen des Friedenskongresses entschieden werden, aber eines wird nie geschehen. Es wird niemals wieder der verdammten Tyrannei des Türken überlassen.“ (Lloyd George, 20. Dezember 1917)[10]

Als Völkerbundmandate wurden Mesopotamien (Königreich Irak) und Palästina an Großbritannien, Syrien und der Libanon an Frankreich übergeben, Ostthrakien und Smyrna kamen an Griechenland. Der Bosporus und das Marmarameer sollten entmilitarisiert und unter internationale Kontrolle gestellt werden.

Folgen[Bearbeiten]

Der Vertrag von Sèvres ging mit seinen äußerst harten Bedingungen weit über das Maß des Vertrages von Versailles hinaus.[11][12][13][14] Der Vertrag von Versailles schwächte das Deutsche Reich, aber der Vertrag von Sèvres stellte die Existenz eines unabhängigen türkischen Staates insgesamt in Frage.[12]

Die Unterzeichnung des Vertrags von Sèvres durch seine Bevollmächtigten führte zu einer nachhaltigen Erschütterung des Ansehens und der Autorität des Sultans bei der türkischen Bevölkerung und legte den Grundstein für die spätere Abschaffung der Monarchie. Die Nationalisten in Ankara lehnten den Vertrag ab, erklärten sich zur rechtmäßigen Regierung und leisteten der griechischen Armee im Griechisch-Türkischen Krieg Widerstand. Infolge des Türkischen Befreiungskrieges wurde der Vertrag von Sèvres im Vertrag von Lausanne zugunsten der Türkei revidiert. Die Unterzeichner des Vertrags von Sèvres wurden am 19. August 1920 durch Ankara zu Vaterlandsverrätern erklärt, worauf die Todesstrafe stand.[15]

Bis Ende 1922 existierten sowohl die Sultansregierung in Istanbul als auch die Widerstand leistende Nationalregierung in Ankara. Am 1. November 1922 erklärte die Nationalregierung das Sultanat für abgeschafft, am 4. November trat die letzte osmanische Regierung in Istanbul unter Ahmed Tevfik Pascha zurück, am 6. November nahmen die Nationalisten Istanbul ein. Somit war die Nationalregierung erst kurz vor Beginn der Lausanner Friedenskonferenz, zu der beide Regierungen eingeladen waren, alleinige Macht im Land.

Die in der Türkei bis heute existierende Angst, die Großmächte hätten die Türkei aufteilen wollen, wird nach dem Vertragsort als Sèvres-Syndrom bezeichnet.

Literatur[Bearbeiten]

  • Benoist-Méchin: Mustapha Kémal ou la mort d'un empire (= Le loup et le léopard. Bd. 1). Édition Albin Michel, Paris 1954 (Nachdruck. ebenda 1991, ISBN 2-226-02195-7).
  • Henry Laurens: L'Orient arabe. Arabisme et islamisme de 1798 à 1945. 2me édition. Édition Albin Michel 2000, ISBN 2-2002-6375-9.
  • Yves Ternon: Empire ottoman. Le déclin, la chute, l'effacement. Édition du Félin u. a., Paris 2002, ISBN 2-86645-425-1 (Montpellier, Université Paul Valéry, Habilitation à Diriger des Recherches, 2001).

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Vertrag von Sèvres – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Belege[Bearbeiten]

  1. Großbritannien, Kanada, Australien, Neuseeland, Südafrika, Indien, Frankreich, Italien, Japan, Armenien, Belgien, Griechenland, Hedschas, Polen, Portugal, Rumänien, Jugoslawien und die Tschechoslowakei
  2. Artikel 62
  3. Klaus Kreiser, Christoph K. Neumann Kleine Geschichte der Türkei, Stuttgart 2009, S. 379
  4. Äußerung von Lloyd George in Gotthard Jäschke: Mustafa Kemal und England in neuer Sicht. In: Die Welt des Islams, Band XVI, Leiden 1975, Seite 225
  5. Gotthard Jäschke Kurtuluş Savaşı ile ilgili İngiliz Belgeleri (Englische Dokumente zum Befreiungskrieg), Ankara 1971, Seite 54
  6. Harold W. V. Temperley; History of the Peace Conference of Paris, Bd. 6, London/New York/Toronto 1969, Seite 23.
  7. Lloyd George: The Truth about the Peace Treaties, London 1938, Band 2, S. 64.
  8. T. Z. Tunaya Türkiye'de Siyasi Partiler (Politische Parteien in der Türkei), Istanbul 1989, Bd. 2, Seite 27
  9. W. Woodwards, R. Butler: Documents on British Foreign Policy 1919-1936, First Series, Bd. 4, London 1952, Seite 661.
  10. Richard G. Hovannisian: The Allies and Armenia, 1915-18, in: Journal of Contemporary History, Band 3 (1968), Seite 148.
  11. Eugen Krieger: Die Europakandidatur der Türkei: der Entscheidungsprozess der europäischen Wirtschaftsgemeinschaft während der Assoziierungsverhandlungen mit der Türkei 1959-1963, Chronos, 2006, ISBN 3034007604, Seite 27.
  12. a b Ines Kallis: Griechenlands Weg nach Europa: das Ringen um demokratische Strukturen im 20. Jahrhundert, Theophano-Verlag, 1999, ISBN 3980621049, S. 85.
  13. Isaiah Friedman: British Miscalculations. The Rise of Muslim Nationalism, 1918-1925. Transaction Publishers, 2012, ISBN 1412847494, S. 217.
  14. Michael Mandelbaum: The Fate of Nations: The Search for National Security in the Nineteenth and Twentieth Centuries, Cambridge University Press, 1988, ISBN 9780521357906, S. 61 (Fußnote 55).
  15. T.B.M.M. Zabıt Ceridesi (Parlamentsprotokolle der Großen Nationalversammlung der Türkei), Band 3, S. 299.